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Geschichte darüber, wie sich Wladimir Wladimirowitsch und Dmitrij Anatoljewitsch trotz großer Mühen von Jurij Michailowitsch doch nicht zerstritten

Bei Gogol gibt es
eine schöne, zugleich übermütig lustige und dann doch sehr traurige Erzählung.
Sie heißt „Die Erzählung darüber, wie sich Ivan Ivanowitsch mit Ivan
Nikiferowitsch zerstritt“ und ist sehr berühmt. Darin zerstreiten sich zwei
lebenslange Freunde, zwei Gustbesitzer, buchstäblich aus dem Nichts heraus.
Kein Anlass, kein Streitobjekt, einfach so. Sehr russisch (hier mögen meine
ukrainischen Freunde und Freundinnen hochherzig sein: Gogol ist – zumindest
auch – ein russischer Schriftsteller, obwohl ich zugebe, dass die Geschichte
der beiden Ivans geographisch wohl eher im Ukrainischen anzusiedeln wäre).

 

Seit Waldimir
Wladimirowitsch (Putin) Dmitrij Anatoljewitsch (Medwedjew) zu seinem Nachfolger
gemacht hat und sich selbst nominell zu dessen Untergebenen, reißen
Spekulationen, Hoffnungen und Erwartungen nicht ab, die beiden
müssten/könnten/sollten sich zerstreiten. Politisch heißt das dann Konkurrenz.
Ob nun jemand der Meinung war oder ist, dieses vieldiskutierte Ereignis trete
gerade ein, sei bereits eingetreten, werde bald eintreten oder könne niemals
eintreten, ist weitgehend Glaubenssache, denn harte, belastbare, nachprüfbare
Informationen aus dem Innersten der russischen Machtelite gibt es kaum.

 

Daher könnte ein
Eintreten wohl erst im Nachhinein, wenn es schon stattgefunden hat und
öffentlich geworden ist, wirklich mit Sicherheit konstatiert werden. Das ist in
den vergangenen zwei Jahren schon mehrfach versucht worden, aber wohl kaum mit
solcher Verve, so großer Überzeugung wie im Moment. Der Grund heißt Jurij
Michailowitsch (Luschkow) und ist Moskauer Bürgermeister. Aus heiterem Himmel,
wie es vielen schien, öffnete der Kreml Anfang September die Schmutzschleusen
und die von ihm kontrollierten Fernsehstationen gossen sendestundenweise böse
Anschuldigungen über Luschkow aus.

 

Darunter war
nichts (wirklich nichts) Neues, alles altes Zeug, meist schon jenseits des
Verfallsdatums. Und wie das mit kompromittierendem Material (russischer
Politsprech: Kompromat) so ist, verhält es sich anders als sonstige
verderbliche Ware: Je älter, desto weniger stinkt es. Luschkow wehrte sich über
seinen Fernsehsender eher zurückhaltend, Gegenkompromat (das es mit großer
Wahrscheinlichkeit gibt, niemand überlebt in der russischen Politik so lange
wie Luschkow ohne diese Art Druckmittel in der Hinterhand) kam nicht zum
Vorschein. Die Verteidigungslinie des Moskauer Bürgermeister sah anders aus: Er
versuchte Putin gegen Medwedjew auszuspielen.

 

Wohl vor allem
deshalb schossen Interpretationen ins Kraut, Medwedjew sei gegen „Putins
Verbündeten“ Luschkow vorgegangen, das Ganze der Anfang der Auseinandersetzung
um die künftige Präsidentschaft. Medwedjew habe Gefallen am Präsidentenamt
gefunden und versuche sich nun erstmals energisch gegen seinen bisherigen
Mentor Putin in Szene zu setzen. Es reicht, sich ein wenig zu erinnern, um die
Unhaltbarkeit dieser Sichtweise zu erkennen. Luschkow ist vieles, nur nicht
„Putins Mann“.

 

Schauen wir etwas
mehr als zehn Jahre zurück. Im Dumawahlkampf 1999 (die Wahlen waren im
Dezember) kämpften zwei Machtgruppen um die sich abzeichnende Nachfolge des
immer kränkeren und ganz offensichtlich regierungsunfähigen Präsidenten Boris
Jelzin. Die eine bestand in erster Linie aus Luschkow, dem früheren
Außenminister und kurzeitigen Putinvorgänger als Premierminister Jewgenij
Primakow und dem Präsidenten Tartastans Mintemir Schajmijew. Die andere aus der
sogenannten Jelzin-Familie mit dem Oligarchen (zu jener Zeit stimmte diese
Bezeichnung wirklich) Boris Beresowskij an der Spitze und Putin als wichtigstem
Kandidaten. Der Wahlkampf ist als der „schmutzigste“ in die neuere russische
Geschichte eingegangen. Die Dreck- und Kompromatschleudern arbeiteten, dass es
nur so eine Lust war. Die Luschkow-Gruppe verlor, drei Wochen nach der Wahl
trat Jelzin am Sylvestertag zurück, Putin wurde erst kommisarischer Präsident
und im März 2000 dann gewählter.

 

In der Folge
geschah auf den ersten Blick vielleicht Unwahrscheinliches, zumindest im
Rückblick aber machtpolitisch Kluges: Putin wandte sich gegen seinen Macher
Beresowskij, der vor einem Haftbefehl nach Großbritannien floh (und dort heute
noch sitzt), während er sich mit Luschkow und Schajmijew arrangierte. Dahinter
standen wohl zwei Überlegungen. Zum einen wurde Beresowskij sicher zu Recht
verdächtigt, zwar Putin „gemacht“ zu haben, aber ohne weiteres in der Lage zu
sein, ihn auch wieder ablösen zu lassen. Zum anderen war der Einfluss des
Kremls auf die Regionen sehr gering. Vor allem wirtschaftlich starke Regionen
taten weitgehend, was sie wollten. Dazu gehörten in erster Linie Moskau und
Tartastan.

