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Putins Milliarde – oder warum der russische Präsident es immer wieder mit der Wahrheit nicht so genau nimmt

Es ist wieder passiert, gleich mehrfach. Im November log Wladimir Putin Angela Merkel im Kreml ins Gesicht, Pussy Riot sei an „antisemitischen Aktionen“ beteiligt. Schon damals stellten sich viele die Frage, ob Putin nun schlecht informiert war oder bewusst (und unverschämt) gelogen hat. Und nun, im ARD-Interview schon wieder. Gleich ein paar Mal:

  • Insgesamt 654 russische NGOs hätten allein in den vergangenen vier Monaten knapp eine Milliarde US-Dollar aus dem Ausland erhalten;
  • die „NGO-Prüfungen“ seien etwas ganz Normales, sozusagen Alltägliches und verliefen streng nach Recht und Gesetz;
  • das sogenannte NGO-Agentengesetz diene ausschließlich der Transparenz, die vorher nicht gewährleistet gewesen sei;
  • die USA hätten das gleiche Gesetz mit dem FARA Act von 1938.

Man könnte die Liste fortsetzen, aber es geht mir hier nicht um Vollständigkeit. Ich möchte weiter unten anhand zweier Beispiele zeigen (der Milliarde und der angeblichen bisherigen Intransparenz), dass Putin die Unwahrheit sagt. Doch zuerst zur Frage: Lüge oder Lapsus?

Mit Sicherheit lässt sich diese Frage wohl nicht beantworten. Zumindest früher war Putin ein Faktenfreak, der seine Gesprächspartner öfter auch mit gutem Detailwissen an die Wand spielte. Das ist in letzter Zeit, besser gesagt seit er erneut Präsident ist, schlechter geworden. Mag sein, dass die Zeit zu guter Vorbereitung nicht mehr reicht. Vielleicht ist auch ein gewisser Hochmut hinzugekommen. Auch ein großer Teil der engen MitarbeiterInnen ist nicht mehr der gleiche wie früher. Es gibt eine ganze Reihe von Äußerungen, Putin sei auch deshalb schlechter beraten als früher, weil es nur noch Jasager in seiner engen Umgebung gebe. Der ehemalige Krmelberater Gleb Pawlowskij drückte das auf seiner Facebookseite einmal so aus: Niemand sei im Kreml mehr in der Lage (oder niemand wage mehr), Putin zur Seite zu nehmen und zu sagen „Wolodja, das solltest Du lieber nicht machen!“ Das ist die eine Seite.

Die andere ist weniger spekulativ. Schon lange handelt der Kreml propagandistisch nach dem Motto: „Irgend etwas wird schon hängen bleiben!“ Das ist auch die Hauptaufgabe des „NGO-Agentengesetzes“. Die Wirkung dieses Propagandatricks lässt sich sogar in Umfragen ablesen. Die Zahl der Menschen in Russland, die bei NGOs an „Feinde“, „Spione“ oder ähnlich unangenehme Dinge denken, hat sich seit dem vergangenen Sommer verdoppelt. Ähnlich dürfte die Überlegung bei der Pussy-Riot-Antisemitismus-Äußerung vom Herbst gewesen sein. Und nun wieder bei der angeblichen Milliarde US-Dollar aus dem Ausland für NGOs. „Eine Milliarde“ klingt griffig, unheimlich viel und bleibt leicht im Gedächtnis.

Die NGOs werden nun überall erklären (müssen), dass das nicht stimmt. Dazu werden sie das nur im Internet oder in kleinen oppositionellen Zeitungen machen können. Die Putinsche Milliarde ging aber zur besten Fernsehzeit über alle großen Fernsehsender (die ARD eingeschlossen). Mit der Behauptung der Intransparenz der NGO-Finanzierung in Russland funktioniert es genau so. Das richtig zu stellen ist mühselig. Aber die mühseligen Mühen der Ebenen sind unser Metier. Also fangen wir an.

