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Untote Ideen leben länger: Flüsseumkehr als russisch-kasachische Klimaadaptation

Es war heiß im russischen Sommer und im kasachischen ebenso. Wohl nur so kann man das Auftauchen einer alten, verstaubten (Medwedjew) Idee beim jüngsten russisch-kasachischen Präsidententreffen bewerten. Nursultan Nasarbajew, Fast-Lebenslang-Leader von Kasachstan, regte an, doch das in tiefen Sowjetzeiten diskutierte Projekte einer Umleitung der großen sibirischen Ströme nach Süden wieder aufzunehmen. Mit den von der Natur für das Eismeer bestimmten Wasser könnten sich sowohl Russland als auch Kasachstan gegen zukünftige Dürren wappnen. Nun bemühte Nasarbajew die Natur: Sie habe mit der Sommerhitze und der langen Trockenheit die Menschen daran erinnert, dass es die Gefahr von Wasserknappheit gebe. das sind so Gedanken, die postsowjetischen Staatsmännern kommen (können), wenn sie vom Klimawandel überrascht werden.

Medwejew stimmten seinem Kollegen-Gastgeber eher lahm zu. Man sei offen für die Diskussionen vieler Iden, darunter auch solche aus der Vergangenheit. Der Plan, Ob, Jennisej oder Irtysch einfach Umzulenken war in der Sowjetunion seit den sechsziger Jahren diskutiert worden. Es gab sogar bereits detaillierte Ausarbeitungen, wie das zu bewerkstelligen sein könnte. Die kühnste, um nicht zu sagen verrückteste wollte mit gezielten Nuklearsprengungen vorgehen. Zum Glück für uns alle fehlte vor allem das Geld. Wohl schreckten die Verantwortlichen auch vor solch einem gigantischen Natureingriff zurück. Mitte der 1980er Jahre wurde die Pläne endgültig beerdigt und nur solch adiose Firguren wie der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow (ein bekannter Tüftler und Erfinder, dem mehrere Patente für runde Bienenkörbe gehören, in denen die Bienen angeblich mehr und besseren Honig produzieren) holten ihn von Zeit zu Zeit ans Sommerlochlicht.

Nun kann es gut sein, dass auch Nasarbajews Vorschlag auf russischer Seite nicht ganz ernst genommen wird und dass Medwedjews RReplik einfach nur die höfliche Absage eines höflichen Gastes war. Hoffentlich ist das so. Das Hoffentlich drückt aber schon die auf Erfahrung wohl gegründete Vorsicht aus, dass auch in Russland vieles möglich ist, was andernorts in den Bereich des Phantastischen gehört. Die Neigung, dem Klimwandel durch phantasiereiche technische Lösungen zu begegnen, wenn man ihn oder seine negativen Folgen schon nicht mehr leugnen kann, ist zudem mindestens ebenso groß.

Hoffnung macht ausgerechnet ein eher unangenehmer Aspekt russischer Außen- und Nachbarschaftspolitik: Sie zielt auf Dominanz (und schielt zurück zu alter Großmachtherrlichkeit) und neigt dazu natürliche Vorteile gnadenlos auszunutzen. Mit dem Wasser ist es da nicht anders als mit Gas oder Öl. Russland hat davon sehr viel. Etwa ein fünftel allen Trinkwassers der Erde befindet sich zwischen Kaliningrad und Kamptschatka. Russland selbst hat also nicht das Problem, keinen ausreichenden Zugang zu Trinkwasser zu haben, und wird das wohl auch künftig nicht. Allerdings gibt es erhebliche Verteilungsprobleme, also „zu“ trockene Regionen und „zu“ nasse.

Dass Wasser einer der künftig knappen und damit begerhten Rohstoffe dieser Erde ist, ist auch der russischen Führung nicht entgangen. Erst im August erklärte der ehemalige FSB-Chef und jetzige Sekretär des Staatssicherheitsrats Nikolaj Patruschew in einem Inertveiw in der staatlichen „Rossijskaja Gaseta“, ausreichend Wasser und der sorgsame Umgang mit ihm sei eine Frage der Staatssicherheit. Er verwies auch darauf, das es in vielen Ländern schon bald Konflikte um Wasser geben werde, darunter auch die ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien, also auch Kasachsten.

 Der Hilferuf von Naserbajew geht auch auf einen schon länger schwelenden Konflikt in der zentralasiatischen Region zurück. Die gebirgigen Tadschikistan und Kirgistan planen schon länger größere Staudammprojekte, einerseits zur Elektrizitätsgewinnung, aber auch, um den Wasserzufluss in die flacheren Länder mit großer, wasserintensiver Landwirtschaft wie Usbekistan und Kasachstan regulieren zu können. Letzteren ist veständlicherweise unwohl, sollten erstere am Wasserregler ihres Wohlstands und ihrer Lebensmittelversorgung sitzen.

Die Hitzewell in diesem Sommer hat ihnen noch einmal deutlicher als schon zuvor ihre Verletzbarkeit gezeigt – und sie einen nicht sehr beruhigenden Blick in die Zukunft werfen lassen. Mit vergangenen Plänen werden sich diese Probleme aber kaum lösen lassen. 

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