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Putins Sotschi: vom Erschaffen, vom Pech und den Chancen für einen guten Ausgang

Irgendwie hat Wladimir Putin schlicht Pech gehabt. Woher hätte er auch 2007, vor allen Finanz- und sonstigen Krisen, wissen sollen, dass er sich 2012/2013 um seine Macht in Russland sorgen muss? Dass er zur Machtsicherung den Weg einer Re-Ideologisierung der russischen Innenpolitik wählen würde (zu wählen gezwungen sein würde). Dass seine gut geölte Gesetzeserfindungsmaschine ein repressives Gesetz nach dem anderen auswerfen würde? Dass darunter auch so ethisch zweifelhafte Gesetze wie das NGO-Agentengesetz oder die Anti-Schwulen-und-Lesben-Gesetzgebung sein würde? Er konnte es nicht wissen.

Was er hätte wissen können (und wahrscheinlich weiß), ist, dass solche Großereignisse, solche Großanstrengungen, solche Großtaten wie Olympische Winterspiele in den Subtropen zu veranstalten, in Russland (zwar bei weitem nicht nur hier, aber hier besonders) auf gewisse gesellschaftspezifische Schwierigkeiten stoßen. Anders ausgedrückt: Man denkt in Russland noch öfter als anderswo gern größer, als es den praktischen Fähigkeiten zur Umsetzung entspricht. Der russische Volksmund hat für das Ergebnis eine treffende, wenn auch etwas grobe Beschreibung gefunden: Man mache etwas „durch den A…“ (die Pünktchen stehen für ein äußerst unanständiges Wort für das werte Hinterteil eines jeden Menschen). Um dem eigenen, zu hoch angesetzten Anspruch zu genügen, muss das Schicksal also gezwungen werden. Das das Schicksal sich nun aber ungern zwingen lässt, erfordert das fast unmenschliche Anstrengungen. Diese Anstrengungen und diese Überforderung sieht man dann dem sowohl dem Ergebnis als auch dem Weg dorthin an (davon später). Vieles ist ein wenig hässlicher als erhofft, erwartet und nötig.

Diese Art der fast unendlichen Kraftanstrengung wird unternommen, weil ein Zurück oder gar ein Scheitern schlicht undenkbar ist. Undenkbar, weil der oberste Herr des Landes sein Renomee (und manchmal sein politisches Schicksal) mit dieser Unternehmung verbunden hat. Undenkbar, weil das internationale Prestige des Landes daran hängt. Undenkbar, weil Russland nie mit einem zweiten Platz zufrieden sein kann. Dieser Anspruch (der mehr als eine Art naturgegebenes Recht wahrgenommen wird, denn als Auftrag) folgt allerdings nicht, weil Russland, wie mitunter die USA, fast messianisch davon überzeugt wäre, die Nummer Eins zu sein. Nein. Er hat eher mit einer tiefen im Land gehegten  Unsicherheit zu tun, dem „internationalen Standard“, dem was als „zivilisiert“ gilt oder angenommen wird (und immer noch vom hassgeliebten „Westen“ vorgegeben wird) zu genügen. Deshalb ist es geradezu eine (Über-)Lebensaufgabe, diesen Standard immer wieder zu übertrumpfen versuchen. Und zwar mehr noch, um es sich selbst zu zeigen, als allen anderen (wobei die Anerkennung der anderen meist aber Voraussetzung des Glaubens an die eigenen Fähigkeiten bleibt).

Nicht zuletzt hierzu sind die von Putin ins Land geholten internationalen Großereignisse (ASEAN-Gipfel 2012, Universiade 2013, Olympische Spiele 2014, Fußballweltmeisterschaft 2018) da. Besonders aber die Olympischen Spiele in Sotschi. Es gibt hier geradezu einen Erschaffungsmoment. Ein kleines Video, das in den sozialen Netzwerken im Internet kursiert und es bis in die Heute-Show geschafft hat, zeigt Putin in den Kaukasusbergen bei Sotschi, wie er Umstehenden davon erzählt. Er sei, sagt Putin und zeigt herum auf die zum Aufnahmezeitpunkt gerade entstehenden Olympiabauten, hier einst mit dem Jeep hochgefahren. Das sei reine Wildnis gewesen. Nichts habe es da gegeben. Und dann habe er gesagt, hier müssten die Olympischen Spiele hin. So ist es dann gekommen. Es sind Putins Spiele in Putins Russland.

Nun zum Produkt, den Spielen. Die politische Begleitmusik, die oben schon erwähnte Re-Ideologisierung, die schwieriger gewordene Beziehung Russlands zum medial in der Welt immer noch dominierenden Westen (die im Ringen in der und um die Ukraine in den vergangenen Wochen eine ganz konkrete Form angenommen hat) haben den Ton vorgegeben. Das Produkt wird vielseitig kritisiert. Und es gibt ja tatsächlich viel zu kritisieren. Die überbordende Korruption, die gewissenlose Umweltzerstörung, der fast schon gnadenlose Umgang mit ehemaligen und aktuellen Anwohnern der Olympiagebiete in Sotschi und den (Gast-)Arbeitern auf den Olympiabaustellen sind alles keine Lässlichkeiten. Sie sind aber auch keine russische Spezialität. Alles das hat es schon gegeben, zuletzt in ähnlicher Massierung bei den Sommerspielen in Peking 2008.

