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Gelenkte Pressefreiheit

Trotz aller schrecklicher und entmutigender
Nachrichten aus Russland (nur eine kleine, durchaus repräsentative, wenn
natürlich bei weitem nicht vollständige Auswahl aus den vergangenen Wochen:
Journalist in Moskau ins Koma geschlagen; eine ganze Familie von Banditen mit
Deckung der örtlichen Behörden im russischen Süden ermordet; täglich Tote bei
Kämpfen im Nordkaukasus im sogenannten „Antiterrorkampf“, ohne dass zu sagen
wäre, wer dort „Guten“ und wer die „Bösen“ sind), trotz all dieser
schrecklichen Nachrichten also, gibt es doch immer wieder kleine bis kleinste
Hoffnungsschimmer. Einige dieser Hoffnungsschimmer kommen seit dem Frühjahr aus
dem wichtigsten, ja immer noch entscheidenden Massenmedium (obwohl das Internet
aufholt), dem Fernsehen. Es scheint dort mehr erlaubt zu sein als früher.

 

Doch drei große (und noch ein paar mehr
kleine) Tabus wurden bisher nicht angerührt: Keine Kritik an Putin, keine
Kritik an Medwedjew und kein Wort über angebliche oder tatsächliche Konkurrenz zwischen
den beiden. Der letzte bedeutende Politiker, der über einen solchen Tabubruch
befallen ist, war der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow, der nach (wohl
orchestrierten) Angriffen gegen ihn in den landesweiten Fernsehkanälen über
seinen Moskauer Fernsehkanal (der zudem in vielen anderen Regionen zu sehen
ist) verbreiten ließ, Putin stütze ihn gegen Medwedjew. Das büßt er nun im
österreichischen Exil (auch wenn es noch nicht so genannt wird).

 

Dass es nicht mehr Fernsehtabubrecher gibt,
liegt aber auch daran, dass es nicht so viele Menschen in Russland gibt, die
dazu überhaupt in der Lage sind. Immerhin gebot er über einen „eigenen“ Sender.
Das kann sonst kaum jemand. Zwei landesweit bekannte Fernsehjournalisten,
Leonid Parfjonow und Wladimir Posner, haben es jüngst trotzdem versucht. Beide
zudem im ersten Fernsehkanal, dem immer noch wichtigsten und einzigen wirklich
überall empfangbaren (auch wenn der zweite, „Rossija“ geheißen, nur wenig
nachsteht). Über den Sender sind beide Versuche nicht gelangt, wohl aber ins
Internet. Bemerkenswert ist aber schon, dass Parfjonow und Posner, beide zwar
als liberal aber vorsichtig und letztlich loyal bekannt, es versucht haben. Sie
sollen hier als kleines Beispiel der gelenkten Pressefreiheit dienen.

 

Leonid Parfjonow

 

Parfjonow hat vom Ersten Kanal, in dem er
nicht moderieren darf, einen Preis bekommen, den Wladislaw-Listjew-Preis. Wladislaw
Listjew war einer der bekanntesten Perestroika-Journalisten, der erste
Generaldirektor des Erster-Kanal-Vorgängersenders ORT und er wurde 1995
ermordet. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt. Parfjonow hat also vorige
Woche vom Ersten Kanal den Preis für seine hervorragende journalistische Arbeit
bekommen (die er, wie gesagt, im Ersten Kanal nicht zeigen darf). Als Preisträger
hielt er während der Preisverleihungszeremonie eine Dankesrede. Im Saal war die
Creme der Creme des russischen Fernsehjournalismus, Konstantin Ernst
eingeschlossen. Das ist der heutige Chef des Ersten Kanals, also derjenigen,
der letztendlich entscheidet, was gesendet wird. Das Thema der Dankesrede war
Parfjonow freigestellt. Er entschied sich für den Zustand des Fernsehjournalismus
in Russland. Hier ein Auszug:

 

„Mir wurde vorgeschlagen, so etwa sieben
Minuten über ein Thema zu sprechen, dass mir heute besonders aktuell erscheint.
Ich bin aufgeregt und werde nicht versuchen, frei zu sprechen. Erstmals im
Studio werde ich vom Blatt ablesen.

