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Russische Ruhe ums (japanische) Atom

Meine Freundesrunde in Facebook besteht vor allem aus Menschen aus Russland und aus Deutschland. Da es sich größtenteils um politische wache und aktive Menschen handelt, viele auch politisch engagiert, in Menschenrechtsdingen, Genderfragen aber auch Umwelt schützen, reißt seit Freitag der Strom von Nachrichten, Anmerkungen, Kommentaren zur japanischen Katastrophe nicht ab. Das Mitleiden, das Bangen, das Hoffen ist hier wie dort groß, die bekundete Hilfsbereitschaft auch.

Und doch gibt es einen auf den ersten Blick verblüffenden Unterschied. Während in Deutschland fast augenblicklich eine Diskussion um die eigene Atomindustrie einsetzte, die eine konservative, atomfreundliche Regierung in Kürze bis zum taktischen Teilatomausstieg getrieben hat, schweigen die russischen Facebookfreundinnen und -freunde, bis auf jene fünf bis zehn unverbesserlichen Anti-AKW-Aktivisten, die sich auch zwischen ihnen finden.

Eine Diskussion
über das russische Atomprogramm findet selbst hier, einem durchaus
repräsentativen Teil der progressiven und, wichtiger vielleicht noch, im
Internet auch nicht gefilterten russischen Öffentlichkeit, nicht statt. Dabei ist
Tschernobyl zumindest in allen Köpfen, wenn vom Drama um die abgeschalteten und
vielleicht schon außer Kontrolle befindlichen japanischen AKWs berichtet wird. Das
gilt auch für die Öffentlichkeit außerhalb des Netzes.

 
Vom
(Staats-)Fernsehen sind kritische Berichte nicht zu erwarten. Doch selbst in
ansonsten nicht kremlfreundlichen Zeitungen wie dem Kommersant, wird sich vor
allem über westliche „Atompanik“ mokiert. Der Leitartikel am Dienstag begann
so: „Die Unfallsituation im japanischen AKW Fukushima verschlechtert sich. Für
die Bevölkerung besteht noch keine Gefahr. Allerdings beginnt sich, wie der
Kommersant vorher gesagt hat, in der Welt eine Atomphobie zu verbreiten. Eine
Reihe von Ländern in Europa und Asien wollen noch einmal die
Sicherheitsvorkehrungen in ihren AKWs überprüfen, es erscheinen die ersten Erklärungen,
Atomprogramme zu beenden. Russland entstehen dadurch im Übrigen keine
Nachteile. ‚Rosatom' selbst und seine wichtigsten Auftraggeber haben nicht vor,
auf die Entwicklung der Atomenergie zu verzichten.“ Das stimmt. Ebenfalls am
Dienstag wurde ein Vertrag mit Weißrussland über den Bau in diesem von Tschernobyl
am meisten betroffenen Land geschlossen. 

Mögliche Ängste
der russischen Bevölkerung werden von Atomexperten, und davon gibt es nicht
wenige in Russland, beruhigt. Sie erklären im Fernsehen, dass man erstens zu
wenige Informationen habe, zweitens die japanischen Spezialisten erstklassig
seien und als solche schon die richtigen Entscheidungen treffen würden. Die
gegenwärtige Sprachregelung ist: Mit Tschernobyl sei das alles dort in Japan
nicht vergleichbar. Unterstützt wird diese Sichtweise von Meldungen über
regelmäßige Strahlungsmessungen im Russischen Fernen Osten, ganz in der Nähe
Japans, und der Versicherung, es gebe keine erhöhten Messwerte und das sei auch
nicht zu erwarten.

Die russische
Führung handelt zwar weniger demonstrativ als die chinesische, aber das eigene,
sehr ambitionierte Atomprogramm wird nicht in Frage gestellt. Es gilt weiter
das Diktum des starken russischen Mannes Wladimir Putin, dass neben Öl und Gas
nur Atomkraft ernsthafter Weise zur Energiesicherung beitragen könne. Alle
anderen Energiequellen nannte Putin „Spielereien“.

Am Montag
versicherte Premierminister Putin im sibirischen Tomsk, einem der Zentren der
russischen Atomindustrie, man werde die eigenen Atompläne nicht ändern, aber
selbstverständlich seine Schlüsse aus dem ziehen, was gegenwärtig in Japan
passiert. Das hört sich an wie Angela Merkel noch am Sonntag im Gespräch mit
ARD-Mann Ulrich Deppendorf. Doch auf einen Montag mit taktischer
Teilabschaltung sollten russische AKW-Gegenerinnen und Gegner lieber nicht
hoffen.

Hoffnung gibt da
schon eher die Frage nach der Wirtschaftlichkeit der gigantischen russischen Atomausbaupläne.
Schon in der ersten Ausbauphase bis 2015 hinkt die Wirklichkeit den Plänen wegen
zu geringer Finanzierung weit hinterher. Anstelle von mehr als 13 Gigawatt
neuer Leistung werden bis dahin wohl kaum mehr als 5 Gigawatt ans Netz gehen.
Das sind immer noch vier oder fünf neue Reaktorblöcke aber eben doch weit
weniger als geplant. Vieles kommt auf die russischen Exporterfolge an. Ohne ein
stabiles Exportstandbein bekommt Rosatom auch mit dem Ausbau in Russland
erhebliche Finanzierungsprobleme. Wenn international die Käufer wegen der japanischen
Katastrophe weniger werden, könnte sie doch noch Auswirkungen auf das russische
Atomprogramm haben.

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