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Angst machen Zunge locker – Medwedjews verräterische Bemerkungen zu den demokratischen Revolutionen in der Arabischen Welt

Die erste
Reaktion von Präsident Dmitrij Medwedjew auf die demokratischen Revolutionen im
arabischen Raum schon vor einigen Wochen war abwartend vorsichtig. So könne es
kommen, wenn die Herrschenden nicht aufpassen, kommentierte er den Umsturz in
Tunesien. Ob damit nun auch das eigene Land gemeint war, ließ sich den Worten
nicht entnehmen, wohl aber eine gehörige Portion Staunen.

Diese Woche nun,
inzwischen war auch schon Mubarak in Ägypten gefallen und in Libyen zerfällt,
wenn auch weitaus blutiger, die Macht Ghaddafis, hatte die Angst das russische
Herz erreicht. Bei einem Besuch im größtenteils islamischen und aufständischen
Nordkaukasus brachen sich eigene Befürchtungen in einer für autoritäre
Herrschaft, ja für Herrschaft insgesamt sehr typischen Form Bahn: Indem
negiert, für unmöglich erklärt wurde, was noch niemand zu behaupten oder
anzustreben gewagt hatte. Tiefer noch als von vielen seit einiger Zeit vermutet
sitzt offenbar die Unsicherheit über ihre Zukunft in den
Putin-Medwedjew-Köpfen. 

 

Ohne Vorbereitung
oder danach gefragt worden zu sein, sagte Medwedjew: „Sehen sie sich die
Situation an, die sich im Nahen Osten und in der arabischen Welt ergeben hat.
Sie ist äußerst schwer, es stehen sehr große Probleme bevor. (…) Es geht um die
Desintegration großer, dicht besiedelter Staaten, um ihren Zerfall in kleine
Splitter.“

 

Und weiter: „Und
das sind keine einfachen Staaten. Es ist sehr gut möglich, dass ganz schwierige
Ereignisse geschehen, einschließlich dass Fanatiker an die macht kommen. Das
wird einen jahrzehntelangen Brand bedeuten und die Verbreitung von Extremismus
im Folgenden. Man muss der Wahrheit ins Gesicht sehen.“

 

Dass das keine
rein außenpolitisch motivierte Aussage war, nicht der Sorge um die Menschen in
der Region und auch nicht um mittelbare Auswirkungen auf Russland geschuldet
war, zeigt Medwedjews letzte Bemerkung zum Thema: „Solch ein Szenarium haben
sie auch schon früher für uns vorbereitet und sie werden das jetzt umso mehr in
die Tat umzusetzen versuchen. Dieses Szenarium wird auf keinen Fall Erfolg
haben.“

 

Die „Desintegration
eines großen Staates“ ist immer noch eines der, vielleicht das Grundtrauma der
russischen politische Elite. Die Sowjetunion ist zerfallen. Ein neues Russland
ist entstanden, aber eines ohne historisches Vorbild in diesen Grenzen. Es gibt
auch angesichts der (Völker-)Vielfalt des heutigen Russland keinen harten,
keinen logischen Grund, warum es damit alles gewesen sein sollte. Der
Tschetschenienkrieg hat diese Angst noch einmal tiefer ins kollektive
Unterbewusstsein eingeschrieben.

 

Gleichzeitig ist
die Suche nach einem kollektiven Narrativ des neuen Russlands bis heute
erfolglos geblieben. Der Versuch, den Großen Vaterländischen Krieg, ohne Zweifel
eine der letzten, wenn nicht die letzte große Klammer, dazu zu machen, ist wohl
gescheitert. Er ist gescheitert, aber nicht zu Ende. Er ist gescheitert, weil
der Krieg mit dem Sterben der letzten Veteranen nun doch zu weit weg ist. Er ist
gescheitert, weil banaler, manchmal aber auch blutiger russischer Nationalismus
rauszukommen droht.

 

Und da brodelt es
nun nicht allzu weit von den russischen Südgrenzen (auch wenn zumindest auf der
einen Seite die Türkei als ausnehmenswert demokratischer Riegel dazwischen
liegt). Das macht, ich wiederhole mich, Angst. Die Illusion von einem starken,
stabilen Staat könnte schnell zum Teufel gehen. Denn wie Tschechow schon im „Duell“
bemerkte: „Despoten waren immer Illusionisten“.

 

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