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		<title>Opposition in Russland &#8211; eine kleine Zwischenbilanz</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Jan 2012 15:56:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jens Siegert</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>So konzentriert die Macht in Russland ist, so vielfältig, aufgespalten und ohnmächtig war bisher die Opposition. Oppositionelle hatten im Großen und Ganzen nur die Wahl zwischen Anbiederung und Marginalisierung. Jahrelang war es wie im Märchen vom Hasen und vom Igel: Putin war immer schon da. Das hat sich in den vergangenen Monaten begonnen zu ändern, möglicherweise tiefgehender als bisher sichtbar. Spätestens mit den Dumawahlen am 4. Dezember 2011 ist die Windrichtung der politischen Dynamik wechselhaft geworden. Seither scheint meist Putin der Getriebene, derjenige, dem immer öfter der Wind ins Gesicht bläst, der immer erst ankommt, wenn die Proteste und die sie tragende Stimmung im Land schon ein Stück weiter sind.<span id="more-1279"></span></p>
<p>Das Spektrum der Opposition ist breit. Es reicht von der sogenannten „Systemopposition“, also den zugelassenen und im Parlament vertretenen Parteien außer Einiges Russland (Gerechtes Russland, Schirinowskijs LDPR, Kommunisten/KPRF), über im Parlament nicht vertretene, aber zugelassene Parteien (v. a. Jabloko und Rechte Sache), nicht zugelassene Parteien (Parnas, von Wladimir Ryschkow, Boris Nemzow und Michail Kasjanow im Frühjahr 2011 gegründet), mit den Mitteln des Parteiengesetzes geschlossene Parteien (die Republikanische Partei von Wladimir Ryschkow, aber auch die Nationalbolschewisten von Eduard Limonow), bis zu parteiähnlichen außerparlamentarischen Formationen vor allem aus dem linksradikalen und rechtsradikalen Spektrum, und zum, ein wenig aus diesem von Anpassung bis Radikalität reichenden Schema fallend, weiten Feld der NGOs, vor allem derer, die sich Menschenrechtler nennen oder so genannt werden.</p>
<p>Hinzu kommen zwei neue Gruppen: Zum einen oppositionell gestimmte Menschen, die man einem bisher weitgehend entpolitisierten, meist großstädtischen Mittelschichtsmilieu zuordnen kann und von denen unklar ist, wie sie sich, wo sie sich und ob sie sich überhaupt politisch organisieren oder anschließen werden. Zum zweiten sind das eine größere Zahl einer breiteren Öffentlichkeit schon bekannter Personen aus Kultur und Publizistik, von denen einige zwar schon als Kritiker der herrschenden Politik aufgetreten sind, die dies bisher aber fast ausschließlich individuell und nie mit anderen gemeinsam handelnd getan haben. Unter ihnen möchte ich den Schriftsteller Boris Akunin, den Musiker Jurij Schewtschuk, die Journalistin Swetlana Sorokina und Xenija Sobtschak, Fernsehmoderatorin und Tochter des verstorbenen St. Petersburger Bürgermeisters und frühen Putin-Förderers Anatolij Sobtschak, hervorheben.</p>
<p>Letztere haben sich inzwischen zu einer „Wählerliga“ zusammengeschlossen, die, als Zusammenschluss von Menschen, die selbst keine politische Macht anstreben, über Fairness von Wahlen und die politischen Auseinandersetzungen in deren Umfeld wachen soll. Bewusst wurden keine Politiker, auch keine Oppositionspolitiker in die „Wählerliga“ aufgenommen. Mit diesem Schritt kommen sie auch dem weiterhin hohen Misstrauen in weiten Bevölkerungskreisen gegen jede Form von Politik und Politikern entgegen. Diese Einschränkung spiegelt andererseits aber auch das vielleicht nur zeitweise aufgehobene oder zurückgedrängte Politikverbot außerhalb der vom Kreml gelenkten Bahnen wider.</p>
<p>Die wichtigste Neuerung der vergangenen Wochen sind die vielen neuen, meist jungen Leute bei den Protesten. Leute also, die sich bisher von politischen Aktionen, geschweige denn Straßenprotesten, ja oft von Politik selbst ferngehalten haben. Diese Entwicklung zeichnete sich bereits kurz vor der Wahl ab, als sich – weitgehend autonom und über soziale Netzwerke  im Internet organisiert – eine kleine Wahlbeobachterbewegung formierte. Sie wurde am 10. Dezember auf der ersten Großdemonstration auf dem Bolotnaja-Platz deutlicher und war am 24. Dezember auf dem Sacharow-Prospekt unübersehbar. Dort war, neben dem „üblichen“ Protestpotential linker, rechter und liberaler Provenienz vor allem viel Mittelklasse zu sehen, gekleidet in die Labels der großen Modeketten dieser Welt, dazu Pelze und Stöckelschuhe, neben älteren, eher bescheiden gekleideten und offenbar gebildeten Menschen (aus der alten, noch sowjetischen Intelligenzija). Im Kontrast zu früher waren auffallend viele junge Leute auf der Straße. Die Stimmung war freundlich, fast fröhlich mit sehr viel Rücksicht aufeinander und einer erstaunlichen Toleranz anderen Meinungen gegenüber.</p>
<p>Selbst das seit den ersten Wochen nach den Wahlen ein wenig von der Leine gelassene landesweite Fernsehen ging auf die Demonstrationen ein und ließ Büroangestellte bei Staatsbetrieben, Kleinunternehmer oder Studenten zu Wort kommen, die erklärten, warum sie nun, das „nun” ist wichtig, auf die Straße gehen. Die Aussagen lassen sich in einem einfachen Satz zusammenfassen: Wir wollen nicht weiter betrogen werden. Diese Einfachheit verführt mitunter zu möglicherweise verfrühten Schlüssen. Gleb Pawlowskij, vom Putin-Macher zum Putin-Kritiker (aber nicht Oppositionellen) mutierter Inbegriff des Polittechnologen, nennt die Protestierenden „Putins Kinder”. Das ist durchaus zweideutig gemeint. Zum einen sind es eben diejenigen, die unter Putin erwachsen geworden sind, unter seiner Herrschaft ihre Werte und ihre politische Haltung ausgebildet haben. Zum anderen meint Pawlowskij damit aber auch diejenigen, die unter Putin „gut gelebt“ haben und sich kaum noch an die in der durch offizielle Propaganda manipulierten Rückschau immer schrecklicher werdenden 1990er Jahre erinnern können.</p>
<p>Ein etwas genaueres Bild davon, wer am 24. Dezember auf dem Sacharow-Prospekt war, gibt <a href="http://www.levada.ru./26-12-2011/opros-na-prospekte-sakharova-24-dekabrya" target="_blank">eine Umfrage des Lewada-Zentrums unter den Protestierenden</a>. Demnach waren es überproportional viele junge, gut ausgebildete Menschen, in entsprechend guten beruflichen Positionen. Auch die Verteilung politischer Überzeugungen ist interessant. 69 % der befragten nannten sich „Liberale” oder „Demokraten”. Relativ groß war noch der Anteil der Kommunisten mit 13 % sowie der Sozialisten oder Sozialdemokraten mit 10 %. Rechte Überzeugungen gab dagegen nur eine kleine Minderheit an (6 % „National-Patrioten”). Das spiegelt sich auch darin wider, für welche Partei die Befragten am 4. Dezember gestimmt haben (38 % für Jabloko, 19 % für die Kommunisten, 12 % für Gerechtes Russland, 13 % hatten gar nicht an der Wahl teilgenommen). Für die Mobilisierung hat, schon fast ein Allgemeinplatz, das Internet eine große Rolle gespielt. Etwa zwei Drittel der Befragten nutzen regelmäßig oder „von Zeit zu Zeit” das Internet, 89 % hatten von den Protestaktionen durch das Internet erfahren. <a href="http://wciom.ru/index.php?id=459&amp;uid=112274" target="_blank">Eine ähnliche Umfrage des kremlnahen WZIOM</a> kommt zu vergleichbaren Ergebnissen.</p>
<p>Bis zu den Dumawahlen am 4. Dezember gab es zwischen den Systemparteien auf der einen Seite und der radikalen Systemopposition auf der anderen Seite kaum Interessenüberschneidungen. Das hat sich geändert. Die unerwartete Schwäche des Putin-Regimes und seiner Gallionsfigur hat für fast alle Oppositionsakteure neue Handlungsnotwendigkeiten, aber auch Handlungsoptionen geschaffen. Das hängt vor allem mit der zentralen Legitimationsquelle der politischen Machthaber, der Popularität Putins zusammen. Im Frühjahr 2011 begannen zuerst die Zustimmungsraten zur Kremlpartei Einiges Russland zu sinken und ab dem Sommer auch die Putins selbst. Ende des Jahres lag die Zustimmung zu Putin deutlich unter der absoluten Mehrheit. Während es das wichtigste Ziel Putins ist, in den kommenden Wochen bis zur Präsidentenwahl seine Popularität erneut zu steigern (oder zumindest die glaubwürdige Illusion zu erzeugen), ist allen Oppositionsakteuren daran gelegen, dass Putin genau das nicht gelingt. Denn nur so können die „Systemoppositionellen“ ihre neu erlangte (Teil-)Autonomie bewahren und die außerparlamentarische Opposition verhindern, erneut marginalisiert, vielleicht sogar politisch verfolgt zu werden. Und das bleiben, was sie alle in den vergangenen Wochen geworden sind: Politiker in einem Land, in dem sich wieder erneut öffentlich um Macht auseinandergesetzt wird.</p>
<p>Dieses neue geteilte Interesse der Opposition zeigt sich wohl am deutlichsten im Organisationskomitee der nächsten großen Demonstration am 4. Februar, das (fast) das gesamte Oppositionsspektrum von den Systemparteien Kommunisten und Gerechtes Russland bis zur radikalen Opposition von Solidarnost vereint. Dort sitzt der ehemalige Dumaabgeordnete Wladimir Ryschkow neben dem Chef einer kleinen radikalen Organisation namens „Linke Front“, Sergej Udalzow, der durch mehrfache Arreststrafen wegen nicht genehmigter Demonstrationen und einem Hungerstreik zu einem der ersten Helden der neuen Protestbewegung geworden ist. Gennadij Gudkow, stellvertretender Fraktionsvorsitzender von Gerechtes Russland sitzt Ex-Schachweltmeister und Radikaloppositionär Garri Kasparow gegenüber. Daneben sitzen Vertreter von Menschenrechtsgruppen und anderen NGOs, ebenso bekannte wie kritische Journalistinnen und Journalisten, der populäre Schriftsteller Boris Akunin, dessen Buch die Vorlage für den Blockbuster „Wächter der Nacht“ gab, der populäre Antikorruptionsblogger Alexej Nawalnyj, Jewgenija Tschirikowa, die durch den Kampf gegen den Bau einer Autobahn durch den Wald von Chimki bekannt wurde (an dem enge Putinfreunde verdienen) und andere.</p>
<p>Das wichtigste, vielleicht einzig wirkliche Druckmittel der Opposition bleiben, auch angesichts der gefälschten absoluten Mehrheit von Einiges Russland in der Staatsduma, die Straßenproteste. Bei den Protesten geht es längst nicht mehr nur um die Wahlfälschungen vom 4. Dezember, sondern darum, ob die seither zurückgekehrte öffentliche Politik Bestand hat und das Land weiter öffnet oder ob es Putin gelingt, den Geist in die Flasche zurück zu zwingen (oder, um ein gegenwärtig in Russland populäres Bild zu nutzen, „die Paste zurück in die Tube zu drücken“). Wie wichtig die Straßenaktionen sind, zeigen auch die Versuche des Kremls Pro-Putin-Demonstrationen als Gegengewicht zu organisieren. Viel wird auch davon abhängen, ob es die Protestierenden (oder zumindest ein erheblicher Teil von ihnen) schaffen, sich als politische Kraft und damit als möglicher Verhandlungspartner zu konsolidieren. Bisher gibt es keine Verhandlungen, nicht einmal Gespräche.</p>
<p>Selbstverständlich tun Putin und die Seinen alles, um das zu verhindern. Sie verschleppen, versuchen abzuwerben, denunzieren, provozieren, spalten und was es sonst noch an schmutzigen Waffen gibt im Politarsenal. Voran Putin selbst, der <a href="http://www.novayagazeta.ru/columns/50616.html" target="_blank">„große Stumme, der zu reden begonnen hat“, wie die Nowaja Gaseta</a> kürzlich schrieb. Noch im alten Jahr erklärte er, er sehe niemanden in der Opposition, der als Führungsperson so anerkannt sei, dass es sich mit ihm zu sprechen lohne. Außerdem hätten die Demonstranten keine konkreten Forderungen erhoben. Die Angriffe setzen sich seither auf vielen Ebenen fort. Hier nur eine kleine Auswahl:</p>
<ul>
<li>Ohne konkrete Namen zu nennen beschuldigte Putin die Opposition, sie wolle „Russland genauso zerstören wie die Sowjetunion“.</li>
<li>Memorial und die Assoziation Golos in Komi wurden vom regionalen FSB auf eine Liste „extremistischer Organisationen“ gesetzt.</li>
<li>Bei einem Treffen mit Chefredakteuren griff Putin Alexej Wenediktow von Echo Moskwy frontal an und setzte die Berichterstattung des Radiosenders über die US-amerikanische Raketenabwehr mit Landesverrat gleich.</li>
<li>Wladimir Ryschkow und Gennadij Gudkow, zwei führende Mitglieder des Organisationskomitees der Demonstrationen, wurden heimlich bei einem Gespräch in einem Moskauer Café gefilmt und der Film mit allen Flüchen und den wenig freundlichen Aussagen über Mitoppositionelle ins Internet gestellt.</li>
<li>Den Wahlbeobachtern von Golos wurde der Mietvertrag ihres Büros in Moskau gekündigt. Als diese Attacke juristisch abgewehrt war, wurde der Strom abgestellt. Die Zentrale Wahlkommission droht Golos-Vertreter zur Präsidentenwahl nicht als Wahlbeobachter zu akkreditieren, was ihnen den Zugang zu den Wahllokalen verschließen würde.</li>
</ul>
<p>Trotz dieser vielen, bisher eher kleinen Angriffe ist die politische Kraft der vereinigten Opposition groß genug, die Genehmigung der Demonstrationen zwar nicht unbedingt am gewünschten Platz, aber immerhin in der Moskauer Innenstadt durchzusetzen. Auch die nächste Demonstration am 4. Februar wird innerhalb des Gartenrings stattfinden und vom Kalugaer Platz (früher hieß er einmal Oktoberplatz und ein riesiges Lenindenkmal steht dort immer noch) über die Bolschaja Jakimanka bis zur Bolotnaja Ploschtschad, auf der schon die erste Großdemonstration am 10. Dezember stattfand.</p>
<p>Putin hat insoweit Recht, als es keine eindeutigen Führungspersonen oder führende Organisationen bei den Protesten gibt. Allerdings ist dieses Fehlen bisher eher eine Stärke der neuen außerparlamentarischen Opposition. Sie besteht vor allem darin, dadurch möglichst viele Menschen mit unterschiedlichen, ja oft unvereinbaren politischen Ansichten integrieren und ihre Teilnahme an den Protesten ermöglichen zu können. Das dürfte auch solange gut gehen, wie es gelingt, die politischen Machthaber im Sog der Ereignisse vor sich herzutreiben. Ob sich diese Dynamik über die lange Pause nach dem Jahreswechsel erhalten ließ, wird die Demonstration am 4. Februar zeigen. Bisher war es auch ausreichend, einen eher negierenden politischen Konsens zu haben. Die innere Klammer der Opposition bleiben faire Wahlen, als Forderung nach einem Ende des systematischen Wahlbetrugs, die Neubesetzung der Wahlkommissionen auf allen Ebenen, Neuwahlen der illegitimen Staatsduma und die Verschiebung der Präsidentenwahlen oder die Begrenzung der Amtszeit des neuen Präsidenten bis zur Umsetzung der Reform des Wahl- und Parteiensystems. Sobald es um positive Forderungen gehen wird oder darum, gemeinsame Strukturen aufzubauen oder Führungspersonen zu benennen oder zu wählen, könnte es mit der Einigkeit vorbei sein.</p>
