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Arsenij Roginskij. Zum 70sten.

Es ist ein wenig seltsam, aber ich kann mich nicht genau erinnern, wie ich Arsenij kennen gelernt habe. Ich weiß nur noch, wann es gewesen sein muss: 1991 in Köln in der Heinrich Böll Stiftung, Unter Krahnenbäumen. Arsenij Roginskij war, zusammen mit Jelena Schemkowa und Oleg Orlow auf der legendären, von der Stiftung organisierten Gefängnistour von Memorial durch Nordrhein-Westfälische Strafanstalten. Er war damals, wenn ich mich recht erinnere, Experte einer Kommission zur Reform der russischen Lager und Gefängnisse. Was für Zeiten!

Ich war ein beginnender Journalist, Anfang 30, Freund der Heinrich Böll Stiftung und machte eine Radioreportage über die sogenannten Ostarbeiter/innen, die vielen Millionen während der deutschen Besatzung aus der Sowjetunion nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiter/innen, deren Schicksal dem, vergessen zu entreißen das erste gemeinsam Projekt von Memorial und der Heinrich Böll Stiftung war. Das Interview dazu (ich habe die Aufzeichnung, noch auf Kassette, jüngst dem Memorial-Archiv gegeben) aber gab mir Lena Schemkowa. An Arsenij Roginskij kann ich mich partout nicht erinnern. Das ist komisch. Denn er muss auch damals bereits der Boss gewesen sein.  

Andererseits passt das aber auch. Denn einer der ersten Dinge, die mir an Arsenij Roginskij aufgefallen sind, später dann schon in Moskau bei Memorial, ist: Er ist ein Boss, der gern im Hintergrund bleibt. Böse Zungen würden nun behaupten, er sei ein Strippenzieher. Das stimmt natürlich (auch). Das sind alle guten Organisatoren. Aber Arsenij Roginskij führt nach innen und nach außen vor allem durch Autorität, Wissen und Geschick. Dieser Führungsstil scheint mir aus tiefer Erfahrung zu kommen. Aus der Erfahrung der Dissidentenzeit ebenso wie aus der Erfahrung mit Memorial: So geht es besser, vielleicht geht es sogar nur so, die eigenen Leute zusammen zu halten, wenn alles freiwillig und ständig von außen gefährdet ist.

Dieser Stil (wenn man das überhaupt Stil nennen kann) hat bei Arsenij Roginskij, wie mir scheint, aber nicht nur praktische Gründe. Er entspringt, neben anderem, einer tiefen demokratischen Überzeugung und Respekt vor jedem einzelnen Menschen. Soweit ich das verstehe, ist auch die heutige, demokratische innere Struktur von Memorial ein Produkt dieser durch und durch demokratischen Haltung Arsenij Roginskijs (wie selbstverständlich auch vieler anderer Freundinnen und Freunde dort). Sie macht Memorial, neben der unermüdlichen und professionellen inhaltlichen Arbeit, gleichzeitig beweglich und stabil. Besser noch: Diese innere Lebendigkeit und mitunter auch Widersprüchlichkeit ist eine der wichtigsten Bedingungen der Stabilität von Memorial.

Hier muss ich einmal kurz vorgreifen. Es muss in der ersten Hälfte der 2000er Jahre bei einer der vielen internen Strategiediskussionen gewesen sein, als ich Arsenij einmal, ganz ohne Hintergedanken, einen „Menschenrechtler“ nannte. Empört wies er mich zurecht: „Ich bin kein Menschenrechtler!“ Ich war verwirrt. Der Kampf für Menschenrechte heute und in der Vergangenheit ist der Grundpfeiler, auf dem Memorial steht. Dann verstand ich. Menschenrechtler müssen sehr prinzipienfest sein. Sie müssen eine Menschenrechtsverletzung immer und überall Menschenrechtsverletzung nennen. Das ist richtig und aller Ehren wert, aber mitunter politisch unpraktisch. Und Arsenij Roginskij ist ein sehr praktischer, ich würde sogar sagen, lebenspraktischer Mensch. Er ist beweglich, vernetzt, hat Autorität bei Freund, aber auch, noch wichtiger vielleicht, bei Feind, ist dabei durchaus listig, hat Menschenkenntnis und zeigt Barmherzigkeit. Ab und an aber kann er sein Gesicht auch zu einem so süßen Raubtierlächeln verziehen, dass einem Angst und Bange werden kann. Doch zurück zum Kennenlernen.

