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Zum Tod von Jurij Schmidt

Am 12. Januar 2013 ist Jurij Schmidt nach langer Krankheit in seiner Heimatstadt St. Petersburg gestorben. Eigentlich hieß Jurij Schmidts Heimatstadt gar nicht St. Peterburg. Sie hieß Leningrad. Denn in Leningrad wurde er ausgerechnet im Großen Terrorjahr 1937 geboren. 

Jurij Schmidts ganzes Leben ist mit Leningrad verbunden. Hier überlebte er zusammen mit seiner Mutter die Blockade. Hier ging er zur Schule und hier immatrikulierte er sich 1955 an der Universität. Über das Schicksal seines Vaters wusste er all diese Jahre nichts. Vater und Sohn begegneten sich erstmals im Jahre 1956. Sein Vater, Mark Lewin, war damals 47 Jahre alt. 26 davon hatte er im Gulag verloren, eine selbst für sowjetische Maßstäbe beeindruckende Zahl. Als Sozialdemokrat hatte sich Mark Lewin seit seiner Jugend am Widerstand gegen die Bolschewiki beteiligt, wurde Ende der zwanziger Jahre erstmals verhaftet, und sein Leben bestand seitdem ständig aus Verbannung und Lagerhaft. Jurijs Mutter wurde ebenfalls aus politischen Gründen verbannt. So war es dann ein sibirisches Dorf, in dem sich die Eltern des zukünftigen Anwalts Mitte der dreißiger Jahre begegneten. Glücklicherweise konnte die Mutter relativ bald nach Leningrad zurückkehren.

Nach seiner Rückkehr nach Leningrad Mitte der 1950er Jahre prägte Jurij Schmidts Vater mit seinen Erfahrungen eine ganze junge Generation werdender Dissidentinnen und Dissidenten in Leningrad. Jurij Schmidt selbst war es nicht vergönnt, in den politischen Prozessen der späten sechziger, der siebziger und beginnenden achtziger Jahre als Anwalt Andersdenkende in der Sowjetunion zu verteidigen. Der KGB ließ ihn nicht als Anwalt zu. Es scheint, als habe der KGB genau gewusst, was er von einem Anwalt wie Schmidt zu erwarten hatte, und warum er keinesfalls den Auftritt eines neuen dissidentischen Anwalts auf der öffentlichen Bühne riskieren wollte.

Seinen Ruf als Anwalt erarbeitete sich Jurij Schmidt in ganz normalen, also nicht politischen Strafprozessen. Das war nicht üblich im sogenannten sowjetischen Rechtssystem. Hier war ein Anwalt meist nur Staffage, damit die Gerichtsverhandlung genannte Farce, in der über 98 Prozent der Anklagen in Verurteilungen endeten, aussah wie eine echte Verhandlung über das, was tatsächlich geschehen war. Jurij Schmidt wurde als Anwalt bekannt, der, im Gegensatz zum Üblichen, für seine Mandantinnen und Mandanten das unter diesen Bedingungen Möglichste heraus holt.

Mit der Perestroika dann konnte Jurij Schmidt sein doppeltes Talent als skrupulöser Kenner des Rechts und politscher Redner. Alle seine Fälle hatten einen politischen (Hinter-)Grund: Er verteidigte erfolgreich1989 Arkadij Manutscharow, einen der Anführer der Armenier in Bergkarabach; 1991 Tores Kulumbekow, der von den georgischen Behörden beschuldigt wurde, die ossetische Unabhängigkeit anzustreben und Massenunruhen provoziert zu haben; 1993 Abdumanow Pulatow, einen usbekischen Dissidenten, der in Russland politisches Asyl beantragt hatte; 1996 afghanischer Flüchtlinge gegen den russischen Staat, der sie ins Talibanland und den sicheren Tod abschieden lassen wollte. Schließlich 997 Walerij Miroschnitschenko, einen pensionierten Militärangehörigen aus Estland, der von der estnischen Regierung des Landes verwiesen worden war.

Über zwei Fälle muss hier noch besonders berichtet werden, denn sie machten Jurij Schmidt auch über die ehemalige Sowjetunion hinaus zu einem bekannten (Menschen-)Rechtsverteidiger. Der erste ist der Fall Nikitin. 1996 ließ der Geheimdienst FSB Alexander Nikitin verhaften. Der ehemalige Sicherheitskontrolleur der Atom-U-Boot-Flotte im Nordmeer hatte für die norwegische Umweltorganisation Bellona einen Bericht über Umweltgefährdungen durch abgewrackte Schiffsreaktoren erstellt. Der FSB ließ Nikitin des Geheimnisverrats anklagen. Jurij Schmidt gelang es nachzuweisen, dass der FSB Beweisdokumente gefälscht hatte und angeblich geheime Papiere erst nach der Veröffentlichung von Nikitins Bericht für geheim erklärt worden waren. Alexander Nikitin wurde 1999 frei gesprochen. Er bliebt bis heute der einzige, der bei einer spionageanklage dem FSB entkommen konnte.

2004 übernahm Jurij Schmidt die Leitung des Verteidigerteams von Michail Chodorkowskij, weil er sich davon überzeugt hatte, dass die Anklage auf politischen Motiven fußt. Unermüdlich wiederholte er, es handele sich, unabhängig ob die Anklagepunkte nun stimmen oder nicht, nicht um einen rechtsstaatlichen Prozess.  Doch Michail Chodorkowskij wurde zu sieben Jahren Lagerhaft verurteilt. Obwohl schon erkrankt, besuchte Jurij Schmidt Chodorkowskij im Lager, siebentausend Kilometer von St. Petersburg entfernt in Sibirien. Er verteidigte ihn auch im zweiten Prozess, in dem seiner tiefen Überzeugung nach Chodorkowskij zum zweiten Mal für die gleiche, nicht begangene Tat verurteilt wurde.

Der Chodorkowskij-Prozess wurde zum Fall seines Lebens, zu einer sehr prinzipiellen, einer Herzensangelegenheit. In einem Interview 2011, bereits abgemagert und gezeichnet von seiner Krankheit, bekannte Jurij Schmidt: „Ich habe Michail Chodorkowskij gesagt, dass ich es nicht gewohnt sei mit dem Gefühl, eine Schuld nicht beglichen zu haben zu sterben. Und ich habe ihm dafür gedankt, dass er mich ‚aufhält’. Er ‚hält“ mich wirklich. Ich will erleben, wie er freikommt.“ Diese Hoffnung hat Jurij Schmidt im letzten Jahr getragen.

Für seinen Einsatz für die Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit erhielt Jurij Schmidt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen. 2012 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. 2006 ehrte ihn die Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Petra-Kelly-Preis.

 

 

 

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