 

Ich war heute Morgen bei Oleg Kaschin im
Krankenhaus. Er wurde wieder operiert, chirurgisch wurde im direkten und
übertragenen Sinn das Gesicht des russischen Journalismus wieder hergestellt.
Das brutale Zusammenschlagen des Korrespondenten der Tageszeitung „Kommersant“ hat
in der Gesellschaft eine viel breitere Resonanz hervorgerufen als andere
Anschläge auf Leben und Gesundheit von russischen Journalisten. (…)

 

Bis zu dem Überfall auf ihn hat Oleg Kaschin
für die landesweiten Fernsehkanäle nicht existiert und konnte er für sie nicht
existieren. Er hat in der letzten Zeit über die radikale Opposition
geschrieben, über Protestbewegungen und über jugendliche Anführer auf den
Straßen. Diese Themen und Helden sind im Fernsehen undenkbar. Eine, wie es
scheint, marginale Umgebung beginnt etwas an der gesellschaftlichen Situation
zu ändern, formiert einen neuen Trend, aber unter den Fernsehjournalisten gibt
es einfach keine Kollegen von Oleg Kaschin. Es gab einen, Andrej Loschak, und
der ist ganz verschwunden. Ins Internet.

 

Nach den wirklichen und scheinbaren Sünden der
1990er Jahre wurde in den 2000ern auf zwei Weisen die landesweiten
Fernsehkanäle „verstaatlicht“: Erst wurden die Medienoligarchen vernichtet,
dann Einigkeit im Kampf gegen den Terrorismus hergestellt. Journalistische
Themen, und mit ihnen das ganze Leben, teilten sich in fürs Fernsehen geeignete
und für Fernsehen nicht geeignete. Hinter jeder politische Bedeutung habenden
Sendung werden Ziele und Aufgaben der Staatsmacht erraten, ihre Stimmung,
Beziehung dazu, ihre Freunde und Nicht-Freunde. Institutionell ist das schon
längst keine Information mehr, sondern staatliche PR und Anti-PR – wie die artistische
Vorbereitung der Absetzung Luschkows im Äther – und, natürlich, Selbst-PR des
Staates.

 

Für die Korrespondenten der landesweiten
Fernsehkanäle sind hohe Politiker und Beamte keine Newsmaker, sondern die Chefs
ihrer Chefs. Institutionell gesehen sind Korrespondenten auch keine
Journalisten, sondern Beamte, die der Logik von Dienst und Subordination
folgen. Mit dem Chef des eigenen Chefs ist es zum Beispiel unmöglich, ein
Interview im wirklichen Sinn zu führen: Also das aufzudecken, was nicht aufgedeckt
werden will. Das Gespräch von Andrej Kolesnikow mit Wladimir Putin im gelben
Lada Kalina hat es erlaubt, das Selbstbewusstsein des Premierministers zu
erspüren, seine Meinung zu (den Präsidentenwahlen, JS) 2012 und seine
Uninformiertheit zu unangenehmen Themen. Aber man kann sich die von Kolesnikow
an Putin gestellte Frage „Warum haben sie Chodorkowskij in die Ecke gedrängt?“
aus dem Mund eines russischen Fernsehjournalisten nicht vorstellen, noch
weniger, dass sie dann auch noch ausgestrahlt wird. Das ist erneut ein Beispiel aus dem Kommersant. Manchmal kann man den
Eindruck gewinnen, dass die führende Tageszeitung des Landes (ein durchaus
nicht ausdrücklich oppositionelles Blatt) und die landesweiten Fernsehkanäle nicht
über das gleiche Russland berichten. (…)

 

Das Rating von Präsident und Premier liegt
etwa bei 75 Prozent. Im landesweiten Fernsehen gibt es über sie nichts
Kritisches, Skeptisches oder Ironisches zu hören, folglich wird die Meinung
eines Viertels der Bevölkerung verschwiegen. Über die oberste Staatsmacht wird
wie über einen lieben Verschiedenen berichtet: entweder nur Gutes oder gar
nicht. Welchen Furor rief die wohl einzige Ausnahme hervor, als im Fernsehen
der Dialog zwischen Wladimir Putin und Jurij Schewtschuk gezeigt wurde.

