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Russland, Katyn und der Tod von Lech Kaczynski

Der Absturz der polnischen Präsidentenmaschine
bei Katyn, diesem Schicksalsort. Die neue polnische Tragödie. Der Tod so vieler,
an herausragenden Stellen ihres Landes stehender Menschen ausgerechnet auf dem
Weg zum Totengedenken, berührt viele Menschen in Russland tief. Das Entsetzen
ist groß und das Mit-Leid aufrichtig. Das zeigt sich an den vielen Blumen an
der polnischen Botschaft in Moskau. Es zeigt sich aber auch, vielleicht sogar zuerst
an der Reaktion der politischen Führung des Landes. Der als besonders
hartleibig geltende und sich gebende Premierminister Wladimir Putin wirkte
dabei tiefer berührt als der allgemein für offener, liberaler, menschlicher gehaltene
Präsident Dmitrij Medwedjew, tief berührt.

 

Diese eigentlich selbstverständliche menschliche
Anteilnahme hat wohl vor allem wegen des nicht selten hartherzig-großmäuligen
Auftretens russischer Politiker auf der internationalen Bühne (aber durchaus
auch zu Hause) in ihrer Aufrichtigkeit viele überrascht. Die mannigfaltigen Konflikte
und Brüche in den polnisch-russischen Beziehungen (und die innerrussischen und
innerpolnischen Auseinandersetzungen darüber) verstärken diese Überraschung. So
wie es, trotz allem, eine sehr stabile deutschenfreundliche Tiefenströmung im
russischen (Unter-)Bewusstsein gibt, so gibt es eben auch ein weit
verbreitetes, grundsätzliches Misstrauen (mitunter bis zur Verachtung) Polen
und den Polen gegenüber. Mitleid und Aufrichtigkeit verlangen folglich nach
Erklärung.

 

Erklärt werden muss Mehrerlei: Trotz ihrer
Selbstverständlichkeit, die Anteilnahme selbst; dann, was das für das
Verständnis des Katyner Verbrechens in Russland und daraus folgend für die
russisch-polnischen Beziehungen, ja die russisch-westlichen Beziehungen bedeuten
kann; zudem stellt sich die Frage, ob diese Katyner Woche mit gemeinsamem
Gedenken und gemeinsamer Trauer nicht in Russland zu neuerem, tieferem Nachdenken
darüber führen kann, wie vielleicht mit der eigenen totalitären Vergangenheit anders
umgegangen werden kann. Der Reihe nach.

 

Am 7. April, drei Tage vor dem Unglück, tat
Putin bis dahin Unerhörtes. Er verurteilte die Morde an mehr als 22.000
polnischen Offizieren als „zynisches Verbrechen“ und kniete gemeinsam mit dem
polnischen Premierminister Donald Tusk vor dem Denkmal für die polnischen Ermordeten
in Katyn. Später am Abend – das war am Denkmal noch vermisst worden – nannte er
sogar Stalin als Verantwortlichen für dieses Verbrechen. Allerdings hob Putin
gleichzeitig einschränkend hervor, das „heutige Russland“ trage „keine Schuld“
für diese Verbrechen, lägen doch neben den polnischen Offizieren in Katyn die
noch ungezählten Gräber tausender sowjetischer Opfer des stalinschen
Terrorregimes. Polen wie Sowjetbürger seien also Opfer der gleichen „zynischen“
Terrorherrschaft, die zu verurteilen sei.

 

Tatsächlich bewegte sich Putin damit innerhalb
der Grenzen alter Klischees russischer Rechtfertigungsschleifen. Denen zufolge
dürfen Russland und die Russen nicht zu Tätern gemacht werden, weil eben auch Russen
(als Chiffre für alle Bewohner des heutigen Russland) Opfer des Terrors waren.
Solange es um „Errungenschaften“ und Rechte geht, um die „Mächtigkeit“ und die
Glorie des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland, ist man in Russland
gern (Rechts-)Nachfolger der Sowjetunion. Das verbrecherische, das schuldhafte
Erbe aber, ob nun im Land selbst oder in Bezug auf andere Länder, möchte man,
wenn es denn überhaupt angenommen werden muss, mit allen anderen teilen. Mit
den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, nun souveräne Staaten, sowieso, aber
am besten auch mit allen anderen Ländern, in denen sozialistische Regime unter
Moskauer Oberaufsicht herrschten.

 

Putin blieb also, wie in Polen und von Teilen
der Opposition in Russland vielfach kritisch angemerkt wurde, alten Rechtfertigungsmustern
treu –  aber er bewegte sich doch, und
zwar erstmals seit langer Zeit in die richtige Richtung. Das war wenig, aber
doch mehr als je zuvor, mehr als viele erwartet haben, vielleicht sogar mehr
als man erwarten konnte: Die Worte „Stalin“, „Verbrechen“ und „Totalitarismus“ aus
Putins Mund an diesem Ort und zu diesem Anlass sind, gemeinsam mit dem Kniefall
vor den ermordeten polnischen Soldaten, eine kleine Revolution.

