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Angriffe auf Schülergeschichtswettbewerb von Memorial

Erklärung von Memorial International zu staatlichen Versuchen, die Preisverleihung des Schülergeschichtswettbewerbs am 26. April in Moskau zu verhindern. Das russischsprachige Original befindet sich hier.

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Zur Situation des Schülergeschichtswettbewerbs von Memorial

Memorial International führt seit 1999 jährlich den Schülergeschichtswettbewerb „Der Mensch in der Geschichte. Russland im XX. Jahrhundert“ durch. Gründer dieses Wettbewerbs sind neben Memorial die Internationale Lichatschow-Stiftung und die Union der Regionalkundler Russlands. Ziel des Wettbewerbs ist es, bei der Ausbildung staatsbürgerlicher Haltungen und historisches Bewusstsein bei jungen Menschen durch selbstständige historische Forschung zu fördern. In diesem jähr erhielten wir viele hervorragende Arbeiten, von denen sich viele mit schwierigen Themen unserer Vergangenheit auseinandersetzen. 

In den 18 Jahren seit 1999 haben mehr als 40.000 Schülerinnen und Schüler aus allen Regionen Russlands an dem Wettbewerb teilgenommen. Etwa ein Drittel dieser Arbeiten kam aus den regionalen Zentren, alle anderen aus Kleinstädten und Dörfern. Die besten Arbeiten des Wettbewerbs wurden jedes Jahr in Sammelbänden veröffentlicht. Zusammengekommen sind bis heute mehr als 20 Bücher, von denen einige ins Englisch, Deutsche, Italienische und Norwegische übersetzt wurden. 

Gerade ist der 18. Wettbewerb zu Ende gegangen, zu dem 1993 Arbeiten aus 78 Regionen eingesandt wurden. Aus ihnen hat die Jury die besten 43 Arbeiten ausgewählt. Die Autoren dieser Forschungsarbeiten wurden nach Moskau zur Teilnahme an der Preisverleihung eingeladen. Die Schülerinnen und Schüler kommen in Begleitung ihrer Eltern und Lehrer nach Moskau. Die Preisverleihung findet immer in  einer feierlichen und fröhlichen Atmosphäre statt.

2016 haben Aktivisten einer „Nationalen Befreiungsbewegung“ (russische Abkürzung: NOD; JS) bereits den Versuch gemacht, die Preisverleihung zu sprengen. Sie haben Gäste angegriffen und Schüler und Lehrer beleidigt. Danach haben einige Fernsehsender Berichte ausgestrahlt, in denen die Organisatoren des Wettbewerbs verleumdet wurden. Die Behauptungen der Fernsehsender enthielten offene Lügen. Memorial geht gegen diese Lügen gerichtlich vor. 

In diesem Jahr werden wir erneut unter Druck gesetzt. Weniger als zwei Wochen vor der Preisverleihung hat das Veranstaltungszentrum „Telegraph“ ohne Angabe von Gründen den Mietvertrag für einen Veranstaltungssaal gekündigt. Der Vertrag war bereits im Dezember 2016 abgeschlossen worden, die Miete seinerzeit bezahlt. Die Leitung des „Telegraph“ schickte eine Brief, in dem davon die Rede ist, es sei „unmöglich“ sich über die Veranstaltung „zu verständigen“.

Vom 20. April an erfuhren wir, das Beamte in den regionalen Bildungsministerien den Schülern und Lehrern verbieten, zur Preisverleihung nach Moskau zu fahren. Diese Anordnungen wurden mündlich erteilt und zwar nur den Direktoren der Schulen, in denen Preisgewinnern lernen (wobei die Liste der Gewinner bisher nicht öffentlich ist, weshalb wir annehmen, dass die Email-Accounts der Organisatoren gehackt wurden). In jedem einzelnen Fall beriefen sich die regionalen Beamten auf Anrufe aus dem zentralen Bildungsministerium in Moskau, in denen in ultimativer Form gefordert wurde, den Lehrern und Schülern die Fahrt nach Moskau zur Preisverleihung zu verbieten. Das wurde damit erklärt, dass Memorial eine in Russland verbotene Organisation sei. Informationen über solche Anrufe haben wir aus den Gebieten Wolgograd, Astrachan, Pensa, Arkhangelsk, Twer, Mordowien und Krasnodar erhalten.

Diese Mitteilungen haben bei Memorial Verwunderung ausgelöst. Ein Sieg im Wettbewerb ist ein ernsthafter Erfolg nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Schulen und für die regionalen Verwaltungen. Der Wettbewerb ist weit bekannt. Er wurde mehrfach durch Zuwendungen der Präsidentenadministration unterstützt. Auch des diesjährige Wettbewerb wurde teilweise durch eine Zuwendung des Präsidenten finanziert (Verordnung Nr. 79 des Präsidenten vom 1.4.2015). Die Organisation der Preisverleihung unterstützt die Moskauer Stadtregierung. Die Schüler werden bekannte Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft und bekannte Schriftsteller und Historiker gratulieren.

Wir haben uns an die Führung des Bildungsministeriums der Russischen Föderation gewandt und haben von der Ersten Stellvertretenden Bildungsministerin Walentina Perewersewa die Auskunft bekommen, dass vom Bildungsministerium der Russischen Föderation keine derartige Verbotsinitiative ausgegangen ist und das Ministerium sich nicht and die regionalen Bildungsverwaltungen mit der Anweisung gewandt hat, den  Schülern und Lehrern die Reise nach Moskau zu verbieten. Wir haben unsererseits Frau Perewersewa eingeladen, persönlich an der Preisverleihung teilzunehmen und würden uns sehr freuen, wenn sie die Einladung annehmen würde.

Die Frage, ob die Leiter der regionalen Bildungsministerien Opfer bewusster Desinformation geworden sind, bleibt vorerst unbeantwortet.

Wir laden alle zur Preisverleihung am 26. April ab 11 Uhr in das Theater „U Nikitskich Worot“ ein. Eine Feiertag muss eine Feiertag bleiben.

Moskau, 21. April 2017, Memorial International

Übersetzung: Jens Siegert

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