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Wofür Russland „geachtet“ werden will

Die Stellung Russlands in der Welt ist sowohl den Menschen im Land insgesamt als auch speziell der politischen Führung sehr wichtig. Russland ist ein sich selbst unsicheres Land (siehe hier), ein Land, das „geachtet“ werden will. Insbesondere die USA, ja der „Westen“ insgesamt (verstanden als die demokratischen und wirtschaftlich entwickelten Länder, von denen die meisten in Europa und Nordamerika liegen), sind der Maßstab vielleicht nicht aller, aber der wichtigsten Dinge. Dieser Maßstab ist eine Sache. Eine andere Sache sind die Vorstellungen davon, was einem Land im Allgemeinen und Russland im Besonderen in den Augen der Menschen in Russland diese „Achtung“ verschafft.

Alexej Lewinson und Ljubow Borosjuk vom Lewada-Zentrum haben jüngst in einem Artikel in der Tageszeitung RBK diese Einstellungen zusammengefasst und sind zu (zumindest auf den ersten Blick) durchaus erstaunlichen Ergebnissen gekommen.

Zuerst zu den allgemeinen Einstellungen. Das Lewada-Zentrum fragte die Menschen, was aus ihrer Sicht, ganz abstrakt gesprochen, einem Land in der Weltgemeinschaft Ansehen verschaffe. Nicht ganz unerwartet landeten die Antworten „die Menschen leben dort (materiell) gut“ und ein Land habe eine „hochentwickelte Wirtschaft“ auf den Plätzen eins und drei. Zusammen machten sie knapp die Hälfte der Antworten aus. Auch die Menschen in Russland wollen, so sieht es aus, in erster Linie gut leben. Dazwischen aber, auf Platz zwei landete die Antwort, ein Land werde dann besonders geachtet, wenn es „militärisch mächtig“ sei und über Atomwaffen verfüge. Alle anderen Antworten wurden nur jeweils von einer kleinen Minderheit der Befragten gewählt. Weder die hohe Kultur, auf die so viele Menschen in Russland immer wieder mit Stolz verweisen, noch ein entwickeltes Bildungssystem scheinen zu ihren Prioritäten zu gehören. Soweit das allgemeine Ergebnis.

Interessant ist es aber schon hier, sich anzuschauen, welche Unterschiede sich bei den Antworten zwischen Männern und Frauen ergeben. Während Frauen ganz überwiegend und, wie es scheint, sehr lebenspraktisch, auf ein gutes Leben und eine gute Wirtschaft setzen, liegt bei den Männern das militärische vorn.

Nun zum konkreten, zur Frage also, wofür nach Meinung der Menschen in Russland ihr Land heute in der Welt geachtet wird. Hier gewinnen die Männer. So wie fast die Hälfte der Befragten abstrakt meinen, ein gutes Leben und eine entwickelte Wirtschaft seien gut für das Ansehen eines Landes, meint konkret auf ihr Land, auf Russland bezogen ebenfalls eine knappe Hälfte, vor allem das Militär und die Atomwaffen sorgten für fremde Anerkennung. Die Wirtschaft und das gute Leben schaffen es bei der konkreten Frage nach Russland nicht einmal unter die ersten drei der am häufigsten gegeben Antworten. Am zweithäufigsten wurde der russische Reichtum an Rohstoffen, an dritter die schiere geographische Größe des Landes genannt. Übrigens waren sechs Prozent der Befragten der Meinung, Russland komme in der Welt überhaupt keine Achtung zuteil. Das fanden Unternehmer und Menschen in Führungspositionen weit häufiger als alle anderen. Auch in der konkreten, auf Russland bezogenen Frage, landeten Kultur und Bildung ganz hinten auf den Plätzen.

