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Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ – 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion

Das Ende der Sowjetunion sei „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ gewesen, lautet eine berühmte, vielleicht die berühmteste Behauptung des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Viele Menschen im Land hadern wie er damit, dass das russische Imperium in seiner letzten Form „Sowjetunion“ seit 25 Jahren der Geschichte angehört. Ende vorigen Jahres antworteten in einer Lewada-Umfrage 56 Prozent der Befragten, sie bedauerten das Auseinanderbrechen der Sowjetunion. 51 Prozent waren der Meinung, man hätte das verhindern können.

Interessanterweise haben sich die Zahlen seit 1992 kaum verändert. Damals waren diese beiden Fragen vom Lewada-Vorgänger „Allrussisches Zentrum zur Erforschung der Öffentlichen Meinung“ (WZIOM) erstmals gestellt worden, und 66 Prozent hatten den Zerfall der Sowjetunion bedauert, während 58 Prozent davon überzeugt waren, dass es auch anders hätte kommen können. In den sieben gleichen Umfragen zwischen 1992 und heute blieben die Zahlen mit leichten Schwankungen in dieser Bandbreite: 55 bis 75 Prozent bedauerten das Ende, 51 bis 65 Prozent fanden es unnötig. Es war und ist offenbar für viele Menschen in Russland (durchaus im Gegensatz zu Menschen in den anderen Staaten, die einmal Teil der Sowjetunion waren) weiterhin schwer zu verstehen und mitunter noch schwieriger zu akzeptieren, wie dieser (atom-)waffenstarrende Gigant, diese zweite Supermacht der Welt binnen weniger Jahre einfach so implodieren konnte. Viele Russinnen und Russen plagt bis heute das Gefühl (und manche die Gewissheit), dass das nicht mit rechten Dingen zugegangen ist (sein kann). 

Die Frage heute ist, was sich diese Menschen, die die Sowjetunion hätten retten wollen, unter ihr vorstellen. Was wollten sie retten? Welche Eigenschaften der Sowjetunion oder besser, welche Eigenschaften, die sie der Sowjetunion zuschreiben, wünschen sie sich heute für Russland? Mir scheint die Antwort auf diese Frage, warum sich so viele Menschen immer noch oder immer wieder mit einer gewissen Nostalgie an der Sowjetunion erinnern, vor allem zwei Aspekte zu haben. Der erste ist nach außen gerichtet und hat mit dem Gefühl zu tun, Teil eines großen, eines mächtigen, eines geachteten Landes zu sein oder sein zu wollen. Der zweite Aspekt ist ein eher innerer. Es geht um eine Sehnsucht, die in der einen oder anderen Form in den meisten Gesellschaften virulent ist: Die Sehnsucht nach einer „guten, alten Zeit“.

Wenn die Sowjetunion nicht hätte untergehen müssen und sollen oder ihr Untergang, wie Putin sagt, eine „Katastrophe“ darstellt, dann stellt sich zudem die Frage, was denn genau an ihr so erhaltenswert war. Für eine Mehrheit der Menschen in Russland war das, vereinfacht gesprochen und von heute aus gesehen vor allem ihre (große) Macht und der damit verbundene Status in der Welt. Eine Großmacht zu sein, so hört man immer wieder in Gesprächen, kann man in vielen Artikeln lesen oder ständig in Fernseh- und Radiotalkshows hören, ist nach Meinung vieler Menschen in Russland eine Art natürliches Recht ihres Landes.

Mitunter wird dieses Recht historisch begründet. Einerseits durch die Fähigkeit Russlands, sich so auszudehnen, wie es das seit dem 15. Jahrhundert getan hat. Wer das geschafft habe, heißt es dann oft, sei ein starkes Volk, das eben deshalb einen besonderen Platz unter den Völkern dieser Erde einnehmen müsse. Andererseits wird der Großmachtstatus Russlands, seine als besonders angegebenen Sicherheitsbedürfnisse immer wieder mit den „Leiden“ gerechtfertigt, die „das russische Volk“ über die Jahrhunderte habe ertragen müssen. Ständig seien in der Geschichte von allen Seiten Feinde in das russische Kernland eingefallen und nur unter größten, gemeinsamen und hohen Blutzoll fordernden Anstrengungen sei es gelungen, sie wieder zu vertreiben. Die Reihe dieser Überfälle reicht von den „tatarischen Horden“ über Napoleon bis zum nationalsozialistischen Deutschland im Zweiten Weltkrieg. All das hat einen besonderen Platz in der nationalen Erinnerung. Die Tributpflicht den Tataren gegenüber wird als „Joch“ bezeichnet. Der Krieg gegen Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts heißt im innerrussischen Diskurs „Vaterländischer Krieg“, der gegen Deutschland in der Mitte des 20. Jahrhunderts „Großer Vaterländischer Krieg“. 

