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Tschetschenische Schlachthofsruhe

 

In Tschetschenien herrscht fast schon Frieden. Jedenfalls wenn man dem Kreml glauben will. Am 31. März erklärte ein Sprecher in Kürze würden mehrere Tausend Soldaten aus Tschetschenien abgezogen, vor allem aber Einreise- und Aufenthaltsbeschränkungen aufgehoben, die seit Beginn des Zweiten Tschetschenienkriegs im September 1999 gelten. Und tatsächlich ist Tschetschenien ein Hort von Ruhe und Frieden, wenn man in die anderen nordkaukasischen, zu Russland gehördenden Republiken, vor allem die west- und ostbenachbarten Inguschetien und Dagestan schaut. Dort vergeht kaum ein Tag ohne Schießereien, Anschläge oder polizeiliche und geheimdienstliche „Spezialoperationen gegen terroristische Banden“. So wie früher in Tschetschenien.

Ebenfalls am 31. Dezember wurde in Dubai Sulim Jamadajew ermordet. Sulim Jamadajew kämpfte ursprünglich auf Seiten der Rebellen, ging dann mit seinen Brüdern zu Kadyrow über, kommandierte eines von vier großen tschetschenischen Batallionen und wurde vom Kreml als „Held Russlands“ ausgezeichnet. Im vergangenen Herbst wurde er als Komandeur seines Batallion nach (auch bewaffneten) Konflikten mit den von Kadyrow direkt kontrollierten Einheiten abgestetz, seit Januar lebte er in Dubai, wohl im selbstgewählten und vermeintlich sichereren Exil. Denn wer sich mit Kadyrow anlegt, lebt meist nicht mehr lange. Bereits vorigen September wurde Sulim Jamadajews Bruder Ruslan in Moskau auf offener Straße erschossen. Im Januar starb Kadyrows ehemaliger Leibwächter Umar Israilow im österreichischen Exil. Zwischen 3.000 und 5.000 Verschwundene, die meisten von ihnen wahrscheinlich ermordet, zählt das Menschenrechtszentrum Memorial seit Beginn des Krieges. Viele von ihnen gehen auf Kadyrows Konto.

Das sind keine zufälligen Toten. Dieser Blutzoll ist die direkte Folge von Putins Strategie, den offenen Krieg in Tschetschenien zu beenden. Den Kadyrows, bis zu seiner Ermordung im Mai 2004 Vater Achmat, seither Sohn Ramsan, ist Tschetschenien vom Kreml überlassen worden, um Ruhe zu schaffen. Dabei war und ist es dem Kreml klar, dass es sich nur um eine Friedhofsruhe handeln kann. Und die Kadyrowssche, in Moskau zumidnest abgesegnete, wenn nicht ausgedachte Methode ist bis heute tödlich effektiv: Wer von den Rebellen sich Ramsan Kadyrow unterordnet und persönliche Loyalität verspricht, wird praktisch (aber nicht juristisch) amnestiert. Dem Entschluss, die Berge zu verlasen und sich Kadyrow anzuschließen helfen seine Schergen mit Drohungen gegen Verwandte und Angehörige, Entführungen, Verstümmelungen und auch Morden kräftig nach. Aus dieser Loyalitöt gibt es später keinen Ausweg. Wer sie bricht, ist vogelfrei und das nicht nur innerhalb Russlands. Umar Israilow, gewiss auch kein Engel, war aus den Bergen zu Kadyrow gekommen, weil der drohte, seinen Vater umzubringen. Israilow wurde einer von Kadyrows Leibwächtern, hielt es dann aber nicht aus und flüchtete nach Westen. Vergeblich. Sein Vater ist tot und er auch. In Tschetschenien können viele ähnliche Geschichten erzählt werden. Die meisten bleiben abe unerzählt, weil die Menschen zu viel Angst haben.

Gleichzeitig wurde zumindest Grosny mit viel Geld aus Moskau schmuck wieder aufgebaut, mit neuen Häusern und Straßen, mit Kinos, Blumenrabatten und Springbrunnen. Zum Herzeigen. Kadyrow hat sich so für den Kreml unentbehrlich gemacht. Solange die Morde in Russland geschehen und Kadyrow wiederum loyal zum Kreml steht (zumindest der äußere Schein muss gewahrt bleiben, niemand darf also in Tschetschenien das böse Wort von der Unabhängigkeit in den Mund nehmen) soll und wird sich kaum etwas ändern. Der angekündigte  Truppenabzug hätte Kadyrow sogar noch unabhängiger gemacht. Auch der Mord in EU-Österreich störte nur wenig. Die freundlichen Europäer sind (mit Ausnahme der Briten vielleicht, und der Polen und Balten, aber die zählen als notorische „Russenhasser“ nicht wirklich) viel zu sehr auf gute Beziehungen mit Russland bedacht, um sich von einem oder zwei toten Tschetschenen allzu sehr aus der Ruhe bringen zu lassen, selbst wenn die Morde bei ihnen geschehen. Ein, zwei lahme Demarschen, das wars. Anders dagegen jetzt hoffentlich Dubai. Der dortige Polizeichef erklärte öffentlich, die Spuren führten direkt zu Ramsan Kadyrow. Und er kritisierte die Verantwortlichen in Moskau, nichts dagegen zu unternehmen. Der kleine, aber blutige Despot reagierte pikiert. Er, so Kadyrow, werde alle Maßnahmen ergreifen, die russisches und internationales Recht böten, um gegen diese „böswilligen Verleumdungen“ vorzugehen. Da ist wohl einer getroffen – und wohl nicht in der Ehre. Der Kreml aber schweigt bisher. Rechtsnihilismus allen Orten.

Um Tschetschenien ist es international, wohl vor allem Dank des brutalen Kadyrow-Regimes, in letzter Zeit sehr ruhig geworden. Die Aufmerksamkeitskaravane ist weiter gezogen, zu Orten mit mehr Action-Potential. Dorthin, wo es noch spannend ist. Auch deshalb ist zu hoffen, dass Dubai mindestens ebenso standhaft bleibt, wie Großbritannien im Fall Litwinenko. In der russischen Presse wird die Ermordung Sulim Jamadajews erwartungsvoll bereits „Litwinenko-2“ genannt.

Menschenrechtszentrum Memorial mit vielen Informationen über Gewalt im Nordkaukasus (englisch)

 

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