Was tun, wenn man eigentlich für keine der zu den Wahlen zugelassenen Parteien stimmen möchte? Zwei Antworten.

Noch vor kurzem schienen die Dumawahlen unendlich langweilig. Die wichtigste Frage war, ob Einiges Russland, die Kremlknechte, nun eine absolute Mehrheit oder gar erneut eine Zweidrittelnmehrheit hingezählt werden wird. Die außerparlamentarische Opposition (und das ist die einzige wahre) stritt darüber, ob man nun zur Wahl gehen sollte oder lieber boykottieren. Und ob man, wenn man denn geht, für eine Parteien außer Einiges Russland stimmt, um so zumindest ein wenig (Surrogat-)Oppositionalität ins Wahlergebnis zu bekommen, oder ob man alle Parteien druchstreicht, um so seinem Protest Ausdruck zu geben. Weiterlesen

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Staatsanwälte bei GOLOS. Morgen Gericht.

Gestern habe ich über die steigende
Nervosität im Kreml geschrieben. Sie muss noch größer sein, als
ich da vermutet habe. Heute tauchten im Büro der
unabhängigen Wahlbeobachter von GOLOS Staatsanwälte auf, wohl
aufgrund der gestern erwähnten Anfrage von drei Dumaabgeordneten,
die GOLOS Verletzungen der russichen Wahlgesetzgebung mit dem Ziel
verfälschenden Einfluss auf die Wahlen auzuübern vorwarfen (einer
der Abgeordneten, von Gerechtes Russland, bedauerte heute allerdings
schon seine Unterschrift und der stellvertretende
Fraktionsvorsitzende der Partei in der jetzigen Duma, Gennadij Gudkow
erklärte, je mehr Beobachter es gäbe, umso besser, umso sauberere
Wahlen). 

Nichstdestotrotz waren also die
Staatsanwälte im GOLOS-Büro, um Beweismittel sicher zu stellen.
Was sie dort gefunden haben muss hoch belastend sein. Angeblich
verstässt eine «Karte der Wahlgesetzverletzungen» im Internet nach
Meinung der Staatsanwaltschaft ihrerseits gegen Gesetze. Die
Internetzeitung Gazeta.Ru, eigentlich als oppositionell bekannt, hat
die Karte bereits von ihrer Website entfernt (worauf ein
stellvertretender Chefredakteur aus Protest kündigte). Nun ist die
Karte «The New Times» zu finden.

Nun wird es also noch ernster. Schon
für morgen früh, 11 Uhr Moskauer Zeit, ist ein Gerichtsverfahren
angesetzt, bei dem auf Antrag der Staatsanwaltschaft GOLOS die
Registrierung entzogen werden soll, was einer Schließung gleich
käme. Damit würden die über GOLOS akkreditierten
WahlbeobachterInnen die Berechtigung verlieren, in den Wahllokalen
die Auszählung der sTimmen zu kontrollieren. Damit will GOLOS in
empirisch ausgesuchten Wahllokalen eine zur offiziellen parallele
Zählung organisieren, um, auf den dort gewonnenen Zahlen aufbauend,
fundiert die Wahrhaftigkeit oder eben nicht Wahrhaftigkeit der
offiziellen Ergebnisse einschötzen zu können. Dieses Vorhaben ist
nun gefährdet.

Ich habe für dieses grobe Vorgehen
staatlicher Stellen so kurz vor der Wahl nur eine Erklärung: Die
Sache für Einiges Russland muss wirklich schlecht stehen. Denn zu
gewinnen gibt es für den Krelml kaum etwas. Die Stimmung im Land ist
vor den Wahlen so, dass kaum jemand einen mehr oder weniger hohen
Sieg von Einiges Russland mehr glaubt. Vielleicht steckt dahinter
aber auch gerade deshalb pur zynisches Kalkül nach dem Motto des
ohnehin ruinerten Rufs, mit dem es sich völlig ungeniert leben
lässt. Möglich. Aber ob es hilft?   

 

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Nervosität an der Macht – Putin greift unabhängige Wahlbeobachter an

Die Dumawahlen nahen, die Umfragezahlen
für Einiges Russland sind finster und die Nervosität im kollektiven
«Kreml» scheint zu steigen. Jedenfalls legen das die völlig
unangemessenen Ausfälle der vergangenen Tage bis in höchste
Macht-Ränge gegenüber den unabhängigen WahlbeobachterInnen von
GOLOS nahe, mit denen auch die Heinrich Böll Stiftung zusammen
arbeitet. Den Anfang machte am vergangenen Samstag die von der
Regierung herausgegebene Tageszeitung Rossijskaja Gaseta. Unter der
Überschrift «Die Stimme des Geldes» verunglimpfte sie GOLOS, mittels
ausländischer Finanzierung böswillig die kommenden Wahlen
verfälschen zu wollen.

Dass dieser Artikel nicht die
Initiative der Zeitungsredaktion war, zeigte sich schon einen Tag
später, als Wladimir Putin vor 11.000 Delegierten der Kremlpartei
Einiges Russland in seiner Nominierungsrede als
Präsidentschaftskandidat in übler Manier ausfällig wurde
. «Ich
weiß», sagte Putin, «dass im Vorfled der Wahlen zur Staatsduma und
zum Präsidenten einige ausländische Staaten jene versammeln, denen
sie Geld geben, den sogenannten 'Empfängern von Zuwendungen', sie
instruieren, sie auf die entsprechende 'Arbeit' einzustellen, um
damit auf den Gang der Wahlen in unserem Land selbst Einfluss zu
nehmen.» Das sei «nutzlose Arbeit», fuhr Putin fort, «wie man in
unserem Volk sagt, aus dem Fenster geschmissenes Geld. Denn ersten
ist Judas in unserem Volk nicht die angesehendste Person aus der
Bibel. Und zweitens sollte sie dieses Geld besser zur Rückzahlung
ihrer Staatsschulden nutzen, als damit ineffektive und kostspielige
Außenpolitik zu betreiben.» Mit letzterem waren offensichtlich vor
allem die USA gemeint.

Anfang der Woche dann wandten sich
Abgeordnete der Dumaparteien Einiges Russland, LDPR (Schirinowskij)
und Gerechtes Russland an Generalstaatsanwalt Jurij Tschajka. Er
solle Einschreiten, weil GOLOS angeblich die russische
Wahlgesetzgebung verletzte und das Wahlergebnis verfälschen wolle.

Das ist natürlich alles Unsinn. GOLOS
macht nicht mehr und nicht weniger als die Wahlen zu beobachten und
über mögliche Verletzungen der Wahlprozedur zu berichten. Das kann
dann geglaubt oder nachgeprüft werden und möglicherweise auch als
nicht stichhaltig verworfen. Dadurch können aber selbst bei größter
Phantasie keine Wahlen verfälscht werden.

Der Hintergrund dieser Anschuldigungen
dürfte, wie auch Memorial in einer Erklärung zur Unterstützung von
GOLOS
 (dokumentiert unten) vermutet, umgekehrt vielmehr sein, möglichst viele wachsame
Augen auszuschalten, denn auch die neuesten Umfragen deuten weiter
auf nichts Gutes für Putins Partei Einiges Russland (mit
Spitzenkandidat Dmitrij Medwedjew). Danach ist selbst die absolute
Mehrheit für die «Partei der Gauner und Diebe» (dieses Label
klebt wie Sekundenkleber an den Kremlknechten) gefährdet. Einige
Umfragen sehen sehen sogar weniger als 40 Prozent für Einiges
Russland.

Daran hat im Übrigen auch der extra
deshalb für den Sonntag vor der Wahl angesetzte
Nominierungsparteietag von Einiges Ruslsand für Putin nichts
geändert. Es könnte also durchaus sein, dass nicht die
Umfragelokomotive Putin (immer noch zwischen 60 und 65 Prozent
Zustimmung) Einiges Russland mit nach oben zieht, sondern das
Bleigewicht Einiges Russland die Zugkraft der Lokomotive Putin
beeinträchtigt.

Bei den Wahlen 2007 Hatte Einiges
Russland noch gut 64 Prozent bekommen (zugegeben, es wurde auch da
ein wenig nachgeholfen) und damit wegen wegfallender Stimmen von
Parteien, die die 7-Prozent-Hürde gerissen hatten, eine
Zweidrittelmehrheit, die auch zu Verfassungsänderungen genutzt wurde
(unter anderem beim Wahlrecht).

Nun sind Umfragen auch in Russland
Umfragen und das Wahlergebnis wird schon wegen der zu erwartenden
Fälschungen höher ausfallen. Aber je geringer die wirkliche
Stimmenzahl von Einiges Russland ausfallen wird, um so mehr und
gröber muss gefälscht werden. Mehr und gröbere Wahlfälschungen
erhöhen aber die Wahrscheinlichkeit von Protest und ähnlichen
Unannehmlichkeiten. Daher die Nervosität.