Lewinson und Borosjuk fassen die Ergebnisse ihrer Studie, zugegebenermaßen zugespitzt-polemisch, so zusammen: „Ein riesiger Raum mit Atomraketen und Ölfördertürmen, das ist das Bild von Russland, das nach Meinung seiner Bewohner in der umgebenden Welt Achtung hervorruft.“

Ich stelle mir nun sofort die Frage, ob sich so weitgehende Schlüsse tatsächlich aus solch einer Umfrage ziehen lassen. Die Antwort darauf fällt gemischt aus. Zuerst der skeptische Teil. Das Lewada-Zentrum operiert mit dem Begriff der Achtung (russisch: „uwaschenije“). Das sieht auf den ersten Blick vernünftig aus. Achtung ist auch im Russischen meist mit dem Respekt vor einer erbrachten (Lebens)-Leistung verbunden. Große Wissenschaftler werden geachtet, auch Schriftsteller, Schauspieler und bildende Künstler können Achtung genießen, Militärs und Geheimdienstler (vor allem wieder im „Kampf an der unsichtbaren Front“) werden geachtet, Politiker schon weniger und Unternehmer liegen auch (oder gerade) 25 Jahre nach dem Ende der sowjetischen Planwirtschaft ganz unten am Ende der Achtungstreppe, ebenso wie Polizisten.

Das Wort Achtung hat allerdings noch eine andere Konnotation. Achtung flößt derjenige ein, der stärker ist, der auch bereit ist, diese Stärke einzusetzen, vor dem man Angst hat oder haben muss. Hierher gehört auch die in Russland häufig gehörte, eher in Unterschichten oder Subkulturen wie der Verbrecherwelt verbreitete und in anderem Zusammenhang in diesem Blog bereits erläuterte Frage „achtest Du mich?“ (russisch: „Ty menja uwaschajesch?“), bei der der Fragende implizit immer unterstellt, dass genau das nicht der Fall ist. Bei dieser Frage geht es vor allem um Über- und Unterordnung, die wesentlich über Gewalt oder (glaubwürdige) Gewaltandrohung vermittelt wird. Es könnte also gut sein, dass sich viele der in der Lewada-Umfrage Befragten, vor allem die Männer (die Achtungsfrage ist ohnehin eine eher männliche Angelegenheit), mehr an dieser Wortbedeutung orientiert haben als an Achtung für Lebensleistung. Das würde den hohen Stellenwert, der in der Lewada-Umfrage dem Militär im Allgemeinen und der nuklearen Bewaffnung im Speziellen zugemessen wurde, zumindest teilweise erklären.

Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt. Entgegen allen Schwankungen, die das Ansehen der EU und der USA in Russland in den vergangenen gut 15 Jahren (also seit Wladimir Putin erstmals im Jahr 2000 Präsident wurde) immer wieder durchlitten hat, gibt es bis heute eine ungebrochene „Basisidentifizierung“ (wie es Lewada-Chef Lew Gudkow nennt) der Menschen in Russland mit dem Westen oder besser gesagt, mit dem, wofür der Westen bei ihnen im Wesentlichen (immer noch) steht: wirtschaftliches Wohlergehen, ein einigermaßen sicheres, vor allem aber zumindest in Maßen voraussagbares Leben und einen funktionierenden Rechtsstaat. Es ist zwar nicht ganz klar, ob das nach der durch die Krimannexion und den ultrakonservativen Schwenk innerhalb Russlands markierten Zeitenwende immer noch gilt. Doch es sieht gar nicht schlecht aus. Denn einer ganz frischen Umfrage des Lewada-Zentrums zufolge ist die Zahl der Menschen im Land, die sich wünschen, die Beziehungen zum Westen wieder „in Ordnung zu bringen“, zwischen Juli 2015 und heute von 50 auf 71 Prozent gestiegen. Sie liegt damit nicht mehr weit unter dem Allzeithoch von 76 Prozent, das im März 2000 erreicht worden war.

Ein anderer Schluss aus den oben geschilderten Umfrageergebnissen könnte sein, dass die Utopie von einem besseren Leben, die der Westen in ihren Augen offenbar immer noch darstellt, vielen Menschen in Russland inzwischen als so unerreichbar scheint, dass sie ihn als Lebenskonzept lieber negieren, denunzieren und die eigenen Unzulänglichkeiten auf ihn übertragen. Diese psychologische Schutzreaktion gegen schmerzliches Scheitern gebiert eine Art Trotz: Obwohl wir wissen, dass das Leben dort besser ist, wollen wir gar nicht dorthin, weil wir, selbst wenn wir wollten, ohnehin dorthin zu gelangen nicht fähig wären. Die staatliche Propaganda treibt dieses Spiel seit einiger Zeit sogar noch weiter, indem sie das gute Leben im Westen grundsätzlich als Fiktion hinstellt. Wahlweise behauptet sie, das gute Leben im Westen habe es so nie gegeben, sei nur Ausfluss westlicher Propaganda gewesen, oder sie stellt den Westen als untergehende Lebensform dar.