<p>Hinzu kommt, dass es an unbelasteten und gleichzeitig bekannten und erfahrenen Leuten fehlt. Alle, die bisher auf den Tribünen stehen und öffentlich beachtet werden, die um den Runden Tisch der Organisatoren sitzen, haben schwerwiegende Mankos. Die einen (wie Ryschkow, Nemzow, Kasjanow) sind von „damals”, also aus den 1990er Jahren übrig geblieben. Sie sind für große Teile der Bevölkerung eng mit den vom Putin-Regime geförderten (mitunter auch erzeugten) Attributen für dieses Jahrzehnt wie Chaos, Armut, Erniedrigung, Abstieg und auch der sogenannten „Oligarchenherrschaft” verbunden. Niemand von ihnen hat die Chance zu einer für weite Bevölkerungsgruppen wählbaren Führungsfigur zu werden. Anderen, Neuen, wie zum Beispiel dem Antikorruptions-Blogger Alexej Nawalnyj fehlen bei allem politischen Talent die Erfahrung und die Unterstützung eines ausreichend schlagkräftigen politischen Apparats.</p>
<p>Eine Schlüsselrolle spielt der ehemalige Finanzminister Alexej Kudrin. Er ist für beide Seiten gesprächsfähig. Putin nannte Kudrin noch wenige Tage vor der Demonstration am 24. Dezember “einen der besten Ökonomen Russlands” und “meinen persönlichen Freund”. In vielen Kommentaren wurde deshalb Kudrins Auftritt auf der Demonstration und seine Neuwahlforderung als Affront gegen Putin verstanden. Mag sein. Es ist aber auch eine andere Lesart möglich: Erst hat Putin den “Freund” Kudrin öffentlich zu seinem Vertrauten gemacht und ihn damit zu Gesprächen (vielleicht auch Verhandlungen) mit der anderen Seite bevollmächtigt, ohne dass es formal Gespräche (Verhandlungen) gegeben hätte. Mit der Neuwahlforderung hat Kudrin dann zu verstehen gegeben, dass er nicht einfach nur “Putins Mann” ist, sondern durchaus für die Rolle eines ehrlichen Vermittlers taugt (taugen will). Jedenfalls hat er auch in den Augen vieler Protestierer erheblich an Statur und Glaubwürdigkeit gewonnen. Tatsächlich gibt es inzwischen Gespräche zwischen einigen Organisatoren der Proteste und Kudrin. Ob Kudrin auch mit Putin spricht, ist unbekannt.</p>
<p>Obwohl die Präsidentenwahlen die nächste wichtige Etappe sind, gibt es keine gemeinsame Oppositionsstrategie und keinen gemeinsamen Oppositionskandidaten (gäbe es einen, würde er oder sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zur Wahl zugelassen werden). Sergej Mironow von Gerechtes Russland wird kaum viele Stimmen gewinnen können. Im Gegensatz dazu hat der ewige Kommunistenchef Gennadij Sjuganow wohl als Einziger eine minimale Chance, Putin in einem zweiten Wahlgang als Gegner gegenüber zu stehen. Grigorij Jawlinskijs Kandidatur wurde von der Zentralen Wahlkommission nicht zugelassen. Doch auch sie spaltete die Opposition eher als sie zu einigen. Der Milliardär Michail Prochorow wird von vielen nicht als Oppositionskandidat wahrgenommen, all seinen kritischen Äußerungen zum Trotz gilt seine Kandidatur als „Putins Projekt“.</p>
<p>Trotzdem bleibt es vorerst das einzige realistische Ziel für die Wahlen, Putins Sieg gleich im ersten Wahlgang zu verhindern und ihn in einen zweiten Wahlgang zu zwingen (den er dann trotzdem mit großer Mehrheit gewänne). Ein zweiter Wahlgang wäre aber wohl das einzige einigermaßen zuverlässige Signal für den Kreml, nach der Wahl nicht erneut die nun leicht geöffneten Fenster politischer Partizipation möglichst schnell wieder zu schließen.</p>
<p>Die Legitimität der Wahlen wird auch vom Umgang staatlicher Stellen mit Wahlbeobachtern abhängen. Soweit schon jetzt zu sehen, werden es, trotz des Drucks auf Golos und andere, eher mehr als weniger unabhängige Wahlbeobachter sein als zur Dumawahl. Wahlbeobachter zudem, die inzwischen dazugelernt haben und sich in vielen Fällen nicht so leicht an ihrem Tun werden hindern lassen, wie noch Anfang Dezember. Mögliche Fälschungen werden also noch schwieriger und öffentlicher. Ihre Offenlegung dürfte der Opposition auch nach den Präsidentenwahlen weiteren Rückenwind geben.</p>
<p><span>Der Text ist in den <a href="http://www.laender-analysen.de/russland/" target="_blank">Russlandanalysen Nr. 232</a> erschienen, herausgegeben von der DGO und der Forschungsstelle Russland der Universität Bremen</span></p>
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		<title>Putins kleine Fingerfehler</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Jan 2012 23:22:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jens Siegert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Soweit wie die FDP sind Putin und die Seinen natürlich noch nicht. Doch die Nervosität steigt und mit ihr die Fingerfehler, die einfachen, alltäglichen. Meist sind es keine katastrophalen, keine entscheidenden Fehler, aber sie häufen sich, sie fallen auf, sie &#8230; <a href="http://russland.boellblog.org/2012/01/15/putins-kleine-fingerfehler/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Soweit wie die FDP sind Putin und die Seinen natürlich noch nicht. Doch die Nervosität steigt und mit ihr die Fingerfehler, die einfachen, alltäglichen. Meist sind es keine katastrophalen, keine entscheidenden Fehler, aber sie häufen sich, sie fallen auf, sie werden im Netz schnell und massenhaft verbreitet und sie bleiben, im Gegensatz zu früher nicht nur in Erinnerung. Sie bleiben hängen. Das will ich an zwei Beispielen der vergangenen Tage erläutern.<span id="more-1274"></span></p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Nikita_Jurjewitsch_Belych" target="_blank">Nikita Belych</a> ist eine Rarität. Er ist der einzige Gouverneur, der aus einer der früheren liberalen Parteien stammt, in diesem Fall die „Union der Rechten Kräfte“, russisch SPS abgekürzt, deren letzter Vorsitzender er war. Die SPS gibt es nicht mehr, sie ging zwangsweise im Versuch des Kremls auf, mit der Partei „Rechte Sache“ eine gut steuerbare Partei mit liberalem Image ihrem kleinen Parteienzoo hinzuzufügen. Das gelang eher schlecht als recht, ist hier aber nicht Thema.</p>
<p>Nikita Belych, erst 36 Jahre alt, wurde im Dezember 2008 erst von Medwedjew als Gouverneur des Bezirks Kirow, nordwestlich von Moskau, vorgeschlagen und dann vom Regionalparlament gewählt. Das war eines der sogenannten „liberalen Signale“ Medwedjew, die, fein gestreut, immer wieder, letztendlich vergebliche, Hoffnung auf liberale Reformen weckten. Seither regiert Belych das wirtschaftliche eher depressive Gebiet nicht gut, nicht schlecht, vielleicht besser als viele andere Gouverneure, was aber angesichts des hohen Zentralisierungsgrads in Russland nicht so großen Unterschied macht.</p>
<p>Am vergangenen Dienstag nun wurde Nikita Belych, wie aus dem Nichts, Ziel eines öffentlichen Frontalangriffs von niemand anderem als Premierminister Wladimir Putin selbst. In einer Videokonferenz mit ausgewählten Regionalchefs besprach Putin fernsehöffentlich ganz unterschiedliche Fragen jeweils regionaler Bedeutung. Aus Kirow war einer von Belychs Stellvertreter zugeschaltet. Der musste sich plötzlich Putins Tirade über eine 60-prozentige Tariferhöhung für Heißwasser in einer Stadt im Gebiet Kirow anhören. Dafür würde die Gebietsverwaltung zur Verantwortung gezogen, sie habe ihre Aufsichtspflichten verletzt. Und überhaupt, verlangte Putin zu wissen, wo denn der Gouverneur selbst sei.</p>
<p>Die Antwort „im Urlaub“ rief Putins erneuten Zorn hervor (gerade am Tag zuvor waren die landesweiten neuntägigen Neujahrsferien zu Ende gegangen). Er wetterte gegen die Faulheit Belychs und dass der sich gefälligst schnellstmöglich zum Dienst einzufinden habe. Die Nachrichtenticker liefen heiß und das Rätselraten begann, was denn dieser Angriff auf den einzigen liberalen Gouverneur in Zeiten der politischen Krise zu bedeuten habe. Diese Frage ist bis heute unbeantwortet, auch wenn am Wochenende aus „gut unterrichteten Kreisen“ zu hören war, der Attacke Putins werde in Kürze eine noch massivere der kremlnahen landesweiten Fernsehkanäle folgen.</p>
<p>Doch nicht das ist wichtig. Wichtiger, im Lichte der Zeit, sind die Reaktion Belychs und ihr Inhalt. Belych antwortete über das Internet, über seinen persönlichen <a href="http://belyh.livejournal.com/701743.html" target="_blank">Blog im russischen Live Journal</a>. Dort schrieb er, dass die exorbitante Tariferhöhung längst, schon im Dezember, zurück genommen sei, der zuständige Operator, eine Privatfirma, der der Fehler passiert war, bereits geschurigelt und den betreffenden Anwohnern das zuviel gezahlte Geld mit der Dezemberrechnung zurückerstattet sei. Zum Beweis hängte Belych ein Faksimile einer Abrechnung an.</p>
<p>Auch mit dem Urlaub, so Belych weiter, habe es alles seine Ordnung. Erstens sei er vom 2. bis 6. Januar am Arbeitsplatz gewesen (während das Land und auch Putin sich erholten), sein Urlaub vom 7. bis zum 10. Januar (den Tag der Putin-Attacke) sei ordnungsgemäß von dem dazu zuständigen Präsidentenvertreter und Präsident Medwedjew selbst genehmigt. Faksimile ebenfalls anliegend. So cool hat Putin wohl lange niemand mehr abblitzen lassen. Das Netz hatte einen neuen Helden, das Fernsehen schwieg natürlich.</p>
<p>Was war das nun? Wenn es eine ernst gemeinte und geplante Attacke war, dann war sie grottenschlecht vorbereitet. Daraus spräche entweder große Nervosität oder noch größere Hybris. Beides keine guten Zeichen. Wenn es ein spontaner Einfall Putins war, dann zeigt gilt das Gleiche. So oder so ist diese kleine, letztlich wohl eher unbedeutenden Geschichte, ein weiterer Beispiel dafür, in wie großem Maße Putin die Fortune verlassen hat. Mann könnte es auch den Verlust des Gespürs für das Land nennen. Das Land, das sich offenbar in rasender Geschwindigkeit verändert.</p>
<p>Der zweite Lapsus der Woche unterlief der Zentralen Wahlkommission. Dem russischen Wahlgesetz nach muss ein Kandidat, der entweder Journalist ist oder im Staatsdienst steht, für die Zeit des Wahlkampfes Urlaub nehmen. Das kann und darf aber nicht für den Kandidaten Putin, Wladimir Wladimirowitsch gelten. Doch wie sagt man es dem Kinde für das das Volk in den oberen Machtzentralen ganz offenbar gehalten wird?</p>
<p>Die Zentrale Wahlkommission fand eine geniale Lösung: Putin sei als Premierminister kein Staatsdiener, also müsse er auch nicht in den Zwangsurlaub. Nun ist es im Russischen wie im Deutschen. Ein Staatsdiener „dient dem Staat“. Kaum waren die Worte aus dem Mund eines unglückseligen Wahlkommissionssprechers, als auch schon das ganze Internet mit kleinen Artikelchen unter der Überschrift „Zentrale Wahlkommission: Putin dient nicht dem Staat“ geflutet wurde. Spott und Hohn landauf, landab.</p>
<p>Und wieder gilt: Noch vor Kurzem hätte solch eine kleine Ungeschicktheit außerhalb der Gruppe der üblichen Verdächtigen kaum Aufmerksamkeit erzeugt. Heute weiß es spätestens abends das halbe Land (also der Teil, der regelmäßig im Internet unterwegs ist). Vielleicht sollten sich die FDP und die Putin-Leute mal zusammen setzen. Oder besser nicht.</p>
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		<title>Kudrin und die Proteste: Ausweitung der Politikzone</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Jan 2012 20:24:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jens Siegert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die wohl wichtigste Frage für Erfolg oder Misserfolg der Proteste in Russland (bei denen es schon längst nicht mehr nur um die Wahlfälschungen vom 4. Dezember geht, sondern darum ob die zurück gekehrte öffentliche Politik bleibt und das Land öffnet &#8230; <a href="http://russland.boellblog.org/2012/01/11/kudrin-und-die-proteste-ausweitung-der-politikzone/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die wohl wichtigste Frage für Erfolg oder Misserfolg der Proteste in Russland (bei denen es schon längst nicht mehr nur um die Wahlfälschungen vom 4. Dezember geht, sondern darum ob die zurück gekehrte öffentliche Politik bleibt und das Land öffnet oder ob es Putin gelingt, den Geist in die Flasche zurück zu treiben) ist wohl, ob es die Protestierenden schaffen, sich als politische Kraft und damit als Verhandlungspartner zu konsolidieren. Selbstverständlich werden Putin und die seinen alles tun, um das zu verhindern. Sie werden verschleppen, abwerben, denunzieren, sicher auch provozieren, spalten und was es sonst noch an schmutzigen Waffen gibt in Politarsenal.<span id="more-1262"></span></p>
<p>Besser: Sie haben damit schon begonnen. Voran Putin selbst, als er noch im alten Jahr erklärte, er sehe niemandem dort, der als Führungsperson so anerkannt sei, dass es sich mit ihm zu sprechen lohne. Außerdem seien die diffusen und amorphen Demonstrationen ohne konkrete Forderungen geblieben. Worüber also reden?</p>
<p>Hier soll heute nicht versucht werden, dieses komplizierte Geflecht insgesamt aufzudröseln. Vielmehr will ich mich mit dem ehemaligen Finanzminister Alexej Kudrin beschäftigen. Er könnte eine Schlüsselrolle spielen. Das liegt vor allem daran, dass er offenbar für beide Seiten gesprächsfähig ist. Putin nannte Kudrin noch wenige Tage vor der Demonstration am 24. Dezember &#8220;einen der besten Ökonomen Russlands&#8221; und &#8220;meine persönlichen Freund&#8221;. In vielen Kommentaren wurde deshalb Kudrins Auftritt auf der Demonstration und seine Neuwahlforderung als Affront gegen Putin verstanden. Mag sein.</p>
<p>Es ist aber auch eine andere Lesart möglich. Die lautet so: Erst hat Putin mit dem &#8220;Freund&#8221; Kudrin öffentlich zu seinem Vertrauten gemacht und ihm damit zu Verhandlungen mit der anderen Seite bevollmächtigt, ohne dass es formal Verhandlungen gibt. Mit der Neuwahlforderung hat Kudrin dann, ebenfalls öffentlich, zu verstehen gegeben, dass er nicht einfach nur &#8220;Putins Mann&#8221; ist, sondern durchaus für die Rolle eine ehrlichen Vermittlers taugt (taugen will). Jedenfalls hat er auch in den Augen vieler Protestierer erheblich an Statur und Glaubwürdigkeit gewonnen. Tatsächlich gibt es inzwischen Gespräche zwischen einigen OrganisatorInnen der Proteste (die aber bisher nicht als konsolidiertes Subjekt, sondern mehr oder weniger als Einzelpersonen und Einzelorganisationen auftreten &#8211; doch von diesem Problem in einem der nächsten Blogeinträge) und Kudrin. Ob Kudrin auch mit Putin spricht oder dessen Leuten, weiß ich nicht, halte es aber für wahrscheinlich.</p>
