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Geschichtspolitik im Jahre 65 nach dem Sieg: Tusk in Katyn und Stalinportraits in Moskaus Straßen

Nachdem wir uns in den vergangenen Jahren daran haben gewöhnen müssen, dass der Kreml die neuere europäische Geschichte und insbesondere die Geschichte des (bisher) letzten Großen Krieges zum Schlüssel einer inneren ideologischen Konsolidierung Russlands gemacht hat (mit dem vorläufigen Höhepunkt der vor einem knappen Jahr installierten „Kommission zum Kampf gegen Geschichtsfälschungen zum Schaden Russlands“ durch Präsident Medwedjew), kann man seit einiger Zeit gemischte Töne vernehmen. So hatte schon Ende August vorigen Jahres Premierminister Putin die Ermordung von mehr als 20.000 polnischen Offizieren 1940 durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD bei Katyn, Mednyj und Starobelsk ein „Verbrechen“ genannt. Dann hat Ende Oktober, aus Anlass des „Tags der Opfer politischer Verfolgung“ Präsident Medwedjew in einem Videoblog erklärt, man dürfe nicht nur die Siege feiern: Das „Gedenken an die nationalen Tragödien“ sei „genauso heilig“.

Nun ludt Premierminister Putin jüngst seinen polnischen Kollegen Donald Tusk ein, mit ihm zusammen des 70. Jahrestags der Erschießung von mehr als 20.000 polnischen Offizieren in Katyn zu Gedenken. Tusk nahm die Einladung umgehend an und nannte sie sogar einen „Schritt zur Versöhnung“. Der Sprecher des polnischen Senats Bogdan Borusevicz lobte, das sei ein „positives Signal“. Das seit Tusks Amtsantritt begonnene Tauwetter zwischen Russland und Polen, nur kurz durch den georgisch-russischen Krieg im August 2008 unterbrochen, hält weiter an. Der Umgang mit den Verbrechen von Katyn ist wohl der wichtigste und zumindest auf polnischer Seite entscheidende Maßstab, ob das mehr ist als nur eine zeitweise konjunkturelle Delle im ansonsten nachhaltig angespannten russisch-polnischen Verhältnis. Die russische Staatsspitze um Putin und Medwedjew tut sich bis heute schwer, die Verantwortung für die Ermordung der polnischen Offiziere anzuerkennen, ohne dafür Gegenbedingungen zu stellen. Sie weiß sich darin leider mit einer großen Mehrheit ihres Volkes einig.

Bis zu Putins Auftritt auf der Danziger Westerplatte, als er erstmals das Wort „Verbrechen“ im Zusammenhang mit Katyn aussprach, bemühte er sich immer wieder, die Stalinsche (und stalinistische) Grausamkeit mit angeblichen polnischen Verbrechen im sowjetisch-polnischen Krieg von 1920/21 aufzurechnen. Damals, so eine in Russland weit verbreitete Argumentation, hätten die Polen einen „Genozid“ an zehntausenden sowjetischer Kriegsgefangener verübt. Tatsächlich sind sehr viele Rotarmisten in den Gefangenenlagern an ihren Wunden, Krankheiten und Unterernährung umgekommen. Von einem systematischen Morden, wie zwanzig Jahre später in Katyn und den anderen Erschießungsstätten, kann aber nicht die Rede sein.

Vor diesem Hintergrund hat die russische Generalstaatsanwaltschaft unter anderem von Memorial angestrengte Strafverfahren gegen ehemalige NKWD-Schergen eingestellt. Insgesamt 18 Katyn-Verfahren hat Memorial inzwischen verloren. Die lapidare Begründung lautete, mögliche Täter seien inzwischen wegen der seit der Tat vergangenen siebzig Jahre gestorben, es gebe also niemanden mehr, gegen den ermittelt werden könnte. Die Akten sind für geheim erklärt worden. Auch dagegen klagt Memorial wieder.

Gemeinsames polnisch-russisches Erinnern an und in Katyn kann zudem nicht nur für die Beziehungen zwischen den beiden Ländern gut sein. Auch Innerrussisches ist betroffen. Im sogenannten „Tal des Todes“ dort, eine Autoviertelstunde von Smolensk entfernt, gibt es auch Dutzende Massengräber mit vom NKWD und der Vorläuferorganisation Tscheka zwischen 1920 bis 1940 erschossenen Sowjetbürgern. Neben der polnischen Gedenkstätte gibt es auch eine russische. Das ist einer der wenigen offiziellen Erinnerungsorte an die sowjetischen Verbrechen gegen das eigene Volk. Um eine zentrale Erinnerungsstätte in Moskau wird seit Jahren gerungen, an vorderster Front wieder Memorial. Doch außer des „Solowezker Steins“ vor dem NKWD/MGB/KGB/FSB-Hauptquartier Lubjanka, Anfang der 1990er Jahre auf Initiative von Memorial von den Solowki-Inseln, auf denen das erste Gulag-Lager eingerichtet wurde, nach Moskau geschafft, gibt es nur ein eher zweifelhaftes Gulag-Museum im Disney-Stil in der Petrowka-Straße.

Typisch für den russischen Staat und seine Untergliederungen ist eher die vorige Woche bekannt gewordene Initiative der Moskauer Stadtverwaltung, zur Feier des 65. Jahrestags des Sieges im „Großen Vaterländischen Krieg“ gegen das nationalsozialistische Deutschland überall in der Stadt überlebensgroße Stalinbilder aufhängen zu lassen. Immerhin war der Generalissimus Oberbefhelshaber der siegreich bis Berlin marschierenden Roten Armee. Außerdem, so der zuständige Beamte in schönster Sowjetmanier, habe es „zahlreiche Bitten von Veteranen und Veteranenverbänden“ gegeben.

 Immerhin hat der Kreml, in Person des Vorsitzenden der Partei Einiges Russland, Boris Gryslow, diesmal schnell reagiert und die Idee Stalinportraits aufzuhängen, für wenig gut befunden. Schärfer waren die Kommentare von MenschenrechtlerInnen. Ludmila Alexejewa meinte, das wäre etwa mit der absurden Idee vergleichbar, in Berlins Straßen Hitlerbilder zur Schau zu stellen. Arsenij Roginskij, Vorsitzender von Memorial verkündete einen Vorschlag zur Güte: Wenn man schon Portraits von Stalin austellte, dann aber mit der ganzen Wahrheit über den Diktator: „Man muss über sein Rolle im Krieg sprechen, über seine grausamen Befehle, über die überflüssigen und unsinnigen Verluste von Millionen Menschenleben, die unsere Armee zu beklagen hatte, damit Stalin seine politischen Ziele erreichen konnte.“

 

 

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