Es gibt aber auch Stimmen, die sagen,
Putin wäre ein schlechtes Ergebnis für Einiges Russland gar nicht
so unrecht. Das hätte für ihn demnach gleich mehrere Vorteile. Zum
einen würde es Medwejew als Spitzenkandidat einen weiteren schweren
Dämpfer geben. Putin könnte dann, so die Argumentation, sogar
erwägen, die Abmachung seinen Kompagnon zum Premierminister zu
machen nicht einhalten oder ihn nach kurzer Zeit wieder abzusetzen.
Außerdem würde ein schlechtes Ergebnis erneut zeigen, dass es nur
einen gibt, Putin, der das Land zu beherrschen versteht. In Zeiten
wachsender Kritik an ihm wäre all seinen Gefolgsleuten deutlich
gemacht worden, dass sie ohne ihn nicht an der Macht bleiben. Mag
sein, dass das ein riskantes Spiel ist. Aber die Zeiten sind rauer
geworden.

—————–

Zur Unterstützung
der Assoziation GOLOS

Erklärung der
Internationalen Gesellschaft Memorial

30. November 2011

Je
näher die Dumawahlen kommen, umso größer wird die Nervosität der
russischen Machthaber.

In
den vergangenen Tagen wurde die Assoziation GOLOS, die seit 2000
Wahlen beobachtet und Verletzungen fixiert, beispiellos angegriffen

Die Zeitung
«Rossijskaja Gaseta» hat über diese angesehene Organisation einen
Artikel veröffentlicht, der sich in keiner Weise von denen
unterscheidet, die zu Sowjetzeiten über Andrej Sacharow oder
Alexander Soschenizyn geschrieben wurden.

Abgeordnete der
Parteien Einiges Russland, LDPR und Gerechtes Russland haben dem
Generalstaatsanwalt Tschajka eine kollektive Anfrage zugeleitet, in
der sie ihn bitten auf die Tätigkeit der Assoziation GOLOS zu
reagieren und darauf hinweisen, dass GOLOs angeblich in grober Weise
die russische Wahlgesetzgebung verletzt.

Der Hauptvorwurf ist
in KGB-Tradition einfach: Die Organisation bekommt Geld von
ausländischen Organisationen und das bedeutet für die Klage
Führenden, dass ihre Arbeit den russischen Staat untergräbt. Genau
diese Anschuldigung war auch in äußerst grober Form aus dem Mund
von Putin auf dem Parteitag von Einiges Russland zu vernehmen.

Wir sehen keinen Sinn
darin von der Staatsmacht zu fordern, die verleumderische Kampagne
gegen die unabhängigen Beobachter einzustellen und sich bei GOLOS zu
entschuldigen. Solcher Art Hysterie hört nicht wegen irgend jemandes
Forderungen auf.

Wir wollen lediglich
die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit darauf lenken, dass die
gegenwärtigen Machthaber sich keinesfalls um eine mögliche
Verfälschung des Wählerwillens im Laufe der Abstimmung und bei der
Stimmenauszählung sorgen, sondern um Aktivität derjenigen, die
diese Verfälschungen bemerken und aufdecken könnten. Die Gründe
für solch einseitige Sorge dürften offensichtlich sein.

Wir drücken unsere
Unterstützung und unsere Hochachtung für die Assoziation GOLOS und
für alle aus, die mit Kräften dazu beitragen, die Zahl der
möglichen Wahlfälschungen zu verringern.

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Ausgepfiffen!? Der Anfang vom Endes des sakralen Wladimir Putin

Vielleicht wird einmal geschrieben stehen, dass der
Niedergang am 24. September 2011 anfing. Dem Tag der Hybris. Dem Tag, an dem
Wladimir Putin seinen Platzhalter Dmitrij Medwedjew zur Selbstentmannung zwang
und sich selbstherrlich erneut zum Herrscher über die „ganze Rus” aufschwang. Denn
daran gibt es keinen Zweifel. Am 7. Mai 2012 wird Wladimir Putin mit feudalem
Pomp im Kreml zum dritten Mal als Präsident Russlands vereidigt werden. Warum
also Niedergang?
 

Ich würde das, ein wenig flapsig, so ausdrücken: Das Land befindet
sich im Übergang von “Putin ist klasse!” zu “es gibt keine
Alternative zu Putin”. Der 24. September hat diesen Übergang nicht
herbeigeführt. Er hängt seit längerem in der Luft. Das Stichwort haben die
Herrschenden in Person des Staathalters Medwedjew selbst gegeben. Es heißt Modernisierung.
Nun ist es im Leben. Damit haben sie, offiziell sozusagen, verkündet, dass es
so nicht weiter gehen kann. Das spüren viele. Es geht aber so weiter. Das ist
die Botschaft, die am 24. September angekommen ist. Auch wenn das nicht die
Botschaft ist, die ankommen sollte.
 

Der 24. September (zusammen mit dem Rauswurf von
Finanzminister Alexej Kudrin zwei Tage später) war ein PR-Desaster. So etwas
ist Wladimir Putin noch nicht passiert. Dazu fällt mir der legendäre Spruch des
früheren FC-Bayern-Profis Jürgen Wegmann ein: „Erst hatten wir kein Glück und
dann kam auch noch Pech dazu”.
 

Man könnte es aber auch ein wenig nüchterner ausdrücken, wie
Michail Dmitrijew und Sergej Belanowskij. Sie sehen, wie sie in der Tageszeitung
Wedomosti schreiben, dass durch den schnöden Ämtertausch zwischen Putin und Medwedjew
die „Marke Putin gealtert”
. Dmitrijew und Belanowskij sind nun keine
Außenseiter oder Oppositionelle. Sie leiten das „Zentrum für Strategische
Ausarbeitungen”, einen von der Regierung gegründeten und für sie arbeitenden
Think Tank.  
 

Kurz zusammen gefasst argumentieren sie, dass ein
erfolgreicher Politiker nicht nur von großer Zustimmung zehrt (bei Putin immer
noch über 60 Prozent), sondern auch davon, dass unter den Zustimmenden ein
harter Kern von „Fans” ist, also Leuten, die für ihren Helden bereit sind auf
die Straße zu gehen. Diese in vielen soziologischen Untersuchungen, in
sogenannten Fokusgruppen, früher festgestellten „Fans”, seien inzwischen
verschwunden, stellen Dmitrijew und Belanowskij fest. Damit einher gehe aber
auch, das Verschwinden seiner Aura, die dazu führte, dass alles Negative „wie bei Teflon” nicht
an Putin hängen blieb.
 

Das ändert sich nun, wie wohl am besten die Episode vor zehn Tagen im Moskauer Olympia-Sportpalast zeigte. Ein russischer Kämpfer hatte in einer “Free Fight” genannten seltamen Mischung aus Boxen, Ringen und Catchen seinen US.-amerikanischen Gegner besiegt. Putin stieg nach Kampfende in den Ring, um zu gratulieren und über Mikrofon eine kleine Gratulation auszugringen. Doch der Saal pfiff, anhaltend, ausdauernd. Im Nachhinein versuchte Putins Pressesprecher die Pfiffe so zu deuten, dass sie dem im selben Moment aus der Halle geführten US-Verlierer gegolten hätten und nicht Putin. Auszuschließen ist das nicht, da das Publikum bei solcher Art von Veranstaltungen sicher eher nicht zur liberalen Intelligenz gehören dürfte. Wie dem auch sei: Das Video auf YouTube wurde mehrhunderttausendfach angeschaut. Das Internet und die Nachrichten gellten vopm Pfeifkonzert (außer natürlich in den Hauptfernsehsendern, in denen die Pfiffe rausgefiltert wurden). Wichtig ist nicht so sehr, ob die Pfiffe nun Putin galten oder nicht. Wichtig ist, dass das viele inzwischen für möglich halten. Noch vor wenigen Jahren hätten auch die meisten eingeschworenen Putingegner der Erklärung von Putins Pressesprecher geglaubt, wenn auch zähneknirschend. 

Man könnte die Änderungen auch noch anders ausdrücken. Putin hat seine
Sakralität verloren. Noch anders: Wenn Zar-Putin früher nackt war, haben es die
meisten nicht gesehen und auf die wenigen, die es gesagt hat kaum jemand gehört.
Inzwischen sehen es (sehr) viel, wenn er nackt ist, reden darüber und machen
(meist zynische) Witze. Das macht, in wirtschaftlich auch in Russland eher
rauen Zeiten, das Herrschen weit schwieriger. Vor allem, wenn sich nichts
ändert.
 