<p>Das ist schon einmal ein wichtiger Schritt, auch wenn alles natürlich auch &#8220;nur&#8221; Zeitspiel sein kann, um die eigenen Kräfte erneut zu sammeln (Putin) oder weiter zu stärken (die Opposition). Darüber, wie die Rolle Kudrins aus Sicht der Opposition aussehen könnte, gibt ein &#8220;offener Brief&#8221; des Publizisten und Mitarbeiter des Jegor-Gajdar-Institut Kirill Rogow, eines der strategischen Köpfe der Opposition, einen guten Eindruck. Den in der russischen Internetausgabe des Forbes erschienener Text <a href="http://www.forbes.ru/sobytiya-column/vlast/78143-pasta-bez-tyubika" target="_blank">&#8220;Kirill Rogow: Offener Brief an Alexej Kudrin&#8221;</a> stelle ich deshalb hier in Deutsche übersetzt vor:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Sehr geehrter Alexej Leonidowitsch,</p>
<p>enorme Achtung hat bei mir und, wie ich weiß, bei vielen anderen, Ihr Kommen zur Demonstration am 24. Dezember hervorgerufen. Sie sind nicht nur gekommen, sondern haben drei Stunden in der Schlange auf Ihren Auftritt gewartet. Als Sie sprachen ertönten Pfiffe. Dort allerdings, wo ich stand, haben die Menschen im Gegenteil „Braa-voo! Braa-voo!“ skandiert.</p>
<p>Meiner Ansicht nach haben sie mit ihrem Aufruf zum Dialog zutiefst Recht und ebenso macht Ihr Gedanke Sinn, dass es am besten wäre, wenn die gegenwärtigen Abgeordneten neue Gesetze zu einer politischen Reform verabschiedeten und dann Neuwahlen ansetzten. Aber die Möglichkeit zu solch einer Entwicklung liegt vollständig in den Händen derjenigen, die im Parlament tagen, und derjenigen, die heute die Exekutive stellen.</p>
<p>Ihre ehemaligen Kollegen in der Regierung sagen, dass die Demonstrationen auf der Bolotnaja Ploschtschad und auf dem Sacharow-Prospekt keine Führungspersonen gehabt hätten und keine klaren Forderungen. Das ist arglistig. Die Demonstrationen haben ein ganz klares Programm und ganz klare Forderungen. Wenn Sie die Möglichkeit gehabt hätten, durch die Menge zu gehen, die Losungen zu lesen, den Geist dort zu spüren, dann hätten Sie dieses Programm glasklar erkannt.</p>
<p>Das waren Demonstrationen gegen den Betrug. Gegen den Betrug als Grundprinzip des politischen und sozialen Lebens. „Es reicht, uns zu betrügen, es reicht, uns wie jene Fabrikate aufzublasen, die überall ihren ehemaligen Kollegen in der Regierung gesehen werden.“ (Hier spielt Rogow mit den Worten. &#8220;Aufblasen&#8221; heißt in der Umgangsprache &#8220;übers Ohr hauen&#8221; und &#8220;aufgeblasen&#8221; werden Kondome, an die sich Putin angeblich erinnert fühlte als er die weißen Schleifen der Protestbewegung erstmals sah, JS) Ungefähr darauf kann der Sinn eines Großteils der geistreichen und erfindungsreichen Plakate zusammen gefasst werden, deren Texte inhaltreicher und genauer waren als viele Reden von der Tribüne. Und das ist nicht nur eine momentane Stimmung, keine der Situation geschuldete Kränkung, wie einigen scheint. Das ist ein politisches Programm: NEIN-ZUM-BETRUG! Nein zum Betrug.</p>
<p>Was folgt daraus? Daraus folgt die Unmöglichkeit eines Tauschangebots nach der Formel: Lasst uns den Schwindel vom 4. Dezember vergessen und, die Ärmel aufkrempelnd, machen wir uns an den Aufbau eines neuen und ehrlichen zukünftigen Lebens.</p>
<p>Die Erneuerung des politischen Systems liegt nicht darin, dass man zur Registrierung von Parteien und Kandidaten nun 5, 10 oder 20 mal weniger Unterschriften braucht, sondern darin, den Betrug zu unterbinden und allen zu zeigen, dass Betrug bestraft wird. Sie besteht in der Behauptung, dass es eine Wahrheit gibt und dass man sie von der Lüge unterscheiden kann, obwohl man zehn Jahre lang versucht hat, uns vom Gegenteil zu überzeugen. Sie besteht in der Behauptung des Prinzips der Verantwortung von Politikern für eine Lüge. Zumindest derer, seien wir Realisten, die auf frischer Tat bei einer Lüge ertappt wurden. Und wenn der Betrug dieses Mal nicht unterbunden und bestraft wird, dann wird es auch keinerlei Erneuerung geben. Dann wird man uns weiter genauso unverschämt betrügen wie bisher, wenn auch mit anderen Formulierungen im Gesetz.</p>
<p>Wir wissen sogar den genauen Tag, an dem das das nächste Mal passieren wird.</p>
<p>Ich will diesen Gedanken erklären. In den Erklärungen Ihrer ehemaligen Kollegen in der Regierung hören wir in den vergangenen Tagen drei Thesen:</p>
<ol>
<li>diejenigen, die mit dem Ergebnis der Wahlen nicht zufrieden sind, sollen sich an die Gerichte wenden (wir leben doch in einem Rechtsstaat!);</li>
<li>die Wahlen am 4. März werden fair durchgeführt (das versichern uns aus irgendwelchen Gründen mit Verve Menschen, die behaupten, dass auch die Wahlen vom 4. Dezember im Großen und Ganzen fair waren);</li>
<li>um die Ehrlichkeit der Wahlen am 4. März zu demonstrieren, werden überall Web-Kameras und gläserne Wahlurnen aufgestellt.</li>
</ol>
<p>Verehrter Alexej Leonidowitsch, sie sind inzwischen auf Twitter und haben eine Website im Internet und sie wissen wahrscheinlich inzwischen das, was ihre ehemaligen Kollegen in der Regierung nicht wissen sollen. Und zwar wissen sie inzwischen, dass die Menschen genau wissen, wie man sie betrügt. Sie wissen inzwischen wohl zum Beispiel, dass man, um sich an ein Gericht wenden zu können, eine Kopie des Auszählungsprotokolls der Wahlkommission vorlegen muss. Wenn der Vorsitzende der Wahlkommission Sie aber unter einem ausgedachten Vorwand aus dem Wahllokal gewiesen hat oder Ihnen die Protokollkopie einfach nicht gegeben hat, dann hat er dafür nichts zu fürchten. Aber im Gericht sagt man Ihnen, dass Sie ohne das Papier nichts wert sind. So ist das Gesetz geschrieben, von denen, die die Wahlkommissionen bilden, deren Vorsitzenden das Gesetz verletzten und dafür keinerlei Verantwortung tragen.</p>
<p>Aber selbst wenn sie eine Protokollkopie haben, zeigt der Wahlkommissionsvorsitzende dem Gericht ein anderes Protokoll – und Ihre Beschwerde wird abgewiesen. Beschreibungen von Dutzenden solcher Prozesse, die in diesen Tagen laufen, können Sie leicht im Internet finden.</p>
<p>Alexej Leonidowitsch, erklären Sie bitte, was hier Web-Kameras und gläserne Urnen sollen?</p>
<p>Eine gläserne Wahlurne ist kein Beweis vor Gericht. In die gläserne Wahlurne kann man reingreifen und man kann sich von der Webkamera aufnehmen lassen, indem man Tschurow (Leiter der Zentralen Wahlkommission, JS) zuwinkt. Zu mehr ist sie nicht nutze. Umso mehr als die Information aus den Webkameras wo zusammen kommen werden? In der Zentralen Wahlkommission, so witzig das auch sein mag. Die Leute, die unsere Stimmen geklaut haben, wollen nun auch noch unsere Abbildungen klauen.</p>
<p>Im Internet können Sie einen vollständigen Katalog der Betrugsmethoden finden, mit deren Hilfe die Wahlen gefälscht wurden. Die meisten dieser Methoden lassen sich mit gläsernen Wahlurnen und Webkameras nicht fixieren und durchkreuzen. Dafür lassen sie sich hervorragend durch Wahlbeobachter feststellen. Aber Sie werden lachen: Ausgerechnet die Zeugenaussagen von Wahlbeobachtern gelten nicht als Beweise für unfaire Wahlen, wie uns erklärt wird.</p>
<p>Man bietet uns also an, die Wahrheit über die unfairen Wahlen am 4. Dezember als Lüge anzuerkennen und im Gegenzug die Lüge über faire Wahlen am 4. März als Wahrheit. Und wie sehr ähnelt doch diese wunderbare Welt totaler Fairness der alten guten Welt totaler Lüge.</p>
<p>Zum Anfang zurück kehrend sage ich noch einmal, dass ich Ihre Sorge um das rechtliche und institutionelle Vakuum, in dem wir uns gerade wiederfinden vorbehaltlos teile. Aber daran sind nicht die Demonstrationen schuld. Sein Grund liegt nicht darin, dass es bei den Demonstrationen keine Führungspersonen und klaren Forderungen gegeben hätte, wie man uns erklärt.</p>
<p>Mir scheint die Situation sogar noch dramatischer zu sein, als sie in Ihren Beschreibungen aussieht. Ich wiederhole eine Phrase, die in den vergangenen Tagen sehr populär geworden ist: Man bekommt die Paste nicht mehr zurück in die Tube. Niemand hat die Macht jener Duma Legitimität zu verschaffen, die heute am Ochotnyj Rjad tagt. Gleichzeitig zeigen nach Umfragen 40 Prozent der Bevölkerung Verständnis für die Forderungen der Demonstranten.</p>
<p>Ich bin der Meinung, dass Ihre Bereitschaft, Verhandlungen zwischen den Seiten zu vermitteln sehr wichtig und produktiv ist. Aber es ist, wie ich finde, auch sehr wichtig, den Kern des Problems so genau wie möglich zu formulieren. Auf die Frage, was im politischen Leben in Russland nach dem 4. Dezember geschehen ist, würde ich so antworten: Der Bevölkerung ist bewusst geworden, dass diejenigen, die in diesem Land die Macht haben, am 4. Dezember das Gesetz übertreten haben. Dieses Bewusstsein ist dieses Mal ein konsolidiertes Massenbewusstsein. Es ist praktisch zu einer politischen Bewegung geworden.</p>
<p>Das ist genau die Paste, die man nicht mehr in die Tube zurück bekommt. Damit ist das Gewinde des in den vergangenen Jahren in Russland bestehenden politischen Systems überdreht. Die Machthaber haben faktisch in den Augen der Bevölkerung ihre Legitimität verloren. Das sind keine Hirngespinste von Demonstranten und Heißköpfen, das sind praktische soziologische Tatsachen. Ich bin überzeugt, dass Sie ausgezeichnet verstehen, was das für jedes beliebige politische System bedeutet. Für jedes beliebige Land. Aber eben aus diesem Verständnis heraus müssen wir eine Möglichkeit finden, wieder in den Rahmen des Rechts zurück zu kehren.</p>
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		<title>Drei Wochen Proteste in Russland &#8211; eine kleine Zwischenbilanz</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Dec 2011 22:47:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jens Siegert</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Drei Wochen nach der Dumawahl ist Russland zwar noch kein anderes Land, aber eines, das sich, wie es der Zivilgesellschaftsrat beim Präsidenten am vergangenen Freitag ausdrückte, „in einer neuen Realität&#8221; wieder findet. Das ist umständlich aber durchaus fein gesagt. Es ist etwas ins Rollen gekommen. Erstmals wird Putins Macht wirklich in Frage gestellt. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Das Russland nach den Präsidentenwahlen wird anders aussehen. Hier eine kleine, bei weitem nicht vollständige Zwischenbilanz. Es geht alles so schnell. Auch deshalb wohl gleicht das Folgende, der Dynamik angemessen, mehr einer Materialsammlung als einer schon bis zu Ende durchdachten Erklärung.<span id="more-998"></span></p>
<p><em>Politische Dynamik der Hybris </em><br />
Trotz zahlreicher Warnungen selbst aus den eigenen Reihen, haben die Kremlmachtmonteure offenbar bis zum Schluss geglaubt, den immer größer werdenden Vertrauensverlust, erst in die unteren politischen Ränge, dann aber immer weiter hoch bis zu Putin, polit-technologisch im Griff zu haben. Dann wurden sie, nach dem Wahltag, von der politischen Dynamik überrollt. Seither ist jede schnell aufgebaute Verteidigungslinie innerhalb weniger Tage gerissen:</p>
<ul>
<li>Die<br />
Forderung auf Überprüfung der Wahlergebnisse direkt nach dem Wahltag beantworte Medwedjew mit dem schon sprichwörtlich gewordenen Lob an den Vorsitzenden der<br />
zentralen Wahlkommission Wladmir Tschurow, er sei „fast ein Zauberer&#8221;, da er so saubere Wahlen hinbekommen habe.</li>
<li>Am<br />
Samstag darauf, am 10. Dezember, bei der ersten großen Demonstration auf dem Bolotnaja Ploschtschad war die Hauptforderung schon Neuwahlen. Als Antwort folgten im Laufe von zwei Wochen erst Putins Ankündigung, gefilterte Direktwahlen von Gouverneuren wieder zuzulassen, und dann verkündete Medwedjew, dass auch die Parteienzulassung erheblich erleichtert werde (im Gespräch ist eine tatsächlich grundsätzliche Senkung der Mindestmitgliederzahl von gegenwärtig 45.000 auf 500)</li>
<li>Am vergangenen Samstag, 24. Dezember, auf dem Sacharow-Prospekt war die Neuwahlforderung bereits eine Selbstverständlichkeit und viele Losungen und Forderungen von der Tribüne gingen direkt gegen Putin. Sie reichten von Rücktritt bis zum verzicht auf die Kandidatur bei den Präsidentenwahlen. Das wurde noch am Sonntag von Putins Sprecher Dmitrij Peskow mit den Worten zurück gewiesen, Putin  sei bei den Wahlen am 4. März 2012 „konkurrenzlos&#8221;.</li>
</ul>
<p>Von dem, was tief im Hinterland, militärisch gesprochen in der Etappe, an Verteidigungslinien aufgebaut wird, soll weiter unten die Rede sein.<br />
<em> </em><br />
<em> </em></p>
<p><em>Politisches Erwachen oder neue Politisierung</em><br />
Vielleicht die wichtigste Entwicklung der vergangenen Wochen sind viele neue Leute bei den Protesten. Leute also, die sich bisher von politischen Aktionen, geschweige denn Straßenprotesten fern gehalten haben. Das wurde schon deutlich, als kurz vor der Wahl eine kleine WahlbeobachterInnenbewegung formierte, wurde am 10. Dezember auf der ersten Großdemonstration deutlicher und war am 24. Dezember auf dem Sacharow-Prospekt unübersehbar. Dort war viel Mittelklasse, gekleidet aus der Welt der großen Modeketten, aber auch Pelze und Stöckelschuhe, neben älteren, eher ärmlich gekleideten, wenn auch deutlich wohlgebildeten Menschen (aus der alten, noch sowjetischen Intelligenzija), viele junge Leute mit offenen Gesichtern und natürlich die Alternativszene, inklusive vieler kleinerer und größerer linker<br />
bis rechter Grüppchen.</p>
<p>Selbst das ein wenig von der Leine gelassene landesweite Fernsehen ging darauf ein und zeigt Büroangestellte bei Staatsbetrieben, Kleinunternehmer und StudentInnen, die erklärten, warum sie nun, das „nun&#8221; ist wichtig, auf die Straße gehen. Die aufgenommenen Motivationen lassen sich in einfachen Sätzen zusammen fassen: Wir sind betrogen worden. Das lassen wir uns länger nicht gefallen. Es reicht.</p>
<p>Diese Einfachheit verführt aber schon zu wahrscheinlich verfrühten Schlüssen. Gelb Pawlowskij, vom Putin-Macher zum Putin-Kritiker (aber nicht Oppositionellen) mutierter Inbegriff des Polittechnologen, nennt die Protestierenden „Putins Kinder&#8221;. Das ist durchaus zweideutig. Zum einen sind es diejenigen, die unter Putin erwachsen geworden sind, unter seiner Herrschaft ihre Werte und ihre politische Haltung ausgebildet haben. Zum anderen sind es aber, aus Pawlowskijs Sicht, auch diejenigen, die unter Putin gut gelebt haben (und sich kaum an 1990er Jahre erinnern können).</p>