Natürlich ist die von Putin genannte Summe absurd hoch. Die russischen NGOs wären hocherfreut, ja sie würden geradezu jubilieren, hätten sie auch nur einen Bruchteil dieser riesigen Summe Geld zur Verfügung. Putin behauptet also, 654 russische NGOs hätten binnen der vier letzten 4 Monate knapp 1 Milliarde US-Dollar (28 Milliarden 300 Millionen Rubel) aus dem Ausland erhalten. Und zwar legal, also über Konten. Das wären auf das Jahr gerechnet 3 Milliarden Dollar, also pro NGO im Schnitt knapp 4, 6 Millionen Dollar (Korrigiert am 6.4., 16.53 Uhr. Danke an Christian Esch, der mich auf einen kapitalen Rechenfehler aufmerksam gemacht hat. JS) Im Jahr! Für jede! Allein das ist schon fantastisch. (Übrigens sagt Putin nichts darüber, in welchen Themenbereichen diese NGOs arbeiten. Es gibt u.a. viel Geld über UN-Organisationen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Soziales, Flüchtlinge, das aber meist zusammen mit regierungsnahen Organisationen ausgegeben wird).

Schauen wir uns nun aber als erstes nur die NGOs an, die, soweit ich das verstehe, unter die Putinsche Kategorie „mischen sich in Innenpolitik ein“ fallen könnten. Ich nehme als Beispiel Memorial, weil die Heinrich Böll Stiftung Memorial seit vielen Jahren unterstützt, wir alljährlich dort eine Wirtschaftsprüfung vornehmen lassen und uns mit den Memorial-Finanzen entsprechend gut auskennen. Das Jahresbudget von Memorial in Moskau (mit Ausnahme des Menschenrechtszentrums, die ein eigenes Budget haben) betrug 2009 einen knappe Million Dollar. Das ist im Übrigen auch im Memorial-Bericht an das Justizministerium nachzulesen, doch dazu unten mehr, wenn es um Transparenz geht.

2009 war, wohlbemerkt, noch bevor sich der größte private Geldgeber für NGOs in Russland (und damals auch Memorial), die Ford Foundation, im Zuge der Finanzkrise zurück zog. Es war auch vor dem Rauswurf von USAID im vergangenen Herbst. Nun mag es vielleicht noch eine Handvoll, maximal aber ein Dutzend NGOs in Russland geben, die mehr Geld bekommen als Memorial. Die große Masse muss mit (weit) weniger Geld auskommen. Die meisten unserer PartnerInnen (die ja unter Putins 654 NGOs sein müssen, weil sie offen und legal von der Heinrich Böll Stiftung, also ausländisches Geld bekommen) haben Budgets von meist weit unter 100.000 Dollar im Jahr.

Schauen wir uns nun einmal die Geberseite an: USAID (wie gesagt, im vergangenen Herbst rausgeflogen und in Putins Rechnung schon nicht mehr drin) hatte zuletzt ein Russlandbudget von rund 70 Millionen Dollar. Der größte Teil davon war aber technische Hilfe, die ganz unterschiedlichen russischen Regierungsagenturen, manchmal auch direkt Ministerien zu Gute kamen, alles auf der Basis eines im vergangenen Herbst von russischer Seite nicht mehr verlängerten Regierungsabkommens. NGOs aus ganz unterschiedlichen Sektoren (von Menschenrechte bis Soziales) bekamen zusammen weniger als ein Fünftel des USAID-Geldes. USAID war bei weitem die größte einzelne ausländische NGO-Finanzierungsquelle. Die EU gibt z.B. jährlich rund 5 Millionen Euro für NGOs über zwei Programme. Andere EU-Länder haben noch (immer kleiner werdende) Programme, darunter die Niederlande und Schweden. Die früher sehr aktive Schweiz hat sich schon vor Jahren fast völlig zurück gezogen. Auch Kanada gibt kaum mehr Geld. Es gibt noch CAF aus Großbritannien (die aber vor allem, wie der Name schon sagt „Charity Aid“ machen). Dann noch das französische Kulturinstitut, das eher dem Gothe-Institut ähnelt, das Britsih Council und eben das Goethe-Institut. Das macht aber alles den Kohl nicht fett (genug).

