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Jonathan Littell, die tschetschenische Hölle und deutsch-französische Unterschiede

Jonathan Littell, vor einigen Jahren durch den Roman „Die Wohlgesinnten“ auch in Deutschland bekannt gewordener amerikanisch-französischer Schriftsteller (hört sich beim Nachlesen komisch an, deshalb: in New York geboren, in Frankreich aufgewachsen und auf Französisch schreibend), hat ein kleines Büchlein über Tschetschenien geschrieben. Genauer gesagt, handelt die Reportage (oder der Essay, das ist nicht immer so ganz klar) mit dem Titel „Tschetschnien, Jahr III“ von Ramsan Kadyrow, der vor knapp drei Jahren von Wladimir Putin zum tschetschenischen Präsidenten gemacht wurde. Noch genauer: von der Hölle, die Kadyrow aus Tschetschenien gemacht hat.

Littell hatte Tschetschenien schon 1996 und 1999 als Mitarbeiter einer Menschenrechtsorganisation besucht und war im Frühjahr dieses Jahres erneut dort auf der, wie er schreibt, Suche nach den „positiven Aspekten des tschetschnischen Regimes“, die die russische Regierung immer wieder hevorgehoben habe. Während Littell allerdings schrieb, wurde im Juli Natalja Estemirowa ermordet, kurz daranh Sarema Sajdullajewa und ihr Mann. Kadyrow klagte gegen Oleg Orlow, den Vorsitzenden des Menschenrechtszentrums von Memorial, der den tschetschenischen Präsidenten für den Mord an Natalja Estemirowa öffentlich verantwortlich gemacht hat. Memorial schloss seine Büros in Tschetschenien (auch wenn das Monitoring der Menschenrechtsverletzungen nicht ganz eingestellt wurde) und Kadyrow gewann vor einem Moskauer Gericht, nur zwei Gehminuten vom kleinen Memorial-Haus im Moskauer Stadtzentrum entfernt, gegen Orlow. Littell überdachte deshalb den leicht optimistischen Unterton seines Textes und arbeitete ihn um. Nun beginnt er mit einer eindrücklichen Beschreibung der allgegenwärtigen Angst in Tschetschenien, die Kadyrow verbreitet.

Das kleine Büchlein, 140 nicht allzu eng bedruckte Seiten, gibt einer sehr dichten Eindruck vom Herrschaftssystem Kadyrows und seinen „tragenden Säulen“. Eine von ihnen, der Terror, sind leicht erklärt und können mit unzähligen, oft von Memorial in der seit 1999 geführten „Chronik der Gewalt“ dokumentierten Bespielen, belegt werden. Mit anderen, der Unterstützung durch das Moskauer Zentrum und namentlich Putin, dem alle Besucher seit 2007 beeindruckenden Wiederaufbau, der Islamisierung und der Tschetschenisierung ist es schwieriger. Doch auch das gelingt Littell vielstimmig und gerade deshalb verständlich. Wer sich die Zeit für das Buch nimmt,  hat nachher einen guten Eindruck, worin der Erfolg Kadyrows liegt, was seine Macht stützt, von ihrer direkten Brutalität, aber auch von ihrer gleichzeitigen Fragilität, davon, warum das alles nicht von Dauer sein wird. Das Buch ist lesenswert. Littell sitzt aber auch einigen Irrtümern auf, auf die ich kurz eingehen möchte.

Der erste ist, dass Putin Ramsan Kadyrows Lehrmeister und, im direkt mafiösen Sinn, auch sein Pate sei. Das mag direkt nach der Ermordung von Ramsan Kadyrows Vater Akhmad vor fünf Jahren so gewesen sein. Und wohl auch noch als er vor rund drei Jahren Präsident wurde. Doch inzwischen sind die Dinge nicht mehr so eindeutig. Putin braucht Kadyrow mindestens genau so, wie umgekehrt Kadyrow Putins Protektion braucht. Ohne Kadyrow bricht die sogenannte „Befriedung“ Tschetscheniens in sich zusammen. Selbst ausgesprochene Kritiker der russischen Tschetschenienpolitik und Menschenrechtler denken zwar mit Schrecken an Kadyrows Schlachthofregime, sagen aber gleichzeitig voraus, dass ohne die offene Gewalt sofort wieder zunehmen werde, bis zum erneuten Krieg. Putin kann Kadyrow nicht mehr entlassen, er könnte ihn nur noch umbringen lassen. Damit würde er aber gleichzeitig das Scheitern seiner Tschetschenienpolitik eingestehen (und wohl den ganzen Nordkaukasus in Brand stecken). Es ist eine bittere Ironie, dass es inzwischen in den Tschetschenien benachbarten Dagestan und Inguschetien mehr offene Gewalt gibt und sich Kadyrow anbietet, auch diese beiden Republiken nach „seiner Methode“ zu „befrieden“.

 Der zweite Irrtum Littells liegt darin, Putins Herrschaft in Russland als Modell für Kadyrows Herrschaft in Tschetschenien zu betrachten. Er schreibt, in Russland habe es „das gegenwärtige Regime zu einer wahren Meisterschaft gebracht, die Mehrheit der Bevölkerung zum Schweigen zu bringen, indem es außerordentlich selektive Morde begeht oder begehen lässt und den Zugang zu tatsächlicher Information streng kontrolliert.“ Kadyrow eifere in seiner Methode seinem Vorbild Putin nur nach. Das ist ein ausgesprochen französischer Gedanke, uuf den in Deutschland wohl kaum jemand verfällt. Schon länger scheint es mir, als ob der Unterschied des durchschnittlichen französischen Intellektuellenblicks (von dem Sarkozy im Übrigen kein bisschen angeblässelt ist)und seines deutschen Pendants auf Russland und Tschetschenien darin liegt, dass die Franzosen von Tschetschenien auf Russland insgesamt schließen und die Deutschen umgekehrt von Russland auf Tschetschenien.

So erscheint den Franzosen Russland meist schrecklicher als es ist, den Deutschen dagegen Tschetschenien weniger. Die Wahrheit liegt aber nicht, wie so oft, in der Mitte: Zwar haben die Franzosen mit Tschetschenien Recht, die Deutschen aber sehen die Situation in ganz Russland meist besser als sie ist, auch wenn sie mit der in Tschetschenien nicht vergleichbar ist. Es bleibt natürlich das Problem, dass Tschetschenien ein Teil Russlands ist, ein zwar einflussreicher, aber sowohl von der Größe als auch den Zuständen her nicht bestimmender. Die Zustimmung zu Putin (und Medwedjew) hängt, verkürzt gesprochen, im Wesentlichen davon ab, ob sie ihre materiellen Versprechen erfüllen können. Alles andere ist Absischerung und Beiwerk. Kadyrows Herrschaft fusst auf dem Terror.

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