Gestern wurde Putin auf einem 11.000-Menschen-Parteitag von „Einiges
Russland” in Moskau auch ganz offiziell zum Präsidentenkandidaten gekürt. Seine
Rede wirkte wie eine Zeitreise. Alles, wirklich alles was er sagte klang genau
so wie die Wahlkampfreden vor vier Jahren: Russland brauche keine Revolutionen,
sondern kontinuierliche Entwicklung; die Opposition links und liberal wurde
wegen ihrer Verantwortung für die Vergangenheit gescholten (die Kommunisten für
den Zerfall der Sowjetunion, die liberalen für den „grandiosen Raubzug gegen
den Staat” in den 1990er Jahren); der Westen, weil er sich nicht in die inneren
Angelegenheiten Russlands einmischen solle, sondern – Wirtschaftskrise – vor der
eigenen Hautür kehren. Nur ein neues Element gab es, das war die vorigen Monat
verkündete Gründung einer Eurasiatischen Union, die aber niemand so recht zu
begeistern vermag.
 

Doch seit 2007 sind drei Krisenjahre ins Land geflossen, die
auch Russland schwer getroffen haben:
2009 der tiefste Fall des Bruttoinlandsprodukt unter allen G20-Ländern und die
Erholung lässt auf sich warten. Selbst Prognosen der Regierung (noch durch den
im September entlassenen Finanzminister Alexej Kudrin) und der Zentralbank gehen
von einem künftigen Wachstum nicht über vier Prozent aus. Vier Prozent wären
für eine entwickelte Industriegesellschaft wie Deutschland sehr viel. Für ein
Land mit einer immer noch armen 
Bevölkerungsmehrheit wie Russland reicht das zum Aufholen nicht aus.
Zudem haben die sozialen Wohltaten des vergangenen Jahrzehnts die
Berechnungsgrundlage verändert. Während noch 2005 ein Ölpreis von 35 bis 40
US-Dollar für einen ausgeglichenen Staatshaushalt ausreichten, braucht Russland
in diesem Jahr schon rund 110 Dollar, 2012 gar 115 bis 120.
 

Das zeigt auch,
dass sich die Struktur der russischen Staatseinnahmen trotz aller
Modernisierungsrhetorik noch weiter Richtung Rohstoffabhängigkeit verschoben
hat. Ein Großteil der in Russland gekauften Verbrauchsgüter stammt aus dem
Ausland, Investitionen in Maschinenbau und verarbeitende Industrie sinken trotz
gegenteiliger Anstrengungen der Regierung. Auch Investoren trauen der
russischen Wirtschaftspolitik wenig. 2010 verließen nach Angaben der russischen
Zentralbank 34 Milliarden US-Dollar das Land, 2011 werden es wohl mehr als 70
Milliarden sein.
 

Nun hatte die Parteiversammlung
gestern weniger den Sinn Putin zu helfen als umgekehrt Einiges Russland. Dessen
Rating liegt inzwischen landesweit bei unter 50 Prozent, in Moskau und St. Petersburg
unter 40. Da sollte Putin, eine Woche vor den Dumawahlen. Ein wenig unter die Arme
greifen. Doch so sind die Zeiten inzwischen, dass viele Beobachter glauben, es
könne auch ganz anders kommen als (aus-)gedacht: Nicht Putin zieht Einiges
Russland hoch, sondern Einiges Russland zieht Putin runter.
 

All dies heißt
natürlich nicht, dass morgen alles vorbei ist. Wie schon oben geschrieben, gibt
es gegenwärtig keinen vernünftigen Zweifel an dem erneuten Einzug Putins in den
Kreml. Aber die Chancen, wieder zu “Putin ist klasse” zurück
zu kehren, sind aller politischen Erfahrung nach gering. Putin müsste sich neu
erfinden. Als wirklicher Reformator und Modernisierer zum Beispiel (was ich mir
nicht vorstellen kann) oder als wirklicher nationalistischer Führer (was ich
mir nicht vorstellen möchte). Wie auch immer: Es bleibt interessant! 

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Lev Gudkov, Victor Zaslavsky: „Russland. Kein Weg aus dem kommunistischen Übergang"

Russland ist ein Star auf dem deutschen Büchermarkt. Es gibt
viele gute, viele schlechte, und viele nichtssagende Bücher über das Land,
Reise-Bücher, Geschichts-Bücher, Politik-Bücher und sogar Märchen-Bücher (da
fällt mir eine Sentenz aus Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften” ein, in der
Ulrich, der Mann, über die Wissenschaft sinniert: „Und in der Wissenschaft geht
es so stark und schön und herrlich zu wie in einem Märchen”). In Berlins
zentralstem Buchladen, bei Dussmann in der Friedrichstraße, füllen
Russland-Bücher gleich zwei Regalborde. Kein anderes Land (außer Deutschland)
kommt da dran, selbst China nicht, auch wenn es aufholt.
 

Am 15. November um 19 Uhr wird in der Heinrich Böll Stiftung
in Berlin etwas sehr Seltenes vorgestellt: ein sehr gutes Buch mit dem Titel:
„Russland. Kein Weg aus dem kommunistischen Übergang”. Geschrieben haben es Victor
Zaslawski und Lew Gudkov.  Sie beschreiben darin Russlands Weg vom Aufbruch am Ende des
Kommunismus über die große Wirtschaftskrise 1998, den Aufstieg Putins und die
Krise von 2008 bis hin zur Präsidentschaft Medwedjews. Der erste Teil zeichnet
das Ende der Sowjetunion nach, das verbot der KPdSU, den Beginn der
Privatisierung und die Annahme einer demokratischen Verfassung 1993, das Ende
der Selbstisolation des Landes vom Rest der Welt und den Beginn der
Entmilitarisierung der Gesellschaft.   

Zaslavsky und Gudkov verschweigen oder beschönigen aber auch
nicht die Fehler und Schwierigkeiten dieser Transformation. Die drastischen
Kürzungen insbesondere der Finanzierung des in der Sowjetwirtschaft
dominierenden militärisch-industriellen Komplexes führten zu heftigen sozialen
und politischen Verwerfungen. Ab 1996 stützt sich Präsident Jelzin mehr und
mehr auf Menschen aus den alten Sicherheitsapparaten und der Armee, bis er den
KGB-Offizier Wladimir Putin zu seinem Nachfolger bestimmt.
 

Bei den Analysen der Zeit kommt dem Buch immer wieder sehr
erfrischend der nüchterne Bezug von auf die langjährigen Umfrageergebnisse und
Analysen des heute Levada-Zentrum genannten sozilogischen Forschungszentrums
zugute, das Lev Gudkov heute leitet. So kann mit vielen Mythen aufgeräumt und
ein so differenziertes Bild gezeichnet werden, wie ich es in einer
Überblicksarbeit noch nicht gelesen habe. Das setzt sich in der Analyse der
Putinschen Präsidentschaft fort: Zweiter Tschetschenienkrieg und der Aufstieg
Putins zum Hoffnungsträger für viele; der schrittweise, aber systematische Austausch
der Eliten; die anfangs vernünftigen Wirtschaftsreformen, die dann immer mehr
der Logik des Machterhalt weichen müssen; die zunehmende Verflechtung von
politischer und wirtschaftlicher Macht mit dem „Drama der ausbleibenden
Demokratisierung Russlands”.
 

Zaslavsky und Gudkov versuchen keine einfachen Antworten zu
geben. Sie verweisen darauf, dass es für einen „friedlichen Austritt aus
totalitären Systemen kaum Erfahrungswerte gibt”, es also wenig hilfreich sei,
die Probleme „mit vorgefassten Schemen” 
anzugehen. Trotzdem wagen sie eine Einordnung. Das Putin-Regime könne
man als einen „weichen” Autoritarismus bezeichnen. „Tatsächlich handelt es sich
weniger um einen autoritären Übergang 
als vielmehr um einen übergangslosen bürokratischen Autoritarimus”.
 

Das Buch endet mit einer luziden Analyse der Auswirkungen
der „Krise von 2008″, die zeigt, wie schlecht das doch so prosperierende Land
darauf vorbereitet war: „In keinem der 
G8- und BRIC-Staaten (…) ging das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2009 so
stark zurück wie in Russland”. Tatsächlich dank das BIP von 2008 auf 2009 um
fast 8 Prozent, die Industrieproduktion sogar um 15 Prozent. Und die Krise ist
längst nicht überwunden. In Russland zirkuliert vorwiegend „kurzfristiges
Risikokapital, das schnell Gewinne verspricht.” Zwar ist der Staat weitgehend
schuldenfrei, aber Unternehmen und Banken, die meisten von ihnen in
Staatsbesitz oder unter staatlicher Kontrolle hatten Anfang 2008 rund 400
Milliarden Dollar Auslandsschulden.
 

Größtes Problem aber sei die „Günstlingswirtschaft, in der
wirtschaftlicher Erfolg vorwiegend vom Zugang zu „adminsitrativen Ressourcen”
anhängt, mit erratischen staatlichen Einmischungen, Preiskontrollen, Monopolen
und hohen Hürden für private und ausländische Investoren. Folge davon  seien „Monopolisierung, Beschränkung der
Konkurrenz und Ausrichtung der Aktivitäten auf maximalen Profit in kürzester
Zeit”.
 