Hinzu kommen die vielen kleinen Unzulänglichkeiten, über die sich auszulassen für Journalisten eine wahre Freude ist (eine Tendenz, die sich über die durchs Internet inzwischen weltweite redaktionelle Konkurrenz selbst verstärkt). Selten wurde ihnen ihr Job so einfach gemacht. Mehrere Toilettenschüsseln in einem Raum ohne Trennwände. Kein Wasser, kein heißes Wasser oder eine gelbe Brühe aus dem Wasserhahn im Hotel. Witzige, hilflose bis anrührende Versuche englischer Übersetzungen an Straßenschildern, in Restaurants und Kaufläden. Über all dies lässt sich vortrefflich spotten und glossieren. All dies steht in krassen Kontrast zum Anspruch der russischen Regierung, die besten Spiele aller Zeiten auszurichten, zum Anspruch, auf „Weltniveau“ zu sein, ja sogar darüber. Das vielstimmige Kreml-Klagen darüber, es handele um eine „inszenierte antirussische Kampagne“ ist nicht mehr als der übliche Reflex auf (fast jede) Kritik. All dieser Spott ist also berechtigt, wird nach kurzer Zeit aber auch reichlich schal.

Das gilt besonders für die Stimmung in Russland. Natürlich gibt es auch im Land weiterhin Kritik an all dem hier aufgeführten. Aber seit die Olympischen Spiele begonnen haben, ist sie leiser geworden. Auch viele der Oppositionelle lieben den Sport und bangen mit den Sportlern, zu allermeist, kaum überraschend und kaum verwerflich, mit den russischen. Hinzu kommt etwas anderes. Kaum jemand (im Land) ist davon ausgegangen, dass die Spiele von Sotschi perfekt würden. Die Erwartungen waren von vornherein nicht sonderlich hoch. Die Menschen kennen ihr Land und ihren Staat.

Was das heißt, zeigt sehr gut eine Umfrage des Lewada-Zentrums, veröffentlicht in der vorolympischen  Woche. 47 % der Befragten erklärten die hohen Kosten als Folge der Korruption (Mehrfachnennungen waren möglich), 34 % hielten Gier und Gewissenlosigkeit der Baufirmen für den Grund, 19 % nannten die schlechte staatliche Verwaltung. Gleichzeitig sind 62 % der Befragten überzeugt davon, dass die der Korruption schuldigen Beamten und Unternehmen ungestraft davon kommen. 38 % glauben, dass die Olympischen Spiele vor allem nach Russland geholt wurden, damit es etwas zum Klauen gibt (zum „Zersägen“, wie es umgangssprachlich auf Russisch heißt).

Gleichzeitig finden aber 53 % gegenüber 26 %, dass es trotzdem richtig war, die Olympischen Spiele in Russland auszurichten. Für 85 % der Befragten ist es wichtig, dass die russische Mannschaft im Medaillenspiegel am Schluss unter die fünf Besten gelangt. 78 % sind davon überzeugt, dass dies gelingt und 57 % rechnen sogar mit einem Platz unter den ersten Drei. Das funktioniert ein bisschen nach dem Motto, wenn wir schon (so viel) dafür bezahlen müssen, dann wollen wir wenigstens etwas davon haben.

Kaum jemand in Russland glaubt also den Versicherungen von Präsident Putin und anderer Politiker, es sei kaum etwas oder nur wenig von den rund 40 Milliarden Euro der Baukosten für die olympische Infrastruktur geklaut worden. Nur wenige lassen sich davon überzeugen, dass die Sotschi-Investitionen einen Schub für die Entwicklung nicht nur des russischen Südens, sondern für die Wirtschaft des ganzen Landes bringen. Aber da die Hoffnung in den Staat ohnehin gering ist, hält sich auch die Enttäuschung in engen Grenzen.

Was heißt das nun für Putin?  Zu allererst, dass die Olympischen Spiele für ihn immer noch zu einem politischen Erfolg werden können (sie sind auf dem Weg). Zumindest im Land. Niedrige Erwartungen zusammen mit einem einigermaßen zufriedenstellenden Ablauf (keine größeren Pannen, keine Dopingskandale, keine Anschläge und eine ausreichend erfolgreiche russische Mannschaft) bieten dafür weiter eine gute Chance. Die Chance, mit den Olympischen Spielen das Ansehen Russlands in der (westlichen) Welt zu verbessern, war wohl nach den Protesten von 2011/2012, den harten Reaktionen des Kremls und der damit einhergehenden Re-Ideologisierung ohnehin gering. Wenn sie denn überhaupt je sonderlich hoch war (was nach den Olymischen Spielen in Peking 2008 mit Fug bezweifelt werden kann).

P.S.: Ich habe das Abschneiden der russischen Eishockeymannschaft völlig vergessen. Sie muss natürlich gewinnen, um Olympia in Sotschi nationale Legendenkraft zu verleihen. Am besten in einem Wimpernschlagfinale gegen die USA. Oder gegen Kanada. 3 zu 2 in Overtime.

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