Ähnlich sieht es mit privaten US-Stiftungen aus: Ford, die lange Zeit größte, ist seit 2011 ganz draußen. Bleiben als große noch Soros, McArthur, Mott und die in der Schweiz registrierte Oak-Foundation. Carnegie u.a., auch wenn sie vor allem als Think Tanks arbeiten, müssen auch gezählt werden. Es gibt noch ein paar europäische Stiftungen, wie z.B. den Sigrid-Rausning-Trust (schwedisch mit Sitz in London), die Bosch-Stiftung und die Bertelsmann-Stiftung. All sie halten sich von Menschenrechten und ähnlich politisch heiklen Themen eher fern, machen Jugendarbeit, ein wenig Bildung, Begegnungen usw. All das zusammen mag sich vielleicht, sehr großzügig geschätzt, auf 50 Millionen Dollar im Jahr summieren, sicher nicht mehr.

Bleiben die vergleichsweise mickrigen Summen der deutschen politischen Stiftungen. Sie kommen zu sechst (Böll, Ebert, Adenauer, Naumann, Luxemburg und Seidel) zusammen in Russland auf ein (von mir so) geschätztes Budgetvolumen von maximal 5 Millionen Euro, von denen aber wieder nur ein kleiner Teil NGOs zu Gute kommt.

Habe ich was vergessen? Vielleicht die Chinesen? Aber das ist dann doch eine ganz andere Baustelle.

Wie ich auch immer zähle, ich komme nicht einmal in die Nähe dieser fantastischen Milliarde. Jedenfalls nicht durch offene und legale Quellen, von den Putin ausdrücklich gesprochen hat. Interfax nun, eine kremlnahe Nachrichtenagentur berichtet heute von illegaler NGO-Finanzierung. Tranchen von 10 bis 15 Millionen Dollar sollen, so sagen es angeblich die Geheimdienste, bar (in Koffern?) über die Grenze gebracht werden. Wenn das so wäre, wäre ohnehin illegal, also Sache eben dieser Geheimdienste und anderer „Rechtsschutzorgane“ und hätte nichts, aber auch gar nichts mit dem „NGO-Agentengesetz“ zu tun.

Für die NGOs und uns wird wohl nichts bleiben, als von Putin die Veröffentlichung seiner Liste der 654 NGOs zu fordern und selbst die eigenen Finanzen, noch einmal zusammen fassend, zu veröffentlichen. Hier kommen wir zur Transparenz.

Nicht umsonst berufen sich die seit Wochen ausschwärmenden Staatsanwälte bei ihren „Prüfungen“ auf das NGO-Gesetz von 2006 und nicht auf das „NGO-Agentengesetz“. Dort, im auch schon ziemlich repressiven 2006er Gesetz, steht alles schon drin. Alle NGOs müssen jährlich dem Justizministerium einen Finanz- und einen Sachbericht schicken. Dort müssen (und werden) aus dem Ausland stammende Zuwendungen extra ausgewiesen. Diese Berichte werden auf der Website des Justizministeriums veröffentlicht.

Das Justizministerium führt jährlich Dutzenden Prüfungen bei den NGOs durch. Bei Memorial zum Beispiel waren sie zuletzt im Januar dieses Jahres, bei Transparency International im Februar, bei der Ökologischen Baikalwelle im vergangenen Herbst. Alle Prüfungen endeten mit mehr oder weniger grundlegenden Beanstandungen der PrüferInnen. In keinem einzigen Fall betrafen diese Beanstandungen die Frage der Transparenz ausländischer Zuwendungen. Auch deshalb wohl wollte das Justizminiserium bisher nicht so recht an das „NGO-Agentengesetz“ heran und musste nun von der (mächtigeren) Staatsanwaltschaft zum Jagen getragen werden.