Nachdem ich 1993 als Korrespondent nach Moskau gezogen war, begann ich hier auch für die Heinrich Böll Stiftung zu arbeiten. Ich wurde damit, lange bevor ich 1999 das Büro der Heinrich Böll Stiftung aufbaute, zu so etwas wie dem Verbindungsmann zu Memorial. Als noch recht junger und neuer Kollege von Arsenij Roginskij wahr- und ernstgenommen zu werden, war keine leichte Aufgabe. Vertrauen muss erst erworben werden. Das gilt überall, besonders aber in so traumatisierten Gesellschaften wie der russischen, in der Institutionen wenig, persönliche Verhältnisse aber viel gelten.

Ich weiß bis heute nicht, wodurch genau ich mir letztlich das Vertrauen von Arsenij Roginskij erworben habe. Ich weiß nur, wann ich zum ersten Mal bemerkt habe, dass ich auf dem Weg dazu bin. Das war 1998. Memorial hatte gerade ein Buch zum gemeinsamen Projekt zu den sowjetischen Zwangsarbeitern in Deutschland im Krieg herausgegeben. Das Buch hieß Überwindung der Sklaverei: Folklore und Sprache der Ostarbeiter, 1942-1944 und ich wurde, als Vertreter der Heinrich Böll Stiftung, gebeten, dazu ein Vorwort zu schreiben. Dieses Vorwort, so nehme ich an, war, wohl weil ich vorwiegend auf Deutsch schreibe, der erste Text von mir, den Arsenij Roginskij gelesen hat. Sein nüchterner Kommentar: „Du kannst ja schreiben!“

Etwa zu dieser Zeit begann auch unsere politische Partnerschaft zu wachsen. Ich hatte schon in den 1990er Jahren viele NGO-Leute in Russland, darunter auch Arsenij Roginskij und andere Freund/innen von Memorial, sehr westlich damit genervt, dass sie politische Arbeit machen würden. Das wurde immer heftig abgewehrt. Politische Arbeit galt in NGO-Kreisen als dreckig, unmoralisch und potentiell gefährlich. Das änderte sich zum Ende des Jahrzehnts als die Politik die NGOs einholte. Unter dem neuen Präsidenten Wladimir Putin wurden NGOs schnell zu einer jener Gruppen, die sich dem Staat unterzuordnen haben, wollten sie keinen Ärger bekommen. Die bisherige Politikferne der NGOs war nun naiv und mitunter sogar gefährlich geworden.

Arsenij Roginskij erkannte das als einer der ersten. Zusammen mit anderen begann er die Verteidigung der russischen NGOs zu organisieren – und zwar praktisch ebenso wie symbolisch, also politisch. Wichtigster symbolischer Ausdruck dieser Veränderungen war die im Herbst 2000 verabschiedete Woskresensker Konvention. Kurz zuvor hatten wir, Memorial und die Heinrich Böll Stiftung, gemeinsam das erste von später noch einer ganzen Reihe von neuen politischen Dialogformaten erfunden: regelmäßige Partner/innentreffen der Heinrich Böll Stiftung in Russland.

In der Woskresensker Konvention versicherten sich im Herbst 2000, soweit wir wissen erstmals in Russland, NGOs aus unterschiedlichen inhaltlichen Bereichen, Ökolog/innen und Menschenrechtler/innen, Frauengruppen und Verbraucherschützer/innen Solidarität gegen mögliche staatliche Angriffe. Formuliert hat die Konvention Alexander Daniel. Die Idee stammte von Arsenij Roginskij. Wichtigster praktischer Ausdruck der neuen NGO-Solidarität war die etwa zeitgleich gegründete Narodnaja Assambleja, ein Runder Tisch führender russischer NGO-Leute. Der Kreml erkannte die Narodnaja Assambleja recht schnell de facto als Verhandlungspartnerin an und so wurden in Russland, mit Arsenijs Roginskijs führender Hilfe, NGOs als politische Subjekte etabliert.

Am wichtigsten ist Arsenij Roginskij aber natürlich für Memorial. Es ist nicht zuletzt seine persönliche Autorität und Integrität, die Memorial in der russischen Gesellschaft zu der Instanz in Fragen der totalitären Vergangenheit Russlands gemacht hat. Selbst der russische Staat rechnet (bis heute) damit. Ohne Memorials, ohne Arsenijs Roginskijs Segen haftet staatlichen Initiativen auf diesem Gebiet der Ruch des Unechten an. Und zum Schluss: Vielleicht ist das das Schwierigste heute in Russland. Ich kenne viele, die Arsenij Roginskij als politischen Gegner betrachten. Für manche ist er ein Feind (Russlands). Manche mögen in schlicht nicht. Aber niemand bezweifelt seine Aufrichtigkeit.

 

 

 

 

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