 

Die immergrünen Methoden, die jedem bekannt
sind, der noch das Zentrale Fernsehen der UdSSR erlebt hat, bei denen die
Reportage durch Protokollaufnahmen von Treffen im Kreml ersetzt werden, durch
einen unterstützenden Text unterlegt, und bei denen ein strenger Kanon
herrscht: der Staatsführer empfängt einen Minister oder den Chef einer Region,
er „mischt sich unters Volk“, sitzt einem Summit mit ausländischen Kollegen
vor. Das sind keine „Neuigkeiten“, sondern „Altheiten“, Wiederholungen dessen,
was in solchen Fällen berichtet wird. (…)

 

Nachdem ich in „Ostankino“ (zentrales
russisches Sendezentrum in Moskau, JS) oder für „Ostankino“ 24 Jahre gearbeitet
habe, spreche ich darüber mit Bitterkeit. Ich habe nicht das Recht, irgendeinen
meiner Kollegen zu beschuldigen. Ich bin selbst kein Kämpfer und erwarte auch
von anderen keine Heldentaten. Aber man muss die Dinge doch wenigstens beim Namen
nennen.

 

Es scherzt mich in Bezug auf den
Fernsehjournalismus doppelt trotz aller Errungenschaften bei großen
Fernsehshows und der russischen Fernsehserienschule. Unser Fernsehen immer изощреннее будоражит, interessiert, unterhält und belustigt, aber
man kann es wohl kaum ein gesellschaftlich-politisches Institut nennen. Ich bin
überzeugt, dass das einer der Hauptgründe ist, warum die aktivsten Teile der
Bevölkerung dramatisch weniger fern sehen, wenn wir Fernsehleute sagen: „Warum
den Kasten einschalten, er wird nicht für mich gemacht.“

Noch schrecklicher ist, dass ein großer Teil
der Bevölkerung keinen Journalismus braucht. Wenn die Leute sich aufregen: „Na
und, er ist zusammengeschlagen worden, verstehst Du, andauernd wird jemand bei
uns zusammen geschlagen und warum machen sie wegen so eines Reporters solch
einen Lärm?“ Millionen Menschen verstehen nicht, welche Berufsrisiken
Journalisten für ihr Auditorium eingehen. Die Journalisten werden nicht dafür
geschlagen, was sie schreiben, sagen oder aufgenommen haben, sondern dafür,
dass das gelesen wird, gehört und gesehen. Ich danke ihnen.“

 

Das war natürlich starker Tobak. Nicht
sendbar. Der Kreml würde toben. Also wurde von der Preisverleihung ein
zweieinhalbminütiger Einspieler gezeigt, dazu ein paar Reaktionen von
KollegInnen und anderen Prominenten. Immerhin kann man sich die Dankesrede von
Parfjonow im Internet anschauen und anhören
. Die übliche Trennung: Im Fernsehen
nichts, im Internet alles.

 

Wladimir Posner

 

Im Gegensatz zu Prafjonow ist Wladimir Posner jede
Woche im Ersten Kanal mit einer Talkshow zu sehen. Zwar musste er vor einiger
Zeit den Prime-Time-Sendeplatz am Sonntag Abend um 18 Uhr abgeben und wird nun
erst um 23 Uhr gesendet. Das war 2008 im November. Seither ist seine Sendung,
die schlicht „Posner“ heißt 68 Mal gelaufen. Immer hat er sie mit einem, meist
sehr pointierten Schlusswort beendet. Bis auf den 21. November diesen Jahres.
Die Sendung wurde gezeigt, das Schlusswort fehlte. Posner selbst ist überzeugt,
dass nur Senderchef Ernst diese Entscheidung getroffen haben kann. Mit ihm über
diesen Schnitt geredet hat niemand. Hier das Schlusswort im Wortlaut:

 

„Fast die Hauptmeldung der Woche war der Fall
Wiktor But, ein russischer Staatsbürger, der unter dem Verdacht illegalen
Waffenhandels zwei Jahre lang in einem thailändischen Gefängnis festgehalten
und dann, am vorigen Dienstag, völlig unerwartet in die USA deportiert wurde.
Das löste ungeheuren Lärm aus. Außenminister Lawrow erklärte, die USA würden
But gegenüber mit doppelten Standards handeln. Schirinowskij und seine
Parteigenossen forderten, die Beziehungen zu Thailand abzubrechen und die
Beziehungen zu den USA einer Revision zu unterziehen. Das heißt, sie setzten
sich für einen russischen Staatsbürger ein, wie nie zuvor. Das bringt mich auf
einige Gedanken. Aber Gott mit ihnen, mit den Gedanken.