 

 

Diskussion

  1. sehr schön geschrieben, mit einer berechtigten Kritik. Die Frage die sich mir dabei stellt, ist in wie weit die in Deutschland gesprochenen Wörter und Übersetzungen in Russland selbst bekannt bzw. wahr genommen werden ? Insofern bewegen sich vielleicht auch deutsche Politiker im Ausland in einer sehr weiten Grauzone ?

    • @Peter Gehen Sie ruhig davon aus, dass allem, was in Deutschalnd über Russland öffentlicht geäußert und geschrieben wird, hier in Russland auch wahrgenommen wird. Im Internet geschieht das sicher umfassender als im kremlkontrollierten Fernsehen. Was Sie mit der Grauzone meinen, habe ich leider nicht verstanden.

  2. Ich finde es sehr gut, dass in RU jetzt eine zivilisierte Zivilgesellschaft aufgebaut wird und all die dubiosen Hintermänner und lichtscheuen Spender zu Transparenz gezwungen werden. Die Heinrich-Böll-Stiftung ist ja hochoffiziell mit der deutschen Politik und deutschen Parteien verbandelt. Und unterstützt russische NGOs. Die Milliarden- und Millionenbeträge, die da zur Beeinflussung der russ. Innenpolitik ausgegeben werden, halte ich für höchst dubios. Was würden wir in DE sagen, wenn z.B. die russ. Regierungspartei versuchen würde, heimlich deutsche NGOs zu finanzieren und auf sie Einfluss zu nehmen?

    Transparenz ist das allerwichtigste. Wenn schon Propaganda, dann sollen die Opfer dieser Propaganda wenigstens wissen, wer die Geldgeber sind.

    • @Benz Es gibt keine „dubiosen Hintermänner und lichtscheu Spender“. All das ist auch bisher schon offen zugänglich udnwird (u.a. von usn, der Heinrich Böll Stiftung) mehrfach im Jahr an das russische Justizministerium gemeldet. Das gleiche machen noch einmal die NGOs, die Geld von ausländischen Personen oder Organisationen erhalten. Wer wissen will, kann auf die entsprechende Website des Justizministeriums gehen und alles nachlesen. Das ist auch richtig. Auch in Brüssel gibt es Lobby Control und in Deutschaldn will ich auch gern wissen, wer Politik mit welchem Geld beeinflusst. Aber noch einmal: Das alles ist bereits im NGO-Gesetz von 2006 geregelt, wird regelmäßig genau überprüft. Bei viele der jetzt „überprüften“ Organisationen ist die letzte Prüfung weniger als ein Jahr her. Alles andere, also „schwarzes“ Geld, wäre zudem nicht Sache des Justizministeriums, sondern von Polizei und Staatsanwaltschaft. Dann müsste es SDtrafverfahren geben, z.B. wegen Devisenvergehen, Schwarzer Kassen und ähnliches. Doch genau darum geht es bei denen gegenwärtigen „Überprüfungen“ nicht.

  3. @Siegert
    Wenn die Hintermänner nicht lichtscheu sind, warum wehren sich dann die NGOs mit Händen und Füssen gegen das Transparenzgesetz? Wenn die NGOs nichts zu verbergen haben und alles gemeldet haben, warum reagieren sie dann panikartig auf die Buchprüfungen? Es ist ja schon seltsam, dass sich westliche Behörden, u.a. auch das deutsche Aussenministerium, für die NGOs einsetzen- während selbige behaupten, von westlichen Staaten unabhängig zu sein.

