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’68 in Ost und West

In einem unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienenen Interview erläutern der Bulgare Iwan Krastew, einer der Stars der Russland- und Osteuropaerklärer, und der Österreicher Oliver Jens Schmitt, Professor für südosteuropäische Geschichte an der Universität Wien, woher ihrer Meinung nach die zunehmenden Spannungen zwischen dem (alten) Westen und dem (alten) Osten in der EU kämen. Iwan Krastew macht als Scheidepunkt das Symboljahr 1968 aus. Als Beispiel führt er das geteilte Deutschland an: „Westdeutsche wurden 1968 kosmopolistischer, Ostddeutsche durch ihr 1968 misstrauischer“.

Die unterschiedlichen Erfahrungen mit ’68 (auf die ich weiter unten eingehen werde) seien später, als man sich besser hätte vergleichen können, durch die Zeitenwende 1989/1990 verdeckt worden, kämen nun aber wieder zum Vorschein. Nach 1989 sei der Westen mit all seinen „Vorstellungen“ das Maß aller Dinge in Osteuropa gewesen. Dort habe 1989 ein „Zeitalter der Imitation“ begonnen: „Es wurde erwartet, dass sich der Wandel in den osteuropäischen Gesellschaften durch eine Imitation von Institutionen, Gewohnheiten, Handlungsweisen und Werten des Westens vollziehe.“ Anfangs sei das auch weitgehend unumstritten gewesen. Aber jede Imitation sei eine „asymmetrische Beziehung“. Was erfolgreich war oder nicht, bestimmten die Westeuropäer (und natürlich auch die USA).

Nach 25 Jahren, so Krastew, gebe es nun eine neue Generation in Osteuropa, „die gern zeigt, dass sie anders ist und dieses Anderssein als Wert betrachtet“. Sofort fällt einem Ungarn, aber auch und vor allem Russland ein. Krastew verwehrt sich aber dagegen, dass dieses neue Selbstbewusstsein (im Wortsinne!) eine Reaktion von (Transformations-)Verlierern sei. Das gelte auch für diejenigen, die erfolgreich waren, wie die Polen. Die Polen sähen sich nicht mehr deshalb als Europäer, „weil sie den Westen imitieren, sondern, weil sie für etwas stehen, was sie für die wahren europäischen Werte halten.“ Werte, so muss angefügt werden, die das „gottlose“ Europa angeblich aufgegeben hat. Darum übrigens, so Krastew weiter, sei „Putin dieses Schwulenthema so wichtig. Russland greift die EU heute mit Argumenten an, die der Westen in den zwanziger Jahren in ähnlicher Weise gegen die Sowjetunion anführte: Sie sind gottlos und für die freie Liebe.“  

(Fast) alles, was Krastew und Schmitt in dem Interview über die neuen EU-Mitgliedsländer, die im Kalten Krieg zum Sowjetimperium (oder in ihren Worten zum „Osten Europas“) gehört haben, sagen, stimmt auch für Russland. 1989-1990 fand in Osteuropa und nicht zuletzt auch in der Sowjetunion eine Selbstbefreiung statt, mit dem eindeutigen Ziel, Teil des globalen Westens zu werden. Das beinhaltete die beiden großen Versprechen der Freiheit und des Wohlstands. Beides aber, Freiheit sowohl als auch Wohlstand, haben Voraussetzungen und Nebenwirkungen, die sich damals in den sich befreienden Gesellschaften des europäischen Ostens (einschließlich und vielleicht besonders Russlands) nur sehr wenige Menschen vorgestellt haben oder besser: haben vorstellen können. Das hat sehr viel und auf vielerlei Weise mit dem von Krastew erwähnten Symboljahr 1968 zu tun. Wie, darauf will ich nun näher eingehen.

