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Gleichberechtigung in Russland auf hohem Niveau – Ehefrauen verdienen mehr als ihr Politik- und Regierungsbeamtenmänner

Wie bekannt, legt
die Heinrich Böll Stiftung in ihrer Arbeit viel Wert auf
Geschlechtergerechtigkeit. Hier in Russland ist unser Genderprogramm eines der
ambitioniertesten und nicht ganz erfolglos. Doch im Großen und Ganzen gibt es
im Land viel zu Klagen. Die orthodoxe Kirche ist im Kernland auf dem Vormarsch
wie Kadyrows Kopftuchgebot in Tschetschenien. Staatliche Demographiepolitik
besteht vor allem aus Geburtsparolen, wie sie jüngst die Moskauer
Metroreklameschilder zierte: Eine junge, glücklich dreinschauende Frau, ein
Kind auf dem Arm, eins am Rockzipfel, ein Drittes an der Hand und darunter der
Schriftzug: „Tu Deine patriotische Pflicht!“
 

Selbstverständlich
verdienen auch russische Frauen, wie auf der ganzen Welt, in der Regel
erheblich weniger als ihre Männer (oder: die Männer). Sie bekommen weniger für
gleiche Arbeit, kommen aber meist auch gar nicht erst in die Positionen, in den
wirklich gut verdient wird. Doch nun tut sich eine Bresche auf, und gleich ganz
oben im Staate Russland. Woher wir das wissen, wo doch niemand der
Statistikbehörde Rosstat so wirklich glaubt? Wir wissen es, weil Präsident
Medwedjew der Korruption in höchsten Staatsämtern den Kampf angesagt hat. Und
dazu müssen „Beamte der Kategorie A“, zum Beispiel Minister und die Spitzen der
Kremladministration jedes Frühjahr ihre Einkünfte des Vorjahrs offenlegen und
auch das ihrer Ehegatten. Das geschah erneut an diesem Montag und ist für die Präsidentenadministration auf
der Website des Präsidenten nachzulesen
.
 

Und siehe da, es
stellte sich heraus, dass die Ehefrauen der Herren (denn so hoch in der Politik
steigen fast ausschließlich Männer im Putinschen Russland) wahre
Spitzenverdienerinnen sind. So verdiente die Frau von Vizepremierminister Igor
Schuwalow, Olga Schuwalowa, 2010 mit rund 380 Millionen Rubel (knapp 10
Millionen Euro) gleich dreimal mehr als der reichste Minister (das ist Jurij
Trutnew, der passender Weise die russischen Naturressourcen verwaltet) und 25
Mal mehr als ihr (hoffentlich immer noch) geliebter Ehemann.
 

Doch auch die
Präsidentenadministrationsehefrauen müssen nicht darben. Die bestvedienende
unter ihnen war 2010 Kristina Tichonowa, deren Mann Konstantin Tschuytschenko (es
ist wie im Satiremärchen) die Kontrollabteilung des Kremls leitet. Da ist
sicher garantiert, dass alles mit rechten Dingen vor sich geht. Frau Tichonowa
brachte es immerhin auf rund 270 Millionen Rubel (rund 8 Millionen Euro) Lohn
für ihre Arbeit. Dazu nennt sie noch ein Grundstück von 4.500 Quadratmetern im
Moskauer Umland ihr Eigen (das dürfte auch kaum weniger als 10 Millionen Euro
Verkehrwert haben), ein Haus darauf mit 900 Quadratmeter Wohnfläche und, fast
schon bescheiden, eine gemeinsam mit ihrem Mann besessene
120-Quadratmeterwohnung in der Stadt.
 

Herr Tschuytschenko
würde ohne seine Gattin auf wesentlich kleinerem Fuße leben. Sein Einkommen
machte 2010 magere 6 Millionen Rubel (150.000 Euro) aus (Anmerkung: Auch da dürften
eine ganze Menge Nebeneinnahmen drin sein, Zinsen, Dividenden, kurz „Einnahmen
aus Vermögen“, denn die Gehälter auch hoher Kremlbeamter übersteigen 3.000 Euro
im Monat nicht). Dazu dann aber noch 5.000 Quadratmeter im Umland, ein eigenes
kleines Häuschen von 300 Quadratmeter Wohnfläche, die Hälfte der gemeinsamen
Wohnung und ein kleiner, aber feiner Motorpark: ein Nissan Navara, ein Land
Rover, ein Range Rover, einen alte Sowjetjeep vom Typ UAS, ein Motorboot (hier
ein Bild
)
und noch einiges Kleingerät.   
 