    Ich begrüsse es aber sehr, dass Sie sich in Ihrem Kommentar an mich nun doch auch für Transparenz aussprechen. Im Blog-Beitrag selbst klang das noch anders. Und für Russland freue ich mich, dass nun endlich der notwendige gesetzlich Rahmen für eine funktionsfähige Zivilgesellschaft geschaffen wird: Für eine Zivilgesellschaft, die die Interessen der russ. Bürger, und nicht ausländischer Geldgeber, vertritt.

    • @Benz Niemand wehrt sich gegen Transparenz. Die Transparenz ist durch das NGO-gesetz von 2006 längst gegeben und wird nicht, wie Sie schreiben „nun endlich geschaffen“. All die Angaben, die angeblich jetzt per Staatsanwaltschaft erzwungen werden sollen, liegen dem Justizministerium vor. Alle Angaben seit 2006 sind hier auf der Website des Justizministeriums zu finden, das sie entgegen nimmt und prüft: http://unro.minjust.ru/NKOReports.aspx. Alle Überprüfungen, die in diesen Wochen stattfinden, werden formal mit diesem NGO-Gesetz von 2006 begründet. Das sogenannten NGO-Agentengesetz fügt dem nichts hinzu, außer der unmoralischen und vor allem der russischen Verfassung widersprechenden Forderung, sich „ausländischer Agent“ zu nennen (warum das unmoralisch und gesetzwidrig ist, hat Memorial schon vorigen Herbst erklärt: http://russland.boellblog.org/2012/09/22/memorial-ngo-agentengesetz-ist-ungesetzlich-und-unmoralisch-keine-freiwillige-registrierung-als-auslandischer-agent/). Es geht also ausschließlich um Diskreditierung, nicht um mehr Transparenz. Was die Heinrich Böll Stiftung anlangt, so sind auch unsere Finanz- und Tätigkeitsberichte öffentlich zugönglich, genauso wie wir regelmäßig von einem unabhöngigen Wirtschaftsprüfer, vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und vom Bundesrechnungshof geprüft werden (www.boell.de).

  4. @Jens Siegert
    Nun, wenn schon das Gesetz von 2006 den NGOs Transparenz vorschreibt, ist es umso unverständlicher, warum gegen das neue Gesetz derart scharf geschossen wird. Sie sagen also, das neue Gesetz habe gar nichts neues gebracht (ausser den Begriff des ausländischen Agenten)?

    Dann ist die ganze Aufregung und Panik der NGOs umso seltsamer. Einerseits ist der Begriff international üblich (man betrachte z.B. das US-Gesetz namens Foreign Agents Registration Act). Andererseits ist er treffend: Ein Agent ist ein Interessenvertreter. Es wird ja wohl niemand annehmen, die russischen NGOs bekämen einfach so erhebliche Finanzmittel ohne die Pflicht, diese im Interesse des Geldgebers zu verwenden. Selbstverständlich ist die Bezeichnung nicht löblich. Aber wer fremde Interessen vertritt, muss sich nicht wundern, wenn man ihn als Agenten, Interessenvertreter usw. bezeichnet. Wer eine solche Bezeichnung für unmoralisch hält, sollte besser sein Verhalten ändern, anstatt seinen Kritikern den Mund verbieten zu wollen. Und drittens müssen ja nur NGOs, die Geld aus dem Ausland annehmen, sich als ausländische Agenten bezeichnen. Es steht jeder NGO frei, auf Gelder aus dem Ausland (seien sie nun dubioser Herkunft oder ordnungsgemäss deklariert) zu verzichten und sich stattdessen um einheimische Sponsoren zu bemühen. Vermehrte einheimische Finanzierung von NGOs wäre ohne Zweifel eine Intensivierung und Stärkung der russischen Zivilgesellschaft.

    Den verlinkten Artikel vom letzten Herbst habe ich gelesen. Er beinhaltet aber kein Argument, warum der Begriff ausländischer Agent der russ. Verfassung widersprechen soll.