Grob und vereinfacht gesagt, begab sich der (alte kapitalistische) Westen in den 1960er Jahren (1968 wurde später als Chiffre gewählt, weil sich in diesem Jahr die Ereignisse am stärksten verdichteten und es im Rückblick wie ein Point of no Return wirkt) auf eine beschleunigte Modernisierungsreise, auf die zu folgen der (sowjetische) Osten nicht in der Lage war. Diese Modernisierung war umfassend, denn sie betraf fast alle Bereiche des Lebens, die Wirtschaft genauso wie die Gesellschaft. Genauer gesagt bedingten sich beide Modernisierungsstränge gegenseitig. Der Osten blieb also doppelt zurück (was ich hier ausdrücklich als sachliches und nicht als moralisches Urteil verstanden haben möchte). Wirtschaftlich, vor allem in der Produktivität der Arbeitskraft, ging die Schere immer weiter auf. Gesellschaftlich blieb der Osten weitgehend konservativ, während im Westen sich viele Sozialverhältnisse grundlegend zu wandeln begannen.

Basis und Begleiterin des wachsenden wirtschaftlichen Vorsprungs des kapitalistischen Westens vor dem sozialistischen Osten war also die enorme Beschleunigung einer (schon früher begonnenen) soziokulturellen Revolution, die zwei wesentliche Herrschaftsverhältnisse radikal umzubauen begann: Die Beziehungen zwischen Staat und Individuum und zwischen Männern und Frauen. Das ist eine Entwicklung, die immer noch anhält (manches deutet sogar darauf hin, dass sie sich weiter beschleunigt) und die als Dynamik eines der wesentlichen Merkmale heutiger marktwirtschaftlicher, demokratischer und offener Gesellschaften ist. „Das Schwulenthema“, wie es Krastew verschämt-distanzierend nennt, rückte langsam aber sicher vom schmuddeligen Rand ins Zentrum der Gesellschaft. Im Osten waren die Auswirkungen dieser Entwicklung nach 1968 zwar auch zu spüren, aber sie blieben weitgehend an der Oberfläche, nahmen sozusagen modischen Charakter an, wie Jeans, Rockmusik und lange Haare, vorerst ohne die von den autoritären Staaten ängstlich zusammengehaltenen Machtstrukturen ernsthaft gefährden zu können. 

Dafür gab es in Osteuropa ein anderes, genuines 1968. Der Prager Frühling, das Aufbegehren von Arbeitern in Polen und der Beginn der Dissidentenbewegung in der Sowjetunion zeugen ebenfalls von einer großen Freiheitsbewegung. Doch sie hatte andere Ausgangsbedingungen als ihre Schwester im Westen und nahm wohl auch deshalb einen anderen Ausgang. Während im Westen von den Protestierenden nur behauptet wurde, in quasi-diktatorischen Verhältnissen zu leben, lebten die Menschen im Osten tatsächlich in Diktaturen. Während es im Westen um mehr Freiheit und Möglichkeiten ging (und die vorhandene Freiheit zur Durchsetzung dieser Forderungen genutzt werden konnte), ging es im Osten darum, sich erst einmal die grundsätzlichsten Freiheitsrechte zu sichern und nicht allein wegen des Freiheitsverlangens in Gefängnissen, im Lager oder im Exil zu landen. Kurz: Im Westen war diese Bewegung (wie immer mit einigem Auf und Ab) erfolgreich. Im Osten wurde sie brutal unterdrückt. 

Dabei möchte ich zwei Beobachtungen beschreiben. Ich habe bisher von zwei Freiheitsbewegungen gesprochen (bei der es sich vielleicht auch nur um eine gemeinsame handelt). Allerdings entsprangen im Westen aus dieser Freiheitsbewegung Anhänger von sehr unfreien, autoritären, um nicht zu sagen totalitären, meist kommunistischen Ideologien. Sie predigten sozusagen Unfreiheit und bekamen Freiheit. Dass das für sie (und ihre Gesellschaften) nicht schief ging, lag vor allem an der dortigen Freiheit, die schon vor ihnen errungen worden war. Im Osten dagegen waren Freiheit und Recht nicht nur Losungen, sondern wesentlicher Teil der politischen Ideologie (und, soweit das überhaupt möglich war, Praxis) der meisten Dissidenten. Trotzdem wurden sie weiterhin unterdrückt (auch wenn, von heute aus gesehen, die darauf folgende Zeit der Stagnation (russisch: sastoj) schon den Keim von 1989/90 in sich trug, was damals aber niemand wissen konnte).