Auch die Prognosen von Zaslavskiy und Gudkov sind nicht
beruhigend.  Dass sie ein wirtschaftlich
blühendes und politisch demokratisches Russland für in ansehbarer Zeit kaum
wahrscheinlich halten, überrascht nach dem bereits Gesagten nicht. Doch auch
katastrophischen Szenarien schreiben sie wenig Wahrscheinlichkeit zu. Das
sollte aber keine Beruhigung sein. Am wahrscheinlichsten sei „der Übergang zu
einer chronischen Krise, in der Phasen starker sozialer Spannungen mit
ruhigeren Phasen wechseln”. Diese Zyklen würden wohl künftig in immer kürzeren
Abständen aufeinander folgen. Und natürlich hänge auch alles vom Ölpreis ab.
 

Mehr und Genaueres darüber können Berliner, Kölner und ihnen
benachbarte und dort zu Gast Weilende von Lev Gudkov selbst am 15.11. um 19 Uhr
in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin
oder am 17.11. ebenfalls um 19 Uhr im
Lew-Kopelew-Forum in Köln
erfahren.     
 
  

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Russische Schizophrenie? Wieso wird Russland hart autoritär regiert und dennoch ist viel erlaubt und möglich?

Vor kurzem saßen wir in Moskau in den Räumen der EU-Delegation (wie die vor fast zwei Jahren zur „Botschaft” aufgewertete EU-Vertretung immer noch heißt). Auf der einen Seite des Tisches fünf Mitglieder des Europaparlaments (MEPs), alle Mitglieder der EU-Russland-Delegation, auf der anderen Seite vier Büroleiter von deutschen politischen Stiftungen. Wir Büroleiter versuchten den MEPs einen Eindruck von der gegenwärtigen politischen Situation in Russland zu vermitteln. Dabei gab es naturgemäß (das politische Spektrum reichte von Grün bis CSU) unterschiedliche Einschätzungen. Alle waren sich einig, dass es sich um ein autoritäres Regime handelt, aber über die tatsächlichen Handlungsspielräume politischer Opposition gab es Uneinigkeit.

Das ist oft so, wenn über russische Politik geredet wird. Denn es gibt vieles nebeneinander, was nicht so recht unter einen Hut oder eine Erklärung zu bringen ist.  

Auf der einen Seite: Parteien werden nicht zugelassen, die Ergebnisse von sogenannten Wahlen stehen weitgehend vorher fest und werden von der Exekutive kontrolliert; Demonstranten werden festgenommen (und oft recht unsanft); JournalistInnen werden ermordet oder zusammen geschlagen und die Schuldigen bleiben im Dunkeln; KünstlerInnen und Kuratoren werden wegen angeblichen „Extremismusses” oder „Beleidigung” angeklagt, verurteilt und müssen manchmal ins Gefängnis; ehrliche UnternehmerInnenn werden ausgedachte Verbrechen, wie man im Russischen sagt, auf den Leib „geschneidert”, sie verschwinden im Lager und ihre Unternehmen werden Eigentum von Beamten, deren Freunden und Verwandten.  

Auf der anderen Seite: Man kann alles sagen was man will und sogar (fast) alles schreiben (zumindest im Internet und in nicht wenigen Zeitungen; es herrscht Freizügigkeit, jeder bekommt einen Pass und kann aus- und einreisen; die zuvor zusammen geschlagenen JournalistInnen bekommen staatliche Preise, wie gerade der Hauptredakteur der „Chimkier Prawda” Michail Beketow, der 2008 wegen seiner kritischen Berichterstattung über die Autobahn durch den Chimki-Wald brutal zusammen geschlagen wurde und seither behindert ist; die Künstlergruppe „Wojna” aus St. Petersburg bekommt den vom Kulturministerium unterstützten Preis „Innovation” für ihre Straßenaktion „Schw-z in der Gefangenschaft des FSB”, für einige von ihnen zuvor in Untersuchungshaft saßen; bekannte und kompromisslose KremlkritikerInnen werden eingeladen in zahlreichen Ausschüssen zu sitzen, wie der Modernisierungskommission beim Präsidenten oder dem Menschenrechtsrat, um den Herrschenden zu sagen, wie sie besser und humaner herrschen sollen.  

Beide Listen ließen sich fortsetzen und in ähnliche Unterlisten für die meisten russischen Regionen (auf Regionalebene) aufspalten, mit Ausnahme vor allem des Nordkaukasus, in dem Kritiker mundtot gemacht werden, zu Tode erschreckt, verschwinden oder gleich ermordet, und einiger anderer gefährlicherer Gegenden. Was ist das nun? Ein Regime, dass sich immer weiter abschottet, weil es unwillig ist, wichtige Teile der Gesellschaft einzubeziehen, autoritär herrschen will? Oder ist es eher Unfähigkeit von grundsätzlich Gutwilligen? Die Antwort auf diese Fragen hängt von der Antwort auf eine andere Frage ab: Gibt es einen durchgängig und (im besten Fall strategisch) durchdacht, im wesentlichen aus einem Zentrum handelnd? Gibt es also die vielbeschworene „Machtvertikale”? Oder haben wir es mit einem schwachen Staat und einer Art Clansystem an seiner Spitze zu tun, in dem durchaus unterschiedliche Interessen herrschen, unterschiedliche Vorstellungen, wohin es gehen soll, ob es mehr oder weniger Freiheit und Demokratie geben soll, und das deshalb so widersprüchlich (er-)scheint?  

Im ersten Fall, im Fall der „Machtvertikale” also,  könnte es sich bei den Widersprüchen um Wahlkampfstrategie handeln. Die KritikerInnen, die Liberalen, die Demokraten, die Oppositionellen sollen ein wenig verwirrt werden, ein wenig einbezogen (zumindest soll die Illusion dazu entstehen), vielleicht sollen sie auch ein wenig gespalten werden. Und wenn man dann noch ein wenig ihrer Kompetenz bekommt, als Zugabe sozusagen, umso besser. Das wäre zynisch, politisch (gerade politisch) aber durchaus verständlich.  

Im zweiten Fall wäre die Sache schwieriger, aber nicht besser. Denn er unterscheidet sich vom ersten nur darin, dass es innerhalb der Willkür Leute gibt, die willkürlich besser oder schlechter handeln. So oder so ist man ausgeliefert. Auf der einen Seite dem bösen Onkel, auf der anderen Seite dem guten. So erging es in den vergangenen dreieinhalb Jahren denjenigen, die sich enger mit Medwedjew eingelassen haben. Dazu konnte man gute (und ich meine: gute) Gründe haben. Man konnte sogar etwas erreichen und einige haben Einiges erreicht. Aber letztendlich war das, wie wir heute wissen, eine große Illusion.  

Das Wichtigste bleibt aber unverändert. Die Straße durch den Wald von Chimki wird gebaut, auch wenn Michail Beketow eine Auszeichnung bekommt. Denn die Straße baut ein enger Freund von Wladimir Putin. Die Menschen werden bei Demonstrationen weiter verhaftet, wie erst wieder am vergangenen Montag in Moskau oder St.Petersburg. UnternehmerInnen sitzen weiter im Lager und werden weiter verhaftet, angeklagt und verurteilt, obwohl die mutige und gar nicht hoch genug zu schätzende Journalistin Olga Romanowa es jüngst geschafft hat ihren Mann, den Unternehmer Alexej Koslow, nach dreijährigem zähen Kampf aus dem Lager frei zu bekommen (und selbst hier ist es noch nicht zu Ende, denn verhandelt wird auf Anordnung des Obersten Gerichts, der das erste Urteil aufgehoben hat, nun erneut von genau dem Gericht, das das erste Urteil gesprochen hat).  

Was sich also nicht geändert hat, ist die Macht eines Mannes oder eher einer kleinen Gruppe (wie das dort so genau zugeht, wissen wir nicht) ein ganzes Land gefangen hält. Und solange sich das nicht ändert (oder zumindest zu ändern beginnt), gehöre ich zu denjenigen, die die Betonung eher auf die negativen als auf die positiven Sachen legen. Natürlich kann (und muss) man konstatieren, dass es heute in Russland weit freier zugeht als, sagen wir, selbst noch in den frühen Gorbatschow-Jahren, bevor die Perestroika so richtig Fahrt aufgenommen hatte. Aber das heißt nicht, dass es frei oder gar demokratisch wäre.    

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Warum eigentlich Wahlen in Russland, wenn ohnehin alles feststeht?