    • Für Benz:
      ich weiss nicht, in wie weit Sie mit der russischen Sprache verwandt sind. Sonst hätten Sie solche Frage nicht gestellt. Auf Russisch heisst Agent – ein Spion. Putin war auch ein Spion (in Deutschland), in diesem Fall soll er sich auch so nennen.
      Entschuldigen Sie meine Ehrlichkeit, vielleicht irre ich mich, aber Ihre Worte klingeln irgendwie nach Propaganda, als ob sich ein tatsächlicher Spion eingemischt hat und versucht alle Leser „mit Fakten“ (a la Putin) zu überzeugen, warum das neue Gesetz gut ist usw. Wie gesagt, nicht persönlich nehmen, aber ich habe bereits ähnliche Erfahrung bei anderen Veranstaltungen über Russland gemacht.
      Finanzierung aus einheimischen Töpfen – eine tolle Sache. Bin ablosut dafür. Ich bin aber auch dafür, dass man Recht hat, seine Regierung zu kritisieren und z.B. Lobbyarbeit für Menschenrechte auszuüben. In Deutschland ist es möglich (siehe bspl. Kindernothilfe). Aber in Deutschland wird dafür niemand verhaftet, gejagt, zugemacht. In Russland doch. In Deutschland bekommt man Geld u.a. von der Regierung und gleichzeitig kritisiert sie offen. In Russland nicht – nicht möglich! Warum eigentlich? Warum hat von Ihnen so verehrter Herr Putin Angst, sich mit den Anforderungen seiner Landesleute auseinanderzusetzen? Warum darf ich z.B. nur Gutes über ihn und seine Politik sagen? Dafür gibt mir weder das von Ihnen gejübelte Gesetz noch andere offiziellen Quellen keine Antwort.
      Wenn man Kritik ausübt, bekommt man im Land kein Geld. Und Kritik üben russische Leute, nicht weil sie ausländische Interessen vertreten, sondern weil sie Gerechtigkeit wollen und diese verdienen.
      Wenn man das von Anfang an hat, kann man sich nicht vorstellen, dass es anders sein kann. Aber in Russland ist es wirklich mit der Gerechtigkeit anders als in De. (obwohl De natürlich kein Paradies ist, es ist aber ein anderes Thema)

  5. Ein Agent ist ein einerseits ein Interessenvertreter. Dass die NGOs, die Geld aus dem Ausland erhalten, im Interesse ihrer Sponsoren handeln und deshalb Interessenvertreter sind, ist klar. Die Bezeichnung ausländischer Agent ist deshalb treffend. Andererseits kann das Wort auch Spion bedeuten, da haben Sie recht. Vielleicht wollen Sie aus diesem Grund nun auch alle Versicherungsagenten umbenennen? Oder alle Agenturen? Es gibt übrigens selbst in der russischen Regierung Behörden, die sich ganz offiziell ‘‘Agentur‘‘ nennen. Zudem ist nochmals darauf hinzuweisen, dass der Begriff ‘‘ausländischer Agent‘‘ international üblich ist, auch das entsprechende US-Gesetz verwendet ihn.
    Dass Putin einst auch Agent (iSv Spion) war, ist völlig richtig. Er daraus nie ein Geheimnis gemacht, sondern im Gegenteil immer stolz auf seine Arbeit im sowjetischen KGB verwiesen.

    Dass Sie mir Propaganda vorwerfen, anstatt auf meine Kritik einzugehen, ist sehr schade. Naja und auch ziemlich inkonsequent von Ihnen: Sie bemängeln den Begriff des ausländischen Agenten. Sobald Sie jedoch auf jemanden trafen, dessen Meinung Sie nicht teilen, sprechen Sie selbst von ‘‘Propaganda‘‘ und ‘‘Spion‘‘.