<p>Ein gewisses Bild davon, wer am 24. Dezember auf dem Sacharow-Prospekt war, gibt auch eine <a href="http://www.levada.ru/26-12-2011/opros-na-prospekte-sakharova-24-dekabrya" target="_blank">Levada-Umfrage unter den Protestierenden</a>. Demnach waren es überproportional junge Menschen (25 % zwischen 18 und 24, 31 %<br />
zwischen 25 und 39), gut ausgebildete (62 % mit Hochschulabschluss), in entsprechend guten beruflichen Positionen (46 % bezeichneten sich als Fachleute in ihren Berufen, 25 % nehmen Führungsaufgaben wahr, darunter 8 % als Inhaber eines eigenen Unternehmens). Auch die Verteilung politischer Überzeugungen ist interessant. 69 % der befragten nannten sich „Liberale&#8221; oder „Demokraten&#8221;. Relativ groß war noch der Anteil der Kommunisten mit 13 %, der Sozialisten oder Sozialdemokraten mit 10 %. Rechte Überzeugungen gab dagegen nur eine kleine Minderheit an (6 % „National-Patrioten&#8221;). Das spiegelt sich auch darin wider, für welche Partei die Befragten am 4. Dezember gestimmt haben (38 % für Jabloko, 19 Prozent für die Kommunisten, 12 % für Gerechtes Russland, 13 % hatten gar nicht an der Wahl teilgenommen).</p>
<p>Für die Mobilisierung hat, wie von vielen angenommen, das Internet eine große Rolle gespielt. Etwa zwei Drittel der Befragten nutzen regelmäßig oder „von Zeit zu Zeit&#8221; das Internet, 89 % (hier waren Mehrfachantworten möglich, aber die 89 % sind mehr als die Hälfte aller gegebenen Antworten) hatten von den Protestaktionen durch das Internet erfahren.</p>
<p><em>Gibt es eine Oppositionsstrategie?</em><br />
Spontan würde ich antworten, ja und nein. Die bisherige Strategie ist es, möglichst niemanden auszuschließen und den Kreis der Protestierenden möglichst groß zu halten. Das geht bis hin zu offen nationalistischen Kreisen (worüber es die größten Auseinandersetzungen bisher gibt). Immer wieder wird von den OragnisatorInnen betont, die Proteste seien „zivilgesellschaftlich&#8221;, aber keinesfalls „politisch&#8221;. Die Forderungen beziehen sich bisher ausschließlich auf die Nichtanerkennung der Wahlergebnisse, auch wenn der Ruf nach einem Rücktritt Putins oder seinem Nichtantritt bei den Präsidentenwahlen immer häufiger zu hören ist. Die Betonung des „nicht politisch&#8221; Seins rührt aber auch von der Angst, die neuen Leute nicht sofort wieder zu verlieren, denn „Politik&#8221; ist in Russland stark mit negativen Assoziationen wie Machtkampf, Schmutz, Posten- und Parteiengerangel und Ähnlichem belegt.</p>
<p>Wohl auch deshalb haben sich bisher keine deutlichen Führungspersonen heraus kristallisiert, vor allem keine neuen, bisher einer größeren Öffentlichkeit unbekannte. Alle, die bisher auf den Tribünen stehen und viel zitiert werden, die um den Runden Tisch der OrganisatorInnen sitzen, haben schwerwiegenden Mankos. Die einen (wie Ryschkow, Nemzow, Kasjanow) sind von „damals&#8221;, also aus den 1990er Jahren übrig geblieben. Sie sind für große Teile der Bevölkerung eng mit den vom Putin-Regime geförderten (mitunter auch erzeugten) Attirbuten wie Chaos, Armut, Erniedrigung, Abstieg und auch der sogenannten „Oligarchenherrschaft&#8221; verbunden. Ich wage die Prognose, dass niemand von ihnen die Chance hat zu einer öffentlichen, vor allem aber in weiten kreisen anerkennten Führungsfigur zu werden.<br />
Andere, Neue (z.B. Nawalnyj, Tschirikowa) haben keine politische Erfahrung, sind oft zu offen zu ehrgeizig, das heißt auch, dass sie inhaltlich jenseits ihrer Kernkompetenz oft beliebig sind. Wieder andere haben zu offenbar sektiererische Ansichten, darunter viele aktive aus der radikalen, außerparlamentarischen Linken.<br />
Bliebe noch die gerade erst entstehende Gruppe der sich von Putin abwendenden Konvertiteten, wie der ehemalige Finanzminister Kurdin. Kudrin sprach am 24. Dezember auf der Kundgebung, forderte Änderungen des Wahlrechts und Neuwahlen innerhalb eines Jahres, wurde aber von allen RednerInnen am meisten ausgepfiffen. Die Konversion ist wohl einerseits noch zu frisch, andererseits verbinden die meisten Menschen mit Kudrin neoliberale Wirtschaftsreformen, also eher das hässliche, unsoziale Gesicht des Putinismus.</p>
<p>Als Illustration möchte ich den Post einer Facebook-Freundin zitieren: „Ich habe nicht verstanden, wer eine Führungsrolle einnehmen möchte. Nawalnyj und Kasjanow redeten hysterisch. Ryschkow hat sich sehr verändert, hat sich aber wie ein Moderator verhalten und offenbar Angst die Rolle eines Anführers zu übernehmen. Kudrin war vernünftig, sympathisch, aber mit der Rhetorik eines Experten oder außen stehenden Ratgebers. Emotional haben die Nationalisten alle überspielt. Jaschin war klein. Talentiert, aber jung. Kasparow hatte plötzlich einen armenischen Akzent und sah wie ein unangenehmer Alter aus. Jawlinskij&#8230; irgendwie gläsern. Dabei gab es nicht das kleinste Anzeichen von Konsolidierung. Starke Redner wie Akunin, Schewtschuk und, zumindest heute, Sobtschak sind verpufft. Dem Auditorium hatten sie nichts Neues zu sagen.&#8221;</p>
<p>Dieses Vakuum spürt natürlich auch der Kreml. Noch am Sonntag erklärte Putins Sprecher Dmitrij Peskow, Putin sei bei den Präsidentenwahlen „konkurrenzlos&#8221;. Am Dienstag (27.12.) ging Putin darauf ein, indem er den DemonstratInnen Orientierungslosigkeit vorwarf. Sie könnten zwar Protestieren, es gäbe dort aber niemanden, der etwas aufbauen könne. Tatsächlich werden in den kommenden Wochen die wohl wichtigsten beiden Fragen die sein, ob sich einige (nicht allzu viele) öffentlich anerkannte Führungspersonen heraus bilden, und danach, ob sich eine Mehrheit der Protestierenden auch auf positive politische Forderungen verständigen kann.  <em> </em></p>
<p><em>Entwicklungsszenarien &#8211; was macht Putin?</em><br />
Eine von Stalins berühmtesten Aussagen ist, dass „Kader alles entscheiden&#8221;. Nun kann man sich sicher, auch ohne in moralische Bedrängnis zu geraten, in Machtfragen auf diesen alle überragenden brutalen Zyniker berufen. Gleichzeitig mit den oben bereits beschriebenen Zugeständnissen an die Protestierenden hat Putin damit begonnen, Kremladministration und Regierung umzubauen. Und zwar so gründlich, dass die Annahme nahe liegt, es handele sich hier um grundsätzliche Weichenstellungen für die Machtstruktur seiner angenommenen neuen Präsidentschaft. Die bisher Wichtigsten seien kurz aufgeführt.</p>
<p>Als erstes wechseltet Sergej Naryschkin vom Posten des Leiters der Präsidentenadministration als deren Vorsitzender (Parlamentspräsident) in die Duma. Naryschkin kommt, kaum verwunderlich, aus dem KGB/FSB, und hat vorher schon in der Regierungsverwaltung (so was wie das Kanzleramt) gearbeitet. Er ist kein öffentlicher Politiker, eher der Typ grauer, aber durchaus effektiver Manager. Dann wurde Sergej Iwanow, bisher Vizepremierminister und für den militärisch-industriellen Komplex zuständig zum Leiter der Präsidentenadministration, also zum Nachfolger von Naryschkin gemacht. Auch Iwanow stammt aus dem KGB/FSB und ist ein alter Putin-Gefährte. Als nächstes rotierte Dmitrij Rogosin vom NATO-Botschafter-Posten in Brüssel auf Iwanows vakanten Platz in der Regierung. Dann muss man hier Wladislaw Surkow nennen (allgemein als „grauer Kardinal&#8221; Im Kreml bekannt, oft auch „Erfinder der gelenkten Demokratie&#8221; genannt). Surkow rückt vom Kreml in die Regierung, wird einer der Stellvertreter des neuen Premiers (noch immer ist Medwedjew dafür vorgesehen) und dort für „Modernisierung&#8221; zuständig sein. Für Surkow in den Kreml, als erster stellvertretender Administrationschef zuständig für Innenpolitik (also für die „Lenkung der Demokratie&#8221;), rückt Wjatscheslaw Wolodin, bisher Chef des Apparats der Regierung. Nimmt man den Wechsel zwischen Medwedjew und Putin hinzu, so entsteht der überragende Eindruck eines Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiels, nachdem irgendwie alles so ist, wie es vorher war. Warum das also?</p>
<p>Ein Grund könnte sein, dass hier zwei sich widersprechende Notwendigkeiten aufeinander treffen: Auf der einen Seite ist es Putins Prinzip, seine Leute nicht fallen zu lassen (so sie nichts Böses getan haben). Auf der anderen Seite ist der (Ver-)Änderungsdruck angesichts der wachsenden Unzufriedenheit im Land groß (das gilt nicht nur wegen der Wahlen, dazu gehören auch Korruption, die Degradation von Bildungssystem und Gesundheitssystem, die Willkür der Polizei und anderer „Machtorgane&#8221;, ja selbst die sich durchsetzende Einschätzung, dass e wirtschaftlich nicht mehr so schnell besser wird wie bisher). Es muss also zumindest der Anschein von Aktivität, energischem Angehen der Probleme erzeugt werden. Vielleicht steckt hinter den Umstellungen aber auch das alte Misstrauen des Geheimdienstlers, die Leute nicht zu lange in der gleichen Konfiguration zusammen arbeiten zu lassen, damit es schwieriger wird, Kartelle oder Clans gegen ihn zu bilden.</p>
<p>Wie dem auch sei, ich werde den Eindruck nicht los, dass sich hinter diesen Umsetzungen der gleichen (alten) Gesellen noch ein weiteres Problem verbirgt: Es gibt keine neuen, zuverlässigen, guten Leute, nur die mit dem alternden Herrscher alter geordenen Genossen. Das System Putin hat es, trotz einer ganzen Reihe von (auch<br />
öffentlichen) Versuchen, wie die unter Medwedjew eingeführte so genannte «Kaderreserve des Präsidenten», nicht geschafft effektive Mechanismen für horizontale und vertikale Mobilität innerhalb der Herrschaftsstrukturen zu schaffen.</p>
<p>Vielleicht sind die Umsetzungen aber auch nur die Vorbereitung für den harten Kurs, der unweigerlich kommen muss, wenn man Andrej Illarionow glaubt, vor einigen<br />
Jahren im Streit geschiedener Wirtschaftsberater von Putin. Illarionow ist sich sicher, dass Putin und seine Leute weiter glauben, alles unter Kontrolle zu haben. Die gegenwärtigen Zugeständnisse an die Protestierenden seien zu nichts anderes da, als Zeit zu gewinnen und zu schauen, ob sich nicht alles von<br />
alleine in Wohlgefallen auflösen werde. Doch das Hauptargument Illarionows (und anderer), warum es mit Putin keinesfalls wirkliche demokratische Reformen geben kann und warum Putin niemals freiwillig die Macht abgeben wird ist ein anderes. Im Gegensatz zum Machtwechsel von Jelzin zu Putin gibt es niemanden, der Putin die Garantie geben könne, dass ihn nicht das Schicksal von Mubarak oder Ghaddafi ereilt. Eine Garantie, die Putin damals Jelzin und der „Familie&#8221; genannten Machtgruppe um ihn gegeben und eingehalten hat. Illarionow ist deswegen überzeugt, dass sich die gegenwärtige weiche Variante eines autoritären Regimes über kurz oder lang<br />
in eine ausgewachsene Diktatur verwandeln wird. Dieses starke Argument macht den amorphen Zustand der Opposition zu einem doppelten Problem. Sie ist nicht stark genug, den Machtwechsel zu erzwingen und auch nicht stark genug, ihn zumindest für einen Teil der bisherigen Machtelite, wenn nicht attraktiv, so doch zumindest zum<br />
kleineren Übel zu machen. Der Machtverlust bleibt für die Leute um Putin das größte Risiko, für das eigene materielle Wohlergehen, ja vielleicht so gar für<br />
Freiheit und Gesundheit. Viel kommt hier übrigens auf den Westen an, denn ein Großteil von Vermögen und Familien der russischen Machthaber befindet sich in<br />
der EU und in den USA.</p>
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		<title>Zivilgesellschaftsrat beim Präsidenten: Dumawahlen wiederholen, Schuldige bestrafen, faire Präsidentenwahlen gewährleisten</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Dec 2011 09:27:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jens Siegert</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gestern hat hiern in Moskau der sogenannte Zivilgesellschaftsrat (früher: Panfilowa-Rat, heute manchmal: Fedotow-Rat) zu den Dumawahlen getagt. Dieses offizielle, von Medwedjew nach Putins Vorbild berufene Beratungsgremium hat etwa 30 Mitglieder, darunter die Hälfte der außerparlamentarischen Opposition angehörend. Durch den offiziellen &#8230; <a href="http://russland.boellblog.org/2011/12/24/zivilgesellschaftsrat-beim-praesidenten-dumawahlen-wiederholen-schuldige-bestrafen-faire-praesidentenwahlen-gewaehrleisten/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gestern hat hiern in Moskau der sogenannte Zivilgesellschaftsrat (früher: Panfilowa-Rat, heute manchmal: Fedotow-Rat) zu den Dumawahlen getagt. Dieses offizielle, von Medwedjew nach Putins Vorbild berufene Beratungsgremium hat etwa 30 Mitglieder, darunter die Hälfte der außerparlamentarischen Opposition angehörend. Durch den offiziellen Status nehmen an den Sitzungen des Rates auch Vertreter staatlicher Stellen auf und legen Rechenschaft ab, sonst ein Unding. Gestern waren u.a. Generalstaatsanwaltschaft und Innenministerium vertreten. Der auch geladene Vorsitzende der Zentralen Wahlkomission Wladimir Tschurow hatte sich und seine KollegInnen schriftlich entschuldigt, man habe so viel mit den Wahlen zu tun.<span id="more-997"></span></p>
<p>Herausgekommen ist in sechstündiger Sitzung ein etwas umständlich, mitunter gestelzt formulierter Text (man spürt die Juristen), mit den durchaus harten Forderungen nach Dumaneuwahlen und fairen Präsidentenwahlen und einem schon fast revolutionären Schlussatz, der vom &#8220;Übergang in eine neue politische Realität&#8221; spricht. Hier die Erklärung im Wortlaut:</p>
<p>&#8220;Der Rat für die Entwicklung<br />
der Zivilgesellschaft und der Menschenrechte beim Präsidenten der RF hat auf<br />
seiner Sondersitzung zum Thema „Beachtung der Menschenrechte im Verlauf der<br />
Parlamentswahlen 2011&#8243; die Informationen der Generalstaatsanwaltschaft, des<br />
Untersuchungskomitees der RF, des Innenministeriums Russlands, des Moskauer<br />
Stadtgerichts, sowie der nichtkommerziellen Organisationen Russische Stiftung<br />
für freie Wahlen, Bürgerkontrolle, Assoziation Golos, Unabhängiges Institut für<br />
Wahlen, des Projekts Bürger Beobachter und von unabhängigen Experten zu<br />
Verletzungen der Wahlrechte von Bürgern bei den Wahlen der Abgeordneten der<br />