Weder „frei” noch „fair”

Die Dumawahlen im Dezember 2007 hat die OSZE als “weder fair
noch frei” bewertet. Auf eine vernünftige, ausreichend lange, ausreichend große
und ausreichend mandatierte Wahlbeobachtungskommission hatte sie sich zuvor mit
der russischen Regierung nicht einigen können. Seither sind die Dinge nicht
besser geworden. Auch bei diesen Wahlen wird es wohl, wenn überhaupt, nur eine  kleine und zudem kurzfristige OSZE-Wahlbeobachtungsmission
geben. Ein paar kosmetischen, man traut sich das Wort kaum zu schreiben,
„Verbesserungen” in der russischen Wahl- und Parteiengesetzgebung seit 2007
steht gegenüber, dass die Parteien, ihre Registrierung, die Zulassung zur Wahl,
das Fernsehen als wichtigstes Massenmedium, die Wahlen selbst und die
Auszählung der Stimmen weiterhin fast vollständig durch die Exekutive
kontrolliert werden. Dies alles beschreiben, von Alexander Kynjew und Arkady
Ljubarew von der unabhängigen russischen Wahlbeobachtungsorganisation GOLOS in
ihren Artikeln ausführlich beschrieben zeigt schon jetzt, dass auch die
diesjährigen Dumawahlen nicht fair noch frei sein werden.

Wenn die Wahlen aber so umfassend durch die Macht Habenden
manipuliert und kontrolliert werden, der Ausgang grosso modo feststeht, warum dann noch der Aufwand? Warum werden
aller Voraussicht nach, zwischen der Hälfte und zwei Dritteln der Wahlberechtigten
daran beteiligen und abstimmen gehen? Was drücken sie damit aus? Warum gehen
die, grob gesagt, andere Hälfte oder das restliche Drittel nicht zur Wahl. Und
zu guter Letzt: Was bedeutet der vorhersehbare Ausgang einer erneuten Mehrheit
von „Einiges Russland”, der Partei von Wladimir Putin und Dmitrij Medwedjew?

Die Antwort auf die erste Frage ist banal und fundamental
zugleich. Das gegenwärtige politische System in Russland stützt seine
autoritäre Herrschaft auf demokratische Legitimität und Legalität. Es sucht
dafür demonstrative und mehrheitliche Zustimmung der russischen Bevölkerung und
die Anerkennung der internationalen Gemeinschaft. Zudem zeichnet sich die
Putinsche Herrschaft durch das Bestreben aus, die Transaktionskosten zu
Erhaltung dieser Herrschaft zu minimieren. Im großen Gegensatz zur Sowjetunion
fehlt ihr eine genuine, sie legitimierende Ideologie, wenn man von der formalen
Konstitution als demokratischer Rechtsstaat absieht. Um aber eine demokratische
Legitimierung zumindest vorspiegeln zu können, setzt es auf so wenig offene
Gewalt wie nötig, so wenig offene Manipulation wie nötig, so wenig offene
Fälschung wie nötig.

Damit kommen wir zur Frage, warum so viele Menschen gute
Miene dazu machen? Nach Meinungsumfragen ist eine große Mehrheit der
Bevölkerung davon überzeugt, dass Wahlen auf allen Ebenen manipuliert und
gefälscht werden. Ich möchte mich einer Antwort auf drei Ebenen nähern:
mehrheitliches Demokratieverständnis, allgemeiner Zynismus, Verhältnis Staat -
Bürger. 

Zuerst zum vorherrschenden Demokratieverständnis. Umfragen
zeigen, dass eine Mehrheit der Menschen in Russland der Meinung sind, dass das
Land heute demokratischer ist als in den 1990er Jahren. Nun war Jelzins
Russland kein demokratisches Paradies, die Wahlen aber waren, schon weil es
weit mehr Konkurrenz gab und sehr viel einfacher zu kandidieren, zweifellos
freier (wenn auch, z.B. die Präsidentenwahlen 1996 nicht unbedingt fairer). Das
ist zumindest aus vorherrschender westlicher Sicht überraschend und bedarf der
Erklärung. Wie Kirill Rogow herausgearbeitet hat, sind die Leute nicht einfach
schlecht informiert oder durch Propaganda manipuliert. Ihr Urteil ist durchaus
rational begründet. Sie haben, um es kurz (und natürlich auch ein wenig
verkürzt) zu sagen, schlicht andere Prioritäten. Demokratie bedeutet für eine
Mehrheit der Menschen in Russland vor allem soziale Sicherheit und Stabilität.
Wer das als Politiker gewährleisten kann, gilt als legitim und demokratisch.
Putin hat das, mit welchen Mitteln und welcher Fortune auch immer, geschafft,
zumindest bis 2008.

In seiner Amtszeit ist zudem das Wertesystem der russischen
Gesellschaft weiter erodiert, wie Lew Gudkow, Direktor des Lewada-Zentrums,
ausführt. Das ist beileibe kein neuer, aber ein Prozess, der in den vergangenen
zehn Jahren an Geschwindigkeit zugenommen hat. Das wichtigste Symptom dieses
Werteverfalls ist ein sich rapide ausbreitender und inzwischen fast
allgegenwärtiger Zynismus. Dieser Zynismus eint im Übrigen Volk und Führer. Der
Homo Sovieticus ist, wenn man so
will, unter Putin noch sowjetischer geworden. Insbesondere Wladimir Putin
versteht es ihn kunstvoll zu zelebrieren. Hauptmerkmal ist die weitgehende
Leugnung allein schon der Möglichkeit von moral- oder wertegeleitetem
öffentlichen und politischen Handeln. Demokratie und Wahlen werden entsprechend
vorwiegend als Herrschaftsinstrumente wahrgenommen. Die Vorstellung, dass es
faire Wahlen grundsätzlich nicht gibt, auch nicht außerhalb Russlands, ist weit
verbreitet. Die politische Führung nutzt dies geschickt zur Desavouierung
internationaler Wahlbeobachtung und Kritik am Wahlprozess im Inland.
Wahlbeobachter der OSZE (deren Mitglied Russland ja ist), werden als „deren”
Wahlbeobachter denunziert, während die seit einigen Jahren organisierte
Wahlbeobachtung durch Vertreter von GUS-Staaten als „unsere” gelten. Dabei ist
es nicht wichtig, dass die meisten Menschen in Russland auch den
GUS-Wahlbeobachtern nicht glauben. Vielmehr wird so auch die Glaubwürdigkeit
der OSZE-Wahlbeobachtungsmissionen untergraben.

Hinzu kommt das seit Jahrhunderten gewachsene und im
Vergleich mit westlichen modernen Gesellschaften kaum veränderte Verhältnis
zwischen Macht und Mensch (diese Alliteration scheint mir hier angemessener als
Staat und Bürger). Die Neigung, den Staat, als Subjekt eigenen Rechts, ja in
der Regel sogar jenseits des Rechts stehend wahrzunehmen, ist sehr tief im
russischen Alltagsbewusstsein verankert. So wird, wenn vom Staat, von
staatlichem Handeln die Rede ist, in der Regel das Wort „Wlast” (ins Deutsche
mit „Macht” nur unzureichend übersetzbar – „Obrigkeit” kommt der russischen
Bedeutung wohl am nächsten) in der Weise benutzt, dass es ein handelndes
Subjekt beschreibt, dem die Menschen oder das Volk gegenüber stehen. Diese
Machtzentriertheit drückt sich sogar in der aktuellen, ansonsten durchaus
liberalen russischen Verfassung aus, die den Präsidenten (wie übrigens früher
den Zaren nach der Verfassung von 1906 und die kommunistische Partei nach der
sowjetischen Verfassung) ausdrücklich aus der Gewaltenteilung heraus hebt und
als „Garanten der Verfassung” über Legislative, Exekutive und Judikative
stellt. 

Meinungsumfragen zeigen gleichzeitig, dass eine große
Mehrheit der Menschen kein oder nur wenig Vertrauen in die politische Führung
hat. Das gilt insbesondere für die Parlamente, aber auch, trotz immer noch
vergleichsweise hoher, wenn auch seit einiger Zeit kontinuierlich abnehmender
Ratings, für Präsident und Premierminister. Und selbst dieses Vertrauen, vor
allem in Putin und nur abgeleitet daraus in Medwedjew (umso mehr nach der
Rotationsankündigung von Ende September), ist, wie Untersuchungen von Boris
Dubin vom Moskauer Lewada-Zentrums
zeigen, kein wirkliches Vertrauen, keine
Zustimmung in eine bestimmte Politik oder Vertrauen darauf, dass eine bestimmte
Politik auch umgesetzt wird. Es ist vielmehr eher ein „Bevollmächtigen” derer
die ohnehin herrschen, also ein Gutheißen der Art zu herrschen, die man von
seinen Herrschenden ohnehin gewohnt ist. Dieses Verhalten ist insofern durchaus
rational, da es von der gegebenen Vergeblichkeit ausgeht, sich hier
einzumischen. Warum also Kraft in etwas zu stecken, dass von vornherein zum
Scheitern verurteilt ist?  

