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Zum Tod von Wiktor Tschernomyrdin

Nachrufe gehören
bisher nicht zum Genre dieses Blogs. Der Grund ist einfach: Wiktor
Tschernomyrdin ist der erste bedeutende russische Politiker der gestorben ist,
seit es den Blog gibt. Das Attribut „bedeutend“ verwende ich nicht achtlos.
Wiktor Tschernomyrdins Politikerkarriere war eine des Übergangs. Mit ihm
überdauerte sozusagen das alte, bürokratisch organisierte und beherrschte
Russland die liberalistischen Stürme der 1990er Jahre. Sein bedeutendster
Beitrag dazu war die Schaffung von Gasprom (man kann auch von „Rettung“
sprechen, davon später). Gasprom ist gleichzeitig Vehikel und Vorbild des neuen
bürokratischen Russland. Und die Nachfolger von Wiktor Tschernomyrdin bei der
Kontrolle des Gasgiganten sind dann auch über den Gründervater hinweg gegangen.
Doch der Reihe nach.

 

Wiktor
Tschernomyrdins politische Großkarriere begann 1985, als er, Gorbatschow war
erst kurz zuvor Generalsekretär der KPdSU geworden, zum Gasminister aufstieg.
In der Umbruchzeit um 1990 verhinderte Tschernomyrdin maßgeblich, dass die
einst sowjetische Gasindustrie wie ihre Ölschwester in viele kleine und einige
größere Privatfirmen verwandelt wurde. Ob nun Weitsicht oder mehr
Eigeninteresse im Spiel waren, ist heute schwer zu sagen. Im Ergebnis aber
wurde das Gasministerium in Gasprom umgewandelt, eine Aktiengesellschaft,
vorwiegend in Staatsbesitz. Tschernomyrdin blieb der Chef.

 

In seiner
Auseinandersetzung mit dem Obersten Sowjet konnte Boris Jelzin Anfang der
1990er Jahre als Präsident den Marktreformer Jegor Gajdar (bis heute als einer
der „Väter der Privatisierung“ und der derjenige, der die zuvor sowjetisch
fixierten Preise freigegeben hat, im Land weitgehend verachtet) als
Ministerpräsidenten nicht durchsetzen. Wiktor Tschernomyrdin war der
Kompromisskandidat und wurde Mitte Dezember 1992 vom Jelzins
marktwirtschaftlichen Kurs mehrheitlich ablehnenden Obersten Sowjet bestätigt.
Die zumeist kommunistischen Deputierten dachten wohl, der alte „rote“ Bürokrat
würde sich auf ihre Seite schlagen. Das tat er nicht, auch nicht beim letztlich
mit Straßenschlachten und Panzerbeschuss blutig endenden Showdown im Herbst
1993. Tschernomyrdin blieb seinem Chef gegenüber loyal.  

 

Schon in dieser
Zeit zeigt sich, was auch Michail Chodorkowskij in einem kurzen Nachruf aus dem
Gefängnis würdigt
: „Ich habe ihn (…) als in höchstem Maße anständigen und guten
Menschen gekannt, was in der modernen Politik eine Seltenheit ist.“ So gibt es
auch im politisch zersplitterten heutigen Russland kaum Negatives in den zahlreichen
Nachrufen zu lesen. In gewisser Weise war Tschernomyrdin ein vormoderner
Politiker, im Westen würde man wohl sagen, ein Konservativer mit ethischen
Prinzipien. 

 

Es gibt eine
andere Episode, die das sehr deutlich zeigt. Mitte Juni 1995 hatte eine Gruppe
tschetschenischer Rebellen unter Führung von Schamil Bassajew das Krankenhaus
der nördlich von Tschetschenien im Gebiet Stawropol liegenden Stadt Budjonnowsk
besetzt und rund 2.000 Menschen als Geiseln genommen. Sie forderten den
sofortigen Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien, andernfalls würden
die Geiseln getötet. Boris Jelzin war außer Landes, Wiktor Tschernomyrdin also
die höchste staatliche Autorität im Land.