 

Das sehen auch unsere Freundinnen und Freunde von
Memorial so, die in diesen Dingen vielleicht zuverlässigsten Zeugen, diejenigen
jedenfalls mit dem größten Recht. Natürlich ist auch ihre Mängel- und Wunschliste
all dessen lang, was Putin nicht gesagt oder veranlasst hat, was der russische
Staat tun müsste, den er vertritt, ja in seiner oft rotzigen Art geradezu verkörpert:
die Wiederaufnahme der staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen zu den Morden
von Katyn; ein Gerichtsverfahren, an dessen Ende eine juristische Bewertung der
Verbrechen steht, auf die sich die Opfer, ihre Angehörigen und künftige
Generationen beziehen können; die Rehabilitierung der Ermordeten und der
Verurteilten; die Öffnung der Archive und vieles mehr. Diese Forderungen
bleiben bestehen, aber immerhin ist erst einmal dieser, hoffentlich erste Schritt
getan.

 

Das gemeinsame Gedenken von Putin und Tusk am
7. April in Katyn auf Initiative Putins war Teil einer schon seit zwei Jahren
währenden (und nur kurz durch den russisch-georgischen Krieg unterbrochenen)
Annäherungspolitik des Kremls gegenüber Polen. Zu dieser Strategie gehört auch
eine feine Differenzierung der polnischen Gesprächspartner. Es war wohl kein
Zufall, dass Putin als russischer Ministerpräsident seinen polnischen Kollegen
nach Katyn einlud. Präsident Medwedjew hätte protokollarisch seinen nun
verunglückten Kollegen Lech Kaczynski einladen müssen. Tusk wurde in Polen von
der Kaczynski-Partei „Recht und Gerechtigkeit“ wegen der Annahme dieser
Einladung kritisiert.

 

Lech Kaczynskis Katyn-Besuch, drei Tage nach
dem gemeinsamen Gedenken von Tusk und Putin, geschah dann auch nicht auf
russische Einladung, Medwedjew reiste nicht nach Katyn, sondern schickte, um
den protokollarischen Gepflogenheiten zu genügen, einen untergeordneten
Vertreter. Die konservative polnische, den Kaczynskis nahe stehende
Tageszeitung Rzeczpospolita, hatte schon zuvor kritisiert, dass am 7. April,
zum von russischer Seite offiziellen Gedenken, keine Vertreter von Memorial
eingeladen worden waren. Tusk, so der implizite Vorwurf, arbeite folglich mit
seiner Annahme der putinschen Einladung einem potjomkinschen Schauspiel des
Kremls zu. Das polnische Präsidentenamt bemühte sich gleichzeitig um
Einladungen an Memorial-Aktivisten und ließ sogar anfragen, ob sie geneigt
seien, am 10. April in Katyn polnische Orden für ihre langjährigen, schwierigen
und in Russland oft angefeindeten Aufklärungsbemühungen entgegen zu nehmen.
Erst zwei Tage vor dem 7. April wurde daraufhin der Memorial-Vorsitzende
Arsenij Roginskij eingeladen, mit der offiziellen russischen Delegation nach
Katyn zu fahren.

 

Diese kurze und nur summarische Andeutung der
politischen Auseinandersetzungen in Polen, aber auch in Russland um das Katyner
Gedenken verdeutlicht politische Absichten und Ambitionen. Niemand sollte die
Illusion hegen, es gehe, 70 Jahre nach den Morden, in erster Linie (oder gar
nur) um Schuld und Sühne, um Verbrechen und Strafe. Gerade im Feld der
Geschichtspolitik, die zugleich immer Identitätsfindung ist, werden scharfe
Messer geschwungen, oft berechnend und mitunter gnadenlos, gerade weil sich
kühle politische Berechnung mit so tief liegenden Gefühlsschichten mischt.
Außerdem geht es immer um Macht. Zuerst um die Macht zu bestimmen, was war,
dann um die, was wird.         

 

Doch wie schon Bertolt Brechts Bettler Peachum
im „Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens“ singt, ist es mit
den Plänen, insbesondere politischen Plänen, so eine Sache. Sie können leicht
zuschanden gehen, weil das Leben, manchmal Nebel oder auch ein Vulkan, anders
disponieren. Der Absturz der polnischen Präsidentenmaschine bei Smolensk überdeckt
alle vorausgegangenen politischen Spielchen und Winkelzüge, zumindest vorerst.
Nun mussten alle neu, vor allem aber schnell und unter großem emotionalem Druck,
entscheiden, wie sie sich verhalten, was sie sagen, welche Signale sie
aussenden.