So gesehen sind Wahlen eine Form der Bestätigung des ungeschriebenen
„Gesellschaftsvertrags”, durch den die Putinsche Herrschaft häufig beschrieben
wird (und früher schon die späte, breschnjewsche sowjetische Herrschaft
beschrieben wurde): Wir, das Volk, mischen uns nicht in die Politik ein. Ihr,
die Herrschenden, die „Macht”, sorgt im Gegenzug dafür dass es uns materiell
nicht am Überlebenswichtigen fehlt und mischt Euch nicht (sowjetisch: nicht
allzu sehr) in unser Privatleben ein. Man könnte Wahlen in Russland heute also
auch als Loyalitätsbekenntnis der Wähler und Wählerinnen betrachten, mit dem
sie dann auch die Verantwortung für die Folgen der Politik abgeben. Die
Macht-Habenden bekräftigen ihrerseits durch das Abhalten der Wahlen die
fortgesetzte Gültigkeit des Vertrags. Der Staat unterstützt diese Haltung
seinerseits aktiv über soziale und politische Kontrollmechanismen und die
weitgehende Kontrolle der Medien.   

Bisher war vom Verhältnis einer großen Mehrheit der
wahlberechtigten russischen Bevölkerung zu Wahlen die Rede. Das Lewada-Zentrum
schätzt sie aufgrund langjähriger Befragungen auf stabile 70 bis 80 Prozent.
Tendenziell leben diese Menschen eher auf dem Dorf oder in Kleinstädten, sie
haben eher eine schlechte formale Bildung und sie sind eher wenig mobil. Auf
diese Mehrheit stützt sich die Putinsche Herrschaft. Doch was machen die
restlichen 20 bis 30 Prozent? Sie suchen vor allem nach Möglichkeiten, die
Wahlen zu politischen Protest zu nutzen. Die Strategien dabei sind vielfältig,
sie reichen von Boykottaufrufen (z.B. Garri Kasparow), über die Idee, möglichst
viele ungültige Stimmzettel abzugeben (Vertreter der nicht zugelassenen „Partei
der Volksfreiheit”), bis zur Aufforderung, einer beliebigen Partei außer
Einiges Russland die Stimme zu geben (so der bekannteste russische Blogger
Alexej Nawalnyj).

All dem liegen zwei Überlegungen zugrunde. Zum einen soll
auch öffentlich gezeigt werden, wie groß die Zahl der „nicht Einverstandenen”
ist, um so die Legitimität der alleinigen Herrschaft Putins wenigstens ein
wenig anzukratzen. Für wen das das Hauptziel ist, setzt mit Boykott auf eine
möglichst geringe Wahlbeteiligung oder mit der Stimme für einen andere Partei
als Einiges Russland auf möglichst viele Abgeordnete in der Staatsduma, die
einer zumindest nominell oppositionellen Partei angehören. Andere haben das
Ziel, die erwarteten Fälschungen noch am Wahltag möglichst schwierig zu machen,
wenn man sie schon nicht ganz verhindern kann. Dazu soll der Gang in die
Wahllokale und die Abgabe eines ungültigen Stimmzettels dienen. Aber auch so
soll der Protest möglichst in zahlen dokumentiert werden. Ob das alles etwas
nützt, weiß aber niemand so recht, denn die entscheidenden Manipulationen haben
mit der Parteienzulassung und der Medienkampagne bis zum Wahltag bereits
stattgefunden. Deshalb geht es bei alledem wohl vor allem darum, sich gegen die
Demütigung zur Wehr zu setzen, das Wahlergebnis einfach fertig vorgesetzt zu
bekommen. Im Unterschied zu den Wahlen vor vier Jahren hat die Finanz- und
Wirtschaftskrise zu wachsender Unzufriedenheit im Land geführt. Auch wenn sie
bei diesen Wahlen noch keine politischen Folgen zeigen dürfte, könnte sich die
zunehmende Arroganz der Macht-Habenden, die sich in der selbstherrlichen
Ankündigung des Rollentausches von Putin und Medwedjew besonders deutlich
zeigt, als Hybris erweisen. Die Wut ist gewachsen, auch wenn sie bisher kalt
bleibt.
 

Lesetipps:

Lew Gudkow: Russlands Systemkrise. Negative
Mobilisierung und kollektiver Zynismus, in: Osteuropa 1/2007, S. 3ff.
 

 

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Wahl-Beobachtungen – die russischen Parlamentswahlen

Am 4. Dezember 2011 finden in Russland Parlamentswahlen
statt, am 4. März 2012 Präsidentschaftswahlen. 
In Folge einer Verfassungsänderung von 2008, mit der die Amtszeit des
Präsidenten von vier auf sechs und die Legislaturperiode des Parlaments von
vier auf fünf Jahre verlängert wurden, werden diese beiden voraussichtlich die
letzten regulären, landesweiten Wahlen bis Ende 2016 sein.  Die internationale Beobachtermission der
OSZE  hat dem Wahlprozess im Jahr 2003
erhebliche Mängel attestiert, die Parlamentswahlen 2007 konnten nicht von der
OSZE beobachtet werden, da keine rechtzeitige Einigung über das Mandat der
Mission zwischen der OSZE und der russischen Seite erzielt wurde.

Die der Heinrich Böll Stiftung  wird, gemeinsam mit der russischen
Nichtregierungsorganisation GOLOS, dem Europäischen Austausch und den
Russland-Analysen (hier gibt es in der aktuellen Ausagbe Nr. 227 schon die ersten Texte) in den kommenden Wochen Hintergrundberichte, Analysen und  über den Wahlprozesses veröffentlichen. Dabei
stützen wir usn insbesondere auf das russlandweite Netzwerks der Wahlbeobachter
von GOLOS. Obwohl die aktuelle russische Gesetzgebung die  einheimische Wahlbeobachtung durch
zivilgesellschaftliche Organisationen erheblich einschränkt, beobachtet GOLOS seit
dem  1. September 2011 mit in 48 Regionen
des Landes den Wahlprozesses. Dabei geht es um die Registrierung der Parteien
und derer Kandidaten an, die Zusammensetzung der Wahlkommissionen, die
Wahlkampfperiode und bis hin zu Stimmabgabe und Stimmauszählung. Während des
Wahlkampfes wird ein von GOLOS gegründetes Medienzentrum die Berichterstattung
der Medien auswerten. Am Wahltag  selbst werden
über 2500 einheimische Kurzzeitwahlbeobachter von GOLOS die Abstimmung und
Auszählung der Stimmen in den Wahllokalen überwachen und dokumentieren.

Weiterführende  und
aktualisierte  Informationen  zu den Wahlen in Russland finden Sie unter folgenden
Webseiten:

GOLOS www.golos.org, http://www.kartanarusheniy.ru/,

Europäischer Austausch www.european-exchange.org

Russlandanalysen www.laender-analysen.de

Und natürlich immer wieder hier

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Von der Scham über die Rechtlosigkeit in Putins Russland

Direkt nach der erniedigenden Selbstentmannung Dmitrij Medwedjews, als er Wladimir Putin als neu-alten Präsidenten vorschlug, habe ich in diesem Blog über Gefühle geschrieben, über das flaue Gefühl im Magen, das mich nach dieser Inszenierung beschlich. Eine der häufigsten Reaktionen darauf war die Verwunderung, warum mich das so mitnähme. Es sei doch schon seit langem klar gewesen, dass es so und Putin wieder komme. Das mag stimmen, wenn auch nicht ganz. Und trotzdem ist es immer wieder etwas anderes, zu wissen oder zumindest zu ahnen, dass etwas Schlechtes eintreten wird, und es dann tatsächlich zu erleben. Das über mich. Nun zu Russland.

Seit zwei-drei Jahren schon wächst die Empfindung (vielleicht mehr als das Wissen), dass es “so nicht mehr weiter gehen kann”. Gleichzeitig weiß aber niemand das oder die Subjekte zu benennen, die die notwendigen Änderungen vorantreiben könnten (außer leider in vielen Katastrophenszenarien mit noch mehr Gewalt und noch weniger Freiheit). Daher die Hoffnung auf Medwedjew, oft eben wider besseres Wissen. Und daher auch der nach dem Schock nun einsetzende Schmerz. Dieser Schmerz wird langsam öffentlich. Als erstes natürlich im Internet. 

Eines der ersten Beispiele dieser veröffentlichen Innerlichkeit habe ich übersetzt und dokumentiere es hier. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was der Autor schreibt, und manche seiner Vergleiche scheinen mir schief oder gar problematisch. Doch darum geht es nicht. Der Text gibt sehr genau eine weit verbreitete Stimmung wieder. Eine Stimmung, wohlgemerkt, nicht mehr nur unter den üblicherweise verdächtigten Demokraten, Liberalen, Westler und welche Labels es sonst snoch so gibt für all diejenigen, die einfach anständig leben wollen.  

