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Majak und Tschetschenien – zwei russisch-sowjetische Tragödien in einer Lebensgeschichte

Die eine
Tragödie, über das hier berichtet werden soll, hat keinen exakt nennbaren
Beginn. Man könnte sie pathetisch „Tragödie des tschetschenischen Volkes“
nennen. Aber was würde das erklären? Wer könnte das verstehen? Verständlich
werden Unglück und Leid für mich immer, wenn es um Menschen geht, um ganz
konkrete Menschen. Hier um Giliani (den Nachnamen lasse ich weg, er tut hier
nichts zur Sache), einen heute 62-jährigen Tschetschenen (so sieht er sich
selbst und so wird er gesehen) und seine Familie.
 

Giliani wurde
1949 in der kasachischen Steppe geboren, wohin seine Eltern im Februar 1941
zusammen mit ihrem gesamten tschetschenischen Volk deportiert worden waren.
Erst in den 1960er Jahren durften sie zurück in ihren Heimatort Urus-Martan im
Kaukasus. Es kamen die besten Jahre. Giliani lernte in Moskau Ballett zu
tanzen, kehrte dann nach Tschetschenien zurück. Er heiratete, Kinder kamen.
 
Doch
Tschetschenien war auch damals schon eine der ärmeren Gegenden der Sowjetunion.
Arbeit gab es kaum. So verdingte sich Giliani, wie viele damals aus
Nordkaukasus, als Arbeiter in einer der „Schalaschki“ genannten Baubrigaden.
Diese Brigaden zogen, bei vergleichweise guter Bezahlung, durch die großen
Baustellen der Sowjetunion. So kam er Mitte der 1980er Jahre nach Musljumowo,
einem Dorf unweit Tscheljabinsk am Ural.  
 

Hier kommt die
zweite Tragödie ins Spiel. Sie nahm 1949 rund 30 Kilometer westliche von
Musljumowo ihren Anfang. Dort, in einer wunderschönen Berg- und Seenlandschaft
fand die noch junge sowjetische Atomindustrie ideale Bedingungen zum Bau ihrer
ersten Atomfabrik, Majak (Leuchtturm) mit nahmen. Hier wurde in industriellem
Maßstab begonnen, Brennstoff für Atomreaktoren erzeugt werden, auch für die
sowjetischen Atomwaffen geeignet. Majak produziert noch heute. Erfahrungen gab
es am Beginn der 1950er Jahre mit dem Umgang mit hochradioaktiven Materialien
noch wenig. Viele Arbeiterinnen und Ingenieure starben in dieser „Pionierzeit“ an
Verstrahlung. Hochradioaktive flüssige Abfälle wurden einfach ungeklärt in den
Fluss Tetscha geleitet.
 

Erst nach drei
Jahren, 1952, wurde die Einleitung beendet, doch viele Menschen in den Dörfern
am Unterlauf waren bereits verstrahlt. Fast alle Dörfer wurden evakuiert und
dem Boden gleich gemacht. Bis auf vier. Ob sie nun vergessen, oder, böser, bis
heute nicht geklärter Verdacht, bewusst dort in der verseuchten Zone gelassen
wurden, um an den BewohnerInnen eine Art Langzeitexperiment durchzuführen, weiß
niemand sicher zu sagen. Musljumowo ist, von Majak aus flussabwärts, das erste
dieser vier Dörfer.    
 

Lange wurden noch
mittel- und noch länger schwachradioaktive Abfälle in die Tetscha geleitet.
Zuletzt wurde 2005 der Kombinatsdirektor zu einer Bewährungsstrafe verurteilt,
weil 2004 so 60.000 Tonnen ihren Weg den Fluss runter und an Musljumowo vorbei
nahmen. Immerhin (so dieses Wort hier überhaupt angemessen ist), immerhin also
ging die große Majak-Katastrophe, die Explosion eines Beckens mit flüssigen
radioaktiven Abfällen im September 1959, an Muljumowo vorbei. Die radioaktive
Wolke zog nach Nordosten und verseuchte ein Gebiet etwa von der Größe von
Rheinland-Pfalz mit mehr als 100.000 Einwohnern. Auch hier wurde umgesiedelt.
Auch hier blieben, wie seltsamerweise vier Dörfer ausgenommen.
 