Mit sehr viel Gespür und Können dient Wladimir Putins diesen Ansichten und Gefühlen und bedient sich ihrer gleichzeitig. Er nennt das „Russland von den Knien wieder aufrichten“. Dabei nährt diese Politik systematisch ein weit verbreitetes Gefühl der Unsicherheit und derBedrohung von außen, die es angeblich notwendig machen, möglichst viel des Raumes, der einmal zur Sowjetunion gehört hat, wieder unter direkte oder zumindest indirekte russische Kontrolle zu bekommen. Für die Notwendigkeit dieser Raumbeherrschung werden meist zwei Gründe angegeben. Zum einen diene der Raum als eine Art Sicherheitspuffer, ohne den eine Land(groß)macht wie Russland ohne klare geographische und geologische Grenzen nicht sein könne (Maxim Trudoljubow hat das einmal als immer weiter vom Kreml entfernte konzentrische Verteidigungsringe beschrieben). Zum anderen sei dieser Raum durch Russland und die Russen historisch geprägt und „gehöre“ damit zu Russland gehöre (ich bin darauf in diesen Notizen unlängst in Bezug auf die Diskussion um ein „russländisches Volk“ eingegangen). Der Zerfall der Sowjetunion wird in dieser Sichtweise schnell vor allem zu einem Sicherheitsproblem, und er wird oft als Werk äußerer Feinde dargestellt.

Diese Debatten sind in Russland nicht neu. Es hat sie mit mehr oder weniger Intensität seit dem Ende der Sowjetunion immer gegeben. Aber spätestens seit dem Frühjahr 2014, seit der Annexion der Krim und dem Krieg in der Ostukraine mit den Fantasien eines „Neurussland“ (Noworossija) an der Schwarzmeerküste ist die Diskussion über das Ende der Sowjetunion keine historische mehr, sondern erneut eine höchst aktuelle.

In einer Mitte Januar veröffentlichten Umfrage der „Stiftung Öffentliche Meinung“ (FOM), einem der großen russischen Umfrageinstitute, stimmten 86 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass das Ausland sich vor Russland fürchte. 75 Prozent gaben an, das gut zu finden. Vor einigen Wochen bin ich mit der Frage „Wofür Russland geachtet werden will?“ schon einer ähnlichen Spur nachgegangen. Eine Umfrage des Lewada-Instituts hatte ergeben, dass das nach Meinung von mehr als der Hälfte der Befragten die „militärische Macht“ Russlands sei und seine (im russischen Sprachgebrauch meist „unsere“) Atomwaffen.

Nun zum zweiten Aspekt, der Sehnsucht nach einer „guten alten Zeit“. Beim Beschreiben dieser Sehnsucht kann ich mich weit weniger auf Umfragen stützen als ich das bisher gemacht habe. Das Folgende ist deshalb viel mehr eine Wiedergabe der (meiner) Essenz des in vielen Gesprächen immer wieder Gehörtem darüber, wie gut (besser) es in der Sowjetunion war, so gut, dass die Gesprächspartner es sich oft sparen, die heutige, natürlich viel schlechtere Gegenwart dagegen zu stellen. Das sieht dann, zugegeben hier sehr gerafft und vereinfacht zusammengefasst, etwa so aus:

In der Sowjetunion gab es so gut wie keine Alltagskriminalität. Wohnungen mussten nicht verschlossen werden, die Wohnungsschlüssel wurden unter die Fussmatte gelegt und die Wäsche konnte gefahrlos auf dem Hof aufgehängt werden, ohne schon nach Kurzem verschwunden zu sein. Jeder im Treppenhaus kannte jeden, und wenn einmal Salz oder Eier fehlten, ging man einfach zu den Nachbarn und die halfen selbstverständlich aus. In den Bussen oder der Metro standen die Menschen auf und boten älteren Menschen, schwangeren Frauen oder Weltkriegsveteranen ihre Plätze an. Am Eingang der Geschäfte brauchte man keine Wachleute, um Ladendiebstahl zu verhindern.