Veröffentlicht wurd der Text am 27. September 2011 in der Internetzeitung Snob.Ru:

 

“Was hat mir Putin Schlechtes getan? Warum die Schande der russischen Machthaber mich persönlich
betrifft”  
 

Von Nikolaj Klimenjuk  

Alle haben in den vergangenen Tagen über Putin geredet. Eine
meiner Freundinnen sagte: „Warum nehmen sich alle das so zu Herzen? Nun, Putin,
unangenehm, ja. Aber mir persönlich hat er nichts Schlechtes getan, und Dir
auch nicht. Und vor dieser ganzen Widerlichkeit habe ich mich schon lange in die
innere Emigration zurück gezogen.”
 

Ich habe, wie alle anderen auch, diese Gespräche satt und
deshalb nichts erwidert. Obwohl ich mit meiner Freundin überhaupt nicht
einverstanden bin. Putin hat mir persönlich viel Schlechtes getan. Ich werde
mich bemühen, alles aufzuzählen.
Wie es scheint, hat sich die Zahl der Armen im Lande
halbiert. Das Durchschnittseinkommen ist um das Sechsfache gestiegen. Auch bei
mir. Und was haben wir davon?
 

Putin hat mir die Möglichkeit genommen, ernsthafte
Zukunftspläne zu machen. Wenn alle klar ist, dass die Stagnation vor der Tür
steht oder, schlechter noch, bald alles zusammenbrechen kann, ist es schwer,
sich mit langfristigen Plänen zu beschäftigen. Zum Beispiel Karriere. Warum
sollte ich in Russland Karriere machen wollen und wie könnte die aussehen? Nur,
um gleich eine neue Arbeit zu bekommen, wenn ich die alte verloren habe? Wohin
soll ich mich entwickeln, wenn ich Publizist bin und über gesellschaftliche und
politische Themen schreibe? Ehrlich gesagt ist das nicht der erfolgversprechendste
Beruf im putinschen Russland. Und ich spreche noch gar nicht von der großen
Zahl meiner bekannten, die wenn schon keine Karriere, so doch Pläne im Ausland
machen. In der wirklichen Emigration, nicht der inneren. Es ist schwer in einem
Land zu leben, das die Hoffnung verliert. Besser gesagt, in dem die Hoffnung
auf Veränderungen nur mit einer Wirtschaftskrise verbunden sind. In dem die
einzige handlungsfähige Alternative zur gegenwärtigen Macht Nationalisten sind,
die von eben dieser Macht selbst herangezüchtet wurden.
 

Putin hat mir das letzte Bisschen Gefühl von Sicherheit
genommen. Am Beginn der 2000er Jahre hat die Miliz zum Beispiel noch etwas
gefürchtet. Den Bullen konnte man sagen: „Dazu habt ihr kein Recht”. Und wenn
sie es tatsächlich nicht hatten, haben sie oft aufgehört. Ich bin 41 Jahre alt,
aber ich traue mich ohne meinen Personalausweis nicht aus dem Haus: Ich habe
dunkle Haare und eine verdächtige Schnauze. Die Bullen kontrollieren mich so
oft (der Gerechtigkeit halber muss ich sagen, dass das keine Errungenschaft des
putinschen Russland ist, unter Jelzin war es genau so), dass ich dazu immer
bereit sein muss. Und so wähle ich jedes mal, wenn ich aus dem Haus gehe
zwischen der garantierten kleinen Erniedrigung, wenn ich den Pass einstecke,
oder der möglichen, wenn auch nicht notwendigen großen Erniedrigung, wenn ich
nach meinen Dokumenten gefragt werde und ich sie nicht dabei habe. Und wenn sie
dreimal nicht das Recht dazu haben: Für mich wird es schlecht enden und nicht
für sie. Ich wähle also die kleine Erniedrigung und denke, das ist wie einen
Regenschirm mitnehmen, wenn es draußen bewülkt ist. Das ist sehr ermüdend.
 

Mit allem, was Putin tut, greift er mein Würdegefühl an. Um seine Würde zu schützen muss man sich die ganze Zeit winden,
sich etwas ausdenken, irgendwelche Strategien zu seiner Erhaltung. In
totalitären Regimen ist das allgegenwärtig, in einer ungeheuerlichen,
unausweichlichen Weise. Irgendwo habe ich vor kurzem vom
nationalsozialistischen Gruß gelesen: In Deutschland verdrängte damals „Heil
Hitler” das „Hallo” und das Händeschütteln selbst in der Privatsphäre. Sich
normal zu begrüßen wurde zu einem Widerstandsakt, obwohl niemand es direkt
verboten hat. Sich beim Treffendie Hand zu geben, wurde gefährlich. Also gingen
die Leute diesen „kleinen Kompromiss” mit ihrem Gewissen ein und das hat das
Gewissen zerfressen. Auch bei uns besteht das Leben aus einer Trillion kleiner,
nicht schrecklicher, aber genau so aufgebauter Kompromisse. Angefangen von der
Alltagskorruption, über den ausgeschalteten Fernseher bis zur Unterwerfung
unter sinnlose und erniedrigenden bürokratische Prozeduren. Immer mit dem Pass
in der Tasche.
 

Noch ein wenig über Geborgenheit. Im Moment werde ich in
Ruhe gelassen. Aber ich weiß, dass, wenn jemand das Haus abreißen lassen
möchte, in dem ich lebe, werde ich keine Möglichkeit haben, mich dagegen zu wehren.
Außer ich würde einen kleinen Krieg anfangen. Wenn ein Bulle oder ein anderer Beamter
mit seinem Wagen in meinen kracht, dann werde ich Schuld sein. Wenn ich irgend jemandem
im Weg stehe, dann können sie mich für eine beliebige zeit einbuchten, mit
einer beliebigen Begründung, wie sie gerade wieder, ohne jede Beweise, einen
Mann für 13 Jahre hinter Gitter geschickt haben, weil er angeblich seine eigene
Tochter vergewaltigt haben soll, was er nicht hat. Stehe irgend jemanden dort
an der Macht im Weg und ganz schnell werden „trockene Samenzellen im Urin” oder
„Beleidigung von Ehre und Würde”. Irgend etwas werden sie unbedingt finden. Und
nichts wird helfen: nicht die völlige Unschuld, kein Lärm in der Presse, kein
hoher sozialer Status. Sie haben mit dem Fall JuKOS angefangen und mit 13 Jahren
für einen zufälligen Menschen aufgehört, der niemanden gestört hat und von dem
sie nichts gewollt haben. In diesem Land gibt es keine Spielregeln mehr. Was
sollen da die „Märsche der Nicht-Einverstandenen”? Heute ist überhaupt nicht
klar, was man darf und was man nicht darf, damit mit einem nichts passiert. Das
kann man, wenn überhaupt, nur vergessen, um nicht verrückt zu werden. Und das
ist das direkte Verdienst von Putin.
 

Viele von uns haben ihren Fernseher weggeworfen, weil man
sonst, wenn man ihn zufällig einschaltet, im Strom der Scheiße, der Lüge und
der Propaganda untergehen kann. Das Fernsehen ist vergiftet und deshalb
verzichten wir darauf. Nicht weil wir prinzipiell gegen Fernsehen sind, sondern
weil es so einfacher ist. Man kann auch ohne Fernsehen leben. Und genau so
schalten wir uns immer mehr vom Land ab. Die öffentliche Erniedrigung
Medwedjews auf dem Partietag von Einiges Russland war eine Erniedrigung aller
Bürger. Vier Jahre lang haben sie versucht, das ganze Land davon zu überzeugen,
dass man diesen Menschen achten muss. Man schämt sich, internationale Presse zu
lesen: Da schreiben sie von Putinlandia und über das ehemals stolze Land, das sich
wie ein Zwergherzogtum aufführt. Das ist die Schande, die Putin über Russland
bringt – und das ist auch meine Schande. Und wenn man aus einem Selbsterhaltungsinstinkt
heraus das nicht bemerken will, dann ist das genau die innere Emigration. Und
dann ist Russland mit Putin für Dich wie Venezuela mit Chavez oder Iran mit
Ahmadinedschad – alles dasselbe. Als Blair sich am Krieg im Irak beteiligt hat
sind die Briten zu Hundertausenden mit Plakaten „Not in My Name” auf die Straße
gegangen, damit sie sich nicht so für ihr Land schämen müssen. Und dann haben
sie Labour nicht wieder gewählt, obwohl die Neuen auch nicht besser sind. Aber
bei uns? Entweder muss man mit der ständigen Scham für sein Land leben oder sich
innerlich von ihm abwenden.
 

Mir scheint, dass ist schon genug, um Putin für meinen
persönlichen Feind zu halten.
 

