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Deutsche Orden für russische Menschenrechtler – und warum sie sie annehmen

Am Dienstag Abend bekam Arsenij Roginskij in der Residenz des Deutschen Botschafters in Moskau einen Orden verliehen. Bundespräsident Horst Köhler zeichnete den Historiker und Memorial-Vositzenden für „Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland“ mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse aus. Erst vor drei Monaten war an gleicher Stelle und in gleicher Weise die Vorsitzende der Moskauer Helsinki-Gruppe, Ludmila Alexejewa, ausgezeichnet worden. Ludmila Alexejewa hatte vorher bereits Orden der Republik Frankreich und der Republik Litauen für ihre klare und mutige Menschenrechtsarbeit bekommen. Arsenij Roginskij war von der Republik Polen und der Republik Estland für seine Bemühungen um historische Aufklärung und die Erinnerung an sowjetische, vor allem stalinistische Verbrechen geehrt worden.

Natürlich spaltete auch die jetzige Ordensverlehung die russischen (Internet-)Öffentlichkeit. Die einen, aus der demokratischen Opposition, aus der NGO-Szene, natürlich die MenschenrechtlerInnen, freuten sich mit Arsenij Roginskij für die mit der Ordensverleihung verbundene Anerkennung seiner Arbeit und der Arbeit von Memorial insgesamt. Viele andere Menschen in Russland (ich vermute, ohne das aber wirlklich zu wissen, eine Mehrheit) aber sehen darin vor allem eine Art „Bezahlung“ fremder Mächte für die „Schädigung“ russischer Interessen. In Internetblogs gehen die „Kommentare“ von „Verrat“ bis hin zu jeder Art nicht zitierfähiger Beschimpfungen.

Die beiden Geehrten verbindet, dass sie vor Annahme dieser immerhin von Staaten, aber nicht dem eigenen gegeben Auszeichnungen annehmen können. Dieses Nachdenken galt vor allem dem deutschen Orden, also eines Landes, dessen Soldaten vor knapp 70 Jahren unermesslich viel Leid über ihre Heimat gebracht haben. Ludmila Alexejewa gehört der der Kriegsgeneration an. Sie wurde 1927 geboren. Arsenij Roginskij, Jahrgang 1946, hat vor allem von seiner Mutter, die die 900 Tage der deutschen Blockade von Leningrad überlebte, von den Schrecken des Krieges erfahren. Die Annahme der Orden ist also, trotz der vielen seither vergangenen Jahre, keineswegs selbstverständlich.  Beide sind in ihren Dankesreden auf diese innere Auseinandersetzung eingegangen.

Arsenij Roginskij erzählte davon, wie er in den 1970er Jahren erstmals eine Deutsche, eine Doktorandin an der Leningrader Universität, mit nach Hause brachte. Seine Mutter habe schweigend den Raum verlassen. Es sei ihr nicht möglich gewesen, mit der Deutschen dort zu bleiben. Später erst hätte sich auch zwischen Mutter und deutscher Kollegin eine Freundschaft entwickelt. Seine Entscheidung zur Annahme des Bundesverdienstkreuzes begründete Arsenij Roginskij mit zwei Dingen: Dem, im Großen und Ganzen, Erfolg der deutschen Nachkriegsgesellschaft in der Auseinadersetzung mit ihrer nazionalsozialistischen, der diktatorischen und totalitären Geschichte, also die Wandlung hin zu einem heute stabilen demokratischen Staat (ja, auch Staat, nicht nur Gesellschaft), und der vielfältigen Unterstützung für ihne persönlich und seine FreundInnen in der sowjetischen Dissidenz: verbotene Bücher in die Sowjetunion, Samisdat-Manusskripte aus der Sowjetunion, politische und humantitäre Hilfe für die staatlich Repressierten und ihre Angehörigen.

Ludmila Alexejewa stellte sich in ihrer Dankesrede einem Gedankenexperiment. Was hätte sie, als kleines Kind wohl empfunden, wenn sie davon erfahren hätte, dass irgendwann in ferner Zukunft der deutsche Staat sie so auszeichnen würde. Sie wäre, so Ludmila Alexejewas  Schluss, wohl angenehm berührt gewesen. Denn in der Zeit bevor Hitler an die Macht kam, war in der Sowjetunion Deutschland vor allem das Land, aus dem Marx und Engels kamen und das, so die bolschewistische Theorie, als nächstes mit der proletarischen Revolution dran sein werde. Was aber hätte die junge Ludmila Alexejewa empfunden, wenn sie von dem künftigen Orden im Krieg oder auch kurz danach erfahren hätte? Sie hätte sich gefragt, was sie so schrecklich habe falsch machen können, um derart gestraft zu werden. Heute wiederum, so schloss Ludmila Alexejewa ihre kleine Ansprache Anfang November vorigen Jahres in der Botschafterresidenz ganz ähnlich der Argumentation von Arsenij Roginskij, sei sie geehrt, von einem demokratischen Staat für demokratische Tugenden ausgezeichnet zu werden.

Vorgestern, beim Toast in kleiner Runde, fügte Arsenij Roginskij seiner Rede noch einen Wunsch hinzu: Er hoffe, dass die Anwesenden die Zeit noch erlebten, dass seine Freunde in Russland vom russischen Staat für ihr demokratisches Engagement ausgezeichnet würden, vor allem aber, dass sie diese Auszeichnung auch guten Gewissen annehmen könnten. Das war, wie die Sache heute steht, aus russischer Mehrheitssicht, wahrscheinlich ein zutiefst „vaterlandsverräterischer“ Gedanke. Die Anwesenden jedoch nahmen den Gedanken frühlich auf, auch wenn die Zuversicht, diese Zeit noch zu erleben, bei den meisten nicht sonderlich groß zu sein schien.

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