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Geschichtspolitik rund um den "Tag des Sieges": Tauwetter geht weiter, kleine Störmanöver eingeschlossen

Das geschichtspolitische Tauwetter in Russland hat sich auch rund um den heutigen „Tag des Sieges“ fortgesetzt. Außerlich sah die Feier martialisch mit der größten Militärparade seit dem Ende der Sowjetunion auf und über dem Roten Platz wie lange nicht mehr aus. Doch die begleitenden Handlungen und Erklärungen der russischen Staatsführung setzten den weicheren Kurs der vergangenen Wochen fort. Das geht so weit, das sich Medwedjew wörtlichlich Phrasen wie „der Preis des Sieges“ bedient, die jahrelang Kennzeichen von Memorial waren und von der offiziellen Politik und ihren Ideologen vehement bekämpft wurden. Eine kleine Aufzählung:

  • Medwedjew nennt Stalins Taten in einem langen Interview mit der Tageszeitung Iswestija ein „Verbrechen gegen sein Volk“ und erklärt deren Verurteilung zur Staatsideologie. Gleichzeitig schränkt er Stalins Rolle beim Sieg über das nationalsozialistische Deutschland ein. Sie sei zwar, wie die anderer militärischer Führer auch, „wichtig“ gewesen, gewonnen aber hätte das „Volk“, „mit unglaublichen Anstrengungen und um den Preis einer riesigen Mengen an Menschenleben“. Eine ins Deutsche übersetzte Dokumentation der entscheidenen Passagen hängt unten an.
  • Polen wurden endlich ein großer Teil der bisher als „geheim“ eingestuften Akten zu den Massenmorden an polnischen Militärangehörigen in Katyn und an anderen Orten übergeben.
  • An der Siegesparade auf dem Roten Platz nahmen erstmals überhaupt Militärs der damaligen Alliierten, also auf Frankreich, Großbritannien und den USA teil. Hinzu kam eine kleine Gruppe polnischer Soldaten. Russische Nationalisten und kommunisten hatten schon im Vorfeld gegen „die NATO auf dem Roten Platz“ geschäumt. 

Zwar leistete sich Premierminister Putin am Samstag einen kleinen Rückfall, als er bei einem Treffen mit Veteranen die Frage stellte, man müsse schauen, wer und mit welchem Ziel welche Geschichtsbücher für die Schule finanziere und schreibe. Doch dieses kleine Störfeuer blieb weitgehend unbeachtet.

Die Schulbuchdebatte scheint ohnehin in einem eher luftlosen Politker-Raum stattzufinden. Eine neue, noch nicht veröffentlichte Untersuchung wird aller Voraussicht nach zeigen, dass die Geschichtsbücher nur sehr geringen Einfluss auf Wissen und Einstellungen der Schülerinnen und Schüler haben. Das liegt zum einen an der Trägheit der Lehrerinnen und Lehrer, die neue, selbst staatlicherseits stark empfohlene Schülbücher meiden und sich lieber ihrer bewährten, längst ausgearbeiteten Unterrichtsmaterialien bedienen. Zum anderen, so die Untersuchung, hat die Schule weit weniger Einfluss auf die Kinder als angenommen. Deren politische Einstllungen werden sor allem durch die Elternhäuser und ihre Freundinnen und Freunde geprägt. Allerdings gibt es keine Entwarnung. Zwar gilt Stalin den heranwachsenden viel weniger als Held denn den älteren Generationen. Dafür werden fremden- und US-feindliche Einstellungen unter Jugendlichen immer stärker. Hier liegt wohl der eigentliche Erfolg der Putinschen Politik (wobei das bei der US-Feindlichkeit wohl intendiert, bei der Fremdenfeindlichkeit angesichts des Vielvölkerstaats Russland eher ein unerwünschter Nebeneffekt sein dürfte).

Ein kleiner diplomatischer Skandal rund um die Siegesfeierlichkeiten blieb weniger bemerkt: Weder die USA noch Großbritannien waren mit hochrangigen Regierungsmitgliedern in Moskau vertreten. Doch anders als der französische Präsident Sarkozy und der italienische Premierminister Berlusconi, die sich mit Hinweis auf die Eurokrise als zu Hause unabkömmlich entschuldigen ließen, waren die US-amerikanische und die britische Abwesenheit unfreiwillig. Ursprünglich eingeladen waren Barack Obama und Noch-Premier Gordon Brown. Beide sagten ab (Brown hat nun wirklich andere Probleme) und boten Ersatz an: US-Vizepräsident Biden und Prinz Charles. Doch beide Ersatzleute wurden, wie der britische Guardian schreibt, von Putin persönlich abgelehnt. Biden gilt in Russland als Unterstützer des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili, einer Unperson (ein wenig mehr unten). Den Briten hat Putin dagegen bis heute nicht vergeben, dass sie russischen, per Moskauer Haftbefehl gesuchten Oppositionären wie Boris Beresowskij und Akhmed Sakajew politisches Asyl gewähren. Da bot Browns Absage Gelegenheit zu einer kleinen, wenn auch diplomatisch nicht zu beanstandenden Stichelei.

Seine schon ins Persönliche gehenden Krieg gegen Saakaschwili setzte Putin am gestrigen Samstag (8. Mai) im „Siegespark“ auf dem Moskauer „Verneigungshügel“ (Poklonnajy Gora) fort. Gemeinsam mit der ehemaligen Sakaschwiliverbündeten und jetzigen Oppositionellen Nino Burdschanadse legte er das Fundament für ein Kriegdenkmal an die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten aus der damaligen Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik, zu der natürlich auch Abchasien und Südossetien gehörten. Auf Saakaschwilis Befehl hin war das ursprüngliche Denkmal im Frühjahr dieses Jahres in Georgien gesprengt worden.

 

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