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Vom Imperium zur Nation und (nie) wieder zurück

In den vergangenen Wochen ist viel die Rede davon, welchen Beitrag die Ukraine-Krise für die Nation-Werdung dieses in jeder Hinsicht noch jungen und suchenden Staates leisten kann. Im Gegensatz dazu scheint es für Russland, als Nationalstaat ebenso jung, in die umgekehrte Richtung zu gehen. Weg vom (von vielen als „erzwungenen“ oder gar „aufgezwungenen“ empfundenen) Nationalstaat, hin zur Restaurierung des verlorenen Imperiums. Die daraus abgeleiteten Diagnosen fallen, je nachdem, triumphierend-euphorisch bis resignierend-traurig aus. Aber vielleicht ist die Blickrichtung falsch? Vielleicht macht es viel mehr Sinn, die Vorgänge in Russland ebenso wie in der Ukraine als Nationalstaatsbildungswehen zu betrachten? Als eine noch schwerere Geburt sozusagen.

Davon ausgehend erlaube ich mir heute einmal, ein wenig zu träumen. Das scheint mir auch angesichts des aller Orten überbordenden Pessimismus durchaus angemessen. Wenn ich den Riesenstrom der Wortmeldungen (ich meine hier insbesondere die kleinen, suchenden, gesprächsweise in Facebook und Co. geposteten, weniger die großen, wissenden, als Essay, Kommentar oder gar Aufruf daher kommenden) Revue passieren lasse, fällt mir besonders auf, wie sehr wir doch alle an die inzwischen schon berühmt-berüchtigte Pfadabhängigkeit in der Entwicklung von Gesellschaften glauben.

Entsprechend resignieren und verzweifeln die einen, weil sie sehen (oder zu sehen glauben), dass das Land erneut auf die immer gleichen in seiner Geschichte herumliegenden Harken tritt und der Stiel so heftig vor die Stirn schlägt, dass klarer Blick und Urteilsvermögen hinter einer tiefen Benommenheit verschwinden. Die anderen dagegen sehen das Land durch Putin gerade aus dieser Benommenheit erwachen, den klaren Blick zurück zu gewinnen. Für sie ist Russland fünfundzwanzig lange Jahre vom richtigen Pfad abgewichen und kehrt nun endlich auf ihn zurück. Das Ergebnis ist dasselbe, nur die Bewertung ist unterschiedlich: Imperium zu sein ist Russlands Schicksal.

Im Motto dieses Blogs (rechts oben auch neben diesem Artikel) steht dazu der Satz: „Russland war Jahrhunderte lang Imperium und muss nun, eher unwillig, Nationalstaat werden.“ Das ist ein durchaus bewusst gewählter Imperativ. Russland muss, will aber nicht (so richtig). Aus diesem Satz spricht mein hemmungsloser Geschichtsoptimismus (der aber natürlich in die Irre führen kann, wenn man ihm blind folgt).

Ich bin also überzeugt, dass es keine Wiederkehr des Imperiums gibt. Auch Russland muss den bitteren Weg der Nationalstaatswerdung gehen. Es gibt keine Abkürzung. Es gibt nur mehr oder weniger schmerzhafte Wege, mehr oder weniger gewaltvolle, mehr oder weniger blutige.

Das Grundproblem jeder Nationalstaatsbildung ist das der Grenzen. Was wird eingeschlossen? Wer wird eingeschlossen? Was muss draußen bleiben? Wer gehört im Inneren dazu? Am Ende der Sowjetunion wurden diese Fragen, obwohl es von den Nationalismen der Peripherie vorangetrieben wurde, in Russland weitgehend ausgeblendet. Das war, besonders im Lichte der Ereignisse bei der Auflösung des Miniimperiums Jugoslawien, eine sehr weise Entscheidung. Auch die Verfassung von 1993, noch heute gültig, greift die Frage nicht auf. Dort ist in der Präambel von einem „multinationalen Volk“ die Rede. Immerhin stehen die Grenzen fest. Oder besser, sie standen fest.

Das Grundproblem zu lösen war also aufgeschoben (worden), aber eben nicht aufgehoben. Das kann, die EU hat daraus eine Methode gemacht, durchaus sinnvoll sein, wenn sich Probleme aktuell nicht lösen lassen oder nur um einen zu hohen Preis lösen lassen. Man sollte nur nie der Illusion verfallen, das Problem sei damit weg.

Andere europäische Kolonialreiche der Neuzeit (England, Frankreich, Spanien, die Niederlande) hatten gegenüber dem Russischen Imperium und der späteren Sowjetunion einen Vorteil. Ihr Mutterland befand sich auf einem anderen Kontinent als ihre Kolonien. Zudem war das Mutterland in der Regel schon zu Imperiumszeiten als Nationalstaat organisiert. Russlands Kolonien aber schlossen sich direkt an das Mutterland an, so direkt, dass bis heute höchst umstritten ist, wo das Mutterland aufhört und die (ehemaligen) Kolonien anfangen (ebenso ist, vor allem in Russland, deswegen auch umstritten, ob es sich überhaupt um Kolonien gehandelt hat).

Zwei Dinge bleiben also bis heute und für die nächste Zukunft prekär: Die Frage nach den – endgültigen – Grenzen Russlands und, damit eng zusammenhängend, die Furcht vor dem weiteren Zerfall des Landes. Es gibt, im Gegensatz zu den ehemaligen westeuropäischen Kolonialmächten,  kein geographisch ausreichend klar definiertes Mutterland, das als natürlicher Endpunkt einer Deimperialisierung akzeptabel wäre.

Diese Unsicherheit des Landes über sich selbst ist die größte Gefahr. Sie treibt auch die neoimperialistischen Phantasien an. Russland könnte wieder größer werden. Wahrscheinlicher aber ist, dass die gegenwärtige Aggression, eine Aggression aus Angst und Schwäche eher denn aus Selbstbewusstsein und Stärke, den weiteren Zerfall auslöst.

Momentan leben wir, um noch einmal auf die Frage nach der vorherrschenden Realität zurück zu kommen, in Putins Welt. Nicht, weil Russland recht hat oder weil es stärker ist als der Westen, sondern weil, wie Ivan Krastev richtig schreibt, Putin die Initiative übernommen hat: „Putin is ‚wild‘ while the West is ‚wary‘“. In Russland aber, das weiß jeder, wird Initiative bestraft.

 

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