Staatsduma der Föderalen Versammlung der Russischen Föderation angehört und<br />
folgende Erklärung angenommen:</p>
<p>Der Rat stellt fest, dass<br />
die vielzähligen Berichte über zusätzlich in die Wahlurnen geworfene<br />
Stimmzettel, über umgeschriebene Wahlprotokolle, über die unbegründete<br />
Entfernung von Wahlbeobachtern und Journalisten aus den Wahllokalen, über das<br />
Verbot von Foto- und Videoaufnahmen, über andere Verletzungen von<br />
Wählerrechten, sowie unerklärliche Widersprüche in der Wahlstatistik zu<br />
massenhaftem Misstrauen von Bürgern in die Ergebnisse der Wahlen geführt haben.<br />
Das hat zu einer ethischen und politischen Diskreditierung des Wahlsystems und<br />
der auf seiner Grundlage gebildeten unteren Kammer des Parlaments geführt und<br />
bildet eine wirkliche Gefahr für die russische Staatlichkeit.</p>
<p>In diesem Zusammenhang hält<br />
der Rat es für notwendig:</p>
<ul>
<li>dem Vorsitzenden<br />
der Zentralen Wahlkommission Wladimir Tschurow das Mistrauen auszusprechen und<br />
ihm den Rücktritt nahe zu legen. Unter den Bedingungen der gegenwärtigen<br />
Wahlperiode muss dieser Posten unverzüglich von einem Menschen mit tadelloser<br />
Reputation besetzt werden, der Autorität in der Zivilgesellschaft genießt;</li>
<li>Berichte über<br />
Verletzungen des Wahlrechts müssen unverzüglich untersucht werden, Menschen,<br />
die für Wahlfälschungen verantwortlich sind, strafrechtlich zur Verantwortung<br />
gezogen werden, Wahlkommissionen, die für Wahlfälschungen verantwortlich sind,<br />
umgebildet werden;</li>
<li>bis zu den<br />
Präsidentenwahlen 2012 muss die Zusammensetzung der Wahlkommissionen erneuert<br />
und dabei diejenigen ausgeschlossen werden, die sich durch Verletzungen der<br />
Wahlgesetzgebung diskreditiert haben; sollten sie bereuen, sind sie von<br />
strafrechtlicher und ordnungsrechtlicher Verfolgung freizustellen;</li>
<li>bei den<br />
Präsidentenwahlen 2012 muss es maximale Garantien dafür geben, dass sie den<br />
fairen und freien Wählerwillen zum Ausdruck bringen, das bedeutet in erster<br />
Linie die strikte Beachtung der Rechte von Wahlbeobachtern und Journalisten;</li>
<li>so schnell wie<br />
möglich muss eine neue Wahlgesetzgebung beschlossen werden, um auf ihrer<br />
Grundlage Neuwahlen zum Parlament durchzuführen;</li>
<li>es soll ein<br />
Verhandlungsmechanismus geschaffen werden, um einen fairen Gesellschaftsvertrag<br />
zwischen den Bürgern und der Staatsmacht beim Übergang in eine neue politische<br />
Realität zu gewährleisten.</li>
</ul>
<p>Vorsitzender des Rats<br />
Michail Fedotow<br />
23.12.2011<br />
(Übersetzung: Jens Siegert)</p>
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		<item>
		<title>Putin und der Protest oder Prochorow reloaded</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Dec 2011 20:09:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jens Siegert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Duma]]></category>
		<category><![CDATA[Gelenkte Demokratie]]></category>
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		<category><![CDATA[Kreml]]></category>
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		<category><![CDATA[Wahlen]]></category>

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		<description><![CDATA[Nach ein paar Tagen Ratlosigkeit (die mehr als Tausend AntiwahlfälschungsdemonstrantInnen mit bis zu 15 Tagen Arrest bezahlt haben) scheinen Wladimir Putin und seine Leute eine Linie gefunden zu haben, wie sie mit dem für sie neuen Gegenwind umgehen soll. Neu &#8230; <a href="http://russland.boellblog.org/2011/12/22/putin-und-der-protest-oder-prochorow-reloaded/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach ein paar Tagen Ratlosigkeit (die mehr als Tausend AntiwahlfälschungsdemonstrantInnen mit bis zu 15 Tagen Arrest bezahlt<br />
haben) scheinen Wladimir Putin und seine Leute eine Linie gefunden zu haben, wie sie mit dem für sie neuen Gegenwind umgehen soll. Neu ist diese Linie  nicht. Eher eine Reinszenierung. Ich möchte sie «Prochorow reloaded» nennen. Im Grunde versucht Putin etwas Unmögliches: Die Zeit zurück zu drehen. Mal sehen, ob es gelingt.<span id="more-995"></span></p>
<p>Schon die stecken gebliebenen, eher mit Medwedjew als mit Putin in Verbindung gebrachten Modernisierungsversuche der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es ohne die großstädtischen, gebildeten, erfolgreichen Schichten schwer ist an der Macht zu bleiben. Jedenfalls wenn man sich nicht auf das Terrain rechts- oder linkspolulistischer Schwenke begeben möchte. Die Versuchung dazu besteht zwar durchaus, aber möglichst «gelenkt» soll es auch dabei zugehen. Bei zu scharfen Bewegungen drohen aber in beiden Richtungen «echte», sozusagen authetischere Links-  oder Rechtspopulisten als Putin aufzutauchen,<br />
die dann den Laden übernehmen könnten. Offenbar erscheint das dem ideellen Gesamtkreml gefährlicher als der Tanz mit den weitgehend als blutlos<br />
empfundenen Liberalen.</p>
<p>Folglich war die heutige, ganz offensichtlich mit Putin abgstimmte Medwedjew-Rede vor beiden Parlamentskammern ein echtes Déjà-vu. Das alles haben wir schon mehrfach gehört, vor allem im Herbst 2009 und auch danach immer mal wieder. Mit Ankündigungen zur Modernisierung des politischen<br />
Systems ging Medwedjew sogar über alles Bisherige hinaus: Schaffung eines öffentlich kontrollierten Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens, Änderungen des<br />
Wahlsystems, Wiedereinführung der Direktwahl der Gouverneure und noch einiges andere mehr. Allein, es fehlt der Opposition der Glaube. Zu oft ist das alles<br />
schon folgenlos gesagt. Und nun, unter dem Druck der massiven Proteste gegen die Wahlfälschungen klingt es mehr ängstlich als überzeugt. So ist das oft mit verzögerten politischen Initiativen.</p>
<p>Im Frühjahr hatte Putin die «Strategie 2020» aus der Taufe gehoben. Er beauftragte eine ExpertInnenkomission unter Leitung des liberalen Wirtschaftswissenschaftlers Wladimir Mau (Rektor der staatlichen Akademie für Volkswirtschaft) mit der Ausarbeitung eines Wirtschaftsprogramms bis 2020. Ganz offenbar ein Präsidentenprogramm. Mau nahm vorwiegend liberale WissenschaftlerInnen in die Kommission, darunter viele ausgessprochene<br />
KremlkritikerInnen. Was bis zum Sommer an Ergebnissen der Kommissionsarbeit bekannt wurde, lässt sich ganz kurz wie folgt zusammen fassen: In den ersten drei Amtsjahren des neuen Präsidenten müssen Wirtschafts- und Sozialsystem radikal reformiert werden. Das führt aller Voraussicht nach zu großem Unmut und Widerständen bei großen Teilen der Bevölkerung, insbesondere bei Ärmeren und von Staatstransfers Abhängigen und im Beamtenapparat.</p>
<p>Durchsetzen lässt sich eine solche Reform nur mit Unterstützung der bereits erwähnten  großstädtischen, gebildeten, erfolgreichen Schichten, die aber nur über bessere politische Beteiligung zu erlangen ist. Wohl daraus, vielleicht auch parallel entstandt<br />
das zweite «liberale» Putinprojekt. Überraschend übernahm im Spätfrühjahr der<br />
Milliardär Michail Prochorow den kremlgesteuerten Parteidummy «Rechte Sache»<br />
(Prawoje Delo), um ihm neues Leben einzuhauchen. Prochorow war bis dahin mit<br />
Leidenschaften für Sport und Glamour aufgefallen, allerdings nicht mit<br />
Interesse für Politik. Das galt damals eher als Vorteil, weil fast alle anderen<br />
als liberal bekannten und belabelten den Buckel der 1990er Jahre wie ein<br />
Kainsmal mit sich herumtragen.<br />
Doch schon im Sommer, die Umfragewerte für<br />
Einiges Russland (wenn auch noch weniger für Putin selbst) sanken, wurden beide<br />
Projekte, Prochorow und die Strategie 2020, recht überraschend gecancelt (wer,<br />
wann, wo diese Entscheidung traf, ist unbekannt, zumindest uns). Am 24.<br />
September erklärte Medwedjew dann Putin zum erneuten Präsidenten (und machte<br />
sich selbst zum Hanswurst). Der Rest ist bekannt und hier ausführlich<br />
beschrieben.<br />
Die neue Situation nach den Wahlen ist so neu<br />
also nicht. Antizipiert wurde sie in den Kremldenkzimmern schon lange.<br />
Allerdings unter anderen Vorzeichen. Bei allen Denkspielen, soweit ich das<br />
beurteilen kann, wehte der Wind immer noch in Putins Rücken. Putin war die<br />
Ressource auf der alles aufbaute. Doch nun hat sich der Wind gedreht. Zumindest<br />
im Moment weht er auch Putin ins Gesicht.<br />
Insofern ist die zumindest teilweise Rückkehr<br />
zum Szenariums im Sommer, der «reset of the matrix», die hängen geblieben ist,<br />
das Projekt «Prochorow reloaded» ein ganz neuer Versuch auf weit unsichererem<br />
Grund. Das zeigte auch das seltsame Changieren von Wladimir Putin in seiner Viereinhalbstundenfernsehseancevor<br />
einer Woche, am 15. Dezember. Immer wieder wechselte er von Zugeständnissen an<br />
die Protestierenden («verstehe den Protest», «die Menschen haben das Recht&#8230;»,<br />
halbherzige Wiedereinführung der Gouverneurswahl, Internetkameras in alle<br />
Wahllokale) zu Drohungen und Ausfällen im alten Stil (die mehrfach wiederholte<br />
Lüge, dass die OrganisatorInnen der Demonstration am 10.12. die<br />
DemonstrantInnen als «Hammel» bezeichnet hätten; die erneute Behauptung, die<br />
DemonstratnInnen würden aus dem Ausland bezahlt).<br />
Schon eine Woche später geht Medwedjew<br />
zumindest in seinen Worten ein paar liberale Schritte weiter. Was im Sommer,<br />
vor vier, drei zwei oder einer Woche noch ausgereicht haben mag, könnte nun<br />
nicht mehr genug sein, den Protest aufzuhalten. Trotzdem könnte die Strategie<br />
aufgehen, wenn sie denn konseuqent durchgehalten würde. Dazu müssten die<br />
Präsidentenwahlen aber wirklich echt aussehen, zumindest aussehen. Ob das mit<br />
Prochorow als «liberalem Kandidaten» gelingt, ist fraglich. Sein oben<br />
beschriebener Vorteil, jemand von außerhalb, in der Politik noch nicht aufgefallen<br />
zu sein und trotzdem mit  dem (reichen)<br />
Establishment verbunden, der ihn vielleicht für breitete Kreise wählbar macht<br />
(so sie sich nicht am Reichtum stören, von dem jeder im Land überzeugt ist,<br />
dass er zusammengeraubt wurde), wird kontekariert eben durch den fehlenden<br />
Stallgeruch. Das Label «Kremlknecht» kann sehr leicht an ihm hängen bleiben.<br />
Damit verlöre er seine für den Kreml wohl wichtigste Funktion: Den Wahlen und<br />
damit dem darin gewählten Präsidenten (selbstverständlich Putin) als «echter» Oppositioneller<br />
die Legitimität zu verleihen, die er momentan immer mehr verliert.<br />
Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die zur<br />
Wahl zugelassene Kandidatenliste (mit der Ausnahme Prochorows eben) an den Film<br />
«Und ewig grüßt das Murmeltier» erinnern wird: Putin, Sjuganow, Schirnowskij,<br />
Mironow, Jawlinskij. Das hatten wir schon 2008 und 2000 (Schirinowskij,<br />
Skuganow und Jawlinskij haben sogar schon 1996 kandidiert). Nur 2004, als<br />
Putins Sieg von vornherein feststand, kniffen Sjuganow und Schirinowskij und ließen<br />
zwei Pappkameraden kandidieren, Jawlinskij wurde 2008 die Kandidatenzulassung<br />
verwehrt.<br />
Selbst Kremlberater wie <a href="http://www.gazeta.ru/politics/elections2011/2011/12/13_a_3926826.shtml%20%20%20%20%20" target="_blank">Sergej Belanowskij vom Zentrum für Strategische<br />
Ausarbeitungen warnen davor</a>, dass das alles nicht ausreichen werde. Nur<br />
tatsächliche Reformen, eine „Rückkehr zur Verfasssung&#8221; mit der Annulierung der<br />
gefälschten Dumawahlen, echten Direktwahlen der Gouverneure, Aufhebung der<br />
Zensur im Fernsehen und der Beschränkungen für die Kandidatur zur<br />
Präsidentenwahl könne den Legitimitätsverfall der gegenwärtigen politischen<br />
Führung noch aufhalten. Putin, so Belanowskij ein wenig pathetisch, könne zwar<br />
die Wahl gegen Prochorow gewinnen, aber nicht gegen die Wähler.</p>
<p>Es sieht bisher noch<br />
nicht danach aus, ob die Dramatik dieser Botschaft bei Putin und seinen Leuten schon<br />
angekommen ist.</p>
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		<title>Russische Zivilgesellschaft</title>
		<link>http://russland.boellblog.org/2011/12/17/russische-zivilgesellschaft/</link>
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		<pubDate>Sat, 17 Dec 2011 13:13:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jens Siegert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Zivilgesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Eigentlich ist es Unsinn, über &#8220;die Zivilgesellschaft&#8221; zu schreiben. Es gibt ebensowenig eine &#8220;Zivilgesellschaft&#8221; innerhalb der Gesellschaft wie es eine &#8220;Militärgesellschaft&#8221; gibt oder eine &#8220;Wirtschaftsgeselslchaft&#8221; oder gar eine &#8220;Politikgesellschaft&#8221;. Was es aber gibt, sind Menschen und Gruppen, die sich jenseits &#8230; <a href="http://russland.boellblog.org/2011/12/17/russische-zivilgesellschaft/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eigentlich ist es Unsinn, über &#8220;die Zivilgesellschaft&#8221; zu schreiben. Es gibt ebensowenig eine &#8220;Zivilgesellschaft&#8221; innerhalb der Gesellschaft wie es eine &#8220;Militärgesellschaft&#8221; gibt oder eine &#8220;Wirtschaftsgeselslchaft&#8221; oder gar eine &#8220;Politikgesellschaft&#8221;. Was es aber gibt, sind Menschen und Gruppen, die sich jenseits von politischem oder wirtschaftlichem Engagement für ihre Interessen einsetzen, die also zwar weder direkte politische Macht oder wirtschaftlichen Gewinn anstreben, sich aber gleichwohl einmischen. Heinrich Böll, im Hauptberuf Schriftsteller, Prosaist, war so jemand, ein Einmischer, wie er sich nannte. Sein Satz &#8220;Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben&#8221; ist bis heute das Motto der <a href="http://www.boell.de">Heinrich Böll Stiftung</a>. <span id="more-994"></span></p>
