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Warum Medwejews Entscheidung für Sergej Sobjanin als neuer Moskauer Bürgermeister niemanden so richtig überrascht

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung gilt gemeinhin als ausgesprochen seriös, selbst im Internet. Doch heute, Freitag Abend, war sie ungenau. Eine Überschrift verkündete „Sobjanin neuer Bürgermeister von Moskau„. Da irrt die FAZ. Das ist der ehemalige Gouverneur von Tomsk, der ehemalige Leiter der Putinschen Präsidentenadministration und Noch-Vizepremierminister noch nicht. Auch in Russland gibt es Regeln und Gesetze. Die sehen vor, dass Sobjanin von Medwedjew der Moskauer Stadtduma, dem Stadtparlament nur als Bürgermeisterkandidat vorgeschlagen wurde. Diesem Vorschlag müssen die Deputierten erst noch zustimmen. Doch weiß das im tiefen Grunde ihres Herzens (haben Tageszeitungen und ihre Internetausgaben ein Herz?) natürlich auch die FAZ. Deshalb heißt esim ersten Satz des schon zitierten Artikels dann auch, Medwedjew habe Sobjanin als neuen Moskauer Bürgermeister „benannt“, und nicht „ernannt“.

 Doch man kann den Kollegen von der FAZ (dem Kürzel nach war es Reinhard Veser) wohl verstehen. Denn Zweifel an der Wahl Sobjanins hat niemand. Hatte aber auch kaum jemand. Schon lange. Eigentlich war klar, dass es auf Sobjanin hinaus laufen würde, seit die öffentliche Kampagne gegen Luschkow begann, also seit Anfang September. Warum dann all das Brimborium? Das Ach und Och? Die Spekulationen über Chancen oder Nicht-Chancen dieses oder jener? Die Antwort ist sehr schlicht: Das ist das Schicksal aller Imitation. Sie muss sich an die Regeln des Imitierten halten. Bis zum Schluss. Das kann ungeübte Augen täuschen. Doch ungeübte Augen gibt es in Russland keine (höchstens die eine oder andere wohltuende, weil schützende Selbsttäuschung). Da haben 70 Jahre Sowjetunion nachhaltig für gesorgt.

Nichtsdestotrotz muss der Schein aber gewahrt werden. Das macht den vermeintlichen Auswahlprozess so lustig (oder traurig, je nachdem). In einem Editorial verglich die Moskauer Tageszeitung Vedomosti das Spektakel mit einer Sitcom. Man könne zwar keinen Einfluss auf die Handlung nehmen, aber immerhin dankbar sein, wenn die Machthaber die Show unterhaltsam gestalten. Die Auswahl der vier „Kandidaten“ habe auf die drängensten Probelme der Stadt hingewiesen. Die bisherige stellvertretende Bürgermeisterin Ludmila Schewzowa sei eine erfahrene Sozialpolitikerin. Transprotminister Igor Lewitins Kandidatur verweise auf die enormen Verkehrsprobleme der unter Dauerstau leidenden Mehr-als-zehn-Millionen-Stadt. Der Gouverneur von Nischnyj Nowgorod Walerij Schanzew war früher einmal Stellvertreter des nun geschassten Luschkow und kenne sich also aus in der Führung eines solchen Molochs.

Erwählt war aber wohl von Anfang an Sobjanin, der Vertrauensmann des Kreml-Tandems. Der hat nun vor allem ein Problem. Die Moskauer kennen ihn kaum und, glaubt man den Umfragen, kaum jemand wollte Sobjanin als Bürgermeister. Der muss aber bald für den Kreml und das Weiße Haus Wahlen organisieren, in denen die Richtigen (zum Parlament im Dezember 2011) und der Richtige (Präsidentenwahlen im März 2012) erkoren werden. Moskau gilt als schwieriges, widerspenstiges, ja fast oppositionelles Pflaster. Zwar dürfte die gut geölte Wahlmaschine Luschkows auch Sobjanin zur Verfügung stehen, aber eben ohne ihre Seele, die Luschkow, der begnadete und gandenlose Populist immer war. Wie Sobjanin, ein eher nüchterner, meist ein wenig zurück genommen wirkender Zeitgenosse, in diese Risenstiefel passen soll ist schwer vorstellbar.

Aber wir leben ja in einer gelenkten Demokratie, in der alles gut geplant und voraus gedacht ist. Auch darüber werden sich die Putin- und Medwedjew-Strategen sicher Gedanken gemacht haben. Sie haben sich bemüht. Kommen wird es aber, so weiß Volkes Seele, wie immer. Also schlecht. Zumindest gilt es als klug hierzulande, sich darauf einzustellen.

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