 

Ich weiß nicht,ob But nun schuldig ist oder
nicht. Das entscheidet das Gericht – das amerikanische Gericht, das, wie ich
annehme, nicht weniger objektiv ist als ein russisches. Mir gefällt nicht, wie
sich die thailändische Regierung verhalten hat, und auch nicht das Verhalten
des amerikanischen Staates. Aber bei all dieser Lärmerei hat mich ein seltsames
Gefühl niocht verlassen, das ich, wie man neuerdings sagt, zu Gehör
bringe. 

 

Können sich andere menschlich, anständig
Deinen Staatsbürgern gegenüber verhalten, wenn diese anderen sehen, dass Du
selbst Deine Staatsbürger nicht menschlich behandelst? Worüber rede ich?

 

Lassen Sie uns den Fall des ehemaligen
JuKOS-Vizepräsidenten Wassilij Aleksanjan nehmen. Wie lange wurde er im
Gefängnis festgehalten? Wie lange wurde er bedrängt, ungeachtet seiner schweren
Krankheit (Alksanjan hat AIDS, JS) und dabei völlig die weltweite öffentliche
Meinung missachtet? Noch ein Beispiel. Wie lange wurde die schwangere Swetlana
Bachmina (Juristin von JuKOS, JS) im Gefängnis festgehalten, ihr ein Besuch
ihrer kleinen Tochter nicht gestattet? Auch hier wurde die weltweite
öffentliche Meinung missachtet, ja und die russische auch. Wie lange wurde
Sergej Magnizkij in der Gefängniszelle festgehalten, ihm medizinische Hilfe
verweigert, weshalb er im Gefängnis auch starb? Erneut wurde die öffentliche
Meinung vollständig missachtet.

 

Also: Wenn die Welt sieht, wie Russland mit
Menschen umgeht, deren Schuld nicht bewiesen ist, mit ihnen nicht nur nicht
menschlich, sondern unmenschlich umgeht, dann darf man sich nicht wundern, wenn
die Welt nicht ganz korrekt – oder sogar völlig unkorrekt – mit russischen
Staatsbürgern umgeht.

 

Und eine Frage: Wenn wir selbst unmenschlich
mit unseren Staatsbürgern umgehen, warum sind dann keine Stimmen von Seiten
eben desselben Schirinowskij und solcher wie er zu hören?“

 

Wladimir Posner ist nicht naiv. Er wurde 1934
als Sohn eines russisch-jüdischen Emigranten und einer Französin geboren. Vor
den Deutschen rettete sich die Familie in die USA. Diesen Zufluchtsort mussten
sie in der McCarthy-Ära als Kommunisten verlassen. Nach Frankreich gab es keine
Einreisegenehmigung, also gelangten sie über Ostberlin 1952 in die Sowjetunion.
Posner wurde Journalist und später zu Perestroikazeiten populärster Fernsehmann
der Sowjetunion. Heute steht er der Russischen Fernsehakademie vor, einer Art
Gilde der russischen Fernsehjournalisten.

 

Der Mann weiß also was er tut, er weiß in der
Regel, was man gerade noch darf und er darf angesichts seiner Geschichte,
seiner Popularität und seiner Autorität immer ein wenig mehr als andere. Wenn
Posner also im Schlusswort seiner Sendung sich für zwei ehemalige
JuKOS-Mitarbeiter einsetzt, dann liegt was in der Luft. Nur was? Begleitmusik
für die Re-Europäisierung der russischen Politik? Oder tatsächliche und substantielle
politische Veränderungen? Wahrscheinlich weiß das so wirklich genau niemand.
Und es kann ja sein, dass das Zweite aus dem Ersten erwächst, auch gegen die
Intentionen der Planer und Lenker dahinter. Muss aber leider nicht.

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