Eine Sonderstellung nimmt das Verhältnis der Menschen in Russland zu den USA ein. Die USA sind (und bleiben auf absehbare Zeit) das Maß aller Dinge, das Maß, an dem sich Russland und die Russen messen. Das Ergebnis dieser Messung fällt aber schon seit langem fast überall zu Ungunsten Russlands aus (wenn man mal vom Mythos des in den Tiefen seiner „1000-jährigen Geschichte“ wurzelnden russischen „Kulturvolkes“ gegenüber der historisch etwas flachbrüstigen US-amerikanischen „Krämernation“ absieht). Außer in einem Bereich: der atomaren Parität. Wenn man aber nur hier konkurrenzfähig ist, liegt es nahe, genau diese Fähigkeit besonders wertzuschätzen oder zumindest zu behaupten, dass man sie höher einschätzt als das gute Leben.

Die Frage, ob nun die staatliche Politik und Propaganda auf diese Einstellungen reagiert oder sie umgekehrt erst hervorbringt, simplifiziert gesellschaftliche und politische Prozesse. Es dürfte vielmehr so sein, dass sich politische (Machterhaltung-)Interessen und das Bedürfnis weiter Bevölkerungsteile, sich von der Last der Verantwortung für all das, was schief geht im Land, fern zu halten eine enge Verbindung miteinander eingegangen sind. Alexej Lewinson hat das in einem anderen Artikel in der Moscow Times unter der Überschrift „How Ultraconservatism Became the Russian Elite’s Chosen Path“ auf den folgenden Nenner gebracht: „Almost no one is willing to admit that Russia is backward. So instead we are asked to imagine ourselves on a special path, with no one for company.“ Nicht nur das erinnert heute in Russland an einen Gemütszustand, der auch im Deutschland der 1930er Jahre vorherrschend war. Ich weiß, dass dieser Art Geschichtsvergleiche immer gefährlich und immer schief sind. Aber die psychohistorischen Parallelen sind mit Händen zu greifen.

In Russland bestimmen seit einigen Jahren drei ideologische Elemente die staatliche Politik, die, erneut in Umfragen, von einer sehr großen Mehrheit der Menschen mitgetragen wird (ohne dass ich jetzt hier den Wert solcher Umfragen unter den Bedingungen eingeschränkter Presse- und Meinungsfreiheit diskutieren möchte):

  1. Die Idee einer (durch den Westen) gedemütigten und zugleich geteilten Nation (gemeint sind die ethnischen Russen, die sich nach dem Ende der Sowjetunion als Bürger eines nicht-russischen oder aber nicht-russländischen Staates wiederfanden).
  2. Ein geopolitischer Darwinismus, der die Welt als einen Ort ständigen Überlebenskampfes beschreibt und begreift.
  3. Ein Neotraditionalismus (Lewinson nennt ihn „Ultrakonservatismus“), der vor allem (aber nicht nur) einen rhetorischen Versuch darstellt, aus der (als westlich verunglimpften und als westlich empfundenen) Moderne mit all ihren Zumutungen wieder auszusteigen.

Alle diese Element finden sich auch im Westen. Aber im Westen gibt es auch ein Geflecht von stabilen und lang bewährten demokratischen und politischen Institutionen, die eine große, wenn auch (wie zuletzt der Wahlsieg von Donald Trump gezeigt hat) durchaus nicht immer sichere Gewähr dafür bieten, mit diesen Herausforderungen fertig zu werden. In Russland gibt es all das nicht. Die oben geschilderte Flucht in militärische Machtphantasien ist so gesehen auch ein Versuch, sich eine einfache Lösung für schwierigste Problem zurecht zu legen.

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