 

Und die russische Führung machte alles
richtig. Spontan wurde der Andrzej-Wajda-Film „Katyn“ am Abend des
Katastrophentags erneut im russischen Fernsehen, auf dem landsweiten und
populären Fernsehkanal „Rossija“ gezeigt. Erst eine Woche zuvor hatte er nach
zweieinhalbjähriger faktischer Sperre öffentliche Premiere gehabt, allerdings
im Nischenprogramm „Kultura“ (dem russischen Gegenstück von Arte oder 3Sat), in
dem auch sonst leicht dissidentische Kost geduldet wird. Wladimir Putin setzte
sich persönlich an die Spitze der Untersuchungskommission, und öffnete die
Untersuchung der Absturzursachen in für russische Verhältnisse beispielloser
Weise für polnische Beteiligung. Vor allem aber fasste er den fassungslosen Tusk
noch am Unglücksabend in Smolensk tröstend am Arm und sprach von einer
„neuerlichen polnischen Tragödie“ und von „gemeinsamer Trauer“. Das „neuerlich“ ist wichtig, denn es
beinhaltet die wiederholte Anerkennung der vorherigen Tragödie.

 

Selbst wenn das alles vorwiegend politische
Kalkül sein sollte, wie in Russland, aber auch in Polen mitunter gemutmaßt wird,
dürfte diese von Putin ungewohnte und unerwartete Empathie Folgen haben. Durch
die gemeinsame Trauerzeremonie, vor allem aber durch die sofortige Wiederholung
des Katyn-Films von Wajda (der in Russland ohnehin sehr geschätzt wird) ist
erstmals offiziell, öffentlichkeitswirksam und erinnerungsstark das Katyner
Verbrechen als sowjetisches Verbrechen anerkannt worden. Nach dem Absturz
wissen in Russland nun alle von Katyn, auch diejenigen, denen das gemeinsame
Gedenken von Putin und Tusk entgangen ist oder schlicht egal war. Die
Katastrophe hat die polnische Tragik und das polnische Trauma Katyn vielen
Menschen in Russland erstmals nachhaltig ins Bewusstsein gebracht. Man könnte es
auch ein wenig pathetischer sagen: Erstmals „fühlt“ das Land Katyn. Ob davon
etwas zurück bleibt oder ob es nur ein flüchtiger Moment gewesen sein wird, kann
heute niemand sagen.     

 

Vielleicht helfen die positiven Reaktionen auf
die russische Anteilnahme und Aufrichtigkeit dabei, dass etwas zurück bleibt.
Seit Jahr und Tag klagt der Kreml über das schlechte Image Russlands im
Ausland. Das Land freut sich über das Erschrecken jenseits seiner Grenzen, wenn
Putin (Medwedjew wird das weniger abgenommen) mal wieder gepoltert hat. Doch
gleichzeitig erschillt immer wieder die Klage, nicht ausreichend geliebt zu
werden. Nun haben sich einmal die „guten Russen“ gezeigt, die man nicht
fürchten muss. Das Verhalten von Putin und Medwedjew in den vergangenen
tragischen Momenten hat wohl mehr für das Ansehen Russlands getan als alle
teuren Imagekampagnen in den vergangenen Jahren zusammen. Daraus könnte eine
politische Lehre werden, die Lehre, dass internationale Politik nicht in erster
Linie Geopolitik sein muss und dass nicht immer, wie in einem Nullsummenspiel, dort
wo jemand etwas gewinnt es auch jemanden geben muss, der verliert.  

 

Am 9. Mai werden Panzer und Raketen über den
Roten Platz rollen, um den 65. Jahrestag des Sieges zu feiern. Neben russischen
Soldaten und sowjetischen Veteranen sollen erstmal überhaupt auch Veteranen des
Alliierten mitmarschieren. Britische, französische, US-amerikanische, auch
polnische Uniformen, mit einem Wort, die NATO auf dem Roten Platz, das ist für
viele Menschen in Russland trotz des gemeinsamen Kampfes gegen Hitler
undenkbar, eine Art Sakrileg. Die Putinsche Restauration und Geschichtspolitik
der vergangenen Jahre hat diese alten sowjetischen Atavismen erneut fest im
Bewusstsein nicht nur von unverbesserlichen Kommunisten verankert.      

 

Der Moskauer Bürgermeister hält baut genau auf
diese von Putin mit erzeugte Stimmung, wenn er, gegen die ganz neue
Geschichtslinie des Kremls, daran fest hält, zur Feier des Sieges Stalinportraits
in den Straßen der Stadt aufzuhängen. Er weiß eine  Mehrheit der Menschen hinter sich.
Insbesondere in den Sicherheitsstrukturen, bisher größte Stütze und
Kaderreserve Putins, denkt man so. Es wird, selbst wenn es mit dem
Politikwechsel ernst gemeint ist, nicht leicht werden, ihn durchzuhalten. Ein
entscheidendes und öffentliches Wort von Medwedjew oder Putin gegen die
Stalinportraits und polnische Soldaten auf dem Roten Platz am 9. Mai werden der
erste kleine Test, ob Katyn und die Trauer nicht doch nur ein Episode bleiben.

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