 

Schnell war klar,
dass an einen Sturm des Krankenhauses 
zur Befreiung der Geiseln nicht zu denken war. Zu schlecht waren die
russischen Truppen, zu verwinkelt das Krankenhaus, zu groß die Geiselzahl. Also
musste verhandelt werden. Statt nun, wie es wohl die meisten anderen an seiner
Stelle gemacht hätten, einen Polizeichef oder General die zweitausend Kilometer
in den Süden zu schicken, griff Wiktor Tschernomyrdin zum Telefonhörer und rief
Bassajew an. Er schämte sich nicht der Erniedrigung als Premierminister um das
Leben der Geiseln zu bitten. Noch heute habe ich seine kräftige Stimme im Ohr:
„Schamil Bassajew? Ist dort Schamil Bassajew? Schamil, lassen Sie uns
vernünftig reden.“

 

Die Erniedrigung
hatte Erfolgt. Bassajew erhielt mit seinen Leute freien Abzug in ein paar
Autobussen mit einigen der Geiseln und ein paar prominenten Freiwilligen, wie
Sergej Kowaljow. Trotz vieler Toten bei der Geiselnahme selbst und Gefechten
zwischendurch, konnte Tschernomyrdin so ein großes Blutbad verhindern. Ja, er
tat das auch aus Schwäche, aber als Anfang September 2004 in Beslan 1.000 Menschen,
die meisten Kinder in einer Schule zu Geiseln genommen wurden, gab es in der Moskauer
Führung niemanden mehr von diesem Format. Es war überhaupt niemand von Format dort.
Die Staatsführung unter Präsident Wladimir Putin duckte sich weg und das Unheil
nahm seinen Lauf.

 

Nach seinem Tod
lobte Putin Tschernomyrdin nun als „wahren Patrioten“. Das ist zumindest bemerkenswert.
Immerhin war Tschernomyrdin von Ende 1992 bis Frühjahr 1998 Premierminister
unter Jelzin, in jener Zeit also, die heute von den Macht Habenden als die des
Chaos, der nationalen Erniedrigung, der nationalen Tragödie dargestellt wird,
die erst mit Putin als Präsident überwunden werden konnte. Auch hier mag es
Tschernomyrdins Menschlichkeit und Loyalität gewesen sein, die ihn davor
bewahrte, mit in Haftung für die Jelzinsche Politik genommen zu werden. Überhaupt
neigen viele Menschen in Russland dazu, Tschernomyrdin zu Gute zu halten, dass
es damals „nicht noch schlimmer“ gekommen ist.

Putins Lob wird aber, wie so oft bei ihm, auch noch anders gemeint gewesen sein. Mit Gasprom hat Tschernomyrdin der neuen, nachjelzinschen Macht das wichtgste Instrument zum Aufbau eines neuen, staatlich-monopolistischen Kapitalismus in die Hand gegeben. Ohne Gasprom keine gelenkte Demokratie.

Und dann kann
Loyalität ja durchaus auch zweischneidig sein. Tschernomyrdin hätte sicher
gesagt, er sei seinem Land gegenüber loyal. Man könnte aber auch sagen, seine Loyalität
galt den Machthabern. Es ist eine der Tragödien Russlands, dass viele
dazwischen immer noch keinen Unterschied sehen.

 

Und noch etwas
darf in einem Nachruf auf Wiktor Tschernomyrdin nicht unerwähnt bleiben: seine „Eloquenz“.
Kein russischer Politiker der vergangenen 20 Jahre hat so viele Aphorismen
hinterlassen. Im Gegensatz zu Putin waren sie weder böse noch berechnend. Sie
sprudelten nur so aus ihm heraus, unbedarft, unbewusst, unabsichtlich. Sie machten ihn menschlich. Der
bekannteste wurde gar zum geflügelten Wort nicht nur zur russischen Staatskunst,
sondern zum russischen Sein überhaupt: „Wir wollten es besser machen, aber es
kam wie immer“.

 

Mit einer kleinen
Auswahl will ich diesen Nachruf beenden (mehr, auf Russisch, bei polit.ru):

 

„In der Natur
kommt so etwas nicht vor – und nun schon wieder!“

 

„Unsere Bauern
ackern, ohne zu ernüchtern.“

 

„Auch in diesem Jahr
kam der Winter wieder unerwartet.“

 

„Ich habe
ungefähr zwei Söhne.“

 

„Die Regierung
entlassen? Irgendjemandem jucken die Finger – juckt Euch an einer anderen Stelle.“

 

„Wein brauchen
wir für unsere Gesundheit. Und Gesundheit brauchen wir, um Wodka zu trinken.“

 

„Früher arbeitet
das halbe Land, und das halbe arbeitete nicht. Heute, hm, heute ist alles
umgekehrt.“

 

„Lehrer und Ärzte
wollen praktisch jeden Tag essen.“

 

„Welche Partei
wir auch gründen – immer kommt die KPdSU dabei raus.“

 

Und zum Schluss die Frage: „Welche
Schuld haben wir von Gott, Allah und anderen auf uns geladen?“

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