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Memorial fordert: Keine Portraits des Verbrechers Stalin in Moskauer Straßen

Vor knapp zwei Wochen schrieb ich in diesem Blog darüber, wie der 65. Jahrestags des Sieges im Zweiten Weltkrieg seine widersprüchlichen geschichtspolitischen Schatten voraus wirft. Zu jenem Zeitpunkt war es nur die „Abteilung für Außenwerbung“ des Moskauer Bürgermeisteramts, die mit Planungen spielte, erstmals seit Mitte der 1950er Jahre Stalinportraits aufzuhängen. Doch wenig passiert in unteren Rängen heutiger russischer Administrationen ohne den Segen von oben (wenn wir von der Korruption einmal absehen – und selbst hier gibt es solche und solche Korruption, doch davon in Kürze an dieser Stelle mehr). Inzwischen hat der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow erklärt, er sei für die Stalinportraits, würden sie doch nur die „historische Wahrheit abbilden“, dass eben der Diktator Oberkommandierender der siegreichen Roten Armee gewesen sei.

Memorial hat sich nun in einer Erklärung entschieden gegen diese, vorsichtig gesagt, ein wenig einseitige Geschichtsuinterpretation gewandt:

Über die Stalinportraits zum Tag des Sieges

 

Erklärung von Memorial International und Memorial Moskau

 

 

 

Beamte aus dem Moskauer Bürgermeisteramt haben
erklärt, dass sie in der Stadt zum 65. Jahrestag des Sieges im Zweiten
Weltkrieg Portraits von Stalin aufhängen wollen.

Wie üblich, bleibt es unbekannt, wer genau und auf
welcher Ebene diese Entscheidung getroffen wurde. Es ist aber klar, dass die
Portraits mit dem Geld von Steuerzahlern hergestellt werden, darunter auch
denjenigen, die durch den Diktator Angehörige verloren haben.

Es geht aber nicht ums Geld, und auch nicht darum,
dass ein Teil der zu den Feierlichkeiten Eingeladenen, so nehmen wir an, nicht
in eine Stadt reisen möchte, die auf solch zweifelhafte Weise geschmückt wurde.

Das Erscheinen von Stalinportraits zum „Tag des
Sieges“ beleidigt das Gedenken an die Gefallenen.

Die sowjetischen Soldaten sind nicht deshalb in
den Kampf gezogen, weil ihnen das der Führer befahl, und nicht, um das
Politbüro zusammen mit dem Generalsekretär im Kreml zu verteidigen. Sie haben
ihr Vaterland gegen einen fremdländischen Überfall verteidigt, sie haben ihr
Land verteidigt, das die kommunistischen Führer an den Rand der Katastrophe
gebracht hatten.

Die Standhaftigkeit, der Mut, die Heldentaten der
Menschen, die ihr Vaterland in den Jahren des Krieges verteidigten, bleiben das
geistige Vermächtnis des ganzen Volkes, und niemand hat das Recht, mit diesem
Vermächtnis nach seinem Gutdünken zu verfahren.

Eine doppelte Lästerung ist das Vorhaben,
Stalinportraits an den Sammelpunkten der Volksmilizdivisionen aufzuhängen. Die
Geschichte der Volksmilizen – Zivilisten, fast unbewaffnet, die erbarmungslos
in die Fleischwölfe um Moskau, Kiew und Leningrad geschickt wurden und fast
alle umkamen – ist selbst ein eigener Anklagepunkt gegen den „großen Heerführer
aller Zeiten und Völker“. Glauben die Stalinapologeten aus dem Moskauer
Bürgermeisteramt ernsthaft, dass die Moskauer sich nicht daran erinnern, wie
genau ihre Väter und Großväter umgekommen sind?

Der Eifer Moskauer Beamter um Stalins Namen hat
sich bereits in die Gewölbe der U-Bahn-Station „Kurskaja“ geschlichen. Keiner
der Beamten hat sich natürlich weder an das Schicksal des auf Befehl Stalins
erschossenen ersten Moskauer U-Bahn-Chef Petrikowskij erinnert, noch an das von
weiteren Hunderten von U-Bahn-Bauern, die hingerichtet wurden oder ins Lager
geschickt.

Das Vorhaben mit den Portraits ist die Fortsetzung
der schleichenden Rehabilitierung des Stalinismus.

Die Anstifter aus dem Bürgermeisteramt haben nicht
vor, sich an das zu erinnern, was tatsächlich Stalins Taten waren: Nicht über
den Massenterror in der Armee in den Jahren 1937-1938, als zehntausende
Soldaten vernichtet wurden, von gemeinen Soldaten bis hin zu den Marschällen;
nicht über das Vorkriegsbündnis mit Hitler, dessen direkte Folge die Tragödie
im Sommer und Herbst 1941 war; nicht über die Millionen Leben, mit denen das
Volk den ganzen Krieg über für die Verbrechen und Fehler des Führers bezahlt
hat.

Das Volk hat den Krieg gewonnen, trotz aller
Verbrechen Stalins.

Für den Sieg wurde ein ungeheuerlicher Preis
gezahlt, der bis heute noch nicht zu Ende gezählt worden ist.

Der Sinn, den „Tag des Sieges“ zu feiern, liegt
darin, denjenigen Worte der Dankbarkeit zu sagen, die diesen Sieg tatsächlich
erkämpft haben. Von ihnen sind leider nur noch wenige am Leben. Sie und nur sie
dürfen an diesem Tag im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Sollten tatsächlich Stalinportraits in den
Moskauer Straßen auftauchen, werden wir alles uns Mögliche tun, damit
gleichzeitig mit ihnen andere Plakate und Portraits erscheinen, die über die
verbrechen des Tyrannen erzählen und seinen wirklichen Platz in der Geschichte
des Großen Vaterländischen Krieges. Wir sind überzeugt, dass uns Hunderte
Moskauer, Kinder und Enkel von Frontsoldaten, also jenen, denen der Sieg
wirklich gehört, dabei helfen werden.

 

2. März 2010

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