<p>Einmischerinnen und Einmischer sind inzwischen auch viele Menschen in Russland. Zu Sowjetzeiten wurden sie verfolgt, verhaftet, in den Untergrund oder in die Emigration gedrängt. Heute werden sie PolitikerInnen, Geschäftsleute oder engagieren sich eben in zivilgesellschaftlichen Initiativen, den oft sogenannten NGOs. Mit diesen Menschen arbeitet die Heinrich Böll Stiftung in Russland (und nicht nur hier) in erster Linie zusammen. Je mehr sie werden, je mehr alle anderen derartiges Engagement gut, richtig, nützlich, ja notwendig finden, umso ziviler wird eine Gesellschaft. Russland wird, wie andere Länder auch, in Schüben ziviler. Gesellschaften entwicklen sich nicht gradlinig, kontinuierlich. Zwar geht die Entwicklung oft in kleinen Schritten voran, dann aber geschehen oft große Sprünge. Ja, Geschichte springt. Wenn es gut geht, wenn wir Glück haben, erleben wir mit den Protesten gegen die Wahlfälschungen gerade einen solchen Sprung.</p>
<p>Eine kleine Geschichte des Verhältnisses von Zivilgesellschaft und Politik habe ich in der Nummer 10/2011 der Zeitschrift Osteuropa nachgezeichnet. Der Artikel ist dort nun auch online verfügbar: <a href="http://www.osteuropa.dgo-online.org/issues/issue.fulltext.2011.1321261020000.4">Jens Siegert: An der Weggabelung. Zivilgesellschaft und Politik in Russland&#8221;</a></p>
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		</item>
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		<title>Aufbruch in Russland &#8211; eine kleine Facebook-Chronik</title>
		<link>http://russland.boellblog.org/2011/12/14/aufbruch-in-russland-eine-kleine-facebook-chronik/</link>
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		<pubDate>Wed, 14 Dec 2011 19:34:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jens Siegert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Duma]]></category>
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		<category><![CDATA[Gelenkte Demokratie]]></category>
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		<category><![CDATA[Wedomosti]]></category>
		<category><![CDATA[Zivilgesellschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Vorigen Samstag, am Morgen vor der großen Demonstration gegen Wahlfälschung in Moskau, habe ich in einer Vorahnung damit begonnen, die Ereignisse in Facebook auf Deutsch zu reportieren. Enweder durcheigene Kommentare und Beobachtungen. Oder durch die Weiterleitung von russischen Facebookposts, Blogeinträgen und Artikeln mit deutschen Kommentaren oder &#8230; <a href="http://russland.boellblog.org/2011/12/14/aufbruch-in-russland-eine-kleine-facebook-chronik/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vorigen Samstag, am Morgen vor der großen Demonstration gegen Wahlfälschung in Moskau, habe ich in einer Vorahnung damit begonnen, die Ereignisse in Facebook auf Deutsch zu reportieren. Enweder durcheigene Kommentare und Beobachtungen. Oder durch die Weiterleitung von russischen Facebookposts, Blogeinträgen und Artikeln mit deutschen Kommentaren oder Zusammenfasungen. Daraus ist eine kleine, gestückelte Chronik geworden, die ich nun hier, in einer Art von Collage wieder zusammenzufügen versuche.</p>
<p>Die Links führen zum großen Teil auf russischsprachige Webseiten. Alle Nicht-Nicht-Facebook-FreundInnen lade ich ein, mir eine <a href="https://www.facebook.com/jens.siegert" target="_blank">Freundschaftsanfrage</a> zu schicken.</p>
<p><span id="more-993"></span></p>
<p><strong>10.12.11</strong></p>
<p>02.06 (alle Zeiten sind Moskauer Zeit)<br />
«Professionelle Demonstrationsvorbereitung. Website mit allen Neuigkeiten und ganz oben die wichtigsten Telefonnummern: Anwälte, medizischen Hilfe, Organisationskomitee»</p>
<p><a href="http://www.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Fwww.openspace.ru%2Fsneg&amp;h=2AQFDTxrYAQEymd9gxk6AKUd7JpvkD6ad5uaav3U1dafZjA">http://www.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Fwww.openspace.ru%2Fsneg&amp;h=2AQFDTxrYAQEymd9gxk6AKUd7JpvkD6ad5uaav3U1dafZjA</a></p>
<p>12.31</p>
<p>«So sieht heute der Revolutionsplatz gegenüber dem Bolschoj Theater aus. Hier sollte ursprünglich gegen die Wahlfälschungen demonstriert werden. Aber das war dem Staat, wohl auch angesichtsn der unmittelbaren Nähe zum Kreml, zu heiß. So haben sie ihn einfach selbst besetzt. Angeblich 50.000 Polizisten und Innenministeriumssoldaten sind heute in den Moskauer Straßen zusammen gezogen worden.»</p>
<p><a href="https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1230292777123.27484.1823236270&amp;type=3">https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1230292777123.27484.1823236270&amp;type=3</a></p>
<p>12.33</p>
<p>«Aus der Arrestzelle: &#8220;Freiheit für Zelle Nummer 6!&#8221; Mindestens sieben DemonstrantInnen weniger heute auf dem Bolotnaja Ploschtschad»</p>
<p><a href="https://www.facebook.com/media/set/?set=a.120595794660741.34971.100001309628736&amp;type=3">https://www.facebook.com/media/set/?set=a.120595794660741.34971.100001309628736&amp;type=3</a></p>
<p>12.36</p>
<p>«Lifestream von der Demonstration in Nowosibirsk, mehr als 1000 DemonstrantInnen. Rund 2000 in Barnaul, 1000 in Wladiwostok.»</p>
<p>13.49</p>
<p>«4000 DemonstrantInnen in Krasnojarsk, 1000 in Wladiwostok, mehrere tausend in Nowosibirsk, 2000 in Barnaul. Die Demonstrationen gegen Wahlfälschung bewegen sich mit der Zeit nach Westen.»</p>
<p><a href="http://www.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Fwww.kommersant.ru%2Fdoc%2F1836097%3Fstamp%3D634591211002202311&amp;h=SAQH_t_pfAQELWbz7NSS953fGh--QqiGCNV58NEMMTOPF8g">http://www.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Fwww.kommersant.ru%2Fdoc%2F1836097%3Fstamp%3D634591211002202311&amp;h=SAQH_t_pfAQELWbz7NSS953fGh&#8211;QqiGCNV58NEMMTOPF8g</a></p>
<p>14.19</p>
<p>«Die Demonstration gegen Wahlfälschung<br />
auf dem Bolotnaja Ploschtschad in Moskau hat begonnen. Bisher sind<br />
rund 15.000 Menschen gekommen.»</p>
<p>14.43</p>
<p>«In der Redaktion der Nowaja Gaseta in<br />
Moskau funktionieren seit heute Morgen weder Telefon noch Internet.<br />
Angeblich ein technisches Problem beim Provider, an dessen Lösung<br />
&#8220;mit Hochdruck gearbeitet wird&#8221;.»</p>
<p>15.10</p>
<p>«Die Tageszeitung Wedomosti berichtet<br />
in ihremLive-Blog, dass die Veranstalter nun von 50.000<br />
DemonstrantInnen ausgehen. Die wichtigsten Losungen fordern Neuwahlen<br />
in Moskau, Wiedereinführung der Direktwahlen des Moskauer<br />
Bürgermeisters. Vereinzelt wird auch &#8220;Russland ohne Putin&#8221;<br />
gefordert.»</p>
<p>15.59</p>
<p>«Und das Wichtigste: ALLES FRIEDLICH<br />
IN MOSKAU!!!»</p>
<p>17.18</p>
<p>«Aktuelle Zahlen aus Moskau: Die<br />
Plizei spricht von 25.000 TeilnehmerInnen an der Demonstration gegen<br />
Wahlfälschungen. Die OrganisatorInnen nennen Zahlen zwischen 50 und<br />
80.000. Dazwischen wird es wohl irgendwo liegen. Besonders wichtig<br />
aber: KEINE FESTNAHMEN! KEINE GEWALT! Bisher ein sehr guter Tag für<br />
die russische Demokratie!!»</p>
<p>18.41</p>
<p>«Die Demonstration gegen die<br />
Wahlfälschungen in Moskau ist zu Ende. Die wichtigsten Forderungen<br />
(Unterstützt durch lautstarke Zustimmung der DemonstratInnen):<br />
Rücknahme des Wahlergebnisses, freie und faire Neuwahlen und<br />
Ablösung des Vorsitzenden der Zentralen Wahlkommission Wladimir<br />
Tschurow. Da wohlk niemand damit rechnet, dass diese Forderungen von<br />
den Machthabern nun flink erfüllt werden, findet die nächste<br />
Demonstration in zwei Wochen am 24. Dezember statt.»</p>
<p>21.41</p>
<p>«Es sieht ganz nach politischer<br />
Einsicht bei Putin aus, zumindest darein, dass man mit der bisherigen<br />
harten Linie (DemonstrantInnen verhaften und das Ausland<br />
verantwortlich machen, ansonsten: keine Kompromisse) gegenwärtig<br />
nicht weiter kommt: Sowohl das erste als auch das zweite<br />
Fernsehprogramm, sonst auf besonders abstoßende Art stets im Dienst<br />
des Regimes, haben über die Demonstrationen heute im Land und<br />
besonders über die in Moskau wie wirklich gute JournalistInnen<br />
berichtet &#8211; mit neutral-berichtendem Ton, O-Ton-Einspielungen der<br />
DemonstrantInnen, Zahlenangaben sowohl der Polizei als auch der<br />
OrganisatorInnen. Nur Putin selbst traut sich noch nicht. Sein<br />
Pressesprecher verweigert bisher jeden Kommentar. Vielleicht erübrigt<br />
sich der ja mit der Zeit.»</p>
<p>21.45</p>
<p>«Fünf Forderungen der<br />
DemonstrantInnen heute:</p>
<ol>
<li>Freilassung aller in den<br />
vergangenen Tagen während Demonstrationen Verhafteten;</li>
<li>Annulierung der Wahlergebnisse vom<br />
4. Dezember und Ansetzung neuer Wahlen;</li>
<li>Entlassung von Wladimir Tschurow,<br />
dem Leiter der Zentralen Wahlkommission, und gründliche<br />
Untersuchung seiner Amtsführung;</li>
<li>Annahme einer neuen<br />
Wahlgesetzgebung;</li>
<li>Untersuchung aller bekannt<br />
gewordenen Fälle von Wahlfälschung.»</li>
</ol>
<p><strong><br />
11.12.2011</strong></p>
<p>13.35</p>
<p>«Ich muss meinen Posts von gestern ein<br />
wenig korrigieren: Zwar gibt es keine Meldungen über Festgenommene<br />
in Moskau, aber insgesamt wurden bei den mehr als 130 Demonstrationen<br />
gegen die Wahlfälschungen in ganz Russland mehr als 400<br />
DemonstratntInnen festgenommen: 100 in Kasan, 100 in Syktywkar, 50 in<br />
Belgorod, 29 in St. Petersburg, 20 in Komsomolsk-na-Amure, 20 in<br />
Kurgan, 17 in Jekaterinburg, 15 in Tjumen, 15 in Perm, 10 in Rostow<br />
am Don, 7 in Machatschkala, 1 -3 in einer ganzen Reihe anderer<br />
Städte. Dieses Zahlen hat die Interregionale Informationsgruppe<br />
zusammen<br />
getragen.»</p>
<p><a href="https://www.facebook.com/mig1012/posts/337110862972259">https://www.facebook.com/mig1012/posts/337110862972259</a></p>
<p>18.06</p>
<p>«ReSolution</p>
<ul>
<li>Sofortige Freilassung aller<br />
politischen Gefangenen</li>
<li>Die Resultate der gefälschten<br />
Wahlen annulieren</li>
<li>Tschurow in den Ruhestand schicken</li>
<li>Die Wahlfälschungen untersuchen</li>
<li>Die Schuldigen bestrafen</li>
<li>Neuwahlen durchführen</li>
</ul>
<p>Frist: 24.12.2011</p>
<p>Stempel: Zivilgesellschaft der<br />
Russischen Föderation»</p>
<p>20.21</p>
<p>«Erste Äußerung von oben (wenn man<br />
bei Medwedjew noch davon sprechen kann): Demonstrationen legitim,<br />
aber es gebe &#8220;keinen Grund&#8221; an der Korrektheit des<br />
Wahlergebnisses zu zweifeln. Also gebe es &#8220;keinen Anlass das<br />
Wahlergebnis zu verändern&#8221;. Als Spitzenkandidat von Einiges<br />
Russland darf man Medwedjew, als Präsident &#8220;Garant der<br />
Verfasung&#8221; wohl mit gutem Rceht befangen nennen.»</p>
<p>20.32</p>
<p>«Starke Worte des Sprechers der<br />
Russisch-Orthodoxen Kirche Wsewolod Tschaplin: &#8220;Das Wichtigste<br />
heute ist, (&#8230;), kein neues 1905, 1917, 1991, 1993 zuzulassen&#8221;.<br />
Was ist das? Angst? Eine Warnung? Sorge der Kirche um den<br />
Zusammenhalt der Gesellschaft?</p>
<p><a href="http://top.rbc.ru/politics/11/​12/2011/629313.shtml" target="_blank">http://top.rbc.ru/politics/11/​12/2011/629313.shtml</a></p>
<p>22.32</p>
<p>«Arkadij Ljubarew von GOLOS: &#8220;Wenn<br />
man die diesjährigen Resultate von Einiges Russland mit denen von<br />
vor vier Jahren vergleicht, dann kann man sehen, dass der Umfang der<br />
Fälschungen nicht sehr viel größer geworden ist: von<br />
13,8,Millionen Stimmen auf 15,8 Millionen. Aber vor dem Hintergrund<br />
des großen Rückgangs der &#8216;normalen Stimmen&#8217; für Einiges Russland<br />
(von 30,9,Millionen auf 16,2 Millionen) haben die Fälschungen eine<br />
ganz andere Bedeutung bekommen. Wenn Einiges Russland 2007 auch ohne<br />
Fälschungen die absolute Mehrheit der Stimmen und Mandate bekommen<br />
hätte (aber nicht die ihr so notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit für<br />
Verfassungsänderungen), so geht es jetzt darum, dass die Mehrheit<br />
der Mandate nur aufgrund von Fälschungen erreicht wurde. Mit anderen<br />
Worten: Die Ergebnisse der Wahlen geben nicht den Willen des<br />
russischen Volkes wieder.&#8221;</p>
<p><a href="http://www.golos.org/news/4533">http://www.golos.org/news/4533</a></p>
<p><strong><br />
12.12.2011</strong></p>
<p>01.35</p>
<p>«12. Dezember &#8211; Tag der Verfassung in<br />
Russland</p>
<p>Artikel 3</p>
<ol>
<li>Träger der Souveränität und<br />
einzige Quelle der Macht in der Russischen Föderation ist ihr<br />
multinationales Volk</li>
<li>Das Volk übt seine Macht<br />
unmittelbar und ebenso durch die Organe der staatlichen Gewalt und<br />
die Organe der örtlichen Selbstverwaltung aus.</li>
<li>Höchster unmittelbarer Ausdruck<br />
der Macht des Volkes sind Referenden und frei Wahlen.</li>
<li>Niemand darf sich die Macht in der<br />
Russischen Föderation aneignen. Die Annexion der Macht oder die<br />
Aneignung von Machtbefugnissen wird durch ein föderales Gesetz<br />
verfolgt.»</li>
</ol>
<p>13.45</p>
<p>«Der Pressesprecher von Putin, Dmitrij<br />
Peskow, sagt, selbst wenn alle Klagen über Wahlfälschungen stimmen<br />
würden, das nur maximal 0,5 Prozent der Stimmen beträfe, also<br />
keinen Einfluss auf das Wahlergebnis habe. Auch Generalstaatsanwalt<br />
Jurij Tschajka sieht keinerlei Gründe zur Änderung des<br />
Wahlergebnisses.<br />
Gleichzeitig und folgerichtig hat das<br />
Bündnis &#8220;Für faire Wahlen&#8221; eine neue Demonstration für<br />
den 24. Dezember angemeldet.»</p>
<p>17.13</p>
<p>«Milliardär Michail Prochorow erklärt<br />
Kandidatur zur Präsidentenwahl. Das Projekt &#8220;Prochorow&#8221;<br />
wird also wieder aufgenommen. Nur wessen Projekt ist das?&#8221;</p>
<p><a href="http://www.newsru.com/russia/​12dec2011/prohorov.html" target="_blank">http://www.newsru.com/russia/​12dec2011/prohorov.html</a></p>
<p><strong><br />
13.12.2011</strong></p>
<p>12.21</p>
<p>«Die &#8220;Stiftung Öffentliche<br />
Meinung&#8221; (FOM) erklärt, erstmals seit 1999 nicht die Resultate<br />
ihrer wöchentlichen Umfragen zum Politiker-Rating zu<br />
veröffentlichen. Sind die Werte für Putin so schlecht? Vorige Woche<br />
lag er noch bei 55 Prozent.»</p>
<p>14.44</p>
<p>«Wohl die ersten rollenden Köpfe!<br />
Alischer Usmanow, Milliardär (laut Forbes Nr. 35 in der Welt und Nr.<br />
5 in Russland), eng mit Gasprom und dem Kreml verbandelt, hat den<br />
Chefredakteur des Nachrichtenjournals &#8220;Kommersant-Wlast&#8221;<br />
Maxim Kowalskij und den Generaldirektor der &#8220;Kommersant-Holding&#8221;<br />
Andrej Galijew entlassen. Sie hätten die &#8220;journalistische<br />
Ethik&#8221; verletzt. Offenbar geht es um die Berichterstattung zu<br />
den Wahlfälschungen. Kommersant-Wlast hatte unter anderem Fotos von<br />