——————————————————

Und so charakterisiert sich der Autor selbst:
 

Nikolaj Klimenjuk hat sich in der Morgenröte seines
bewussten Lebensalters mit Literaturtheorie beschäftigt. Dann wurde er, rein
zufällig, Journalist: Die Liebe zur deutschen Oper hat ihn reingelegt. Er
schrieb Rezensionen, moderierte ein scharlatanisches Programm im Radio über
klassische Musik und arbeitete als Redakteur für unterschiedliche Publikationen
über Stile und Lebensstile. Mit den Jahre wurde er ernsthafter. Er ist Choleriker und Misanthrop. Im Freundeskreis gilt das aus irgendwelchen Gründen als Vorzug. 

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Majak und Tschetschenien – zwei russisch-sowjetische Tragödien in einer Lebensgeschichte

Die eine
Tragödie, über das hier berichtet werden soll, hat keinen exakt nennbaren
Beginn. Man könnte sie pathetisch „Tragödie des tschetschenischen Volkes”
nennen. Aber was würde das erklären? Wer könnte das verstehen? Verständlich
werden Unglück und Leid für mich immer, wenn es um Menschen geht, um ganz
konkrete Menschen. Hier um Giliani (den Nachnamen lasse ich weg, er tut hier
nichts zur Sache), einen heute 62-jährigen Tschetschenen (so sieht er sich
selbst und so wird er gesehen) und seine Familie.
 

Giliani wurde
1949 in der kasachischen Steppe geboren, wohin seine Eltern im Februar 1941
zusammen mit ihrem gesamten tschetschenischen Volk deportiert worden waren.
Erst in den 1960er Jahren durften sie zurück in ihren Heimatort Urus-Martan im
Kaukasus. Es kamen die besten Jahre. Giliani lernte in Moskau Ballett zu
tanzen, kehrte dann nach Tschetschenien zurück. Er heiratete, Kinder kamen.
 
Doch
Tschetschenien war auch damals schon eine der ärmeren Gegenden der Sowjetunion.
Arbeit gab es kaum. So verdingte sich Giliani, wie viele damals aus
Nordkaukasus, als Arbeiter in einer der „Schalaschki” genannten Baubrigaden.
Diese Brigaden zogen, bei vergleichweise guter Bezahlung, durch die großen
Baustellen der Sowjetunion. So kam er Mitte der 1980er Jahre nach Musljumowo,
einem Dorf unweit Tscheljabinsk am Ural.  
 

Hier kommt die
zweite Tragödie ins Spiel. Sie nahm 1949 rund 30 Kilometer westliche von
Musljumowo ihren Anfang. Dort, in einer wunderschönen Berg- und Seenlandschaft
fand die noch junge sowjetische Atomindustrie ideale Bedingungen zum Bau ihrer
ersten Atomfabrik, Majak (Leuchtturm) mit nahmen. Hier wurde in industriellem
Maßstab begonnen, Brennstoff für Atomreaktoren erzeugt werden, auch für die
sowjetischen Atomwaffen geeignet. Majak produziert noch heute. Erfahrungen gab
es am Beginn der 1950er Jahre mit dem Umgang mit hochradioaktiven Materialien
noch wenig. Viele Arbeiterinnen und Ingenieure starben in dieser „Pionierzeit” an
Verstrahlung. Hochradioaktive flüssige Abfälle wurden einfach ungeklärt in den
Fluss Tetscha geleitet.
 

Erst nach drei
Jahren, 1952, wurde die Einleitung beendet, doch viele Menschen in den Dörfern
am Unterlauf waren bereits verstrahlt. Fast alle Dörfer wurden evakuiert und
dem Boden gleich gemacht. Bis auf vier. Ob sie nun vergessen, oder, böser, bis
heute nicht geklärter Verdacht, bewusst dort in der verseuchten Zone gelassen
wurden, um an den BewohnerInnen eine Art Langzeitexperiment durchzuführen, weiß
niemand sicher zu sagen. Musljumowo ist, von Majak aus flussabwärts, das erste
dieser vier Dörfer.    
 

Lange wurden noch
mittel- und noch länger schwachradioaktive Abfälle in die Tetscha geleitet.
Zuletzt wurde 2005 der Kombinatsdirektor zu einer Bewährungsstrafe verurteilt,
weil 2004 so 60.000 Tonnen ihren Weg den Fluss runter und an Musljumowo vorbei
nahmen. Immerhin (so dieses Wort hier überhaupt angemessen ist), immerhin also
ging die große Majak-Katastrophe, die Explosion eines Beckens mit flüssigen
radioaktiven Abfällen im September 1959, an Muljumowo vorbei. Die radioaktive
Wolke zog nach Nordosten und verseuchte ein Gebiet etwa von der Größe von
Rheinland-Pfalz mit mehr als 100.000 Einwohnern. Auch hier wurde umgesiedelt.
Auch hier blieben, wie seltsamerweise vier Dörfer ausgenommen.
 

Giliani kam also,
noch zu Sowjetzeiten, als Wanderarbeiter oder Saisonarbeiter nach Musljumowo.
Er arbeitete im Sommer hier und verbrachte die Winter daheim in Tschetschenien,
in Urus-Martan. Damals war die Tetscha-Verseuchung schon fast vergessen. Kinder
badeten im Fluss und das Vieh wurde dorthin zur Tränke getrieben. Mit dem Ende
der Sowjetunion brach das Schalaschki-System zusammen.
Aber auch in
Tschetschenien brachen unfriedliche Zeiten an. Schon vor dem ersten
Tschetschenienkrieg, ganz am Anfang der 1990er Jahre unter Präsident Dschochar
Dudajew wuchs die Gewalt und die Schutzlosigkeit (fast) aller. Giliani zog mit
seiner Familie nach Musljumowo. Ein Bruder hatte es geschafft, dort offiziell
seinen Wohnsitz registriert zu bekommen und eine kleine Baracke bezogen. Dort
wurde nun angebaut, ärmlich zwar, aber das der Bruder legal dort lebte,
immerhin mit Strom und Fernheizung ausgestattet. Und es gab für flinke,
geschickte und fleißige Hände soviel zu tun, dass es zu einem kargen Auskommen
reichte.
 

Doch in
Urus-Martan blieb das Haus der Familie zurück. Und es war Heimat dort. In der
Verbannung in Kasachstan oft erträumte Heimat. In Musljumowo war der Aufenthalt
von Giliani und seiner Familie zudem immer wieder von der faktischen
Illegalität durch das aus Sowjetzeiten auch im neuen Russland weiter geltende
Propiska-System gefährdet. Die in der Verfassung stehende Freizügigkeit wird
dadurch behördlich praktisch aufgehoben. Giliani machte nach dem Krieg, 1997, noch
einen Versuch in Tschetschenien.
 

Dann begann der
zweite Krieg und im Spätherbst 1999 bombardierten russische Flugzeuge Urus-Martan.
Gilianis Haus bekam einen Volltreffer. Zum Glück überlebten alle im Keller.
Doch wohin nun? Sie entschlossen sich, nach Musljumowo zurück zu kehren. Sie
waren jetzt Flüchtlingen und das gab zumindest ein wenig Ruhe vor den Behörden.
 

Vor vier Jahren
dann wurde Musljumowo endlich zum radioaktiv verseuchten Gebiet erklärt und mit
der Umsiedlung der BewohnerInnen begonnen. Wer ein Haus hat dort, bekam und bekommt
eine Millionen Rubel oder ein Ersatzhaus in einer schnell hochgezogenen Siedlung,
einige Kilometer weiter. ÖkologInnen zweifeln daran, dass sich dort
ungefährlicher und gesünder leben lässt. Aber nicht das ist Gilianis Problem.
Sein Problem und das seiner Familie ist, dass sie eben keine „Propiska”, keine
Wohnberechtigung haben. Formal leben sie in Tschetschenien, in Urus-Martan, in
einem Haus, das in Trümmern liegt. Keine Wohnberechtigung, keine Kompensation
in Geld und auch kein Ersatzhaus. So einfach ist das für die örtlichen Behörden
und die Beamten von Rosatom, dem staatlichen Atomkonzern.
 

Gilianis Bruder
mit Familie ist längst weggezogen. Rund um die Baracke, in der er mit seiner
Familie seit über zehn Jahren lebt, verschwinden immer mehr Häuser, werden
abgerissen und nicht weit entfernt (nicht sehr kompetent, klagen ÖkologInnen)
als Sondermüll verbuddelt. Nur etwas mehr als ein Zehntel der Häuser von
Musljumowo steht noch. Und Gilianis Baracke, am Hochufer der Tetscha, neben den
Backsteinruinen einer großen Mühle, die noch aus Zarenzeiten stammte, und des
ehemaligen Herrenhauses, das noch bis vor Kurzem als Kindererholungsheim
diente.  
 

Verbannung,
Krieg, wieder Krieg und eine ökologische Katastrophe. Gilianis Leben ist ein
tragischer Querschnitt durch die Unmenschlichkeit der Sowjetunion, des
russischen Staates des 20. Jahrhundert, die leider auch im 21. Jahrhundert
weiter wirkt.   

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