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Korrespondentische Ungenauigkeiten in Tschetschenien. Wie ein Artikel im Corriere della Sera lebensgefährlich wurde

Vor nicht allzu langer Zeit reiste ein Krisengebietsreporter des italienischen Corriere della Sera nach Tschetschenien. Dort war Krieg und ungefährlich ist es immer noch nicht. Nicht für Ausländer oder andere Nicht-Tschetschenen, vor allem aber nicht für Tschetschenen selbst. Wohl auch deshalb reiste ein Reporter Namens Andrea Nicastro, nicht aber der in Moskau akkreditierte Korrespondent der Mailänder Zeitung. Wer heute als Journalist nach Tschetschenien reist, schreibt nachher meist über Ramsan Kadyrow, Präsident und Alleinherrscher. Meist steht dann, zumal in westlichen Zeitungen, wenig Gutes über den Herrn über Leben und Tod. Das von Menschenrechtlern, vor allem von MitarbeiterInnen von Memorial, in den vergangenen zehn Jahren gesammelte Material lässt auch kaum anderes zu.

Der Artikel von Andrea Nicastro trägt die Überschrift „Tschetschenien: eine blank gewienerte Diktatur“ und macht hier keine Ausnahme. Er erzählt noch einmal die Geschichte der Ermordung von Anna Politkowskaja vor nun schon fast vier Jahren, um dann darauf zu sprechen zu kommen, dass der Krieg oder wie es offiziell heißt, die „konterterroristische Operation“ nun schon seit über einem Jahr beendet seien. Tschetschenien blinkt äußerlich vom Wiederaufbau, doch innen regieren weiter Terror und Angst. So weit, so schlecht, so zustimmenswert.

Doch dann macht Andrea Nicastro etwas, das man, wenn man ihm gut will, als Fahrlässigkeit oder Unprofessionalität bezeichnen könnte. Er zitiert Doku Izlajew, den Leiter des tschetschenischen Büros von Memorial. Und er zitiert ihn nicht einfach. Er lässt Izlajew sagen, wie Kadyrow staatliches Geld zum eigenen Machterhalt verteilt. Und nicht nur staatliches Geld, sondern auch das Geld der Akhmad-Kadyrow-Stiftung, benannt nach Ramsan Kadyrows 2004 ermordeten Vater und Vorgänger. Über den Reichtum dieser Stiftung und die Herkunft ihrer Gelder gehen Legenden. Doku Izlajew werden von Andrea Nicastro folgende Worte in den Mund gelegt: „Ich weiß nicht, mit welchen Methoden diese Steuer eingezogen wird, aber sie werden sicher sehr überzeugend sein. Mit einigen Mobiltelefonen wurden Bilder gemacht, die einen riesigen Raum im Haus der Kadyrow-Stiftung zeigen, in dem sich die Dollarbündel bis zur Hälfte der Wände hoch stapeln. Wie es scheint, ist es da aber feucht und die Wachleute trocknen die Dollar an der Sonne, um den Schimmel zu bekämpfen.“

Abgesehen davon, dass Doku Izlajew ein vorsichtiger und bedächtiger Anwalt ist, auch abgesehen davon, dass er so etwas nie öffentlich sagen würde, selbst wenn es stimmte, dürfte ein verantwortungsvoller Journalist solche Worte selbst einer unvorsichtigeren Person nicht schreiben und veröffentlichen. Denn solche Worte können in Tschetschenien heute ein Todesurteil bedeuten. Das sollte auch nicht mit allen Feinheiten des tschetschenischen Lebens Vertrauten spätestens nach dem Mord an der Memorial-Mitarbeiterin Natalja Estemirowa im vorigen Juli klar sein. 

Doch nicht genug: Doku Izlajew hat, wie er versichert, diese Worte nie gesagt, schon gar nicht im Gespräch mit einem ihm nicht bekanntenitalisnischen Journalisten. Weder als offenes Interview, noch im vertraulichen Hintergrundgespräch. Nun könnte man sagen, der Corriere della Sera ist weit und italienisch ist eine in Russland eher fremde Sprache. Doch das galt vielleicht noch vor 20 Jahren, gilt aber nicht mehr in Zeiten des Internets. Das russische Portal inoSMI.Ru ist darauf spezialisiert, die offene und vielsprachige Welt des Internets nach Artikeln über Russland zu durchforsten und, ins Russische übersetzt, zu veröffentlichen. So geriet auch der Artikel von Andrea Nicastro in verständlicher Sprache nach Tschetschenien. Von Kadyrow ist bekannt, dass er in seiner Regierung eine eigene Abteilung unterhält, deren Aufgabe darin besteht, alle zugänglichen Veröffentlichungen zu Tschetschenien und insbesondere zum Präsidenten selbst zu finden und ihm vorzulegen.

Weil Doku Izlajew das und die Gefahr in die ihn der Artikel gebracht hat, sehr gut kennt, sah er sich gezwungen, mit einer Erklärung zu antworten, die auf der Website von Memorial veröffentlicht wurde, und die ich hier übersetzt wieder geben möchte:

„In der italienischen Zeitung Corriere della Sera erschien vor einer Woche ein Artikel, in dem die Situation in der Tschetschenischen Republik beschrieben wurde. Danach wurde dieser Artikel ins Russische übersetzt und erschien auf der Website „inoSMI.Ru“ (14.6.2010. Andrea Nicastro. „Tschetschnien: eine blank gewienerte Diktatur“). In dem Artikel wurde unter anderem Zitate aus einem angeblichen Gespräch mit mir wieder gegeben. Ich habe mich tatsächlich mit dem italienischen Journalisten getroffen. Ich habe mich tatsächlich kritisch über die Situation mit Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien geäußert. Allerdings muss ich mit Bedauern feststellen, dass einige meiner Worte in dem Artikel entstellt wieder gegeben wurden und ich einige andere Worte überhaupt nicht gesagt habe. Ich möchte hoffen, dass das nicht das Ergebnis irgeneiner bösen Absicht war, sondern es sich um einen technischen Fehler des Korrespondenten handelt, der verwechselt hat, mit wem und worüber er gesprochen hat. Wenn der Korrespondent mir das Interview vor der Veröffentlichung, wie im Gespräch versprochen, zur Durchsicht geschickt hätte, hätte ich diese bedauerlichen Fehler vor ihrer Publikation verbessern können. D. Izlajew“

Dieser Hoffnung von Doku Izlajew ist nichts mehr hinzu zu fügen.

Der italienische Originalartikel ist hier zu finden

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