Wahlzetteln abgedruckt, die von WählerInnen mit wüsten<br />
Beschimpfungen versehen worden waren. Gerüchte über starken Druck<br />
auf das Journal und die im gleichen Verlag erscheinende Tageszeitung<br />
Kommersant, die kritische Berichterstattung über die Wahlen zu<br />
zügeln, gab es schon einige Tage.&#8221;</p>
<p><a href="http://www.newsru.com/russia/​13dec2011/kommer.html" target="_blank">http://www.newsru.com/russia/​13dec2011/kommer.html</a></p>
<p>14.57</p>
<p>«Nun kommen auch noch aus Deutschland<br />
schlechte Nachrichten für die Putins: &#8216;Geldwäsche in Russland. Putins mann für Dollars&#8217;&#8221;</p>
<p><a href="http://www.sueddeutsche.de/​wirtschaft/​geldwaesche-in-russland-putins-​mann-fuer-dollars-1.1233044" target="_blank">http://www.sueddeutsche.de/​wirtschaft/​geldwaesche-in-russland-putins-​mann-fuer-dollars-1.1233044</a></p>
<p><strong><br />
14.12.2011</strong></p>
<p>11.30</p>
<p>«Es ist, neben vielem anderen, einfach<br />
würdelos. Bei einem Treffen mit Medwedjew gestern waren sich KP-Chef<br />
Sjuganow und Schirinowskij-Sohn Lebedew (er ist<br />
Duma-Fraktionsvorsitzender der väterlichen Partei) mit Medwedjew<br />
einig, dass die Demonstrationen gegen Wahlfälschungen &#8220;Unruhen&#8221;<br />
seien und &#8220;natürlich Intrigen amerikanischer Geheimdienste&#8221;.<br />
Gleichzeitig klagen sie über Fälschungen zu ihren Ungunsten. Ruhig<br />
gestellt werden sollen sie mit der Hälfte der Ausschussvorsitze in<br />
der neuen Duma. Jämmerlich.»</p>
<p>19.31</p>
<p>«Offener Brief der Mitarbeiter des<br />
Verlagshauses Kommersant an den Mehrehitsaktionär Alischer Usamanow,<br />
der gestern wegen zu kritischer Berichterstattung den Generaldirekter<br />
des Verlags und den Chefredaktuer der Zeitschrift &#8220;Kommersant-Wlast&#8221;<br />
entlassen hatte. Überschrift: &#8220;Wir werden zur Feigheit<br />
gezwungen&#8221;</p>
<p><a href="http://www.openspace.ru/media/​paper/details/32772/" target="_blank">http://www.openspace.ru/media/​paper/details/32772/</a>»</p>
<p>&nbsp;</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Russland nach der Dumawahl &#8211; ein anderes Land?</title>
		<link>http://russland.boellblog.org/2011/12/09/russland-nach-der-dumawahl-ein-anderes-land/</link>
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		<pubDate>Fri, 09 Dec 2011 12:28:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jens Siegert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Artikel 31]]></category>
		<category><![CDATA[Duma]]></category>
		<category><![CDATA[Einiges Russland]]></category>
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		<description><![CDATA[Wäre ich noch vor zwei Wochen gefragt worden, ob die Dumawahlen etwas ändern würden, so hätte ich sehr vorsichtig geantwortet, etwa in der Art, dass eher nicht, auch wenn das Ergebnis von Einiges Russland (Zwei-Drittel-Mehrheit oder «nur» absolute Mehrheit) sicher &#8230; <a href="http://russland.boellblog.org/2011/12/09/russland-nach-der-dumawahl-ein-anderes-land/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wäre ich noch vor zwei Wochen gefragt worden, ob die Dumawahlen etwas ändern würden, so hätte ich sehr vorsichtig geantwortet, etwa in der Art, dass eher nicht, auch wenn das Ergebnis von Einiges Russland (Zwei-Drittel-Mehrheit oder «nur» absolute Mehrheit) sicher Einfluss auf das weitere Vorgehen von Putin haben könnte. Irgendwelche weitere politische Verschiebungen hätte ich als sehr unwahrscheinlich ins Reich der wohl leider vergeblichen Hoffnungen verwiesen.<br />
Mit dieser Antwort wäre ich nicht allein gewesen. Wohl niemand (ich habe jedenfalls niemanden gelesen oder gehört) hat das voraus gesehen, was gerade in Russland passiert. Wie soll man das also erklären? Ich wage einen ersten Annäherungsversuch.</p>
<p><span id="more-988"></span><br />
<em>Wieder Wahlen</em><br />
Russland hat sich seit<br />
den Wahlen vor vier Jahren mehr verändert als auf der Oberfläche sichtbar<br />
geworden ist. Das hat äußere, aber auch innere Gründe. Zu den äußeren zählt<br />
ohne Frage die seit 2008 anhaltende Finanz- und Wirtschaftskrise. Langsam erst,<br />
zuletzt aber immer deutlicher setzt sich, von den wirtschaftlichen und<br />
politischen Eliten bis in weite Bevölkerungskreise, die Erkenntnis durch, dass<br />
das Wachstumsmodell der 2000er Jahre, das leichte Geld von außen, vor allem<br />
über hohe Öl- und Gaspreise, nicht wieder kommen wird. Das erkennt ja selbst<br />
der Modernisierungsdiskurs der Macht Habenden an.<br />
Die Dauer dieses<br />
Diskurses (spätestens seit Herbst 2009 ein Allgemeinplatz) und seine<br />
offensichtliche Folgenlosigkeit (der jüngste Anlauf, die «Strategie 2020»,<br />
wurde von Putin im Sommer offenbar den immer schlechter werdenden<br />
Umfrageergebnissen für die Duma- und vieilleicht auch die Präsidentenwahlen<br />
geopfert) für das politische System (aber auch die wirtschaftlichen<br />
Grundparameter) haben dazu geführt, dass kaum noch jemand glaubt, so gehe es<br />
weiter. Dieser (Un-)Glaube weitet sich gerade aus. Vom «so geht es nicht mehr<br />
weiter» wird er langsam zum «mit diesen Leuten geht es nicht mehr weiter».<br />
Solche Entwicklungen<br />
können für die Machthabenden folgenlos lange folgenlos bleiben und springen<br />
dann manchmal um, ohne dass man selbst im Nachhinein sagen könnte, warum das<br />
nun gerade in diesem Moment oder nach diesem Ereignis geschehen ist, und nicht<br />
vorher schon in ähnlichen Situationen oder erst später. Da lässt sich meist<br />
kaum mehr zu sagen, als dass die Zeit wohl noch nicht reif war. Der Umschwung<br />
kommt dann meist plötzlich, für den Großteil der Akteure unerwartet. Bei<br />
hybriden Regimen, also autoritären Staaten mit die jeweiligen Machthaber<br />
legitimierenden demokratischen Elementen, sind es oft Wahlen, die zu<br />
Katalysatoren werden (aber eben zu Katalysatoren, nicht zum Grund). So war es<br />
bei vielen großen Umbrüchen der vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren: in<br />
Serbien, in der Ukraine, in Georgien, in Tunesien, in Ägypten.<br />
<em>24. September</em><br />
Angekündigt hat sich<br />
dieser Bruch in Russland aber schon früher, am 24. September, als Medwedjew<br />
sich öffentlich durch die Ankündigung des geplanten Ämtertausches mit Putin<br />
unter dessen Regie selbst entmannen musste (<a href="http://blog.boell-net.de/blogs/russland-blog/archive/2011/09/25/warum-erzeugt-die-r-252-ckkehr-des-wladimir-putin-obwohl-sie-nicht-252-berraschend-kommt-ein-so-flaues-gef-252-hl-im-magen.aspx" target="_blank">ich bin in diesem Blog darauf<br />
eingegangen</a>). An diesem 24. September machte es «Klick», es gab einen Ruck in<br />
der russischen Gesellschaft. Putin, bis dahin der ungefährdete Alleinbestimmer,<br />
verlor seinen Nimbus als ewiger Sieger. Die Stimmung schlug um von «Putin ist<br />
Klasse» zu «es gibt keine Alternative zu Putin». Viele Menschen, die bis dahin<br />
jede Selbstherrlichkeit der Machthabenden achelzuckend, resignierend, zynisch<br />
hingenommen hatten, hatten das Gefühl, dass das nun zuviel gewesen sei. Es ging<br />
nicht darum dass ihnen irgend etwas Neues zugemutet worden war. Es ging darum,<br />
dass es die eine Zumutung zu viel war, die das sprichwörtliche Fass zum<br />
Überlaufen brachte.<br />
Danach geschah erst<br />
einmal nichts. Das übliche Szenarium vor den Wahlen nahm seinen Lauf:<br />
Registrierung nur der genehmen und registrierten Parteien; ungleiche Propaganda<br />
auf allen Kanälen, in allen Zeitungen und in den Straßen des Landes; wenig<br />
Interesse daran in der Bevölkerung.<br />
<em>Wahlbeobachtung</em><br />
Das änderte sich erst im<br />
November, etwa drei bis vier Wochen vor der Wahl (einen genauen Zeitpunkt kann<br />
ich nicht nennen). Plötzlich wuchs das Interesse an den Wahlen, vor allem an<br />
ihrer unabhängigen Kontrolle. Und zwar nicht nur bei den üblichen Verdächtigen,<br />
den alten Dissidenten, den marginalisierten Demokraten, den nicht-offiziellen<br />
Linken, sondern auch in zwei weiteren Gruppen, die vor vier Jahren in dieser<br />
Hinsicht indifferent geblieben waren: bei der sogenannten «systemischen<br />
Opposition», also den zugelassenen Parteien außer Einiges Russland, und bei<br />
meist jungen Leuten, für die Politik bisher eine fremde Sphäre war, eine<br />
schmutzige, nicht attraktive, etwas, von dem man sich fern hält, weil es<br />
unappetitlich ist und hoffnunglos, zu dem man also eine eher ästhetische<br />
Distanz hat.<br />
Für diese zweite Gruppe<br />
mag stellvertretend eine Moskauer Initiative stehen, die sich «Bürger<br />
Beobachter» (russisch: «Grazhdanin Nabludatel») nennt. Die InitiatorInnen<br />
dieser Gruppe waren vorher als politische Akteure weitgehend unbekannt. Sie<br />
wandten sich an Memorial mit der Bitte für die Schulung von WahlbeobachterInnen<br />
die neuen Räume nutzen zu dürfen. Dort wurden in den zwei Wochen direkt vor dem<br />
Wahltag über 600 meist junge Menschen, die sich binnen weniger Tage über<br />
soziale Netzwerke freiwillig gemeldet hatten, darin unterwiesen, welche Rechte<br />
sie als WahlbeobachterInnen haben, worauf man achten muss, welches die<br />
wahrscheinlichen und häufigsten Fälschungsmethoden sind und so weiter.<br />
Da nur akkreditierte<br />
WahlbeobachterInnen Zugang zu den Wahllokalen haben (und damit auch das<br />
Wichtigste tun können, die Stimmauszählung zu kontrollieren &#8211; schon Stalin hat<br />
mit dem ihm eigene Zynismus darauf hingewiesen, dass es nicht darauf ankomme,<br />
wie abgestimmt werde, sondern wer auszähle), erklärten sich einige<br />
Zeitungsredaktionen, vor allem die Nowaja Gaseta, und die zu den Wahlen zugelassene<br />
Jabloko-Partei bereit, die Freiwilligen als ihre WahlbeobachterInnen<br />
auszuweisen.<br />
<em>Putins Fehler</em></p>
<p>Was Putin und den Kreml<br />
dazu bewogen haben mag, kurz vor der Wahl einen Generalangriff auf unabhängige<br />
WahlbeobachterInnen zu starten, darüber kann nur spekuliert werden. Die sich im<br />
Laufe des Herbstes und der massiven Wahlkampagne nicht nur nicht bessernden<br />
sondern noch verschlechternden Umfragergebnisse dürften aber eine wichtige<br />
Rolle gespielt haben. Wie dem auch sei: Der gewiefte Taktiker Putin (er wird<br />
oft als «taktisches Genie», wenn auch als eher mittelmäßiger Stratege<br />
beschrieben) machte eine vielleicht entscheidenden taktischen Fehler.<br />
Das alles ist in diesem<br />
Blog beschrieben. <a href="http://blog.boell-net.de/blogs/russland-blog/archive/2011/11/30/nervosit-228-t-an-der-macht-putin-greift-unabh-228-ngige-wahlbeobachter-an.aspx" target="_blank">Es  begann mit dem<br />
Hetzartikel gegen GOLOS, die bekannteste und älteste<br />
WahlbneobachterInnenorganisation Russlands am 26. November in der<br />
Regierungszeitung «Rossijskaja Gaseta». Dann folgten am Tag darauf Putins<br />
Ausfälle auf dem Einiges-Russland-Parteitag zu seiner Nominierung für die<br />
Präsidentenwahlen gegen die EmpfängerInnen ausländischer Finanzierung  als «Judasse»</a>, die <a href="http://blog.boell-net.de/blogs/russland-blog/archive/2011/12/02/staatsanw-228-lte-bei-golos-morgen-gericht.aspx" target="_blank">Überprüfung von GOLOS<br />
durch die Staatsanwaltschaft auf Antrag von drei Dumaabgeordneten</a>, die<br />
<a href="http://blog.boell-net.de/blogs/russland-blog/archive/2011/12/03/wahlen-in-russland-golos-zu-geldstrafe-verurteilt-notebook-der-direktorin-konfisziert-zwei-erkl-228-rungen.aspx" target="_blank">Bestrafung von GOLOS für die angebliche Veröffentlichung von Umfragedaten<br />
innerhalb der letzten fünf Tage vor den Wahlen </a>(was verboten ist).<br />
<em>Wahltag</em></p>
<p>Und dann kam der Wahltag.<br />
Die Ereignisse sind bekannt. WahlbeobachterInnen wurden behindert,<br />
hintergangen, immer wieder mit Polizeihilfe aus den Wahllokalen verbannt.<br />
Oppositionelle Websites wurden den ganzen Tag über durch DDOS-Attacken<br />
blockiert. Trotzdem konnten die vielen Tausend Menschen im Land, die sich für<br />
transparente Wahlen einsetzten nicht neutralisiert werden. Vor allem über die<br />
sozialen Netzwerke wurden die Fälschungen und die Fälschungsversuche öffentlich<br />
gemacht.<br />
Es gibt dort unzählige<br />
Erzählungen von oft jungen Leuten über den Tag. Was sie richtig und was sie<br />
falsch gemacht haben. Worauf sie vorbereitet waren und worauf nicht. Wie große<br />
der moralische und manchmal physischer Druck gegen sie als angebliche Verräter<br />
des Vaterlands war. Wie offen häufig, unverfroren, schamlos und dummdreist die<br />
FälscherInnen vorgingen. Sie fühlten sich ja gestützt, geschützt und<br />
bevollmächtigt vom allmächtigen Staat. Auch hatte dieser Staat, von ganz oben,<br />
gedroht, er werde diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die die Zielvorgaben<br />
eines hohen Sieges für Einiges Russland nicht erreichen.<br />
Für viele der meist<br />
jungen WahlbeobachterInnen, die oft erstmal politisch selbst aktiv wuden, kam<br />
der Wahltag einer politischen Initiation gleich, war er ein kleines politisches<br />
Erweckungserlebnis. Bei manchen wurde er gar von einem Erfolgserlebnis gekrönt,<br />
wie bei der jungen Frau, die dem Wahlleiter ihres Wahllokals in einem kleinen<br />
Handgemenge das unterschriebene Auszählungsprotokoll entwand (das ihr zu geben<br />
er gesetzlich verpflichtet ist), es zu Hause einscannte und auf Facebook<br />
veröffentlichte.<br />
All das, auch der durch<br />
das Internet und die sozialen Netzwerke sicher verstärkte Eindruck, nicht<br />
allein zu sein, eine oder einer von vielen zu sein, führte im Laufe des<br />
Wahltags, vor allem aber am Montag danach zum sich rasch verbreitenden<br />
Eindruck, erstmals seit Putins Machtantritt vor nun fast 12 Jahren nicht mehr<br />
nur einen Abwehrkampf zu führen, an dessen Ende trotzdem vieles schlechter ist<br />
als es vorher war, sondern ein Chance zu haben. Eine kleine Chance, aber ein<br />
Chance. Der Wind scheint sich zu drehen und nicht mehr von vorne sondern in den<br />
Rücken zu blasen.<br />
<em>Nach der Wahl</em></p>
<p>Die Demonstrationen in<br />
Moskau und vielen anderen Städten des Landes am Montag und Dienstag, zu denen<br />