 

Nun machen wir
einen Sprung ins vorige Jahr. Seit seinem Amtsantritt 2000 hat Putin fast alle
Regionalführer, egal ob nun Präsidenten oder Gouverneure, ausgetauscht.
Ausnahme blieb eine kleine Gruppe von „Langlebigen“, darunter Luschkow und
Schajmijew. Den meisten von ihnen war gemeinsam, dass sie wirtschaftlich
starken Regionen vorstanden, die nicht auf Dotationen aus dem Moskauer Zentrum
angewiesen sind. Die Verteilung wirtschaftlicher Stärke und Schwäche in
Russland wir mitweilen mit einem dieser Pflanzen fressenden Riesensaurier
verglichen: oben ein kleiner Kopf (die starken Regionen), dann ein langer Hals
(einige Regionen, die gerade so über die Runden kommen) und unten ein dicker,
völlig überdimensionierter Bauch (die große Masse derjenigen, die am Moskauer
Tropf hängen).

 

Vor etwas mehr
als einem Jahr nun begann das Moskauer Zentrum sich der „Langlebigen“
anzunehmen und sie einen nach dem anderen auszutauschen. Von den Dickhäutern
erwischte es erst Schajmijew, dann den Gouverneur von Swerdlowsk Eduard Rossel,
im Frühjahr dann den baschkirischen Präsidenten Rachimow. Nun eben Luschkow.
Auch das Schema war, mit kleineren Abweichungen, das Gleiche. Erst wurde
gedroht, dann (Rossel, Rachimow) mit öffentlichem Schimpf nachgeholfen. Doch im
Gegensatz zu Luschkow haben sich die anderen mit dem Kreml offensichtlich auf
einen einigermaßen Gesicht wahrenden Abgang einigen können. Wichtiger dürfte
gewesen sein, dass sie Mitsprache bei der Auswahl der jeweiligen Nachfolger
gehabt zu haben scheinen. Man kann davon ausgehen, dass auch Garantien vor
Strafverfolgung sicher zu sein und zumindest einen großen Teil des „erarbeiteten“
Vermögens behalten zu dürfen Teil der jeweiligen Deals gewesen sind. Bei
Luschkow hat das nicht geklappt.   

 

Über das Warum Streiten
sich nun die Gelehrten und weniger Gelehrten. Unwahrscheinlich ist die Version,
der Kreml habe ihm, im Gegensatz zu den anderen, nichts angeboten. Das widerspräche
der bisherigen Praxis, möglichst alle Ehemaligen einzubinden – und so auch die
Loyalität der Aktiven Mitstreiter zu erhöhen. Erzählt wird, Luschkow sei der
Chefposten bei Olympstroj, der für die Bauten der Olympiaanlagen in Sotschi
zuständigen Organisation, angeboten worden. Das hätte nicht nur weitere
öffentliche Aufmerksamkeit bedeutet, sondern hört sich, angesichts der im
Bauwesen üblichen Korruptionspraktiken, auch wie eine Einladung zur weiteren
Bereicherung an. Luschkows Milliardärs-Gattin Jelena Baturina gilt zudem als
die russische „Betonkönigin“.

 

Doch Luschkow hat
abgelehnt. In einem von der oppositionellen Zeitschrift „The New Times“ im
Faksimile abgedruckten, an Medwedjew gerichteten Brief
(den erhalten zu haben die
Präsidentenadministration dementiert), beklagt sich der geschasste vor allem
über nicht angemessene Behandlung eines alt gedienten und verdienstvollen
Politikers. Der Ton des Briefs ist sehr gekränkt. Ganz offenbar wollte der Mann
nicht so schnöde und ehrverletzend rausgeworfen werden.

 

Das ehrt ihn in
gewisser Weise, denn wenig ist schwerer zu Ertragen als die ständigen Erniedrigungen
und Selbsterniedrigungen im russischen Politikgeschäft, wenn erwachsene und
sogar bedeutende Männer (und manchmal Frauen), darunter Minister, Milliardäre,
Abgeordnete, vom jeweiligen Chef öffentlich wie Schulkinder abgekanzelt und
gedemütigt werden. Offenbar verlangte Luschkow einen ehrenvollen Abgang und
dazu gehörte in seiner Vorstellung in erster Linie, dass er seine Amtszeit, die
im kommenden Jahr ohnehin zu Ende gegangen wäre, vollenden können müsse.       

 

Doch diese
Überlegungen können natürlich auch nur meine Sentimentalitäten wider spiegeln und die
Auseinandersetzung ging um Handfesteres. Doch für meine eher sentimentalere Sichtweise
spricht auch Luschkows Ankündigung, weiter Politik machen zu wollen. Unklar
ist, wo und wie. Aus der Kremlpartei „Einiges Russland“, er war dort
stellvertretender Vorsitzender des Parteirats, ist er demonstrativ ausgetreten.
Bliebe nur Opposition. Das dürfte dem Kreml aber noch weniger gefallen als Luschkow
als Bürgermeister. Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, ob Luschkows
Politikankündigung ernst gemeint war (dann hat entweder er ein Problem oder der
Kreml, vielleicht aber auch beide) oder Teil der Rückzugsgefechte.

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