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Brot und Spiele nach dem Ende eines goldenen Jahrzehnts

Eigentlich ist
die Krise ja auch in Russland vorbei. Der durchschnittliche Ölpreis lag 2010
erneut bei rund 80 US-Dollar pro Barrel, also doppelt so hoch wie auf dem Grund
der Krise und höher als das Finanzministerium als notwendig erachtet, um einen
ausgeglichenen Haushalt zu garantieren. Doch komischerweise hat kaum jemand das
Gefühl, die Krise sei vorbei.

 

Das gilt offenbar
auch für die politische Führung in Doppelperson des Tandems Putin-Medwedjew.
Noch nie waren ihre „Fernsehmarathon“ genannten Frage-und-Antwort-Sendungen,
diese Demokratiesurrogate, so lang wie im Spätherbst 2010. Immer schlechter
funktioniert die „gelenkte Demokratie“ genannte Maschine. Die „Machtvertikale“
reicht nun zwar von ganz oben im Kreml bis in die Kommunalstrukturen, doch im
Ergebnis ist niemand mehr verantwortlich, außer den beiden Männern ganz oben.
Und sich um das ganze Land und seine Probleme zu kümmern, kostet eben Zeit.

 

Anstatt bald
wirtschaftlich in die Spitzengruppe der ersten Weltliga aufzusteigen, wie von
Putin im Laufe seiner Präsidentschaft immer wieder versprochen, kämpft Russland
gegen den Abstieg. Das belegt ein Vergleich mit Nigeria, einem Land, das einige
Ähnlichkeiten mit Russland aufweist und auch eher weit unten in den Weltstatistiken
vor sich hin werkelt (ich gebe zu, dass dieser Vergleich ein wenig böswillig
ist, aber doch zum Nachdenken anregt): 

 

Beide Länder,
Russland und Nigeria, haben etwa 140 Millionen Einwohner. In beiden Ländern
sind Öl (und Gas) die wichtigsten Exportprodukte. Beide liegen im neuesten
Korruptionsranking von Transparency International nicht weit voneinander,
Russland auf dem 154., Nigeria auf dem 134. Platz (von 178 untersuchten).

 

Auch bei der auf
dem Gini-Koeffizienten basierende Einkommensverteilung liegen Russland und
Nigeria nicht weit auseinander (und weit hinten): Russland auf dem 75. Platz
(Koeffizient: 41) und Nigeria auf Platz 104 (Koeffizient: 50,6).

 

Eigentumsrechte
sind hier wie dort nicht besonders geschützt. Nach dem Rating der Property
Rights Alliance
für 2010 liegt Russland hier auf Platz 88 von 125 untersuchten
Ländern (die Zusammen rund 96 Prozent des weltweiten BIP auf sich vereinen) und
Nigeria auf Platz 109.

 

Ähnlich schlecht
steht s mit der Pressefreiheit. Reporter ohne Grenzen sieht hier Russland im
Jahr 2010 auf Platz 140 aus 178 untersuchten Ländern, Nigeria ist mit Platz 146
nur knapp dahinter.

 

Ginge es nach der
Weltbank, sollten zudem nur nervenstarke, durchsetzungsfähige und mit allen
Verwaltungswassern gewaschene Menschen in beiden Ländern ein Unternehmen
aufmachen. In ihrem Ease of Business Doing Index schlägt Russland Nigeria
erneut nur knapp auf Platz 123 gegenüber Platz 137 (von 187 untersuchten
Ländern).

 

Sehr ähnlich sind
übrigens auch die Daten für Sterblichkeit, Migration und Arbeitslosigkeit. Und
zu guter Letzt: Laut Democracy Index der Economist Intelligence Unit kommt
Russland auf Platz 107 und Nigeria auf 
Platz 123 (von 167 untersuchten Ländern).

 

Es sieht also,
abgesehen von den Atomraketen, dem Öl und Gas, der Raumfahrt und dem Sport,
nicht so gut aus für Russland wie das Putin (und mit ihm Medwedjew) immer
versprochen hat (und im Westen viele gern geglaubt haben). Bis zur Krise
wurde das durch überdurchschnittliche Steigerungen von (fast) allem verdeckt
(auch wenn der Start 1998 von denkbar niedrigem Niveau erfolgte), nun kracht es
an allen Nähten und Nietverbindungen. 

Das von der
herrschenden Elite zu verteilende Brot wird also absehbar weniger werden.
Vorausschauend hat Putin schon lange damit begonnen, in der näheren Zukunft für
mehr Spiele zu sorgen. Die Liste großer internationaler sportlichen
Großereignisse, die in den kommenden Jahren in Russland stattfinden werden ist
in der Tat beeindruckend: die Universiade 2013 in der tartarischen Hauptstadt
Kasan, die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi und, als Zuckerhäubchen
sozusagen), die Fußballweltmeisterschaft 2018 fast im ganzen Land. Damit und
den hoffentlich reichlich russischen SportlerInnen zufallenden Medaillen sollen
die Menschen ruhig gehalten werden.

 

Es kann aber auch
gut sein, dass Putin damit ursprünglich gar nicht den Mangel verdecken, sondern
die rückerworbene Größe Russlands feiern wollte. Also
nicht nur mit auftrumpfenden Münchner Reden zeigen, dass das Land wieder da ist,
sondern russische Überlegenheit vor den Fernsehaugen der ganzen Welt (Vorbild China grüßt mit dem Olympia-Medaillenspiegel).  

 

Doch das wird teuer. Bis zu 30 Milliarden Dollar soll die Sotschi-Olympiade kosten. Billig
wird auch die Fußballweltmeisterschaft nicht, gar nicht zu reden von der
Universiade. Offiziell werden alle diese Kosten (ebenso wie die Vorbereitungen
des ASEAN-Gipfels 2012 bei Wladiwostok) als Infrastrukturmaßnahmen deklariert. Allerdings
sehr teure, die zusammen, wie viele Ökonomen vorrechnen, mit den in der Krise noch großzügiger als zuvor
erhöhten Löhnen, Renten und Soldatensolden bald den Staatshaushalt sprengen
werden.

 

Auf ein
Wirtschaftswunder zur Rettung darf Russland vorerst nicht hoffen. Zwar wuchs die Wirtschaft
nach einem tiefen Fall von fast 8 Prozent 2009 im vorigen Jahr (2010) wieder um
4,5 Prozent, aber die Inflation schnellte auf voraussichtlich 8-9 Prozent hoch.
Und die Vorkrisensteigerungsraten von 8 Prozent und mehr pro Jahr werden in den
kommenden Jahren kaum mehr erreicht werden. Bleibt abzuwarten, ob die
Verlagerung von Brot auf Spiele das ausgleichen kann.

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