im Landesmaßstab nicht wirklich viele Menschen kamen, aber viel, viel mehr als<br />
sonst zu ähnlichen Anlässen in den vergangenen Jahren, verstärkten diesen<br />
Eindruck. Und wieder erwies sich der Putinsche Staat als nicht auf der Höhe der<br />
Zeit. Während sich über die Verhaftungen von durchaus auch mehreren Hundert<br />
Menschen bei den sogenannten 31er-Demonstrationen für Demonstrationsfreiheit<br />
kaum jemand außerhalb der kleinen Opposition aufregte, reicht die Empörung<br />
diesmal weiter. Während bisher DemonstratInnen vor allem als Störer<br />
wahrgenommen wurden, schlägt ihnen nun viel Sympathie als ungerecht Behandelte<br />
entgegen.<br />
Die WahlbeobachterInnen<br />
werten unterdessen die Ergebnisse ihrer Beobachtungen aus. Die Ergebnisse sind,<br />
wie kaum anders zu erwarten, eindeutig: Es wurde massiv zugunsten von Einiges<br />
Russland gefälscht. Es ist natürlich wichtig, all das genauestens zu<br />
dokumentieren. Das ist wichtig für die Zukunft. Für die kurzfristige politische<br />
Entwicklung spielt es kaum eine Rolle. Knapp 50 Prozent hat Einiges Russland<br />
offiziell bekommen. Aber Volkes Weisheit und Meinung sind längst davon überzeugt,<br />
dass es sicher nicht mehr als 40 waren, vielleicht auch weniger. Diese<br />
Überzeugung zu erschüttern, werden auch Zahlen, von wem auch immer, wie seriös<br />
auch immer, nicht in der Lage sein. Der Kreml hat die Deutungshoheit über den<br />
Wahlausgang verloren.<br />
Zumindest gegenwärtig.</p>
<p><em>Wie geht es weiter?<br />
</em></p>
<p>Schwer zu sagen. Einerseits unterscheidet sich die Lage von der zum Beispiel in<br />
der Ukraine oder in Georgien grundsätzlich. Dort gab es bereit stehende,<br />
landesweit bekannte Alternativen zur herrschenden politischen Führung.<br />
Russlands politische Landschaft ist ein leeres Feld, ein von Putin systematisch<br />
geleertes Feld. Die sogenannten „systemische Opposition&#8221;, also Kommunisten,<br />
Schirinowskij und Gerechtes Russland wagen sich nicht heraus (vielleicht noch<br />
nicht, wer weiß? Immerhin stellt sich Gennadij Gudkow, stellvertretender<br />
Vorsitzender von Gerechtes Russland öffentlich und demonstrativ auf Seiten der<br />
DemonstrantInnen. Aber Parteiführer Sergej Mironow schweigt. Man möchte<br />
offenbar auf zwei Stühlen sitzen).<br />
Allerdings hat die<br />
russische Staatsführung, hat Putin ein Problem: Die nächsten Wahlen, die<br />
Präsidentenwahlen sind in knapp drei Monaten. Die Ratings sind unten, auch<br />
Putin wurde, soweit das jetzt schon zu sehen ist, durch den Niedergang von<br />
Einiges Russland in Mitleidenschaft gezogen. Wie er gleichzeitig seine<br />
Popularität zurück gewinnen will, aber den Forderungen nach Neuwahlen oder<br />
zumindest Revision der Auszählergebnisse nicht nachgeben, wird ein sehr<br />
schwieriger Balanceakt werden. Denn massive Repressionen, die wohl möglich<br />
sind, könnten angesichts des wechselnden Klimas im Gegensatz zu früher zu einer<br />
Solidarisierung mit den Repressierten führen und nicht mehr zum Lob und zur<br />
Anerkennung für den „echten Kerl&#8221; Putin, der es den Oppositionsrabauken<br />
ordentlich gezeigt hat. Jedenfalls solange es gelingt, den Protest so friedlich<br />
zu halten, wie er bisher war.</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Wahlen in Russland: GOLOS zu Geldstrafe verurteilt, Notebook der Direktorin konfisziert, zwei Erklärungen</title>
		<link>http://russland.boellblog.org/2011/12/03/wahlen-in-russland-golos-zu-geldstrafe-verurteilt-notebook-der-direktorin-konfisziert-zwei-erklaerungen/</link>
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		<pubDate>Sat, 03 Dec 2011 14:10:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jens Siegert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Duma]]></category>
		<category><![CDATA[EU]]></category>
		<category><![CDATA[GOLOS]]></category>
		<category><![CDATA[Putin]]></category>
		<category><![CDATA[Wahlen]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Behinderung der Arbeit der WahlbeobachterInnen von GOLOS geht weiter.&#160;Gestern verurteilte ein Moskauer Gericht GOLOS zu einer Geldstrafe von 30.000 Rubel (rund 725 Euro). Das sieht ungef&#228;hrlicher aus, als es ist. Die 30.000 Rubnel kann GOLOS sicher leicht aufbringen (auch &#8230; <a href="http://russland.boellblog.org/2011/12/03/wahlen-in-russland-golos-zu-geldstrafe-verurteilt-notebook-der-direktorin-konfisziert-zwei-erklaerungen/">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Behinderung der Arbeit der WahlbeobachterInnen von GOLOS geht weiter.&nbsp;Gestern verurteilte ein Moskauer Gericht GOLOS zu einer Geldstrafe von 30.000 Rubel (rund 725 Euro). Das sieht ungef&auml;hrlicher aus, als es ist. Die 30.000 Rubnel kann GOLOS sicher leicht aufbringen (auch wenn es bessere Verwendung f&uuml;r daf&uuml;r gibt als dem russischen Staat Geld zu geben). Wichtiger ist, dass GOLOS mit dieser Strafe als offiziell &#8220;verwarnt&#8221; gilt. Das russische NGO-Gesetz sieht vor, dass eine Organisation nach einem zweiten &#8220;Vergehen&#8221;, das eine zweite Strafe oder Verwarnung nach sich zieht, auf Antrag der Staatsanwaltschaft per Gerichtsbeschluss geschlossen werden kann. Und die Erfahrung zeigt, dass daf&uuml;r immer leicht ein Vorwand gefunden werden kann (umso mehr als russische Gesetze ber&uuml;hmt f&uuml;r ihre Widerspr&uuml;chlichkeit und Interpretationsspielr&auml;ume sind).</p>
<p><span id="more-985"></span></p>
<p>
Sp&auml;ter<br />
abends am gestrigen Freitag wurde dann Lilija Schibanowa, Direktorin<br />
von GOLOS, bei der R&uuml;ckkehr von einem Russland-EU-NGO-Forum in<br />
Warschau am Flughafen Scheremetjewo vom Zoll fest gehalten. Der Zoll<br />
forderte von Frau Schibanowa die Herausgabe ihres Notebooks. Der<br />
Computer, so die Begr&uuml;ndung,  m&uuml;sse von Experten untersucht werden,<br />
weil der dringende Verdacht bestehe, dass auf ihm nicht lizensierte<br />
Software genutzt werde. Au&szlig;erdem vermute man, dass sich dort<br />
Software befinde, &#8220;die eine Gefahr f&uuml;r die russische<br />
Staatssicherheit&#8221; darstelle. Lilija Schibanowa weigerte sich,<br />
ihr Notebook abzugeben und wurde in der Folge die ganze Nacht &uuml;ber<br />
festgehalten. Auch das Einschalten von Anw&auml;lten half nicht. Am<br />
fr&uuml;hen Morgen lenkte Frau Schibanowa schlie&szlig;lich m&uuml;de ein und gab<br />
das Notebook ab, um nach Hause fahren zu k&ouml;nnen. Sie bef&uuml;rchtet<br />
nun, dass die &#8220;Experten&#8221; des Zolls tats&auml;chlich etwas im<br />
Notebook &#8220;finden&#8221;. Es gibt gro&szlig;e Erfahrung in Russland mit<br />
von Polizisten, Geheimdienst, Zoll und anderen untergeschobenen<br />
&#8220;Beweismitteln&#8221;.</p>
<p>Ob<br />
und wie morgen die von GOLOS geplante Parallelz&auml;hlung in einer<br />
repr&auml;sentativen Anzahl von Wahllokalen m&ouml;glich sein wird, ist<br />
gegenw&auml;rtig schwer zu sagen. Es ist zu erwarten, dass die mit<br />
Presseausweisen der GOLOS-Zeitung &laquo;Staatsb&uuml;rgerliche Stimme&raquo;<br />
ausgestatteten unabh&auml;ngigen Beobachter gro&szlig;fl&auml;chig der Zugang zu<br />
den Wahllokale verweigert wird und sie damit die Stimmenausz&auml;hlung<br />
nicht werden &uuml;berwachen k&ouml;nnen. Das Recht dazu haben au&szlig;er<br />
Vertretern der Wahlkommissionen und der zur Ewahl zugelassenen<br />
Parteien nur JournalistInnen.
</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;</p>
<p><b>Erkl&auml;rung:<br />
[&bdquo;Wir sind B&uuml;rger unseres Landes."]</b>
</p>
<p>Moskau,<br />
02. Dezember 2011<br />
Freunde!<br />
Wir<br />
wenden uns an alle, die unsere Organisation seit langem kennen und<br />
unterst&uuml;tzen, und auch an jene, die von GOLOS erst in den letzten<br />
Tagen erfahren haben. Die Mitarbeiter unseres kleinen B&uuml;ros sp&uuml;ren<br />
tagt&auml;glich den zunehmenden Druck auf uns, die einzige Organisation,<br />
die in der Lage ist, ein unabh&auml;ngiges und qualitatives Monitoring<br />
der Wahlen durchzuf&uuml;hren.
</p>
<p>Hauptziel<br />
dieses Druckes ist es, unsere Unabh&auml;ngigkeit und Professionalit&auml;t<br />
in Zweifel zu ziehen und uns in eine politische Diskussion zu<br />
verwickeln. Hierzu ist das gewohnte Instrumentarium in Gang gesetzt<br />
worden: auf Bestellung verfasste Beitr&auml;ge in Presse und Fernsehen,<br />
Einleitung von aus der Luft gegriffenen Verwaltungsverfahren sowie<br />
unmittelbare Provokationen. Deshalb wenden wir uns an alle mit<br />
folgender Erkl&auml;rung:
</p>
<p>-<br />
GOLOS ist keine politische Partei</p>
<p>-<br />
GOLOS ist kein Agent zur<br />
Einflussnahme</p>
<p>-<br />
GOLOS ist eine unabh&auml;ngige<br />
Organisation und kein Projekt des Kreml</p>
<p>-<br />
GOLOS ist kein kommerzieller Betrieb<br />
und kein Futtertrog zur Geldw&auml;sche</p>
<p>Jedwede<br />
Behauptung des Gegenteils werden wir als Verleumdung auffassen, zu<br />
der wir eine entsprechende Richtigstellung einfordern werden.
</p>
<p>Wer<br />
sind wir also? Wir sind B&uuml;rger unseres Landes, der Russischen<br />
F&ouml;deration, die sich daf&uuml;r einsetzen, dass in diesem Land jene<br />
Gesetze beachtet werden, durch die jeder das Recht hat, bei der<br />
Zusammensetzung per Gesetz vorgesehenener und verantwortlicher<br />
Machtorgane aller Ebenen mitzuentscheiden; daf&uuml;r, dass die B&uuml;rger<br />
dieses Recht wahrnehmen k&ouml;nnen und die gew&auml;hlten Organe jenen<br />
gegen&uuml;ber eine Verantwortung versp&uuml;ren, die ihnen mit ihrer Stimme<br />
ein Mandat anvertraut haben.
</p>
<p>Wir<br />
sind allen f&uuml;r die Bekundungen ihrer Unterst&uuml;tzung dankbar, die uns<br />
auf einer Vielzahl von Wegen erreichen. Besonders dankbar sind wir<br />
unseren Mitarbeitern an den Hotlines, den Teamleitern und<br />
Wahlbeobachtern, die &uuml;ber das ganze Land hinweg in den Wahllokalen<br />
pr&auml;sent sind. Wir wussten, dass die letzte Woche vor dem Wahltag die<br />
schwierigste werden w&uuml;rde. Gleichwohl werden am 4. Dezember unsere<br />
rund 3.000 Beobachter ein Monitoring der Wahlen durchf&uuml;hren, dessen<br />
Ergebnisse wir &uuml;ber unser permanent t&auml;tiges Pressezentrum an die<br />
Medien weiterleiten werden. Am 5. Dezember dann wird eine<br />
Pressekonferenz stattfinden, auf der wir die Ergebnisse der<br />
Wahlbeobachtung vorstellen.
</p>
<p>Eure<br />
GOLOS [&bdquo;Stimme"]</p>
<p>&Uuml;bersetzung: Hartmut Schr&ouml;der</p>
<p>
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;</p>
<p>
<b>Erkl&auml;rung<br />
des Zivilgesellschaftsforums EU-Russland<br />
zur<br />
Unterst&uuml;tzung der Assoziation GOLOS und einer unabh&auml;ngigen<br />
gesellschaftlichen Beobachtung der Wahlen zur Staatsduma der<br />
Russischen F&ouml;deration<br />
</b></p>
<p>2.<br />
Dezember 2011
</p>
<p>Wir,<br />
die Mitglieder<br />
des Zivilgesellschaftsforums EU-Russland, halten jede Art von Druck,<br />
der auf unabh&auml;ngige gesellschaftliche Wahlbeobachter ausge&uuml;bt wird,<br />
f&uuml;r absolut nicht hinnehmbar. Wir sind &uuml;berzeugt, dass die<br />
Verwirklichung des Prinzips eines uneingeschr&auml;nkten Zugangs von<br />
unabh&auml;ngigen gesellschaftlichen Wahlbeobachtern zu Wahlen jeder Art<br />
eines der grundlegenden Merkmale eines demokratischen Staates<br />
darstellt.
</p>
<p>Die<br />
Assoziation GOLOS ist eine angesehene Nichtregierungsorganisation,<br />
die unter Einhaltung der besten internationalen Standards und<br />
Methoden seit 2000 den Verlauf der Wahlen in<br />
Russland beobachtet,<br />
und die sich in Russland sowie international als eine f&uuml;hrende<br />
Expertengruppe Anerkennung erworben hat.
</p>
<p>GOLOS<br />
ist Mitglied des Zivilgesellschaftsforums EU-Russland und bringt sich<br />
im Bereich b&uuml;rgerschaftlicher Kontrolle demokratischer Prozesse seit<br />
Gr&uuml;ndung des Forums aktiv in dessen Arbeit ein.
</p>
<p>In<br />
den letzten Tagen vor den Wahlen zur Staatsduma, deren Beobachtung<br />
von GOLOS zusammen mit einer Vielzahl von Partnern aus ganz Russland<br />
organisert wird, sieht sich die Assoziation einem heftigen Druck<br />
seitens der Justiz- und Sicherheitsorgane sowie regierungsnaher<br />
Medien ausgesetzt: es erfolgen systematisch Gespr&auml;che von<br />
Mitarbeitern des FSB mit den regionalen Koordinatoren von GOLOS, es<br />
l&auml;uft in den elektronischen und Printmedien eine<br />
Diskreditierungskampagne mit dem Ziel, angesichts der Finanzierung<br />
der Assoziation, die aus internationalen Quellen bestritten wird, das<br />
Vertrauen in diese Organisation zu ersch&uuml;ttern; und es erfogte ein<br />
Gesuch von Dumaabgeordneten an die Staatsanwaltschaft mit der<br />
Forderung, GOLOS einer Pr&uuml;fung zu unterziehen.
</p>
<p>Am<br />
1. Dezember gab es eine Anordnung der Staatsanwaltschaft der Stadt<br />
Moskau, dass die T&auml;tigkeit der Website &bdquo;&#8221;Landkarte der Verst&ouml;&szlig;e&#8221;<br />
von GOLOS auszusetzen ist, was eine freie Verbreitung von<br />
Informationen &uuml;ber Wahlrechtsverst&ouml;&szlig;e unm&ouml;glich macht. Am 2.<br />
Dezember wird auf Antrag der Staatsanwaltschaft ein Gerichtsverfahren<br />
wegen verwaltungsrechtlicher Vert&ouml;&szlig;e des Wahlgesetzgebung durch<br />
GOLOS stattfinden. All diese Ma&szlig;nahmen sind klar darauf<br />
ausgerichtet, es nicht zu einer gesellschaftlichen Wahlbeobachtung in<br />
den Stimmbezirken kommen zu lassen.
</p>
<p>Das<br />
Forum ist durch diese Situation um die Assoziation GOLOS aufs<br />
&auml;u&szlig;erste beunruhigt. Wir m&ouml;chten die russischen Beh&ouml;rden darauf<br />
hinweisen, dass eine solche Einflu&szlig;nahme klar unbegr&uuml;ndet und dazu<br />
geeignet ist, das System unabh&auml;ngiger Beobachtung demokratischer<br />
Verfahren in diesem Staat in seiner Existenz zu gef&auml;hrden. Wahlen,<br />
die ohne Beobachtung durch die Gesellschaft stattfinden, verlieren an<br />
Legitimit&auml;t.
</p>
<p>Wir<br />
bekunden unsere Unterst&uuml;tzung und Achtung f&uuml;r die Assoziation GOLOS<br />
und fordern eine Einstellung des Drucks, der auf unsere Kollegen<br />
ausge&uuml;bt wird.</p>
<p>&Uuml;bersetzung: Hartmut Schr&ouml;der</p>
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