    Selbstverständlich darf man Lobbyarbeit machen, zivilgesellschaftlich tätig sein und die Regierung kritisieren. Das ist keiner einzigen russischen NGO, keinem einzigen Bürger und keinem einzigem ausländischen Agenten verboten. Das diskutierte Gesetz stellt ja keine inhaltlichen Anforderungen an die ausländischen Agenten, verbietet ihnen nirgends die Regierung zu kritisieren. Sondern stellt allein die Transparenz in der Finanzierung sicher und die Bezeichnung ausländisch finanzierter NGOs als ausländische Agenten, damit der Bürger weiss, mit wem er es da zu tun hat. Finden Sie denn nicht, der Bürger sollte wissen, woher die Finanzierung kommt? Was würden Sie denn dazu sagen, wenn in DE NGOs tätig wären, die heimlich von der russischen Regierung finanziert werden?

    Um Geld zu bekommen, muss sich eine NGO eben nach den Bedürfnissen der russischen Bürger, d.h. der potentiellen Sponsoren, richten. Das ist das einfache Gesetz von Angebot und Nachfrage. Genau darum ist ja das neue Gesetz zu begrüssen: Es schafft Anreize für die NGOs, sich um innerrussische Finanzierung zu bemühen. Diese wiederum bekommen am leichtesten jene NGOs, die den russischen Bürgern am meisten bieten. Im Ergebnis entsteht so eine genuin russische, selbsttragende Zivilgesellschaft, die ganz den Interessen des russischen Bürgers verpflichtet ist.

  6. Es ist sehr hübsch, wie Sie das machen: die „Putins Lügen“ mit eigenen wahrhaftigen Pi-mal-Daumen Berechnungen widerlegen. Besonders schön finde ich, dass Sie als Muster-Jahr 2009 nehmen. Ich würde wetten, dass die Zahlen 2011 und 2012 höher sind.

    • Jens Siegert

      @Irina: Ich nehme nicht 2009 als Vergleichsjahr, sondern eine Schnitt der vergangenen drei-vier Jahre. Im Übrigen sind die Zuwendungen an russische NGOs aus dem Ausland in den vergangenen Jahren gefallen. Das hat vor allem zwei Gründe: Die Finanzkrise, die die Ausschüttungen vor allem privater Stiftungen, die von ihren Vermögen leben, erheblich reduziert hat, und die Nicht-Verlängerung des des regierungsabkommens zu USAID durch die russische Regierung im vergangenen Herbst. Ansonsten weiß ich gar nicht, was Sie gegen Pi-Mal-Daumen-Rechnungen haben. Für das Schätzen von Größenordnungen – und nur darum geht es mir – ist das ein gängiges und anerkanntes Verfahren. Das Ergebnis ist eindeutig. Putins Milliarde ist 10 bis 20 mal zu hoch. Im Übrigen erkläre ich, worauf meine Schätzung beruht. Das macht sie kritisierbar. Wenn Sie andere Zahlen haben: Bitte sehr! Putin hat bisher nur die Millliarde genannt und auch auf die Forderung der NGOs, die genauen Zahlen (wann, wiviel, an wen) nicht geantwortet.

  7. @Irina
    Ich hatte den Blogautor auch schon gefragt, wie hoch denn die angeblich richtige Zahl sei. Wer Putins Angaben lautstark als kreuzfalsch bezeichnet, sollte ja wohl wissen, wie denn die angeblich richtigen Zahlen aussehen. Zur Antwort erhielt ich ein lapidares “Woher sollen die NGOs das wissen?“

    Es ist tatsächlich etwas plump, die offiziellen Angaben als falsch zu bezeichnen, wenn man selbst offensichtlich nichts genaues weiss.

    @Siegert
    Sie scheinen sich nicht festlegen zu wollen. “Geschätzte Grössenordnungen“, “Durchschnittswerte“, weitgefasste Angaben wie “10 bis 20 Mal weniger“ sind äusserst schwammig. Ihre Begeisterung für Pi-mal-Daumen-Berechnungen teile ich nicht.

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