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Kleine Nachlese zum Jahrestag der Flugzeugkatastrophe bei Katyn

Ein Jahr nach dem
Absturz der polnischen Präsidentenmaschine beim Anflug auf den Flughafen
Smolensk ganz im Westen Russlands haben der polnische Präsident Bronislaw
Komorowski und der russische Präsident an der Absturzstelle gemeinsam der 96
Opfer gedacht. Während es im Vorfeld des Gedenkens reichlich Aufregung gab und
viele Spekulationen über ein sich möglicherweise wieder verschlechterndes
polnisch-russisches Verhältnis (nachdem die auch auf russischer Seite
aufrichtige Trauer und Bestürzung über das Unglück viel zu einer Annäherung
beigetragen hatte), verlief das Gedenken vor Ort erfreulich ereignislos.
 

Die vielleicht
wichtigste – und gute – Erkenntnis ist also, dass das Tauwetter nicht nur
zeitweise scheint oder, wie man in Russland so schön nüchtern zu sagen pflegt,
„nur konjunkturellen Charakter“ trägt, sondern schon ein wenig
medienöffentliches Aufsehen übersteht, ohne dass gleich wieder sibirische Kälte
einzieht. Auf beiden Seiten scheinen diejenigen zu überwiegen, die zumindest
den großen gegenseitigen Nutzen sehen. Dabei hätte es, zieht man die dünnen
Häute beider Länder in den gegenseitigen Beziehungen und die jeweils großen Gruppen,
denen teils aus prinzipiellen, teils aus innenpolitischen Gründen die ganzen
Richtung nicht passt, in Betracht, auch leicht zu einem größeren Knall kommen
können. Schuldige wären auf der jeweils anderen Seite schnell gefunden worden.
Wie so oft ist es allerdings zugleich einfacher und komplizierte, lohnt aber
wohl gerade deswegen, kurz nachgezeichnet zu werden.
 

Angefangen hat
alles schon im vorigen November, als Angehörige von bei der Flugzeugkatastrophe
umgekommenen Polen in unabgestimmter Eigeninitiative, man könnte auch sagen,
sich selbst ermächtigend am bis dahin aufschriftlosen Gedenkstein an der
Unfallstelle eine Gedenktafel anbrachten. Unterschrieben war die Gedenktafel
mit „Vereinigung der Familien, Katyn 2010″. Und der Text, wie gesagt, weder mit
polnischen noch mit russischen offiziellen Stellen abgestimmt, lautete, ein
wenig kompliziert, so: „Zum Gedenken an die 96 Polen mit dem Präsident der
Republik Polen Lech Kaczynski an der Spitze, die bei der Flugzeugkatastrophe
bei Smolensk am 10 April 2010 auf dem Weg zur Erinnerungsfeier am 70. Jahrestag
des sowjetischen Genozids im Wald von Katyn , der an kriegsgefangenen
Offizieren der polnischen Streitkräfte 1940 begangen wurde.“
 

Daran ist alles
richtig und auch vom offiziellen Russland unbestritten, bis auf ein einziges
Wort: Genozid. Das, was vor nun 71 Jahren im Wald von Katyn begangen war, war
kein Genozid, sondern ein Kriegsverbrechen. Doch dieses schreckliche
Verbrechen, das übrigens ebenfalls nicht verjährt, reicht vielen politischen
Eiferern in jüngster nicht mehr aus. Wenn etwas Schreckliches und
Verurteilenswertes passiert, dann muss es schon ein Genozid, die systematische
Vernichtung eines ganzen Volkes sein. Darunter reicht es nicht.
 

Nun hätte man
aber auch von russischer Seite ein wenig sensibler und sorgfältiger auf diese
Gedenktafel im Namen trauernder Hinterbliebener reagieren können. Soweit sich
das nach verfolgen lässt, hat sich das russische Außenministerium, nicht
unbedingt immer für diplomatischen Takt bekannt, recht bald an die polnischen
Kollegen gewandt, mit der Frage, ob man die Gedenktafel nicht im gegenseitigen
Einvernehmen andern oder auswechseln könne. Eine Antwort haben die russischen
Diplomaten, dieser Auskunft ist von polnischer Seite nicht widersprochen
worden, nie bekommen.
 

Doch auch die
russische Seite ist nicht ohne Fehl und Tadel. Denn zum einen hätte das
Außenministerium nicht bis kurz vor dem Jahrestag mit dem Austausch der
Gedenktafel warten müssen. Und zum Zweiten hätte man auf der neuen Gedenktafel
durchaus erwähnen können, warum die polnische Präsidentenmaschine im Nebel bei
Smolensk aufsetzen wollte, ohne das Wort „Genozid“ zu wiederholen. Es handelte
sich eben Mitnichten um einen ganz normalen Besuch.
 

Und noch etwas
ist die russische Seite bisher schuldig. Die Unterschiede in den Reden von
Medwedjew und Komarowski haben darauf  diplomatisch dezent hingewiesen. Medwedjew
schlug vor, „die Seite im Buch der Geschichte umzublättern, ohne zu vergessen“.
Komarowski antwortete, er sei damit einverstanden, doch zuvor müsse die Seite
bis zu Ende gelesen werden. Damit spielte er darauf an, dass Russland noch
immer nicht alle Akten aus den Archiven über das Katyner Verbrechen öffentlich
zugänglich gemacht oder der polnischen Regierung übergeben hat. Allerdings
scheint das auf einem durchaus guten Weg.
 

Bleibt noch ein Zweites,
das Komorowski erwähnte und zum Beispiel Memorial in Russland seit langem
fordert: Russland muss das Katyner Verbrechen auch juristisch als Verbrechen
bewerten. Bisher verweisen russische offizielle immer auf eine entsprechende
Erklärung der Staatsduma. Komorowski machte auf einen wichtigen Unterschied
aufmerksam, indem anerkannte, dass die Opfer „politisch rehabilitiert“ seien. Was
fehlt ist die juristische Rehabilitierung der bei Katyn Ermordeten.          

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