Selbst der
Gelenkte-Demokratie-Erfinder Wladislaw Surkow, Präzeptor aller russischen
Partien und Parlamente, häufiger Held dieses Blogs, muss sich zu Hause mit dem
zweiten Platz zufrieden geben. Seinen umgerechnet 110.000 Euro (plus eine
kleine 60-Quadratmeterwohnung, die er sich zudem mit Frau und drei Kindern
teilen muss, kein Auto) stehen immerhin 2 Millionen Euro seiner Ehefrau
gegenüber (nicht zu reden von mehreren Grundstücken mit stattlichen Häusern
darauf und wir gehen davon aus, dass eines davon, vielleicht das mit den 761,6
Quadratmetern Wohnfläche, die der schwere der Bürde für das Schicksal der Nation
angemessene Residenz des Paares sein dürfte).    
 

Das sind
natürlich nur die herausragendsten Beispiele, weitere würden den Platz eines
Blogeintrags sprengen. Erwähnenwert ist aber noch eine bemerkenswerte Ausnahme.
Zumindest in einer Kremlehe gilt noch die patriarchalisch-hergebrachte Ordnung:
Die Pressesprecherin von Präsident Medwedjew Natalija Timakowa, verdiente
weniger als ihr Ehemann, 100.000 gegen 600.000 Euro, und Grundstück mir Haus
gehört hier ebenfalls ihm.
 
Im Grunde, wenn
ich es recht bedenke, ist das doch alles fast wie in Deutschland. Wird nicht
immer wieder beklagt, dass der Staatsdienst nicht attraktiv genug sei, um
wirklich gute Spezialisten und Könner anzuziehen (von Spezialistinnen und
Könnerinnen zu schweigen), weil dort eben weit weniger zu verdienen sei als in
der freien Wirtschaft. Die oben aufgeführten Zahlen fügen sich ja sehr gut in
den Vergleich Ackermann-Kanzlerin ein.
 

Nur glaubt das,
schaut man ins Internet oder fragt wen auch immer gerade zufällig
Vorbeikommenden, niemand. Und ein Verweis auf möglicherweise gelebte
Geschlechterdemokratie dürfte im Hohngelächter der Anwesenden untergehen.
 

Die reichste Frau
Russlands (Version: Forbes) war übrigens bis zum Vorjahr Jelena Baturina,
Ehefrau des im Herbst geschassten Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow. Sie
war in der Baubranche, ihr Ehemann ließ (viel) bauen. Rausgeschmissen wurde
Luschkow unter lautem und gesteuertem Mediengerassel über den unrechtmäßigen
Reichtum seiner Gattin. Nachfolger Sergej Sobjanin trat mit dem Versprechen an,
mit der Korruption in der Stadt ebenso aufzuräumen wie mit den notorischen
Verkehrsstaus. Auch Sobjanin nahm 2010 erheblich weniger ein als seine unternehmerische
Ehefrau. Sie ist wie Baturina im Baubusiness.
 

Und noch eine
kleine Geschichte aus der Welt der Meinungsumfragen zum Abschluss. In den
1990er Jahre antworteten junge russische Männer, wenn sie gefragt wurden, was
zu tun sei, um reich zu werden, sie müssten in die Wirtschaft gehen. Junge
Frauen nannten damals die Heirat mit einem Ausländer als die
erfolgversprechendste Wohlstandsgarantie. Nur fünf Jahre nach Amtsantritt von
Präsident Putin, Mitte der 2000er Jahre, lauteten die populärsten Antworten
anders: Junge Männer zogen nun den Staatsdienst der Wirtschaft vor, junge
Frauen die Staatsdiener den Ausländern. Die Einkommenstatistiken der „Beamten
der Kategorie A“ geben den jungen Leuten Recht.
 

Und ganz zum
Schluss: Kaum jemand glaubt, dass diese Tabellen den wahren Reichtum der
Mächtigen im heutigen Russland wieder geben.              

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