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78. Grund: Weil Frauen in Russland das starke Geschlecht sind

Russland ist auf den ersten Blick ein sehr männerdominiertes Land. Und auch sehr, wie man das heute nennt, traditionelles. Also ein Land, in dem die alten Männer- und Frauenrollen noch intakt sind. Männer scheinen das starke Geschlecht zu sein, Frauen das schwache. Und wenn man die Leute fragt, dann bestätigen die meisten genau dieses Bild. Doch ich glaube, dass dieser Eindruck täuscht. Ich wage zu behaupten, dass gerade die russischen Frauen das starke Geschlecht sind. Sie schleppen auf ihren Schultern das Land durch die Zeiten, auch die schweren, während die Männern jammern und sich ihren Hobbies hingeben. Eine steile These? Ungerecht? Hier sind ein paar Belege.

In allen Gesellschaften werden mehr Jungen als Mädchen geboren. Meist gleicht sich das durch die höhere Kindersterblichkeit bei Jungen wieder aus. Doch Russland geht weiter. Weil Männer so viel früher sterben als die Frauen, ist das Ungleichgewicht zugunsten (oder zuungunsten, je nachdem wie man das sieht) der Frauen größer als fast überall auf der Welt. Auf 54 Frauen kommen nur 46 Männer (in Deutschland ist das Verhältnis 50,7 zu 49,3). Nun könnte man sagen, russische Männer haben es halt schwerer. Teilweise mag das stimmen, ist aber höchsten die halbe Wahrheit. Es sind die russischen Männer selbst, die es sich so schwermachen. Sie achten, in ihrer Mehrheit, nicht auf ihre Gesundheit. Sie trinken zu viel, viel zu viel. Sie lieben riskante Hobbies und Sportarten. Sie bringen sich gegenseitig um. Sie frönen einem archaischen Militarismus. Kurz: Sie sind schlicht unvernünftig. Das bezahlen sie mit einem im Durchschnitt erheblich kürzeren Leben.

Doch nun zu den Frauen. Auch in Russland, besser gesagt in der frühen Sowjetunion, gab es eine Frauenemanzipation. In Teilen war sie sogar viel früher und weitgehender als in Deutschland und im Westen insgesamt. Frauen dürfen seit 1917 wählen und gewählt werden. Das Scheidungsrecht ist sehr liberal. Abtreibung war erlaubt (und wird erst seit einigen Jahren wieder eingeschränkt). In der Sowjetunion sind fast genauso viele Frauen einem Beruf nachgegangen wie Männer. Frauen haben dort viele Berufe erobert, die im Westen bis heute als Männerdomänen gelten, wie auf den Bau oder viele Ingenieursberufe.  Insgesamt blieb das aber eine halbe Emanzipation. Zwar haben die Frauen Rechte (und auch Pflichten) im Produktionsbereich, im öffentlichen Raum hinzugewonnen, aber sie haben kaum Pflichten im Reproduktionsbereich, im Haushalt, in der Familie, bei der Kindererziehung an die Männer abgeben können. Oder anders ausgedrückt: Die Emanzipation der Frauen in Russland war noch weniger von einer Emanzipation der Männer begleitet als im Westen.

Also machen Frauen bis heute alles. Sie gehen einem Beruf nach. Sie führen den Haushalt. Sie erziehen die Kinder. Sie kümmern sich um die vielleicht schon alten und der Unterstützung bedürfenden Eltern (auch der Schwiegereltern übrigens). Und, zu alledem, kümmern sie sich auch noch um ihre Männer. Kurz: Viele Frauen tragen die Verantwortung, während viele Männer machen, was sie wollen.

Ich denke, es ist nur wenig ungerecht, wenn ich die russischen Männer in zwei grobe Kategorien einteile: die Patriarchen und die Kinder. Wobei die erste Gruppe unvergleichlich viel kleiner ist als die zweite. Eine gute Freundin, Mutter von zwei Kindern und mit einem sehr sympathischen Mann verheiratet, drückte das nach ihrer Scheidung einmal so aus: „Es reichen mir meine beiden leiblichen Kinder. Ich brauche nicht noch ein Drittes.“ Sie zählte sich noch zu den Glücklichen, weil ihr (nun geschiedener Ehemann) weder trank, noch sie oder die Kinder schlug. Von einer anderen Freundin hörte ich einmal, dass sie nach einem Streit mit ihrem frisch Angetrauten weinend zu ihrer Mutter geflüchtet war. Die besorgte Mutter fragte sie aus. Trinkt er? Nein! Schlägt er Dich? Nein! Darauf die Mutter beruhigend: Ja was willst Du dann? Aus ihr sprach keine Gefühlslosigkeit, sondern harte Lebenserfahrung.

Natürlich ist auch die russische Geschlechterwirklichkeit vielfältiger und komplizierter als hier so schematisch geschildert. Es gibt viele sehr verantwortliche und, im positiven Sinne, starke Männer und durchaus unverantwortliche und schwache Frauen. Doch im Großen und Ganzen ist es halt so, dass die Frauen einen erheblich größeren Teil des russischen Himmels tragen müssen.

 

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Diskussion

  1. Sehr schön zusammengefasst! Den gleichen Eindruck hatte ich bei Begegnungen während meinen Russlandreisen auch. Die Männer sind nach außen hin die großen Machos und Macher, aber zu Hause haben dann doch die Frauen die Hosen an und halten alles zusammen.

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