Die (Aus-)Bildung war selbstverständlich umsonst und gehörte zu den besten der Welt, wenn sie nicht gar die beste überhaupt war. Arbeitslosigkeit gab es nicht und jeder bekam einen Arbeitsplatz in seinem erlernten Beruf. Für Kinder gab es überall kostenlose Sportvereine, im Sommer Pionierlager und Sanatorien. Wenn jemand krank zum Arzt kam, wurde er oder sie kostenlos behandelt und wenn nötig auf Staatskosten in ein schickes Sanatorium auf Kur geschickt, auf die Krim, an die Ostsee oder in den Kaukasus.

Überhaupt: Kaukasus. Dort gab es weder Terrorismus, noch Drogen, sondern eben Kurorte mit dem besten Mineralwasser der Welt. An der Ostsee, in Lettland, marschierten keine ehemaligen SS-Angehörigen (wie heute angeblich ständig), sondern dort wurden Radios und Kleinbusse in hoher Qualität hergestellt. Und in der Ukraine (unserer Ukraine!) gab es anstelle von Bandera-Anhängern mit Hakenkreuzen und Faschisten auf dem Maidan und in der Regierung endlose Getreidefelder und weltweit führende Weltraumtechnologie (abgesehen von der Krim, die schon damals nicht wirklich mit der Ukraine in Verbindung gebracht wurde).

Polizisten waren in der Sowjetunion nicht geldgierig und korrupt, sondern, fast wie in Deutschland, dein Freund und Helfer. Und wenn sie geholfen hatten, legten sie die Hand an die Schirmmütze und verabschiedeten sich höflich und freundlich. Wer heiratete, bekam vom Staat eine Einzimmerwohnung und wenn das erste Kind da war, wurde daraus schnell eine Zweizimmerwohnung. Im Fernsehen gab es nicht ständig Leichen, Prostituierte, Drogenabhängige und andere Widerwärtigkeiten zu sehen und auch keine schlechten Fernsehshows, sondern hochwertige Filme mit klarer moralischer Aussage, sowjetischen Helden und ganz viel Kultur. In der Sowjetunion gab es keine Inflation, sondern Sicherheit. Man musste keine Preise vergleichen, denn die Preise waren überall gleich. Die Löhne und Gehälter waren zwar nicht hoch, aber zum Leben reichte es, die Unterschiede waren klein und zudem wurden die Löhne jedes Jahr ein wenig erhöht.

Nun sollte man nach dieser Erzählung vom angeblich so guten und sorglosen Leben in der Sowjetunion nicht denken, die Leute in Russland wären dumm. Nein, auch sie wissen, dass die Sowjetunion kein Paradies war. Man muss nur ein wenig nachfragen und schon tauchen auch viele negativen Seiten aus dem Dunkel der Erinnerung auf. Es gab mehr oder weniger klare Grenzen, was möglich war und was nicht, was erlaubt war und was nicht. Die Geschäfte waren oft leer und viele Waren kaum oder nur in schlechter Qualität zu bekommen. Natürlich gab es Korruption. Natürlich gab es den KGB und die Kommunistische Partei. Natürlich gab es die geschlossenen Grenzen. Natürlich gab es viele Verbote, ausgesprochene und unausgesprochene. Und viele erinnern sich auch an den stalinistischen Terror. Doch der Vergleich zu heute wird nicht mit der Stalinzeit gezogen, sondern mit der späten Sowjetunion, der Sowjetunion der 1970er und der frühen 1980er Jahre. Das war eine Zeit, in der Menschen, die sich ein wenig anpassten, tatsächlich mehr oder weniger vom Staat in Frieden gelassen wurden. Politische Verbote gab es immer noch viele, aber die direkte politische Verfolgung war eben kein allumfassender Terror mehr, wie noch eine Generation zuvor. Im Vergleich konnten viele Menschen also aufatmen. Auch materiell können diese 15 bis 20 Jahre durchaus als das silberne (wenn schon nicht goldene) Zeitalter der Sowjetunion bezeichnet werden. Wenn in Russland glückliche, sorglose Urlaubs- oder Familienfotos gezeigt werden, vom Strand, von der Datscha oder einer Tour durch Sibirien, dann stammen sie oft aus dieser Zeit.

Wohl auch deshalb wird heute in Russland in der Rückschau das Leben in der Sowjetunion selten unter dem Aspekt von eingeschränkter Freiheit betrachtet. Viel mehr steht, auch und besonders im Vergleich zur heute unvergleichlich größeren Freiheit, eher das Behütende, Betreuende im Vordergrund. Man könnte diese Erinnerung (bei Nostalgien nicht selten) auch eine Art Selbstinfatilisierung nennen. Die Sowjetunion wird darin zu einem riesigen Kinderzimmer. Der sowjetische Staat tritt an die Stelle der Eltern. Er legt die Regeln fest und straft auch bei Übertretung. Nicht immer ist er gerecht, aber wer ist das schon. So sind Eltern eben, für Kindern letztlich unhinterfragbar. Denn sie kümmern sich ja. Im Kinderzimmer ist die Welt immer in Ordnung. Unordnung bricht nur von außen herein. Und in der Erinnerung vieler Menschen schützte der sowjetische Staat gut vor diesem Außen. Er nahm den Menschen die größten Lebenssorgen ab. Er war, um im Bild zu bleiben, zwar autoritärer Vater, aber eben auchErnährer.