Giliani kam also,
noch zu Sowjetzeiten, als Wanderarbeiter oder Saisonarbeiter nach Musljumowo.
Er arbeitete im Sommer hier und verbrachte die Winter daheim in Tschetschenien,
in Urus-Martan. Damals war die Tetscha-Verseuchung schon fast vergessen. Kinder
badeten im Fluss und das Vieh wurde dorthin zur Tränke getrieben. Mit dem Ende
der Sowjetunion brach das Schalaschki-System zusammen.
Aber auch in
Tschetschenien brachen unfriedliche Zeiten an. Schon vor dem ersten
Tschetschenienkrieg, ganz am Anfang der 1990er Jahre unter Präsident Dschochar
Dudajew wuchs die Gewalt und die Schutzlosigkeit (fast) aller. Giliani zog mit
seiner Familie nach Musljumowo. Ein Bruder hatte es geschafft, dort offiziell
seinen Wohnsitz registriert zu bekommen und eine kleine Baracke bezogen. Dort
wurde nun angebaut, ärmlich zwar, aber das der Bruder legal dort lebte,
immerhin mit Strom und Fernheizung ausgestattet. Und es gab für flinke,
geschickte und fleißige Hände soviel zu tun, dass es zu einem kargen Auskommen
reichte.
 

Doch in
Urus-Martan blieb das Haus der Familie zurück. Und es war Heimat dort. In der
Verbannung in Kasachstan oft erträumte Heimat. In Musljumowo war der Aufenthalt
von Giliani und seiner Familie zudem immer wieder von der faktischen
Illegalität durch das aus Sowjetzeiten auch im neuen Russland weiter geltende
Propiska-System gefährdet. Die in der Verfassung stehende Freizügigkeit wird
dadurch behördlich praktisch aufgehoben. Giliani machte nach dem Krieg, 1997, noch
einen Versuch in Tschetschenien.
 

Dann begann der
zweite Krieg und im Spätherbst 1999 bombardierten russische Flugzeuge Urus-Martan.
Gilianis Haus bekam einen Volltreffer. Zum Glück überlebten alle im Keller.
Doch wohin nun? Sie entschlossen sich, nach Musljumowo zurück zu kehren. Sie
waren jetzt Flüchtlingen und das gab zumindest ein wenig Ruhe vor den Behörden.
 

Vor vier Jahren
dann wurde Musljumowo endlich zum radioaktiv verseuchten Gebiet erklärt und mit
der Umsiedlung der BewohnerInnen begonnen. Wer ein Haus hat dort, bekam und bekommt
eine Millionen Rubel oder ein Ersatzhaus in einer schnell hochgezogenen Siedlung,
einige Kilometer weiter. ÖkologInnen zweifeln daran, dass sich dort
ungefährlicher und gesünder leben lässt. Aber nicht das ist Gilianis Problem.
Sein Problem und das seiner Familie ist, dass sie eben keine „Propiska“, keine
Wohnberechtigung haben. Formal leben sie in Tschetschenien, in Urus-Martan, in
einem Haus, das in Trümmern liegt. Keine Wohnberechtigung, keine Kompensation
in Geld und auch kein Ersatzhaus. So einfach ist das für die örtlichen Behörden
und die Beamten von Rosatom, dem staatlichen Atomkonzern.
 

Gilianis Bruder
mit Familie ist längst weggezogen. Rund um die Baracke, in der er mit seiner
Familie seit über zehn Jahren lebt, verschwinden immer mehr Häuser, werden
abgerissen und nicht weit entfernt (nicht sehr kompetent, klagen ÖkologInnen)
als Sondermüll verbuddelt. Nur etwas mehr als ein Zehntel der Häuser von
Musljumowo steht noch. Und Gilianis Baracke, am Hochufer der Tetscha, neben den
Backsteinruinen einer großen Mühle, die noch aus Zarenzeiten stammte, und des
ehemaligen Herrenhauses, das noch bis vor Kurzem als Kindererholungsheim
diente.  
 

Verbannung,
Krieg, wieder Krieg und eine ökologische Katastrophe. Gilianis Leben ist ein
tragischer Querschnitt durch die Unmenschlichkeit der Sowjetunion, des
russischen Staates des 20. Jahrhundert, die leider auch im 21. Jahrhundert
weiter wirkt.   

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