Die zweite Beobachtung liegt darin, dass es sowohl im Osten als auch im Westen nicht die großen ideologischen Entwürfe waren, die die (letztlich erfolgreiche) Wühlarbeit der Freiheit vorangetrieben haben. Die westlichen Gesellschaften wurden vor allem durch die Veränderungen der Geschlechterverhältnisse, sowie die Etablierung und gesellschaftliche Anerkennung neuer Beteiligungsformen wie Bürgerinitiativen (heute nennt man das Zivilgesellschaft) modernisiert (was in diesem Fall auch bedeutete, dass das Freiheitsfundament breiter wurde). Im Osten war es vor allem die Etablierung einer Sprache des Rechts von unten, die allmählich das Verständnis von politischer Herrschaft veränderte.

Ab 1989/90 musste der Osten (weil es die Menschen dort so wollten) aufholen. Wer (wirtschaftlich) so erfolgreich ein wollte wie der Westen, wer so frei leben wollte wie im Westen, so war die allgemein akzeptierte These, musste so werden wie der Westen. Der Osten musste sich also ändern, der Westen konnte weiter machen wie gewohnt. Was sich im Westen als Folge von langen, heftigen und mitunter auch gewaltvollen gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen durchgesetzt hat, sollte im Osten nun (ich spitze hier natürlich zu) einfach „übernommen“ werden. Doch so funktionieren Gesellschaften nicht. Was wir dort nun sehen ist grosso modo eine Gegenbewegung, die mancherorts, wie in Russland, die Form einer ausgewachsenen Restauration angenommen hat.

Wie so oft bei Restaurationen, schieben die Restauratoren die Gründe für die Veränderungen, die sie rückgängig zu machen wünschen, nach außen. Für Orban in Ungarn, die AfD in Deutschland und den Front National in Frankreich ist es Brüssel, gegen das die angebliche nationale Eigenart verteidigt werden muss. Für Kaczyński in Polen ist es das erneute deutsche Diktat. Und für den Kreml (und mit ihm für viele Menschen in Russland) ist es der Westen insgesamt, gegen dessen Kolonisierungsversuche sich zur Wehr gesetzt werden muss.

Es sieht aus, als ob die Selbstbefreiung von vor 25 Jahren in Russland heute weitgehend vergessen ist. Doch das scheint nur so. Ich bin davon überzeugt, dass auch die russische Gesellschaft (und  noch mehr die Gesellschaften westlich von Russland und östlich des alten Westens) sich längst auf den 1968 vom Westen eingeschlagenen Weg einer tiefgreifenden Veränderung der Herrschaftsverhältnisse gemacht hat. Dieser Weg ist nicht gerade, sondern verschlungen. Er wird auch nicht genau so aussehen, wie im Westen. Und er wird zu neuen russischen Eigenarten führen. Der reale und der kollektive Putin können ihn eine Weile aufhalten, die Bewegung behindern. Verhindern können sie sie nicht.    

Nun operiere ich hier die ganze Zeit leichthändig mit ganzen Gesellschaften und internationalen Großräumen. Die sind aber keineswegs so homogen, wie es deshalb vielleicht erscheinen mag. Es gibt, gesellschaftspolitisch, einen (minoritären) inneren Osten im Westen und einen (minoritären) inneren Westen im Osten. In beiden sind die Leiden an den Zumutungen der Moderne heftig. Der Westen hat nur schon ein wenig mehr Erfahrung damit.

 

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Diskussion

  1. Ein sehr lesenswerter Beitrag. Das Drama der Restauration ist, dass die Gründe ihres regelmäßigen Scheiterns in ihr schon angelegt sind: die Leugnung der Ursachen für die Veränderungen, die sie rückgängig machen wollen. Man schiebt dann alles auf einen Sündenbock, vorzugsweise Minderheiten oder das Ausland, um ihr Misslingen zu rechtfertigen. Jede Restauration lebt von solch imaginierten Verschwörungen und einem Mangel an Toleranz gegenüber Veränderungen.

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