Die heutige Freiheit, in der die Menschen für sich selbst sorgen müssen und vom (russischen) Staat, der seine Daseinsschutzfunktionen entgegen aller staatlicher Rhetorik kaum noch wahrnimmt, weitgehend alleine gelassen werden, erscheint Vielen im Vergleich gefährlich, schmutzig und unendlich anstrengend. Sie fühlen sich buchstäblich allein gelassen, mitunter unnütz, nicht (mehr) gebraucht. Diese Menschen sehnen sich in eine imaginierte Welt zurück, in der jeder und jede (ihren/seinen) Platz hatte, in der der Staat sich kümmerte (und sei es um ideologische Zustimmung). Zudem wird in Russland die heutige Freiheit sehr oft nicht als wirkliche Freiheit empfunden, also als eine Freiheit, mit der man etwas anfangen kann, sondern vor allem als die Freiheit der Mächtigeren oder Rücksichtsloseren (als man selbst) zu machen was sie wollen. Freiheit ist für viele Menschen heute ein Synonym für Willkür.

Dazu passt, dass die gleichen gut 80 Prozent der Menschen, die heute in Umfragen angeben, Wladimir Putin zu unterstützen, auch sagen, dass sie keinerlei Einfluss auf die Politik haben. Auch die (nüchtern und von außen gesehen) oft naiv wirkende Hoffnung auf einen guten Präsidenten, der, wenn er nur wüsste und könnte, all den Bösewichten den Garaus machen, den korrupten Beamten das Handwerk legen und den auswärtigen Feinden zeigen wird, dass mit Russland nicht zu spaßen ist, hat hier ihre Wurzeln.

Zum Schluss: Wenn die Erinnerung an die Sowjetunion nun so viele wärmende und bedauernde Gefühle hervorruft, wie sieht es dann mit dem Wunsch aus, zu einem ähnlichen System zurück zu kehren? In der oben bereits zitierten Lewada-Umfrage vom vorigen Dezember sprachen sich 58 Prozent der Menschen für eine Wiederherstellung der Sowjetunion aus. Allerdings glaubten nur 14 Prozent, dass das realistisch wäre, während 44 Prozent, derer, die die Sowjetunion wieder haben wollen, nicht daran glaubten, dass ein Zurück zur Sowjetunion möglich sei. Mit 31 Prozent sprach sich immerhin ein Drittel der Befragten strickt gegen eine Rückkehr zum sowjetischen System aus.

25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion gibt es in Russland wenig Hoffnung auf die Zukunft. Der wirtschaftliche Aufschwung in den 2000er Jahren wirkt aus heutiger Sicht wie ein Strohfeuer. Er hat gewärmt. Man möchte ihn nicht missen und möglichst nicht mehr sehr weit hinter dieses Niveau materiellen Wohlstands zurück. Auch wenn er nur für eine recht schmale großstädtische Mittelschicht tatsächlich das Wort „Wohlstand“ verdient, für die meisten Menschen im Land aber kaum mehr als Nicht-Armut war, so war doch gerade diese Nicht-Armut nach dem tiefen Fall der 1990er Jahre ein wirklicher und Wladimir Putin zugeschriebener Fortschritt. Nun aber ist das Land schon seit 2008/2009 in einer mit kleineren Aufs und größeren Abs anhaltenden Krise. Ein Ende der Krise ist trotz aller Versicherungen der Staatsführung nicht abzusehen. Sie bietet dem Land, sozusagen im Austausch, eine Wiederkehr gewesener Größe. „Make America great again“, der Trump-Slogan, hört sich in Russland wie eine hollywoodsche, weil ein wenig enthusiasmierte Übersetzung von Putins „Russland wieder von den Knien erheben“ an. Er ist rückwärtsgewandt und erzählt vom vorausgegangenen Verfall. Er erzählt aber auch von einer (angeblich oder tatsächlich) guten Vergangenheit. Die zugänglichste, weil nächste und damit die geeigneteste Vergangenheit dafür ist in Russland die späte Sowjetunion. 

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