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Sowjetisch gegen antisowjetisch – historischer Schaschlyk-Streit in Moskau

Es gibt ein paar Sachen, die sind sehr russisch. Die Datscha gehört dazu, die Banja, die russische Sauna (nur besser!), und auch das Schaschlyk danach. Sommers wie winters grillen im ganzen Land Hammel, Schwein oder Huhn an langen Spießen, für die man in Deutschland einen Waffenschein bräuchte. Eine „Schaschlytschnaja“ ist eine Art Schaschlykversorgungsstelle, eine Schaschlyk-Imbißbude für Städter. Hier kann man frisch gegrilltes Schaschlyk zum sofortigen Verzehr oder auch zum Mitnehmen erwerben. Eine solche Schaschlytschnaja steht am Moskauer Leningrader Prospekt, gleich außerhalb des Zentrums in der Nähe des Dritten Rings, am Weg nach St. Petersburg. Sie steht da schon lange, schon seit Sowjetzeiten. Sie steht einem luxeriösen Hotel, an dieser Prachtstraße im Stalinschen Architektrustil erbaut, gegenüber. Das Hotel hieß zu Sowjetzeiten „Sowjetskaja“ und heißt es heute noch immer. Im sowjetischen Volksmund hieß die Schaschlytschnaja gegenüber deshalb „Antisowjetskaja“, wie die benachbarten Inseln Paros und Antiparos in der Ägäis. Diesen Spitznamen kannte praktisch jeder in Moskau. Mit dem Ende der Sowjetunion geriet er ein wenig in Vergessenheit.

Nun erinnerte sich jüngst ein Geschäftsmann des Spitznamens und dachtt, der neuen kapitalistischen Zeit angemessen, das gebe doch gute Werbung. Doch was vor einigen Jahren noch als lediglich cleverer PR-Trick durchgegangen wäre, wurde nun zum Politikum. Alles fing einigermaßen harmlos an. Eine Gruppe „Veteranen“, das kannn in Russland alles heißen, von Kriegsveteranen aus dem Zweiten Weltkrieg bis zu verdienten „Arbeitern“ der Sicherheitsdienste, nahm an der Bezeichnung „Antisowjetkaja“ Anstoß und demonstrierte vor der Schaschlytschnaja. Die Bezeichung sei eine Beleidigung für ihre im Namen des Vaterlands (das eben damals Sowjetunion hieß) ertragenen Leiden und ihre heroische Verteidigung desselben. Sie müsse umgehend weg. Die Veteranen wandten sich an den zuständigen Bezirkspräfekten der Stadt Moskau. Der befand kurzerhand: Der Name muss weg. Juristische Feinheiten spielten keine Rolle. Der Schaschlytschnaja-Besitzer (seine Werbung hatte er ja schon), zeigte sich kompromissbereit und entfernte drei Buchstaben. Der Imbiss heißt nun „Asowjetskaja“. Entweder haben die protestierenden Veteranen wenig Lateinkenntnisse oder sie vertrauen darauf, dass die Moskauer sie nicht haben. Sie waren es zufrieden.

Soweit wäre das Ganze auch nahe der Moskauer Innenstadt kaum mehr als eine Provinzposse geblieben. Der Protest der Veteranen unklarer Provenienz empörte jedoch Alexander Podrabinjek, einen Dissidenten und Menschenrechtler langer, alter Schule. Podrabinjek saß in der Swojetunion im Lager, weil er gegen die Zwangseinweisungen von Unbotmäßigen Sowjetbürgern in psychiatrische Kliniken protestiert. Er gab 1977 einen Sammelband unter dem Titel „Strafende Medizin“ (Karatelnaja medizina) heraus und gründete zusammen mit anderen eine „Arbeitskommission zur Untersuchung der Nutzung der Psychiatrie zu politischen Zwecken“.

Alexander Podrabinjek veröffentlichte am 21. September einen Artikel in der Internetzeitschrift „Jezhenedelnyj Zhurnal“. Darin empörte er sich unter der Überschrift „Als Antisowjetischer Antisowjetischen…“ über den Veteranenprotest. Er warf den Protestierenden vor, sie hätten „den Patriotismus, die Liebe zum Vaterland und die Sorge um ihre Zukunft privatisiert“. Aber das sein ein sowjetischer Patriotismus, einem Land gegenüber, das die Schrecken der Kollektivisierung, des massenhaften Hungers und des großen Terrors zu verantworten habe. Die Veteranen regten  über den Begriff „antisojwetisch“ überhaupt nur auf, weil sie der Sowjetunion als „Aufseher in Lagern und Gefängnissen“ und als „“Henker auf den Erschießungsplätzen“ gedient hätten. Er endet mit der Feststellung, dass man „diejenigen, die gegen den Faschismus gekämpft haben, ehren muss. Aber nicht die Verteidiger der Sowjetmacht. Man muss das Gedenken derer ehren, die sich dem Kommunismus in der UdSSR entgegen gestellt haben. Sie haben die Freiheit in einem unfreien Land verteidigt.“

Diese dissidentische Phlippika nun rief die Jugendeinheiten des Kremls auf den Plan. Diese sogenannten „Naschi“ forderten von Podrabinjek, sich entweder zu entschuldigen und zeigten ihn wegen Beleidigung der Veteranen an. Sie meldeten eine Wahnwache vor dem Wohnhaus Podrabinjeks an – und bekamen sie natürlich prompt genehmigt. Ein Sprecher der „Naschi“ erklärte, man werde so lange dort vor dem Haus stehen, bis der Artikel öffentlich widerrufen sei oder aber den Autor aus dem Lande treiben. Für so einen gebe es keinen Platz in ihrem geliebten Russland. Podrabinjek versteckt sich inzwischen an einem unbekannten Ort und schrieb am 28. September seinen Blog im russischen Live Journal, diese Naschi-Proteste seien zwar harmlos. Dahinter ständen aber „ernsthafte Leute“, die ihm nun nach dem Leben trachteten, weshalb er die Kontakte mit der übrigen Welt „für einige Zeit ein wenig einschränken“ müsse.

Das alles war selbstverständlich Futter für die kreml-kontrollierten Fernsehprogramme. Sie berichteten ausführlich und parteiisch über Podrabinjek empört über die Sache, nicht ohne immer wieder darauf hinzuweisen, dass er ein Menschenrechtler sei, also einer zutiefst fragwürdigen Gruppe von Zeitgenossen angehöre. In Kommentaren verteidigten nun andere MenscherechtlerInnen, wie Ludmila Alexejewa von der Moskauer Helsinki Gruppe selbstverstöndlich Prodrabinjek gegen die Angriffe der Kremljugend, auch wenn den meisten, wie sie zu Protokoll gaben, seine Angriffe gegen die Veteranen etwas übertrieben vorkamen. Diese Verteidigungen nehmen nun kremlnahe Fernsehkommentatoren (wie zum Alexej Puschkow am Samtag Abend in seiner Sendung „Postskriptum“ im Moskauer Fenrsehkanal TV-Zentr) zum Anlass gegen die „vaterlandslosen“ Menschenrechtler und Demokraten zu hetzen.

Wem das alles absurd vorkommt, hat natürlich recht. Die Stimmung im Land aber, die diese und ähnliche Absurditäten wieder möglich, ja wahrscheinlich macht, sollte Besorgnis erregen.

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