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Mein Grund Nr. 76, Russland zu lieben: Weil es eine Erfindung und unser Spiegel ist

Nationen neigen dazu zu tun als ob sie eine natürliche Sache seien. Von Natur aus gegeben, in der Natur ihrer Menschen eingeschrieben, maximal in irgendeiner fernen, kaum mehr erinnerten, mythischen Vergangenheit begründet. Das ist natürlich Unsinn. Das ist eine Erfindung. In Russland hat man sogar eine Tradition daraus gemacht, das Land immer wieder quasi aus dem Nichts zu erfinden. Oder wie der aus Russland stammenden, inzwischen in Deutschland lebende Kulturphilosoph Boris Groys das nennt: Russland scheint mitunter in einer Dimension des Außergeschichtlichen zu existieren.

Selbstverständlich gibt es, bei allem Erfindergeist, auch ein paar harte Grundlagen. Das Land liegt irgendwie zwischen den großen Zivilisationen des Westens (in Russland meist einfach Europa genannt) und des Ostens (also China und Indien). Trotzdem ist Russland ein europäisches Land: die Sprache, die Leute, die Kultur, Musik, Literatur, Malerei – alles Teil einer eindeutig europäischen Tradition.

Und dann ist da die Geographie. Viele argumentieren, nur ein kleiner Teil Russlands, etwa ein Siebtel, liege auf dem europäischen Kontinent, während die große Masse mit Sibirien und dem Fernen Osten zu Asien gehöre. Das ist geographisch nicht falsch. Aber auf dem europäischen Siebtel leben über 80 Prozent der Menschen, liegt das russische Zentrum und die Wiege des Landes. Von hier ging alles aus, hierhin kehrt alles zurück.

Ich habe den Verdacht, dass der gelegentliche Verweis auf den Osten mehr einer romantischen Selbststilisierung dient. Wie die Briten festigen die Russen ihre eigene Identität, indem sie sich von denen in Europa abgrenzen (bei den Briten ist es der Kontinent). So versteht sich Russland nicht als etwas anderes als der Westen, sondern eher als der bessere Westen.

Ein der wichtigsten Institutionen für die Selbstdefinition in Russland ist die russisch-orthodoxe Kirche. In einer Umfrage bezeichneten sich Mitte der 2000er Jahre mehr als 70 Prozent der Einwohner des Landes als orthodox. In der gleichen Umfrage gaben aber nur rund 40 Prozent der Befragten an, an Gott zu glauben. Das lässt den Schluss zu, dass das Attribut orthodox zu sein im Bewusstsein vieler Menschen fast das Gleiche bedeutet wie russisch zu sein. Nun hat die orthodoxe Kirche den gleichen Anspruch auf Universalität wie ihre Stiefschwester, die römisch-katholische Kirche. Das drückt sich auch in der in Russland weitverbreiteten Ansicht aus, Moskau sei das Dritte Rom (nachdem das ursprüngliche Rom und Byzanz als Reiche untergegangen sind). Der Anspruch stützt sich aber nicht darauf, etwas ganz Anderes zu sein, sondern auf die Behauptung, anders als die katholische Kirche nicht vom rechten, eben dem orthodoxen christlichen Weg abgekommen zu sein. Auf russische heißt die Kirche entsprechend auch genau so: prawoslawnij, rechtgläubig.

Russland, so muss man daraus schließen, ist also keine Alternative zum Westen (gar nicht zu reden von etwas völlig außerhalb des Westens stehendes), sondern nur der bessere, der eigentliche Westen. Russland ist so, wie der Westen sein sollte. Im Grunde war das auch mit dem Kommunismus so. Ausgedacht im Westen waren die Leute dort nicht in der Lage, diese Utopie auch wirklich umzusetzen. Da musste erst Russland kommen, um zu zeigen, wie das geht. Dem Westen, also uns, wird so ein Spiegel vorgehalten. Es wird ihm gezeigt, wie unaufrichtig er ist, wie bei ihm Wort und Tat auseinanderfallen, wie man ihm nicht glauben kann.

Nun liegt im Auseinanderfallen von Wort und Tat nicht nur Unaufrichtigkeit. Sklavisch dem Wort zu folgen, ist oft unmenschlich. Menschen sind fehlbar. Kleine Lügen ermöglichen erst das menschliche Miteinander. Wenn alle immer und überall die Wahrheit sagten, gäbe es wahrscheinlich Mord und Totschlag. In seiner mitunter bewundernswerten Unbedingtheit macht sich (nicht nur sich, aber vor allem sich) Russland immer wieder das Leben schwer – und manchmal auch zur Hölle. Das ist liebenswert, wenn auch von Zeit zu Zeit unerträglich.

 

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